Ausbau von Dual-Use-Forschung im Rahmen der Umsetzung der Weltraumsicherheitsstrategie
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Ausbau von Dual-Use-Forschung im Rahmen der Umsetzung der Weltraumsicherheitsstrategie
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4972
21. Wahlperiode 25.03.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Sonja Lemke, Nicole Gohlke, Desiree Becker, Anne-Mieke
Bremer, Maik Brückner, Agnes Conrad, Mandy Eißing, Kathrin Gebel, Christian
Görke, Ates Gürpinar, Mareike Hermeier, Maren Kaminski, Ina Latendorf,
Stella Merendino, Sören Pellmann, Heidi Reichinnek, David Schliesing,
Evelyn Schötz, Julia-Christina Stange, Donata Vogtschmidt, Aaron Valent und
der Fraktion Die Linke
Ausbau von Dual-Use-Forschung im Rahmen der Umsetzung der
Weltraumsicherheitsstrategie
Am 19. November 2025 stellte die Bundesregierung ihre
Weltraumsicherheitsstrategie vor – pünktlich zur ESA-Ministerratskonferenz (ESA = European
Space Agency) 2025 in Bremen. Am 14. Januar 2026 wurden die zuständigen
Fachausschüsse für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie Verteidigung
über die Weltraumsicherheitsstrategie unterrichtet, im Zuge dessen nach
Wahrnehmung der Fragestellenden die primär militärische Fokussierung der
Raumfahrtpolitik der Bundesregierung betont wurde. Bereits im Koalitionsvertrag
hatte die Koalition aus CDU, CSU und SPD das Ziel formuliert, „Hemmnisse,
die beispielsweise Dual-Use-Forschung oder auch zivil-militärische
Forschungskooperationen erschweren“ abbauen zu wollen. Sowohl im
Koalitionsvertrag als auch in der Weltraumsicherheitsstrategie ist von einem
„entschlossenen“ und „zügigen“ Ausbau der Verteidigungsfähigkeit die Rede (vgl.
Koalitionsvertrag, S. 131 und Weltraumsicherheitsstrategie, S. 11). Dafür plant die
Bundesregierung die Schaffung einer „Förderkulisse für Sicherheits- und
Verteidigungsforschung einschließlich Cybersicherheit und sicherer
Infrastrukturen, um Kooperation von Hochschulen und außeruniversitärer Forschung mit
Bundeswehr und Unternehmen gezielter zu ermöglichen.“ (vgl.
Koalitionsvertrag, S. 79). Ob damit der Umbau der bestehenden Förderstruktur innerhalb des
Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt oder die
Etablierung einer gänzlich oder auch nur teilweise neuen Förderlandschaft gemeint
ist und aus welchen Haushaltstiteln dazugehörige Mittel bereitgestellt werden
sollen oder ggf. bereits werden, ist weitgehend unklar.
Die Bundesregierung stellt nach Ansicht der Fragestellenden die Weichen für
die Verengung der Forschungsförderung auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit
mit größtmöglichem Spielraum für die Rüstungsproduktion. Durch den
Umstand, dass es sich bei der Weltraumsicherheitsstrategie um eine
Absichtserklärung und kein Gesetz handelt, werden weitreichende Entscheidungen getroffen,
die vom Parlament im Nachgang nur noch zur Kenntnis genommen werden
können, anstatt sie vorab einer angemessenen Debatte zuzuführen. Die
Grauzone der Dual-Use-Forschung wird nach Auffassung der Fragestellenden bewusst
vergrößert und einseitig auf das Militärische ausgerichtet (vgl.
Weltraumsicherheitsstrategie, S. 37), ohne vollumfängliche politische Verständigung und damit
auch ohne eine reale Möglichkeit für die breitere Öffentlichkeit oder auch nur
die Fachöffentlichkeit der Hochschulen und Forschungseinrichtungen, vorab
Stellung zu beziehen. Eine ethische Bewertung der Vorhaben wie eine
vollumfängliche Risikoabschätzung ist in der Folge weder erkennbar noch
uneingeschränkt möglich, obwohl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
insbesondere beim Einsatz von Systemen Künstlicher Intelligenz [KI; engl. AI] vor den
unkalkulierbaren Folgen und einer „Erosion politischer Kontrolle“ warnen (vgl.
der Freitag vom 27. Februar 2026: Wenn KI entscheidet: Waffen-Experte warnt
vor autonomen Kamikazedrohnen; www.freitag.de/autoren/bartholomaeus-
vonlaffert/wenn-ki-entscheidet-waffen-experte-warnt-vor-autonomen-kamikazedro
hnen und Kenneth Payne vom 27. Februar 2026: AI Used Nuclear Signalling in
95 % of Simulated Crises; www.kcl.ac.uk/news/artificial-intelligence-under-nu
clear-pressure-first-large-scale-kings-study-reveals-how-ai-models-reason-
andescalate-under-crisis).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. In welchen weltraumrelevanten Themenfeldern will die Bundesregierung
die dezidierte Förderung von Dual-Use-Forschung vorantreiben, und
welche Strukturen sollen dafür aufgebaut und wie viel Personal und wie
viele Mittel bereitgestellt werden?
2. Welche bestehenden Programmlinien in der Forschungsförderung will die
Bundesregierung im Bereich Dual-Use auf die Rüstungsindustrie neu
ausrichten und ggf. finanziell verstärken (bitte auch angeben, welches
Bundesministerium für die Programmlinien verantwortlich ist und in welchem
Einzelplan sie unter welchem Haushaltskapitel und Haushaltstitel
veranschlagt sind oder werden, und auch die derzeit eingestellten Summen
nennen, und um welche zusätzliche Summe sie ggf. erhöht werden sollen)?
3. Welche neuen Programmlinien plant die Bundesregierung in der
Forschungsförderung in welchem finanziellen Umfang, um die Produktion
von Dual-Use-Gütern oder grundsätzlich sicherheitsrelevante
Entwicklungen zu verstärken (bitte auch angeben, über welchen Einzelplan und über
welche Haushaltskapitel und Haushaltstitel die Programmlinien finanziert
werden sollen)?
4. Auf welchen finanziellen Gesamtumfang belaufen sich die Ausgaben des
Bundes einschließlich der nachgeordneten Bundeseinrichtungen für
rüstungsrelevante Forschungsvorhaben im Bereich Raumfahrt seit 2021 bis
heute (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
5. Mit welchen Hochschulen und Forschungseinrichtungen kooperiert die
Bundeswehr seit 2021 bis heute im Bereich Weltraumsicherheit bzw.
Weltraumnutzung (bitte die Kooperationspartner, die Bezeichnung der
jeweiligen Projekte und die jeweiligen Finanzierungshöhen angeben)?
a) Inwieweit finden hierzu Gespräche und ggf. verbindliche Absprachen
mit den Bundesländern hinsichtlich der Länderhoheit in Forschung
und Lehre statt?
b) Inwieweit führt die Bundesregierung Gespräche mit welchen
Bundesländern zur Erarbeitung und Verabschiedung von Landesgesetzen, die
die Umsetzung der Weltraumsicherheitsstrategie flankieren sollen?
6. Inwieweit und mit welchen Maßnahmen will die Bundesregierung eine
Kooperation der Bundeswehr mit Hochschulen und
Forschungseinrichtungen im Bereich Weltraumaktivitäten und Weltraumnutzung verstärken,
insbesondere im sicherheitsrelevanten Bereich (bitte genauere
Informationen, mit welchen Hochschulen und Forschungseinrichtungen eine
verstärkte Kooperation angestrebt wird, in welcher Form und in welchem
Umfang eine Förderung stattfinden soll, übermitteln sowie ggf. dahin
gehende Programm- und Projektlisten und weitere Maßnahmen, die eine
Kooperation zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und
Bundeswehr gezielt unterstützen und fördern sollen, nennen)?
7. Inwieweit soll das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
künftig noch stärker auf militärische Forschung ausgerichtet werden, und
für welche militärische Forschung oder Leistungen soll das DLR ggf.
zusätzliche Mittel aus welchen Haushaltskapiteln und Haushaltstiteln
erhalten, und in welcher Höhe?
8. Welche Rolle soll die Fraunhofer-Gesellschaft nach Ansicht und Plänen
der Bundesregierung im Bereich der Dual-Use-Forschung im
Allgemeinen und bei raumfahrtbezogener Forschung im Konkreten einnehmen, und
für welche militärische Forschung oder Leistungen soll die Fraunhofer-
Gesellschaft ggf. zusätzliche Mittel aus welchen Haushaltskapiteln und
Haushaltstiteln erhalten, und in welcher Höhe (bitte auch nennen, welche
Institute der Fraunhofer-Gesellschaft tätig werden sollen)?
9. In welcher Höhe wurden Haushaltsmittel aus den Einzelplänen 14 und 30
der Bundeshaushalte seit 2021 bis 2026 für welche Leistungen an das
DLR ausgegeben, und welche weiteren Zahlungen sind für den Zeitraum
von 2026 bis 2029 geplant (bitte die Summen aufgeschlüsselt nach Jahren
nennen)?
10. Wie viele raumfahrtbezogene Forschungsvorhaben der Fraunhofer-
Gesellschaft wurden seit 2021 durch die Einzelpläne 14 und 30 des
Bundeshaushaltes 2025 und 2026 finanziert, und welche weiteren Vorhaben
sind für den Zeitraum von 2026 bis 2029 geplant (bitte nach Jahren
aufschlüsseln)?
11. Wurden und werden aus dem Sondervermögen Bundeswehr Mittel für
Dual-Use-Forschung bereitgestellt, wenn ja, in welcher Höhe, und mit
welchem konkreten Förderzweck (bitte auch angeben, ob und ggf. mit
welcher Summe die DRL und die Fraunhofer-Gesellschaft aus dem
Sondervermögen gefördert wurden)?
12. Werden aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität
Mittel für Dual-Use-Forschung bereitgestellt, wenn ja, in welcher Höhe, und
mit welchem konkreten Förderzweck (bitte auch angeben, ob und ggf. mit
welcher Summe die DRL und die Fraunhofer-Gesellschaft aus dem
Sondervermögen gefördert wurden)?
13. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die Kooperation der
Bundeswehr mit
a) etablierten Unternehmen der Raumfahrtindustrie,
b) neuen „Defense Tech“-Unternehmen,
c) neuen Start-ups und Scale-ups im Bereich Raumfahrt und
d) Unternehmen aus dem Bereich New Space
zu verstärken?
14. Seit wann und in welchem Umfang werden seitens der Bundesregierung
Unternehmen im Bereich New Space sowie Start-ups und Scale-ups
gezielt gefördert, um Dual-Use-Technologien für die militärische und
kommerzielle Nutzung des Weltraums zu entwickeln?
15. In welcher Höhe werden derzeit bereits bereitgestellte Haushaltsmittel aus
dem Etat des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und
Raumfahrt für Rüstungsunternehmen und sogeannte „DefenseTech“-
Unternehmen eingesetzt (bitte die beteiligten Unternehmen sowie die
Förderhöhen und die dazugehörigen Programmlinien mit Angabe des
Haushaltskapitels und des Haushaltstitels nennen)?
16. Welche rüstungsrelevanten Forschungsvorhaben im Bereich Raumfahrt
wurden durch die Bundesregierung seit 2021 bis heute in Auftrag gegeben
(bitte nach Jahren aufschlüsseln und den Projektnamen sowie das
Haushaltskapitel und den Haushaltstitel nennen, aus denen entsprechende
Forschungsvorhaben bezahlt wurden)?
17. Welche Unternehmen und Forschungseinrichtungen hat die
Bundesregierung mit der Entwicklung und Beschaffung weltraumgestützter
Frühwarnung, Aufklärung, Überwachung und Verfolgung in allen
Geschwindigkeits- und Höhenbändern, einschließlich Raketen, Satelliten,
hochfliegenden Plattformstationen (HAPS) und vor allem hypersonischen
Flugsystemen beauftragt (bitte nach Technologien aufschlüsseln und auch
die jeweiligen Mittelhöhen, mit denen die Entwicklung und Beschaffung
finanziert wird, sowie aus welchen Haushaltskapiteln und Haushaltstiteln
die Mittel bereitgestellt werden, nennen)?
18. Welchen prozentualen Zuwachs an Dual-Use-Gütern aus der
Raumfahrtforschung strebt die Bundesregierung bis zum Ende der Wahlperiode an,
und in welchen konkreten Technologiebereichen soll dahin gehend
verstärkt geforscht werden?
19. a) Welche bestehenden Gesetze will die Bundesregierung zur Umsetzung
der Weltraumsicherheitsstrategie und insbesondere zur Stärkung der
Dual-Use-Forschung und zum Transfer dazugehöriger Ergebnisse in
der Wirtschaft und Industrie ggf. ändern?
b) Inwieweit wird sich die im November 2025 erfolgte Aktualisierung
des Anhangs I der Dual-Use-Verordnung der Europäischen Union (VO
(EU) 2021/82) auf nationale Gesetze auswirken, werden infolge
dessen Änderungen bestehender Gesetze notwendig, und wenn ja, welche
Gesetze sind betroffen?
20. Plant die Bundesregierung eine Steigerung der Exportzahlen von Dual-
Use-Gütern, und wenn ja, in welchem Umfang jährlich bis zum Ende der
Wahlperiode?
21. Was zählt die Bundesregierung zu sicherheits- und
verteidigungsrelevanten Schlüsseltechnologien?
22. Mit welchen Maßnahmen, Strukturen und unter Hinzuziehung welcher
Expertinnen und Experten führt die Bundesregierung eine
Risikoabschätzung durch, bezogen auf die Entwicklung neuer Waffensysteme oder die
Integration von Technologien in bestehende Waffensysteme?
23. Fördert die Bundesregierung die Erforschung von Systemen Künstlicher
Intelligenz für den militärischen Einsatz, wenn ja, welche Aufgaben sollen
Systeme Künstlicher Intelligenz in welchen militärischen
Einsatzmöglichkeiten perspektivisch übernehmen, und welche Risiken sind damit aus
Sicht der Bundesregierung verbunden?
24. Zu wann will die Bundesregierung die in der Weltraumsicherheitsstrategie
angekündigte „Technologie-Roadmap“ zur Feststellung gemeinsamer
zukünftiger Bedarfe für zivile, militärische und nachrichtendienstliche
Anwendungen zur effizienten Nutzung von Synergien veröffentlichen?
a) Welche Akteure, Organisationen, Institutionen und Unternehmen aus
Politik, Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Industrie sind an
der Erstellung der „Technologie-Roadmap“ beteiligt?
b) Welche Bundesministerien sind an der Erstellung der „Technologie-
Roadmap“ beteiligt, und welches ist dabei federführend?
25. Welche deutsche Behörde auf welcher politischen Ebene bzw. welcher
öffentliche Bedarfsträger soll welche konkreten Forschungs- und
Entwicklungsaufträge an wen und in welchem Verfahren vergeben dürfen oder
darf dies bereits?
26. a) Welche Initiativen plant die Bundesregierung auf europäischer Ebene,
um den Ausbau und die Verstärkung von Programmlinien der
Europäischen Union im Bereich sicherheits-, verteidigungs- und
rüstungsrelevanter Weltraumforschung zu erreichen?
b) Seit wann werden hierzu ggf. auf europäischer und nationaler Ebene
mit wem Gespräche geführt, und welches Bundesministerium ist dabei
federführend?
27. a) Wie bewertet die Bundesregierung die Vereinbarkeit der Zivilklausel
der ESA mit der verstärkten Ausrichtung von Forschungsvorhaben im
Bereich Raumfahrt sowie der verstärkten Nutzung des Weltraums für
sicherheitsrelevante Anwendungen?
b) Erlaubt Artikel 2 des ESA-Vertrages nach Auffassung der
Bundesregierung auch die Förderung von militärischen Wirkmitteln für den
Einsatz im Weltraum?
28. Sollen Forschungskooperationen mit anderen Staaten im Bereich der
Raumfahrt mit Fokus auf Dual-Use-Gütern und Dual-Use-Produkten
ausbzw. aufgebaut werden, wenn ja, mit welchen Staaten wird bereits
kooperiert, und welche Projekte mit welchen Staaten sind bis zum Ende der
Wahlperiode geplant?
Berlin, den 12. März 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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