Einfluss der Gaslobby auf die Entscheidungen der Bundesregierung
Text
Einfluss der Gaslobby auf die Entscheidungen der Bundesregierung
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3170
21. Wahlperiode 08.12.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Fabian Fahl, Luigi Pantisano, Marcel Bauer, Lorenz
Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Jörg Cezanne, Katalin Gennburg,
Mareike Hermeier, Ina Latendorf, Caren Lay, Sahra Mirow, David Schliesing, Lisa
Schubert, Sascha Wagner, Janine Wissler, Anne Zerr und der Fraktion Die Linke
Einfluss der Gaslobby auf die Entscheidungen der Bundesregierung
Die Bundesregierung hat beschlossen, die bislang von Verbraucherinnen und
Verbrauchern finanziell mitgetragene Gasspeicherumlage mit Wirkung zum
1. Januar 2026 abzuschaffen, und vorgesehen, die damit verbundenen Kosten
aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) zu tragen. Vor diesem
Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Einfluss Unternehmen und Verbände der
Gaswirtschaft auf diese Entscheidung genommen haben. Die
Kohlenstoffstrategie der Bundesregierung richtet sich derzeit auf technologische Lösungen im
Rahmen der Carbon-Management-Strategie (CMS), die vor allem auf Carbon
Capture and Storage (CCS) und mit ihr verwandte Konzepte sowie die hierfür
notwendige Infrastruktur setzt. CCS soll mit dem Kohlendioxidspeichergesetz
umgesetzt werden. Diese Strategie soll sich auf nicht vermeidbare Emissionen
richten.
Die Gaswirtschaft verfügt in Deutschland über außergewöhnlich starke und gut
vernetzte Lobbystrukturen (www.lobbycontrol.de/wp-content/uploads/gaslobb
y-studie-lobbycontrol.pdf). Große Energiekonzerne, Industrie- und
Lobbyverbände haben über Jahrzehnte hinweg erfolgreich politische Narrative wie die
Erzählung vom Gas als angeblich „saubere Brückentechnologie“ verankert und
so politische Entscheidungen zu ihren Gunsten beeinflusst. Die Gaslobby nutzt
ihre ökonomische Macht gezielt, um politischen Einfluss zu sichern, etwa
durch Sponsoring von Parteitagen, privilegierte Zugänge zu Bundesministerien
(u. a. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie [BMWE], Deutsche
Energie-Agentur [DENA], Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft [www.lob
bycontrol.de/pipelines-in-die-politik-die-macht-der-gaslobby-in-deutschland/])
und Beteiligung an energiepolitischen Dialogformaten wie „Gas 2030“.
Dadurch entsteht die Gefahr, dass die Bundesregierung Bürgerinnen und
Bürger weiterhin zu Investitionen in Gas ermutigt und diese so in eine
Gaskostenfalle geraten, langfristig an fossile Strukturen gebunden werden, während die
Preise aufgrund des Emissionshandels steigen und kostengünstigere
erneuerbare Alternativen ungenutzt bleiben. Dies verschärft sich durch die wachsende
finanzielle Belastung: Mit jedem Anstieg der Gaspreise und den steigenden
Netzentgelten, die sich durch den Rückzug weiterer Kunden aus den Gasnetzen
zusätzlich erhöhen, tragen die verbleibenden Verbraucherinnen und
Verbraucher die wachsenden Kostenlasten.
Vor diesem Hintergrund ist es von allgemeinem Interesse, zu wissen, welche
Kontakte, Einflussnahmen und Entscheidungsprozesse zwischen
Bundesregierung und Gaswirtschaft bzw. deren Vertreterinnen und Vertretern bestehen, wie
diese entstanden und welche Rolle fossile Lobbynetzwerke in der deutschen
Energiepolitik spielen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Hat die Bundesregierung gezielt Treffen mit der Branche der Gasindustrie
abgehalten bzw. zu solchen Treffen eingeladen oder an solchen Treffen
teilgenommen, um Fragen zur Abschaffung der Gasspeicherumlage zu
diskutieren, und wenn ja, wann waren diese Treffen, und mit welchen
Unternehmen bzw. Lobbyverbänden, Kanzleien oder ähnlichen Institutionen
hat man sich getroffen?
2. Welche dieser Kontakte oder Treffen standen konkret im Zusammenhang
mit der Diskussion über die Finanzierung der Gasspeicherumlage aus dem
KTF und der Mittel aus dem Sondervermögen Infrastruktur und
Klimaneutralität, und was waren die Ergebnisse dieser Treffen?
3. Wurde im Rahmen der Entscheidung zur Finanzierung der
Gasspeicherumlage aus dem KTF eine Prüfung möglicher klimapolitischer
Zielkonflikte vorgenommen (z. B. durch das Bundesministerium für Umwelt,
Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit [BMUKN], früher
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und
Verbraucherschutz [BMUV] oder das BMWE (früher Bundesministerium für
Wirtschaft und Klimaschutz [BMWK]), und wenn ja, mit welchem
Ergebnis?
4. Welche Bundesministerien waren in die Vorbereitung der Entscheidung
zur Finanzierung der Gasspeicherumlage aus dem KTF eingebunden?
5. Gab es explizite Vorschläge von Interessenverbänden, die im Zuge der
Anpassung des Klima- und Transformationsfondsgesetzes die Anpassung
des § 2 vorgeschlagen haben, sodass Ausgleichszahlungen zur Entlastung
beim Gaspreis möglich werden (bitte jeweils mit Datum, Teilnehmenden
und Anlass auflisten)?
6. Gibt es seitens der Bundesregierung Erwägungen oder Bestrebungen, den
Bau von Gaskraftwerken aus dem Haushalt oder Sondervermögen zu
fördern oder zu finanzieren, und wenn ja, welche Gespräche mit
Interessenvertretungen fanden diesbezüglich statt bzw. sind geplant (bitte jeweils
mit Datum, Teilnehmenden und Anlass auflisten)?
7. Welche Stellungnahmen, Positionspapiere oder anderweitigen Schreiben
mit konkretem Bezug zur Kraftwerksstrategie der Bundesregierung sind
von Unternehmen und Verbänden der Gaswirtschaft seit dem 26. Oktober
2021 bei der Bundesregierung eingegangen (bitte, soweit möglich, nach
Absender, Datum und Themenbereich [z. B. LNG-Ausbau (LNG =
Flüssigerdgas], Wasserstoff, Gasspeicherumlage, KTF-Mittel] aufschlüsseln)?
8. Gibt oder gab es Kooperationsvereinbarungen zwischen Unternehmen
oder Verbänden der Gaswirtschaft und Bundesministerien,
nachgeordneten Behörden oder von ihr beauftragten Unternehmen, und wenn ja, in
welchem Umfang wurden diese Vereinbarungen seit 2021 verlängert,
erneuert oder angepasst?
9. Welche ehemaligen Mitglieder der Bundesregierung oder Staatssekretäre
haben nach Kenntnis der Bundesregierung seit 2014 gegenüber der
Bundesregierung oder ihren nachgeordneten Behörden in irgendeiner Form
Vermittlungs-, Beratungs- oder Kontaktfunktionen zugunsten von
Unternehmen oder Verbänden der Gaswirtschaft oder russischen
Energieunternehmen (z. B. Gazprom) wahrgenommen, und in welchem Umfang
wurden dazu Treffen, Gespräche oder Schriftwechsel dokumentiert (bitte
jeweils mit Datum, ggf. Teilnehmenden und Anlass auflisten)?
10. Hat die Bundesregierung Kenntnisse über konkrete Kontakte, Treffen oder
Delegationsreisen des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft e. V. im
Zusammenhang mit der Vermittlung von Gasprojekten und
energiepolitischen Kooperationen zwischen deutschen Unternehmen und
Energieakteuren aus Russland bzw. seit 2022, infolge des russischen
Angriffskrieges, aus Aserbaidschan, und wenn ja, welche?
11. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über Verflechtungen von
Gasunternehmen mit russischen oder aserbaidschanischen
Energieunternehmen, insbesondere im Zusammenhang mit Wintershall Dea GmbH,
Uniper SE, Securing Energy for Europe GmbH (SEFE) und Nord Stream
AG?
12. Welche Kontakte, Treffen oder Reisen gab es zwischen Mitgliedern der
Bundesregierung bzw. Staatssekretären und US-amerikanischen Akteuren
mit Geschäftsinteressen im Gassektor seit 2022?
13. An welchen Reisen in die USA hat die Bundesministerin für Wirtschaft
und Energie Katherina Reiche teilgenommen, und welche Termine hat sie
in den USA wahrgenommen, die einen Bezug zur Gaswirtschaft bzw. zu
der Energieversorgung mit Gas hatten?
14. In welcher Funktion nahm Bundesministerin Katherina Reiche am
Meeting der Nuclear Alliance am 20. Oktober 2025 in Luxemburg teil, was
war Ergebnis dieses Meetings, und wer hat die Reise dorthin finanziert?
15. Hat die Bundesregierung seit 2021 Verfahren, Prüfmechanismen oder
sonstige Maßnahmen implementiert oder angewandt, um
Interessenkonflikte durch frühere oder gegenwärtige Tätigkeiten von
Regierungsmitgliedern, leitenden Beamten oder externen Beraterinnen und Beratern mit
beruflicher oder wirtschaftlicher Nähe zur Gaswirtschaft zu erkennen und
ggf. zu vermeiden, und wenn ja, welche, und ggf. mit welchen
Konsequenzen?
a) In welchen Fällen von Nähe zur Gaswirtschaft wurde die
Karenzzeitregelung (§ 6 des Bundesministergesetzes [BMinG], § 105 des
Bundesbeamtengesetzes [BBG]) angewandt, verlängert oder geprüft?
b) In welchen Fällen von Nähe zur Gaswirtschaft wurden weitere
Kontrollinstrumente (z. B. verpflichtende Offenlegung früherer
Beschäftigungsverhältnisse, Unvereinbarkeitsprüfungen, interne
Complianceoder Vetting-Verfahren) genutzt?
c) Plant die Bundesregierung, diese Regelungen zu verschärfen?
16. Hat die Bundesregierung Treffen durchgeführt oder geplant, die der
Vorbereitung oder Planung von Infrastruktur zum Transport von CO2 zur
Verbringung in das oder aus dem Ausland dienen, und wenn ja, welche (bitte
mit Datum, Teilnehmenden und Anlass auflisten)?
17. Hat die Bundesregierung im Rahmen etwaiger Planungen für einen
internationalen CO2-Speichermarkt bereits Gespräche mit Unternehmen oder
Vertreterinnen oder Vertretern anderer Länder geführt, und wenn ja, mit
wem (bitte jeweils mit Datum, Teilnehmenden und Anlass auflisten)?
18. Sind seitens der Bundesregierung Gespräche geplant, um einen bilateralen
Handel mit CO2 zur Speicherung oder Weiterverwendung vorzubereiten,
wenn ja, mit wem, und wann?
19. Gab es seitens der Bundesregierung Gespräche über Erwägungen oder
Planungen, eine Anrechenbarkeit von Negativemissionen im Rahmen des
Emissionshandels einzuführen, wenn ja, wann, und mit wem (bitte jeweils
mit Datum, Teilnehmenden und Anlass auflisten)?
20. Unterhält die Bundesregierung Kontakte zur Carbon Management Allianz
oder dessen Beiräten, und hat die Bundesregierung diese im Rahmen von
politischen Planungen zur Kohlenstoffstrategie der Bundesrepublik
Deutschland einbezogen, wenn ja, wie, und wann?
Berlin, den 24. November 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Anne Zerr (Kleine Anfrage)
- asked ← Caren Lay (Kleine Anfrage)
- asked ← David Schliesing (Kleine Anfrage)
- asked ← Fabian Fahl (Kleine Anfrage)
- asked ← Ina Latendorf (Kleine Anfrage)
- asked ← Janine Wissler (Kleine Anfrage)
- asked ← Jörg Cezanne (Kleine Anfrage)
- asked ← Jorrit Bosch (Kleine Anfrage)
- asked ← Katalin Gennburg (Kleine Anfrage)
- asked ← Lisa Schubert (Kleine Anfrage)
- asked ← Lorenz Gösta Beutin (Kleine Anfrage)
- asked ← Luigi Pantisano (Kleine Anfrage)
- asked ← Marcel Bauer (Kleine Anfrage)
- asked ← Mareike Hermeier (Kleine Anfrage)
- asked ← Sahra Mirow (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Wagner (Kleine Anfrage)
- asked ← Violetta Bock (Kleine Anfrage)
- authored ← Fabian Fahl
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Luigi Pantisano
- part_of_vorgang → Einfluss der Gaslobby auf die Entscheidungen der Bundesregierung (Kleine Anfrage)