Sicherheit stärken, Energieabhängigkeiten durch erneuerbare Energien verringern - Rückkehr zu Nord-Stream-Pipelines ausschließen
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Sicherheit stärken, Energieabhängigkeiten durch erneuerbare Energien verringern - Rückkehr zu Nord-Stream-Pipelines ausschließen
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/224
21. Wahlperiode 20.05.2025
Antrag
der Abgeordneten Agnieszka Brugger, Dr. Julia Verlinden, Dr. Konstantin
von Notz, Andreas Audretsch, Michael Kellner, Robin Wagener, Dr. Robert
Habeck, Sara Nanni, Dr. Sandra Detzer, Helge Limburg, Lisa Badum, Katrin
Uhlig, Dr. Lena Gumnior, Deborah Düring, Awet Tesfaiesus, Dr. Alaa Alhamwi,
Luise Amtsberg, Katrin Göring-Eckardt, Marcel Emmerich, Julian Joswig,
Chantal Kopf, Dr. Irene Mihalic, Claudia Müller, Omid Nouripour, Claudia Roth
(Augsburg) und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sicherheit stärken, Energieabhängigkeiten durch erneuerbare Energien
verringern – Rückkehr zu Nord-Stream-Pipelines ausschließen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Seit 2014 führt Russland einen brutalen völkerrechtswidrigen Krieg gegen die
Ukraine, im Februar 2022 startete das russische Militär auf Befehl von Wladimir Putin
einen großangelegten Überfall auf das gesamte Land und seine Bevölkerung. Seither
wurden zahlreiche russische Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen dokumentiert.
Präsident Wladimir Putin bricht gezielt das Völkerrecht und versucht, auf dem
europäischen Kontinent Grenzen mit militärischer Gewalt zu verschieben. Die russischen
Raketen, Drohnen und Panzer töten jeden Tag unzählige unschuldige Menschen in der
Ukraine. Die feindlichen Aktionen Russlands sind auch ein Angriff auf unsere
gemeinsame Europäische Friedensordnung, unsere Sicherheit und die unserer Verbündeten.
Der russische Haushaltsüberschuss dank fossiler Rohstoffexporte machte die
Finanzierung der russischen Vollinvasion im Jahr 2022 überhaupt erst möglich. Noch heute
finanziert der Energieexport das massive Aufrüstungsprogramm des Kremls. Der
Angriffskrieg hat schmerzhaft deutlich gemacht, in welchem fatalen Umfang Europa
insgesamt und die Bundesrepublik Deutschland im Speziellen zu diesem Zeitpunkt von
Energieimporten aus Russland abhängig waren und erforderte, unter hohem Zeitdruck
und Kosten diese Abhängigkeit beenden zu müssen. Gemeinsam importierten
Deutschland und die EU in großem Maße Erdgas, Uran und Öl. Diese Abhängigkeit
ist weder zufällig noch unbemerkt entstanden. Immer wieder zeigen Recherchen wie
jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 17.Mai 2025, wie wenig glaubwürdig und
haltbar die Erzählung von Union und SPD ist, dass Nord Stream 2 ein rein
privatwirtschaftliches Projekt sei. Die Bundesregierung war sich bis in die Spitze des
Kanzleramtes unter Dr. Angela Merkel sowohl der Risiken mit Blick auf die
Versorgungssicherheit als auch des außenpolitischen Konfliktpotenzials bewusst. Trotzdem hat man
das Projekt wie auch den Verkauf der Gasspeicher sogar nach der
völkerrechtswidrigen Annexion der Krim auf allen Ebenen politisch unterstützt und aktiv gegen
Widerstände vorangetrieben.
Die fatale Abhängigkeit war eine bewusste politische Entscheidung vorheriger
Bundes- und Landesregierungen (v. a. zwischen 2005 und 2021), die trotz massiver
Bedenken und deutlicher Mahnungen unserer engsten internationalen Partner, gerade
auch unserer östlichen Nachbarn, und Kritik aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und
dem Deutschen Bundestag vorangetrieben wurde. Bereits der Bau der Nord-Stream-
Pipelines zur Umgehung der Ukraine und Polens war Teil einer größer angelegten
geopolitischen Strategie von Wladimir Putin, die seine imperialistischen Ansprüche in
Osteuropa vorbereitet hat. Vor allem das deutsch-polnische, aber auch das Verhältnis
zu den baltischen und skandinavischen Staaten wurde durch den Bau von Nord Stream
2 massiv in Mitleidenschaft gezogen. Die Folgen für die weitere Erderhitzung durch
diese klimaschädlichen Importe wurden schon damals fahrlässig ignoriert.
Über das Pipeline-Projekt Nord Stream 1 floss seit 2011 russisches Gas direkt nach
Deutschland, der Bau von Nord Stream 2 wurde 2021 fertiggestellt. Noch im Oktober
2021 behauptete das damals unionsgeführte Bundesministerium für Wirtschaft und
Energie, die Pipeline erhöhe die Widerstandsfähigkeit des europäischen
Gasversorgungssystems. Zwei Tage vor der russischen Vollinvasion in der Ukraine stoppte der
Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz Dr. Robert Habeck 2022 die
Zertifizierung von Nord Stream 2, da diese zusätzliche blinde Abhängigkeit die
Versorgungssicherheit weiter geschwächt hätte.
Spätestens im Frühjahr 2022 wurde eindeutig offenbar, dass der Kreml fossile
Rohstoffe als politische Waffe auch gegen Deutschland einsetzt. Wladimir Putin ließ die
deutschen Gasspeicher – deren Verkauf an russische Staatskonzerne im Jahr 2014 von
der damaligen Bundesregierung genehmigt wurde – systematisch leerlaufen. Damit
sollte erheblicher Druck auf die deutsche Wirtschaft und die Regierung aufgebaut
werden. Dieser wurde mit der russischen Reduktion des Gasdurchflusses durch die
bestehenden Pipelines im Sommer 2022 weiter verstärkt und schließlich mit dem
vollständigen Lieferstopp auf die Spitze getrieben. Zudem musste unter Hochdruck die
politisch aus dem Kreml gesteuerte Liquidierung von Gasprom-Germania vereitelt
werden, um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten.
In den vergangenen Jahren konnte sich Deutschland dank einer bemerkenswerten
politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kraftanstrengung aus der
Abhängigkeit von russischem Gas und Öl befreien. Seitdem hat die EU ihre Gasimporte aus
Russland um zwei Drittel reduziert.
Gleichzeitig wurde durch gezielte Reformen bei der Wind- und Solarenergie in
Deutschland und Europa ein derart starker Ausbau erreicht, dass sie heute die tragende
Säule der Energieversorgung darstellen. Damit schützen saubere Energien gleichzeitig
das Klima und die nationale Sicherheit. Mit dem Wasserstoff-Kernnetz hat die letzte
Bundesregierung außerdem die Weichen für eine grüne Wasserstoffwirtschaft gestellt,
entscheidend beispielsweise für die Grundstoffindustrie.
Insbesondere Deutschland konnte so viel Vertrauen bei wichtigen Partnern
zurückgewinnen. Im Frühjahr 2025, während Russland seinen brutalen Krieg in der Ukraine
fortführt, mehrten sich jedoch Stimmen in der Union und SPD, die sich für neue
Energielieferungen aus Russland aussprachen. Auch im Koalitionsvertrag zwischen CDU,
CSU und SPD werden neue Energielieferungen aus Russland nicht explizit
ausgeschlossen. Wenige Tage nach Amtsantritt der neuen Bundesregierung wurde die
Pipeline Nord Stream 2 vor der Insolvenz gerettet. Zudem gibt es bereits öffentliche
Interessensbekundungen eines US-amerikanischen Investors aus dem Umfeld von Donald
Trump mit der Absicht, die Pipeline zu erwerben und eine Aktivierung der Ostsee-
Pipeline Nord Stream vorzubereiten. Dies wurde auch vom russischen Außenminister
Sergej Lawrow im März 2025 angedeutet. Im Gegensatz zu diesen aufkommenden
Stimmen will die EU-Kommission die Einfuhr von russischem Gas, Öl und Uran in
die EU bis Ende 2027 vollständig verbieten und plant mit den Mitgliedstaaten in den
nächsten Monaten hierzu einen konkreten Plan vorzulegen.
Der brutale Kriegskurs von Wladimir Putin in der Ukraine, anhaltende Spionage,
Sabotage- und sonstigen Einflussnahmeoperationen sowie Angriffe gegen kritische
Infrastrukturen in ganz Europa bleiben eine große Gefahr für die Sicherheit – auch und
vor allem Deutschlands als Land im Herzen des Europäischen Kontinents. Angesichts
der immensen politischen und wirtschaftlichen Kosten dieser fehlgeleiteten
schwarzroten Energiepolitik und augenblicklicher, sehr ernster sicherheitspolitischer
Bedrohungen wäre es in höchstem Maße naiv und gefährlich, zurück in alte Abhängigkeiten
zu verfallen, den russischen Kriegshaushalt durch Energieimporte weiter zu stärken
und die Klimakrise weiter anzuheizen. Auch die Energieinfrastruktur Europas muss
krisenfest sein, zumal auch die USA unter der Trump-Administration die EU und ihre
Mitgliedstaaten immer wieder vor große Herausforderungen stellen und an der
notwendigen Berechenbarkeit verloren haben.
Deutschland braucht eine handlungsfähige, wertegeleitete Außenpolitik im Einklang
mit unseren europäischen Partnern und eine resiliente Energiepolitik, die unsere
Sicherheit und das Klima schützt und unsere Wirtschaft stärkt. Für beides sind weniger
Abhängigkeiten von autokratischen Regimen weltweit und weitere Investitionen in
erneuerbare Energien und Energieeffizienz notwendig.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten gilt es, den Schutz und die Wehrhaftigkeit
unserer Demokratien angesichts drastischer Bedrohungslagen zu erhöhen, statt massive
politische Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um eine Inbetriebnahme der Nord-
Stream-Pipelines als unsere Sicherheit gefährdende fossile Erdgaspipelines
ausdrücklich auszuschließen;
2. Sorge dafür zu tragen, dass kritische Infrastruktur in Europa in europäischer Hand
ist und dazu das europäische und deutsche Investitionsprüfungsrecht so
fortzuentwickeln, dass in Europa gelegene kritische Infrastruktur, wie die Nord-Stream-
Pipelines, darunterfallen;
3. die Europäische Kommission im Rahmen des REPowerEU-Fahrplans tatkräftig
zu unterstützen, um russische Energieimporte bis spätestens Ende 2027 zu
beenden, um den Weg für die vollständige Energieunabhängigkeit der EU von
Russland schnellstmöglich umzusetzen;
4. ihre Außen- und Energiepolitik so auszurichten, dass in Abstimmung mit unseren
europäischen Partnern die Energieabhängigkeit von Autokratien weltweit weiter
reduziert wird;
5. eine Gasunabhängigkeitsstrategie vorzulegen, die Auswirkungen auf Klima,
Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie berücksichtigt und mit den
gasimportierenden Unternehmen klare Regeln zur Diversifizierung vereinbaren;
6. innerhalb der EU eine Abstimmung zur LNG-Infrastruktur herbeizuführen, mit
dem Ziel einen gemeinsamen Plan der EU zu verabschieden, um unnötige,
kostenintensive Terminals und Investitionsruinen für die Steuerzahler und -
zahlerinnen sowie fossile Lock-In-Effekte zu vermeiden sowie Anforderungen einer
Umstellung auf grünen Wasserstoff und seinen Derivaten für LNG-Terminals
festzulegen;
7. die Elektrifizierung weiter durch den Ausbau der erneuerbaren Energien
voranzubringen, Energieeffizienz zu stärken und da, wo eine Elektrifizierung nicht
möglich ist, entschlossen auf grünen Wasserstoff zu setzen, um so die
Energiewende zu beschleunigen und günstige Energiepreise für Menschen und
Unternehmen zu ermöglichen;
8. zu prüfen, ob gegebenenfalls bestehende Strafbarkeitslücken geschlossen werden
können, damit strafwürdige vorsätzliche Handlungen, die geeignet und darauf
gerichtet sind, gezielt eine Gas-Mangellage herbeizuführen, zukünftig erfasst sein
werden;
9. die entsprechenden EU-Richtlinien (NIS II und CER) schnellstmöglich in
nationales Recht umzusetzen und den einheitlichen Schutz unserer kritischen
Infrastrukturen mit Hilfe eines Kritis-Dachgesetzes sicherzustellen, die
Spionageabwehr gegenüber Russland und anderen autoritären Staaten zu effektivieren und
die im Zuge der jüngsten Grundgesetzänderung getroffene politische
Vereinbarung, die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie insgesamt deutlich zu erhöhen,
schnellstmöglich umzusetzen;
10. sich auf europäischer Ebene stringent für die Fortführung und konsequente
Weiterentwicklung der Sanktionspolitik gegenüber Russland einzusetzen.
Berlin, den 20. Mai 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
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ISSN 0722-8333]
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