Rede von Dieter Grasedieck (SPD) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8 a und 8 b: Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),.
Text
Rede von Dieter Grasedieck (SPD) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Deutschland braucht mehr politische Bildung.
Das ist die Botschaft unserer heutigen Diskussion. Ernst-
Reinhard Beck sagte vorhin: „Wir brauchen eine Allianz
über Parteigrenzen hinweg.“ Ich kann das nur
unterstreichen.
Wir brauchen eine Allianz, weil sehr viele Probleme
auftauchen. Unter anderem sinkt die Wahlbeteiligung.
Darauf wurde vorhin schon mehrfach hingewiesen.
Wir müssen die extremen Parteien beobachten; denn
sie haben Konjunktur. Unsere Demokratie braucht mehr
Unterstützung und mehr Hilfe. Denn lange ist es noch
nicht her: 75 Jahre sind vergangen, seit im Sommer 1933
die Demokratie abgeschafft worden ist. Millionen
Männer und Frauen sind in den KZs gestorben; Millionen
sind im Zweiten Weltkrieg gefallen. Wie konnte das in
unserem Land, dem Land der vielen Erfinder und der
hervorragenden Dichter, geschehen? Sicherlich war ein
Grund, dass 1933 die Demokratie einfach noch nicht
verwurzelt war. An dieser Stelle müssen wir helfen. Die
Bundeszentrale für politische Bildung und die
Landeszentralen für politische Bildung sind aufgerufen, das
Demokratiebewusstsein ständig zu stärken. Aber eine
Mahnung bleibt immer: Wehret den Anfängen!
Wenn man sich die politische Landschaft in der
Bundesrepublik Deutschland einmal ansieht, dann erkennt
man, dass in vielen Landtagen, in vielen
Stadtparlamenten und in vielen Kommunalparlamenten die Nazis als
Abgeordnete sitzen. Wir müssen dagegensteuern. Wer da
wegsieht, versündigt sich.(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP, des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN und des Abg. Dr. Ilja
Seifert [DIE LINKE])
In den letzten Jahren konnte man tatsächlich
beobachten, dass Nazis die Gefängnisse aufsuchten und
versuchten, dort Nachwuchs zu gewinnen. Sie sprachen die
jungen Gefangenen an; Gabi Fograscher hat das vorhin
schon angesprochen. Auch bei den Migranten und in
vielen anderen Bereichen war das der Fall; das muss
gesehen werden. Diese Gefahr hat die Bundeszentrale
erkannt und dort Hilfen angeboten. Sozialpädagogen und
Pädagogen arbeiten eng zusammen und versuchen, in
Berlin und in vielen Teilen der Bundesrepublik zu
helfen. Sie sind wirklich erfolgreich. Diese erfolgreiche
Arbeit muss in der nächsten Zeit fortgesetzt werden. Wir
dürfen da nicht nachlassen; denn jede Generation muss
die Werte der Demokratie neu erlernen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie
des Abg. Ernst-Reinhard Beck [Reutlingen]
[CDU/CSU])
Seit 1950 arbeitet unsere Bundeszentrale intensiv und
engagiert im Rahmen von Lehrgängen und Kursen. Es
gibt unter anderem Jugendaustauschprogramme.
Außerdem werden, wie man heute so schön sagt, große Events
durchgeführt. Das ist wichtig, gerade wenn man die
Jugend ansprechen will.
Unsere politische Bildung veränderte an dieser Stelle
sicherlich auch Europa. Man muss sich einmal
überlegen: Tausende von Schulklassen sind nach Frankreich
hinübergefahren. Viele Schulklassen sind von
Frankreich nach Deutschland gereist. Diese Reisen wurden
von der Bundeszentrale für politische Bildung begleitet.
Die Jugendlichen haben bei dieser Gelegenheit auch
über Politik diskutiert. An dieser Stelle ist aber nicht nur
das Wissen über Institutionen wichtig. Es sind auch
Freundschaften geschlossen worden. So entsteht eine
Verbindung zwischen Politik und geschichtlichem
Wissen auf der einen Seite und Gefühl und Herz auf der
anderen Seite. Das war ein ganz entscheidender Punkt für
unsere geschichtliche Entwicklung. Daran war die
Bundeszentrale entscheidend beteiligt.
Das Ziel der politischen Bildung ist natürlich stets der
mündige Bürger. Deshalb müssen wir alle Bürger
unseres Landes ansprechen. Die Migranten gehören ebenso
dazu wie die Kinder. Wir müssen dafür sorgen, dass es
ein Angebot für Schüler, für Studenten und auch für
Erwachsene gibt. Von der Bundeszentrale für politische
Bildung und auch von vielen Landeszentralen für
politische Bildung gibt es gute Angebote. Ich nenne
beispielsweise die Comic-Reihe „HanisauLand“ für Kinder,
herausgegeben von der Bundeszentrale. In dieser Tierwelt
unterhalten sich die Tiere über die Demokratie. Sie
wählen einen Bürgermeister und diskutieren über
Wahlverfahren. Die Bundeszentrale geht da einen richtigen Weg.
Ich nenne weiterhin die interessante Filmreihe
„Politibongo“, die für den Bundestag erstellt worden ist.
Gnome kommen von einem anderen Planeten zu uns mit
einer Superrakete herübergeflogen und landen auf der
Reichstagskuppel. Sie laufen durch die Räume und
beobachten uns und die Minister bei der Arbeit. Das ist
superinteressant und informativ. Sie sollten sich das einmal
ansehen. Dieser Film sagt vieles aus und ist sehr witzig.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Ernst-
Reinhard Beck [Reutlingen] [CDU/CSU])
Die Bundeszentrale und die Landeszentralen bieten
den Jugendlichen und den Erwachsenen natürlich auch
wichtige Werte und Inhalte durch Bücher und
Zeitschriften. Dabei setzt man Schwerpunkte wie zum Beispiel die
Globalisierung und China. Diese wichtigen Arbeiten
unserer Zentralen werden immer von der Allianz der
Parteien unterstützt. Das sieht man auch im Kuratorium sehr
deutlich.
Die Bundeszentrale bietet auf ihrer Internetplattform
unter anderem eine europäische Presseschau. Dort
werden Probleme deutlich dargestellt, zum Beispiel die
momentane Finanzkrise am Beispiel von England,
Frankreich und verschiedenen anderen europäischen Staaten.
Damit ist eine Botschaft verbunden: Wir haben ähnliche
Sorgen und Ängste. Wir sitzen bei vielen Fragen in
einem Boot.
Die politische Bildung darf nicht nur für Eliten da
sein. Dafür zu sorgen, ist die Aufgabe unserer
Bundeszentrale und unserer Landeszentralen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Politik muss – das ist wichtig – für jeden Bürger greifbar
sein. Unsere Bundesregierung und unsere Koalition
unterstützen deshalb die vorbildliche Arbeit dieser
Institutionen.
Gerade in der Zukunft braucht Deutschland mehr
politische Bildung. An dieser Stelle darf nicht gespart
werden. In der Parteiallianz müssen wir genau das umsetzen.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der LINKEN – Dr. Hans-
Peter Bartels [SPD]: Glück auf!)