Rede von Gabriele Fograscher (SPD) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8 a und 8 b: Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),.
Text
Rede von Gabriele Fograscher (SPD) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und
Kollegen! Demokratie braucht politische Bildung, und
politische Bildung braucht Demokratie im Sinne von Vielfalt
an Angeboten, Methoden und Trägern.
Wir haben in der letzten Zeit im Bundestag einige
Anträge dazu beraten und verabschiedet, zum Beispiel zum
Antisemitismus oder zur Bekämpfung von Extremismus.
In all diesen Anträgen haben wir bessere und mehr
politische Bildung gefordert. Deshalb ist es gut, wenn wir
uns heute einmal schwerpunktmäßig mit der politischen
Bildung beschäftigen.
Alle Fraktionen – bis auf die Linke – haben sich mit
dem Thema auseinandergesetzt und Anträge vorgelegt.
Darin wird deutlich: Die Erwartungen an die politische
Bildung sind hoch. Sie soll Demokratie stärken,
Extremismus bekämpfen, Integration unterstützen, Wissen
vermitteln, Historisches und Aktuelles aufarbeiten,
Teilhabe fördern, Politik verständlich machen und – Herr
Beck, Sie haben darauf hingewiesen – mehr Akzeptanz
für die parlamentarische Demokratie schaffen.
Politische Bildung ist deshalb eine gesamtstaatliche
und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Deshalb ist
es nicht damit getan, Herr Ahrendt, wie Sie im FDP-
Antrag fordern, dass sich die Kultusminister mit der
politischen Bildung beschäftigen. Es ist natürlich auch eine
Bundesaufgabe, der wir uns gestellt haben und auch
weiter stellen.
Die Bundeszentrale für politische Bildung wird aus
dem Haushalt des BMI finanziert. In den
Haushaltsberatungen ist es uns gelungen, mehr Geld für die
Bundeszentrale einzustellen.
(Jörg Tauss [SPD]: Und die Landeszentralen
werden abgebaut! – Gegenruf des Abg. Ernst-
Reinhard Beck [Reutlingen] [CDU/CSU]:
Nicht überall! Nicht in Baden-Württemberg!)
Ich erwarte, dass der Wille des Parlaments beachtet wird
und das BMI beim Erbringen seiner globalen
Minderausgabe nicht die Bundeszentrale für politische Bildung
zu Einsparungen zwingt.Die Bundeszentrale hat bereits ein Konzept für
Vorhaben vorgelegt, die aus den zusätzlichen Mitteln realisiert
werden können. Dabei will sie auch neue methodische
Ansätze erproben. Dazu gehören zum Beispiel die
Aktivierung von Erstwählern aus sogenannten politikfernen
Zielgruppen oder die Ausbildung von jungen
Erwachsenen vor der Europawahl mit dem Ziel, dass diese nach
dem Schneeballprinzip versuchen, Gleichaltrige für
diese Wahl zu interessieren und zu ermutigen, an der
Wahl teilzunehmen.
(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Katharina
Landgraf [CDU/CSU])
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat
zusammen mit Kooperationspartnern das Thema „Neue
Medien“ aufgenommen. Im Zeitalter des Internets genügt es
eben nicht mehr, nur Broschüren zu verbreiten. Die
Internetseite jugendschutz.net informiert, klärt auf und
erläutert Hintergründe.
Die Bundeszentrale hat schwerpunktmäßig in
Brandenburg, Hamburg und Bremen ein Projekt realisiert,
das sich „Abschied von Hass und Gewalt“ nennt und
sehr erfolgreich ist. Dabei wird in Jugendgefängnissen
gezielt mit rechtsextremistischen Straftätern gearbeitet.
Nach der Entlassung werden sie weiterhin betreut. Die
Bilanz für 2006 in Brandenburg ist eine eher
ermutigende: Von 40 betreuten gewalttätigen Rechtsextremen
wurden nur vier wieder rückfällig.
Ebenfalls aus Mitteln des BMI wird das „Bündnis für
Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und
Gewalt“ finanziert. Es hat die Aufgabe,
zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte zu vernetzen, in ihrer Arbeit
zu unterstützen und mit Veranstaltungen zum
Verfassungstag, dem 23. Mai, politisches Bewusstsein zu
fördern. Allerdings braucht das Bündnis für seine
vielfältigen Aufgaben auch eine angemessene personelle
Ausstattung.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie des Abg. Ernst-Reinhard
Beck [Reutlingen] [CDU/CSU])
Die politischen Stiftungen, ebenfalls unterstützt aus
Mitteln des BMI, leisten eine wertvolle politische
Arbeit. So geht zum Beispiel die Friedrich-Ebert-Stiftung
neue Wege, indem sie sogenannte Bürgerkonferenzen
organisiert, zu denen Bürgerinnen und Bürger
eingeladen werden, damit sie sich zu bestimmten Themen wie
Rechtsextremismus Wissen verschaffen und direkt
Forderungen an die Politik stellen können. Dieses Projekt
fördert Partizipation.
Ein weiterer Ansatz ist zum Beispiel die
Zukunftskonferenz, die die Friedrich-Ebert-Stiftung in
Rheinsberg durchgeführt hat. Sie bringt gesellschaftliche,
wirtschaftliche und kommunale Vertreter in einer Stadt oder
Gemeinde zusammen, um die Frage zu klären, wie wir in
Zukunft leben wollen und wie wir gemeinsam an der
Entwicklung unserer Kommune mitwirken können.
Es gibt also viele Möglichkeiten und Wege,
demokratische Fähigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln.
340 Träger der politischen Bildung und zahlreiche
gesellschaftliche Akteure tragen dazu bei, die aktuellen
Veränderungsprozesse zu erklären, zu aktiver politischer
Teilhabe zu ermutigen und damit zur Gestaltung des
Gemeinwesens beizutragen.
Herr Ahrendt, Sie haben vorhin auf die neueste Studie
– die Folgestudie – der Friedrich-Ebert-Stiftung
hingewiesen. Leider erreichen wir nicht alle Menschen und
Zielgruppen mit politischer Arbeit. Es gibt eine relativ
konstante Schicht in der Bevölkerung, die
antisemitische, fremdenfeindliche und rechtsextremistische
Ansichten hat.
Es ist wahr: Besonders auffällig ist die
Ausländerfeindlichkeit in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern.
Die Zustimmung zum Antisemitismus beträgt in Bayern
16,6 Prozent und in Baden-Württemberg 13,3 Prozent.
Es gibt also keinen Grund, sich zurückzulehnen. Im
Gegenteil: Wir müssen die politische Bildung verstärken
und weiterentwickeln. Das ist nicht nur Bundesaufgabe,
sondern auch Länderaufgabe. In Niedersachsen wurde
die Landeszentrale für politische Bildung abgeschafft.
(Jörg Tauss [SPD]: Traurig! – Dieter
Grasedieck [SPD]: Die FDP!)
Weil die FDP dort mitregiert, kann sie sich dafür
einsetzen, dass die Landeszentrale wieder eröffnet wird.
(Beifall des Abg. Ernst-Reinhard Beck [
Reutlingen] [CDU/CSU])
Ich will noch auf die vielen zivilgesellschaftlichen
Träger – dazu gehören zum Beispiel Vereine wie „Gegen
Vergessen – Für Demokratie“ oder „Gesicht zeigen!“ –
hinweisen, die ehrenamtlich arbeiten und kreative Wege
der politischen Bildung gehen. Sie leisten einen
unverzichtbaren Beitrag zur politischen Bildung und für
unsere Demokratie. Ihnen möchte ich zum Schluss meiner
Rede ganz besonders danken.
Ich glaube, in den Beratungen werden wir gute
Ansätze aller Parteien aufgreifen und dieses Thema weiter
diskutieren.
Danke schön.