Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Drucksache 16/8980
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 33: Drucksache 16/8980 –.
Text
Rede von Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE) – Drucksache 16/8980
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es geht
hier um eine wichtige Frage für unsere Demokratie,
nämlich um den Grad an Öffentlichkeit und an
Transparenz in unserer Gesellschaft. Seit 1963 gibt es einen
Sachverständigenrat zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Er gilt so ein bisschen als
heilig. Immer wenn er sein Gutachten vorstellt, wird davon
in der Tagesschau oder in der heute-Sendung berichtet,
und die jeweilige Bundeskanzlerin bzw. der jeweilige
Bundeskanzler und die entsprechenden Bundesminister
sind schwer beeindruckt. Wenn man sich die Gutachten dieses Rates anschaut,
stellt man Folgendes fest: In der Zeit, als der Zeitgeist
von Keynes bestimmt war, also die Meinung herrschte,
dass man darauf achten muss, dass die Nachfrage in der
Gesellschaft stimmt, indem gute Löhne, hohe
Sozialleistungen und gute Renten gezahlt werden, damit
entsprechend gekauft und Dienstleistungen in Anspruch
genommen werden und kleine Unternehmen gut von der
Binnenwirtschaft leben können, folgte auch der
Sachverständigenrat dieser Meinung.
Als sich dann der Zeitgeist änderte und die
herrschende Lehrmeinung plötzlich auf
Angebotsorientierung abhob, als es also darum ging, die Preisstruktur zu
verändern, und deshalb Löhne und Renten sowie
Sozialleistungen real sinken sollten, änderte sich auch die
Meinung des Sachverständigenrates. Er diskutierte genau im
Sinne des nun herrschenden Zeitgeistes und gab
Orientierungen dieser Art.
Das ist ja etwas, was mich ärgern kann, aber mich
nichts weiter angeht;
(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Weil es nicht
stimmt, Herr Gysi!)
denn der Sachverständigenrat ist ja unabhängig und soll
seine diesbezüglichen Standpunkte kundtun. Das
Problem ist ein anderes: Das Problem ist, dass die
Mitglieder von der Bundesregierung berufen werden – jeweils
fünf für fünf Jahre –, aber man nicht weiß, von wem sie
für welche Zwecke eigentlich noch bezahlt werden. Das
ist das eigentliche Problem.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Nun haben wir vorgeschlagen, das entsprechende
Gesetz nur so zu ändern, dass die Mitglieder dieses
Sachverständigenrates verpflichtet werden, Einkünfte aus
solchen Tätigkeiten bekannt zu geben, bei denen es zu
Interessenkonflikten kommen könnte. Dazu möchte ich
Ihnen drei Beispiele nennen.
Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Professor
Bert Rürup, tritt häufig als Referent für Versicherungs-
und Finanzdienstleister wie die Credit Suisse und MLP
AG auf. Herr Rürup ist auch Vorsitzender des
Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und
Demographischer Wandel, das vom Gesamtverband der Deutschen
Versicherungswirtschaft finanziert wird. Das muss doch
die Bevölkerung wissen.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Wenn man nämlich seine Meinung hört, weiß man dann,
weshalb er bestimmte Standpunkte vertritt.
(Dirk Niebel [FDP]: Von wem werden Sie
denn finanziert?)
Professor Franz gehört auch diesem von der
Versicherungswirtschaft gesponserten Institut an.
Frau Professor Weder di Mauro ist Mitglied des
Aufsichtsrates der Ergo-Versicherungsgruppe und Mitglied
Dr. Gregor Gysiim Verwaltungsrat des Pharmakonzerns Hoffmann-La-
Roche.
Das kann ja alles sein. Verstehen Sie: Ich möchte nur,
dass das bekannt gegeben wird. Wir
Bundestagsabgeordnete sind verpflichtet, alle Nebeneinkünfte im Interesse
der Transparenz und der Öffentlichkeit bekannt zu
geben.
(Dirk Niebel [FDP]: Wie ist denn das mit der
Transparenz bei euch?)
Was spricht denn bei so gut bezahlten Sachverständigen
dagegen, dass sie verpflichtet werden, das bekannt zu
geben? Aus meiner Sicht gar nichts.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Oskar Lafontaine geht ja noch einen Schritt weiter
und fordert, dass man auch bei Fernsehtalkshows unter
die Professorennamen schreibt, von wem sie bezahlt
werden. Dann wüsste man nämlich sofort, warum sie
wie reden.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Aber darum geht es hier gar nicht. Ich will das gar nicht
einführen.
(Ernst Hinsken [CDU/CSU]: Dann würde man
bei Ihnen und Herrn Lafontaine gar nicht fertig
werden!)
– Aber ganz klar, ganz dicke. Da brauchen Sie sich gar
keine Sorgen zu machen. Sie brauchen da gar nichts zu
sagen; darum kümmern sich immer schon alle anderen.
Ich will nun auf etwas anderes hinaus: Mir ist wichtig,
dass wir hier Transparenz einführen, und zwar deshalb,
weil ich wissen möchte, ob aus der Art der Bezahlung
auch eine bestimmte Meinung resultiert. Wenn das so ist,
handelt es sich nämlich nicht mehr um unabhängige
Sachverständige.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Wenn ich von der Versicherungswirtschaft bezahlt
werde, ist doch klar, dass ich keine Gutachten gegen die
Interessen der Versicherungswirtschaft erstelle. So
einfach ist das. Deshalb halte ich unser Anliegen für völlig
angemessen und für völlig richtig.
Ich habe zwar vorhin gesagt, dass die
Sachverständigen in der Regel in Richtung des neoliberalen Zeitgeistes
agieren, bin mir aber bewusst, dass das zum Beispiel für
Professor Bofinger nicht stimmt. Er argumentiert nach
wie vor eher nachfrageorientiert. Aber er ist der Einzige
von den Fünfen, der diese Auffassung vertritt. Die vier
anderen vertreten eine andere Auffassung.
(Dirk Niebel [FDP]: Müssen Journalisten das
dann auch veröffentlichen, wenn sie zum
Beispiel moderieren?)– Journalisten? Ich fände es nicht schlecht; mir ist das
aber völlig wurscht.
Bei Journalisten kommt es immer darauf an. Das wäre
aber ein anderes Thema. Damit beschäftigen wir uns
heute nicht. Wir können uns aber gerne einmal darüber
unterhalten, ob jemand, der eine Talkshow leitet,
offenlegen soll, woher er sonst noch Geld bekommt.
Ich habe nichts dagegen.
Entweder wollen wir in diesen Fragen Transparenz,
oder wir wollen sie nicht. Es hat so lange gedauert, bis
der Bundestag dazu bereit war, sich diesbezüglich selbst
Auflagen zu machen. Nun haben wir sie, und damit
haben wir auch die moralische Legitimation, Gleiches von
anderen zu verlangen.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Ich möchte wissen, von wem die fünf
Sachverständigen, die so bedeutend auftreten und die die
gesamtwirtschaftliche Entwicklung einschätzen – fast alle
Bundesregierungen richten sich häufig nach ihren Urteilen,
abgesehen davon, dass sie diese im laufenden Jahr
zweibis dreimal korrigieren; aber dazu will ich jetzt nichts
sagen –, ansonsten bezahlt werden. Das schafft Klarheit.
Dann kann man ihre Urteile sehr viel besser einordnen.
Ich finde, das ist nicht zu viel verlangt.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Ich bin sehr gespannt auf Ihre Gegenargumente.
Warum stimmen Sie unserem Gesetzentwurf nicht einfach
zu? Den fünf Sachverständigen tut es nur ein bisschen
weh. Außerdem wird niemand gezwungen, Mitglied des
Sachverständigenrates zu werden. Wenn sie genug Geld
von anderer Seite bekommen, dann lassen sie es einfach
bleiben. Das wäre auch keine Katastrophe. Dann
bekommen wir vielleicht fünf ungebundene Sachverständige.
Genau die brauchen wir.
Danke schön.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Relationen
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