Rede von Dr. Herbert Schui (DIE LINKE) – Drucksache 16/8980
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 33: Drucksache 16/8980 –.
Text
Rede von Dr. Herbert Schui (DIE LINKE) – Drucksache 16/8980
Daher können Sie nicht sagen, niemand wolle wissen,
was ich schreibe.
(Kerstin Andreae [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Wie lautet denn Ihre Frage?)
Reinhard Schultz (Everswinkel) (SPD):
Herr Kollege Schui, ich habe, ehrlich gesagt, den
Anfang Ihrer Frage vermisst. Ich weiß nicht, was Sie mich
gefragt haben.
(Heiterkeit bei der SPD – Dr. Herbert Schui
[DIE LINKE]: Aha!)
Reinhard Schultz (Everswinkel)Ihre Frage war so lang wie die Redezeit, die der Partei
der Linken normalerweise in einer ganzen
Kernzeitdebatte zur Verfügung steht.
Ich will aber nicht darüber richten, sondern versuchen,
auf den Kern Ihrer Rede einzugehen.
Ich kann bestätigen: Es gibt keine Wirtschafts- oder
Gesellschaftswissenschaft – wahrscheinlich gar keine
Wissenschaft –, die nicht auch von Interessen geleitet ist;
das ist gar keine Frage, und das weiß ich. Eine
Bundesregierung informiert sich im Vorfeld natürlich ganz
genau, wen sie als Mitglied des Sachverständigenrates
vorschlägt. In der Regel werden Hochschullehrer berufen,
die eine lange Liste von Veröffentlichungen vorweisen
können und Mitglied vieler Beiräte etc. sind. Daraus
ergibt sich ein Gesamtprofil des jeweiligen Kandidaten,
das mit ausschlaggebend dafür ist, ob er berufen wird
oder nicht. Jede Bundesregierung setzt hier andere
Akzente, je nachdem, welche Parteien an ihr beteiligt sind.
Wenn man sich die Liste der Mitglieder des
Sachverständigenrates seit 1963 durchliest, stellt man fest, dass
durchaus Verschiebungen stattgefunden haben, sowohl
bei den Personen als auch bei den Ansichten, die
vertreten wurden.
Herr Kollege Gysi hat vorhin darauf hingewiesen,
dass auch der Zeitgeist eine Rolle spielt. Natürlich spielt
der Zeitgeist eine Rolle. Denn die Denkschulen, die zum
Mainstream der Wirtschaftswissenschaften gehören,
spiegeln sich auch in politischen Auffassungen wider – und
umgekehrt. Das ist oftmals allerdings erst zeitversetzt
der Fall. Beispielsweise hatte der Sachverständigenrat
eine Zeitlang sehr angebotsorientierte Mitglieder, die auf
die Politik offensichtlich nur geringen Einfluss hatten.
Nach Durchsicht der Jahresgutachten kann man
insgesamt feststellen: Im Regelfall werden die Analysen
des Sachverständigenrates sehr ernst genommen; sie
sind ein Hort der Erkenntnis. Die praktischen
Empfehlungen des Sachverständigenrates, die er eigentlich gar
nicht abgeben dürfte, wurden von den seit 1963
amtierenden Bundesregierungen aber so gut wie nie zum
Gegenstand ihres praktischen Handelns gemacht. Man hat
sich die Erkenntnisse, die Analysen, die Trends und die
Prognosen über zu befürchtende Fehlentwicklungen, die
dargestellt wurden, angeschaut, daraus aber seine
eigenen Schlüsse gezogen. Das ist auch der Sinn. Die
Konstruktion des Sachverständigenrates – Herr Zeil hat zu
Recht darauf hingewiesen – ist im Vergleich zur
Konstruktion entsprechender Beratungsgremien in anderen
Ländern geradezu ideal. Die Sachverständigen haben
einen hohen Grad an Freiheit. Sie sind nicht unmittelbar
Bestandteil des Regierungshandelns.
In den USA ist das anders; dort gibt es eine Truppe,
die ideologisch-inhaltlich zusammengeschmiedet ist. Sie
ist sozusagen die wirtschaftspolitische Knüppelgarde des
jeweiligen Präsidenten – so die Chicago Boys von
Ronald Reagan, die einen radikalen Wechsel in der
Wirtschaftspolitik eingeleitet haben, oder die aus meiner
persönlichen Sicht – ich konnte sie kennenlernen – merk-würdige Mormonentruppe, mit der sich Bush umgeben
hat.
Da findet keine unabhängige Beratung statt. Das ist ein
gleichförmiges, nichtpluralistisch angelegtes
Beratergremium, das nur dazu dient, dem Präsidenten Instrumente
an die Hand zu geben, mit denen er seine Meinung
untermauern kann. Das ist ein Riesenunterschied.
In Frankreich hat das entsprechende
Beratungsgremium einen Charakter wie bei uns der Wissenschaftliche
Beirat des Finanz- oder des Wirtschaftsministeriums.
Die Berater sind handverlesen – durch den dortigen
Premierminister –, sie können auch entlassen werden. Auch
da ist eine Unabhängigkeit in dem Maße wie bei uns
nicht gegeben. Im Vordergrund steht der instrumentelle,
durchsetzungsbezogene Charakter des Gremiums.
Insofern ist unsere Konstruktion gut. Die
Sachverständigen werden auf Zeit gewählt. Sie werden übrigens
nicht alle auf einmal ersetzt, sondern es gibt eine Art
Rotationsverfahren. Wer als Erster ausscheidet, wird
durch Los ermittelt. Dieses Rotationssystem war bereits
1963 im Gesetz über die Bildung eines
Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung angelegt – lange bevor die Grünen ein
solches System entdeckt und dann wieder verworfen haben.
Das unterstreicht die Unabhängigkeit, es unterstreicht
aber auch die Anpassung des Sachverständigenrates an
neuere, auch wissenschaftliche Entwicklungen. Die
Dinge verknöchern nicht, Innovationen sind
grundsätzlich möglich.
Vor diesem Hintergrund sollten wir im Hinblick
darauf, dass der Sachverständigenrat am 26. Juni dieses
Jahres 45 Jahre alt wird, bestätigen: Der
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung ist seinen Aufgaben gerecht geworden. Ich
persönlich – ich überblicke zwar nicht den ganzen
Zeitraum von 1963 bis heute, aber doch eine ganze Weile –
kann sagen: Ich habe mich regelmäßig über Teile der
Gutachten schwarzgeärgert – „rotgeärgert“ müsste ich
wohl sagen –; das ändert aber nichts daran, dass ich die
analytische Brillanz, die Erkenntnisse, das Wissen, das
einem als Politiker zur Verfügung gestellt wird, zu
schätzen weiß. Letztendlich entscheidet jeder in eigener
Verantwortung, ob er linksherum oder rechtsherum geht.
Vielen Dank.