Softwareankauf durch das Bundesamt für Verfassungsschutz
Text
Softwareankauf durch das Bundesamt für Verfassungsschutz
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6752
21. Wahlperiode 26.06.2026
Kleine Anfrage
des Abgeordneten Jan Köstering, Clara Bünger, Anne-Mieke Bremer, Agnes
Conrad, Mandy Eißing, Katrin Fey, Dr. Gregor Gysi, Luke Hoß, Ferat Koçak, Sonja
Lemke, Bodo Ramelow, David Schliesing, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt,
Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Softwareankauf durch das Bundesamt für Verfassungsschutz
Die nach Medienberichten erfolgte Entscheidung des Bundesamtes für
Verfassungsschutz (BfV), die Analysesoftware „ArgonOS“ des französischen
Unternehmens ChapsVision zu beschaffen, wirft aus Sicht der Fragestellenden
grundlegende Fragen hinsichtlich Datenschutz, informationeller
Selbstbestimmung, demokratischer Kontrolle sowie der fortschreitenden Aufrüstung von
Polizei und Geheimdiensten auf. Nach Medienberichten verzichtete das BfV
dabei auf eine Zusammenarbeit mit dem US-Unternehmen Palantir
Technologies, dessen Software seit Jahren wegen erheblicher Grundrechtsbedenken in
der Kritik steht. (Vgl.: www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/verfassungssch
utz-palantir-100.html, https://taz.de/Deutscher-Geheimdienst-setzt-zur-Terrorab
wehr-auf-eine-Palantir-Alternative-aus-Frankreich/!6178800/)
Die Debatte um den Einsatz von Palantir-Produkten zeigt exemplarisch die
Gefahren zunehmend intransparenter Datenanalyseplattformen im
Sicherheitsbereich. Bürgerrechtsorganisationen, Datenschutzbeauftragte sowie
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisieren seit Jahren die Möglichkeit
umfassender Datenzusammenführungen, automatisierter Verdachtsgenerierung und
algorithmischer Profilbildung. Insbesondere der Einsatz solcher Systeme im
polizeilichen und nachrichtendienstlichen Kontext birgt nach Auffassung der
Fragestellenden erhebliche Risiken für Grundrechte und den demokratischen
Rechtsstaat. Schon die automatisierte Datenverarbeitung an sich, selbst mit
ohnehin bei den Polizeibehörden gespeicherten Daten, ist ein Eingriff in die
informationelle Selbstbestimmung, wie das Bundesverfassungsgericht klargestellt
hat (1 BvR 1547/19 und 1 BvR 2634/20 – v. 16. Februar 2023). Hinzu kommen
Fragen nach der Nachvollziehbarkeit algorithmischer Prozesse, möglichen
Diskriminierungseffekten sowie der Kontrolle hochkomplexer Software durch
Parlamente und Öffentlichkeit (vgl. https://freiheitsrechte.org/themen/freiheit-im-d
igitalen-zeitalter/palantir-bayern).
Dass sich das BfV nun offenbar für eine europäische statt US-amerikanische
Lösung entschieden hat, löst diese grundsätzlichen Probleme nicht. Auch bei
ArgonOS stellt sich die Frage, welche Datenbestände verarbeitet werden sollen,
welche Analyse- und Verknüpfungsmöglichkeiten bestehen, in welchem
Umfang automatisierte Auswertungssysteme, insbesondere selbstlernende
Systeme, eingesetzt werden und wie Grundrechte wirksam geschützt werden sollen.
Darüber hinaus besteht ein erhebliches öffentliches Interesse daran zu erfahren,
welche finanziellen Mittel für die Beschaffung aufgewendet werden, welche
Unternehmen beteiligt und welche parlamentarischen Kontrollmechanismen
vorgesehen sind.
Die Fragestellenden sehen die zunehmende Zentralisierung und Vernetzung
personenbezogener Datenbestände in Sicherheitsbehörden mit großer Sorge.
Der Ausbau digitaler Überwachungs- und Analysekapazitäten darf nicht zu
einer schleichenden Aushöhlung von Datenschutz, informationeller
Selbstbestimmung und rechtsstaatlichen Prinzipien führen. Dies droht insbesondere bei
automatisierten und insbesondere selbstlernenden Analysewerkzeugen, bei
denen der Rechenweg zum Ergebnis der Analyse für die Nutzer/innen nicht
nachvollziehbar ist („black box“).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Kann die Bundesregierung die Entscheidung des BfV für die Beschaffung
der Analysesoftware „ArgonOS“ des französischen Unternehmens Chaps-
Vision bestätigen, und wenn ja,
a) welche Arten und Formate von Daten bzw. Datenobjekten können von
ArgonOS verarbeitet werden, und wie werden die Ergebnisse
ausgegeben,
b) werden die Ergebnisse in einer Weise ausgegeben, dass der Weg zu den
gefundenen Ergebnissen nachvollziehbar und reproduzierbar ist,
c) auf welcher rechtlichen Grundlage soll die Verarbeitung von Daten im
BfV durchgeführt werden,
d) auf welche Datenquellen wird ArgonOS im BfV zugreifen können,
e) mit welchen anderen Analyseprogrammen oder Analyseplattformen ist
ArgonOS verknüpft oder verknüpfbar,
f) für welche Aufgaben nutzt die Software künstliche Intelligenz (KI),
g) auf welche Weise ergänzt oder übernimmt künstliche Intelligenz
Aufgaben im Rahmen der erworbenen Software,
h) nutzt ArgonOS generative KI, und wenn ja, mit welchen Daten wird
oder wurde diese für die Nutzung durch deutsche Behörden trainiert,
i) in welcher technischen Umgebung soll ArgonOS betrieben werden,
j) werden die Daten und Auswertungsergebnisse im Zuge der Anwendung
von ArgonOS ausschließlich auf Servern des BfV gespeichert, und
wenn nein, auf welchen Servern welcher Behörden oder Unternehmen
werden sonst Daten gespeichert,
k) auf welche Weise, von wo und durch wen erfolgt die Wartung und
Aktualisierung der Software,
l) kam der Kaufvertrag direkt mit ChapsVision zustande oder mit rola
Security Solutions oder sowohl als auch,
m) welche finanziellen Mittel wurden für den Kauf insgesamt aufgewendet,
n) stehen sämtliche Funktionen von ArgonOS im Einklang mit den in
Deutschland derzeit geltenden Gesetzen,
o) stehen sämtliche Funktionen von ArgonOS im Einklang mit den in
Deutschland derzeit geltenden Datenschutzbestimmungen, und wer war
an der Prüfung der datenschutzrechtlichen Compliance beteiligt,
p) waren mit der Bedienung der Software im Rahmen der Testphase auch
Personen betraut, die keine Mitarbeitenden des BfV sind, und wenn ja,
welche Personen, und in welchem Umfang,
q) werden im Regelbetrieb der Software auch Personen in die Bedienung
eingebunden werden, die keine Mitarbeitenden des BfV sind, und wenn
ja, welche Personen, und in welchem Umfang,
r) gab es ein Ausschreibungsverfahren, und was war der ausgeschriebene
Leistungskatalog,
s) hat das BfV in der Vergangenheit schon Produkte der Firma Chaps
Vision gekauft,
t) hat das BfV eine Vollversion gekauft oder eine Testversion,
u) wann hat das BfV die Software gekauft, wann begann die Testphase, in
welchem Rahmen wurde getestet, und in welchem Rahmen wird die
Software bereits seit wann genutzt?
2. Prüft das Bundesministerium des Innern weiterhin den Kauf von Produkten
zur automatisierten Datenanalyse der Firma Palantir oder weiterer Anbieter,
und wenn ja, welcher?
3. Prüfen andere Bundesministerien den Kauf von Produkten der Firma
Palantir oder anderer Anbieter von automatisierten Datenanalysewerkzeugen?
4. Schließt die Bundesregierung zukünftige Käufe von Produkten der Firma
Palantir aus?
5. Halten Mitglieder der Bundesregierung Aktien der Firma Palantir, wenn ja,
in welchem Umfang?
6. Hatte der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz im Jahr 2019 in seiner
Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender beim Vermögensverwalter Black-
Rock Asset Management Deutschland im Zuge der Übernahme des
Unternehmens eFront für 1,3 Milliarden Dollar Kontakt mit Olivier Dellenbach,
Gründer von eFront und heute CEO der Firma ChapsVision (vgl.: https://co
rporate.coheris.com/en/company/board-of-directors/)?
Berlin, den 8. Juni 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Aaron Valent (Kleine Anfrage)
- asked ← Agnes Conrad (Kleine Anfrage)
- asked ← Anne-Mieke Bremer (Kleine Anfrage)
- asked ← Bodo Ramelow (Kleine Anfrage)
- asked ← Christin Willnat (Kleine Anfrage)
- asked ← Clara Bünger (Kleine Anfrage)
- asked ← David Schliesing (Kleine Anfrage)
- asked ← Donata Vogtschmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Ferat Koçak (Kleine Anfrage)
- asked ← Gregor Gysi (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Krampe (Kleine Anfrage)
- asked ← Katrin Fey (Kleine Anfrage)
- asked ← Luke Hoß (Kleine Anfrage)
- asked ← Mandy Eißing (Kleine Anfrage)
- asked ← Sonja Lemke (Kleine Anfrage)
- authored ← Clara Bünger
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Jan Krampe
- part_of_vorgang → Softwareankauf durch das Bundesamt für Verfassungsschutz (Kleine Anfrage)