Technikfolgenabschätzung (TA) Seltene Erden - die Versorgungslage unter Berücksichtigung geopolitischer Risiken und der Fortschritte beim Recycling sowie der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft
Text
Technikfolgenabschätzung (TA) Seltene Erden - die Versorgungslage unter Berücksichtigung geopolitischer Risiken und der Fortschritte beim Recycling sowie der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft
Bericht
des Ausschusses für Forschung, Technologie, Raumfahrt
und Technikfolgenabschätzung (18. Ausschuss)
gemäß § 56a der Geschäftsordnung
Technikfolgenabschätzung (TA)
Seltene Erden – die Versorgungslage unter Berücksichtigung geopolitischer
Risiken und der Fortschritte beim Recycling sowie der Etablierung einer
Kreislaufwirtschaft
Inhal tsverzeichnis
Seite
Vorwort des Ausschusses ............................................................................. 3
Das Wichtigste in Kürze .............................................................................. 7
1 Einleitung ........................................................................................ 10
2 Charakterisierung und Gewinnung seltener Erden .................... 12
2.1 Eigenschaften ................................................................................... 12
2.2 Vorkommen ...................................................................................... 13
2.3 Abbau und Weiterverarbeitung......................................................... 20
3 Seltene Erden als Basis von Zukunftstechnologien ..................... 27
3.1 Transformationstechnologien ........................................................... 28
3.2 Voraussichtliche Nachfrageentwicklung .......................................... 28
3.3 Substitution ....................................................................................... 29
4 Strategische Souveränität: seltene Erden im geopolitischen
Kontext ............................................................................................ 32
4.1 Exportbeschränkungen und Handelsbarrieren .................................. 32
4.2 CRMA .............................................................................................. 33
4.3 Marktgestaltung ................................................................................ 38
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5820
21. Wahlperiode 06.05.2026
Seite
5 Recycling von seltenen Erden und Etablierung einer
Kreislaufwirtschaft ........................................................................... 40
5.1 Stand der Technik ............................................................................. 40
5.2 Voraussetzungen und Herausforderungen beim Recyceln ............... 44
5.3 Ausblick: Recycling im Jahr 2035 .................................................... 45
6 Szenarien 2035: Mehr Souveränität bei seltenen Erden? ................. 48
6.1 Blockierte Souveränitätswende: Chinas Dominanz und Europas
Zögern verhindern Diversifizierung ................................................. 48
6.2 Fragmentierte Souveränitätswende: Neue Bezugsquellen und
eigene Verarbeitungsstufen eröffnen begrenzte
Handlungsspielräume ....................................................................... 50
6.3 Proaktive Souveränitätswende: Reserven, Kreislaufstrategien,
Substitution und vorausschauendes Handeln stärken die
europäische Resilienz ....................................................................... 52
7 Handlungsperspektiven .................................................................... 54
8 Literatur ............................................................................................ 57
9 Anhang ............................................................................................. 62
9.1 Interviewpartner/innen ...................................................................... 62
9.2 Expert/innen Szenarioworkshop ....................................................... 62
9.3 Abbildungen ..................................................................................... 63
9.4 Tabellen ............................................................................................ 63
9.5 Kästen ............................................................................................... 63
Vorwort des Ausschusses
Seltene Erden sind unverzichtbar für die zentralen Zukunftstechnologien der
sogenannten 3D-Transformation – Digitalisierung, Dekarbonisierung und
demografischer Wandel – sowie für moderne Militärausrüstung.
In den 1990er Jahren begann China, die Förderung der Seltenerdmineralien bzw.
Seltenerdmetalle massiv auszubauen. Heute hat das Land eine marktbeherrschende
Position inne: 70 % der seltenen Erd-Oxide stammen aus China, und 90 % der
globalen Wertschöpfung bei der Raffination bzw. Weiterverarbeitung finden dort statt.
China ist zudem Vorreiter beim Recycling seltener Erden. Erstmals 2010 und erneut
seit 2023 setzt China seine Marktmacht in geopolitischen und geoökonomischen
Konflikten spürbar als Druckmittel ein.
Vor diesem Hintergrund initiierte der Ausschuss für Bildung, Forschung und
Technikfolgenabschätzung (20. WP) eine TA-Kompakt-Studie zum Thema „Seltene
Erden – die Versorgungslage unter Berücksichtigung geopolitischer Risiken und der
Fortschritte beim Recycling sowie der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft“. Die
Untersuchung wurde vom Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen
Bundestag (TAB) durchgeführt, um eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für
die parlamentarische Meinungsbildung zu schaffen.
Der vorliegende Bericht bietet einen Überblick über die besonderen Eigenschaften
und die Gewinnung seltener Erden, ihre Verwendung in Zukunftstechnologien
sowie Substitutionsmöglichkeiten. Zudem beleuchtet er, welche Abhängigkeiten
entlang der Wertschöpfungs- und Lieferkette bestehen und welche Ansätze für mehr
Roststoffsouveränität angesichts aktueller geopolitischer Entwicklungen möglich
sind. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Potenzial von Recycling und der
Etablierung einer Kreislaufwirtschaft. Auf Basis der in der TA-Kompakt-Studie
gewonnenen Erkenntnisse wurden zudem drei alternative Szenarien zur
Rohstoffsouveränität im Hinblick auf seltene Erden aus EU-Perspektive entwickelt.
Um mittelfristig mehr strategische Souveränität zu erreichen, werden Maßnahmen
diskutiert, die an seltenen Erden ansetzen, die sich bereits in der EU befinden
(Recycling, Reserve) bzw. die auf eine Verminderung der Nachfrage abzielen
(Substitution). Als langfristige Handlungsperspektive wird auch die finanzielle
Unterstützung von Bergbauprojekten außerhalb Chinas in Erwägung gezogen.
Der Deutsche Bundestag erhält mit diesem Bericht eine aktuelle und fundierte
Informationsgrundlage zu einem Themenfeld, das für Wirtschafts- und
Handelspolitik, Außen- und Entwicklungspolitik, Verteidigungspolitik, Umweltpolitik und
Fragen der Rohstoff- und Technologiesouveränität von strategischer Bedeutung ist.
Berlin, den 22. April 2026
Prof. Dr. Karl Lauterbach
Vorsitzender
Prof. Dr. Reza Asghari
Berichterstatter
Prof. Dr.-Ing. habil.
Michael Kaufmann
Berichterstatter
Oliver Kaczmarek
Berichterstatter
Dr. Andrea Lübcke
Berichterstatterin
Sonja Lemke
Berichterstatterin
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 5 – Drucksache 21/5820
Simone Ehrenberg-Silies
Tobias Hungerland
unter Mitarbeit von
Susann Bernhold
Nikolas Hubel
Seltene Erden – die Versorgungslage unter
Berücksichtigung geopolitischer Risiken und
der Fortschritte beim Recycling sowie
der Etablierung einer Kreislaufwirtschaft
TA-Kompakt Nr. 6
Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) berät das Parlament und seine
Ausschüsse in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels. Das TAB wird seit 1990 vom Institut für
Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) betrieben. Hierbei
kooperiert es seit September 2013 mit dem IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gGmbH
sowie dem Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE Innovation + Technik GmbH.
Das Wichtigste in Kürze
Sechs Fragen – sechs Antworten
Was sind seltene Erden und was macht sie so besonders?
– Seltene Erden sind Mineralien bzw. Metalle. 16 Elemente des chemischen Periodensystems werden
ihnen zugerechnet. Sie werden in leichte, mittelschwere und schwere seltene Erden unterschieden.
– Seltene Erden sind – anders, als die Bezeichnung suggeriert – keinesfalls selten. Schätzungen gehen
davon aus, dass die weltweiten Reserven in etwa 100 Mio. t betragen. Einzelne Elemente wie Cer
kommen sogar häufiger in der Erdkruste vor als Kupfer.
– Der größte Anteil des weltweiten Verbrauchs seltener Erden geht auf die Magnetherstellung zurück
(44,3 %). Hierfür werden die seltenen Erdelemente (SEE) Neodym, Praseodym, Samarium, Lanthan,
Terbium und Dysprosium benötigt. Die Magnete werden in der Konstruktion von Motoren und
Generatoren für Windräder, Elektro- und Hybridfahrzeuge, in Festplatten, Lautsprechern sowie für
Kernspintomografen eingesetzt. Insofern sind SEE vor allem für die Sektoren Erneuerbare Energien und E-
Mobilität relevant. Ebenso spielen sie in moderner Militärtechnologie eine wichtige Rolle.
– Seltene Erden sind für zahlreiche Zukunftstechnologien relevant, die im Umgang mit der 3D-
Transformation (Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischer Wandel) unterstützen. Seltene Erden
sind auch für moderne Militärtechnik von Bedeutung.
Welche Abhängigkeiten bestehen entlang der Wertschöpfungs- und Lieferkette?
– China hat eine marktbeherrschende Stellung bei seltenen Erden inne. Auch Deutschland ist massiv von
chinesischen Importen abhängig insbesondere im Hinblick auf seltene Erdmetalle.
– Reserven seltener Erden befinden sich überwiegend in China. Auch in Brasilien, Indien und Australien
existieren nennenswerte Vorkommen.
– Heutzutage werden mit 270.000 t seltener Erdoxide (Rare Earth Oxides – REO) 70 % der weltweit
abgebauten Menge in China gefördert, wo sich 15 der weltweit etwa 40 aktiven Bergbaustandorte
befinden. Mit großem Abstand folgen die USA (45.000 t REO), Myanmar (31.000 t REO), Australien,
Nigeria und Thailand (jeweils 13.000 t REO). Kleine Mengen werden auch von Indien (2.900 t REO),
Russland (2.500 t REO), Madagaskar (2.000 t REO), Vietnam (300 t REO), Malaysia (130 t REO) und
Brasilien (20 t REO) abgebaut.
– Nur 19 Bergbauprojekte außerhalb Chinas werden als weit fortgeschritten eingestuft. Die Zeitspanne
von der Exploration bis zur Produktion einer Mine umfasst typischerweise Jahrzehnte.
– Die Dominanz Chinas bei der Raffination bzw. Weiterverarbeitung seltener Erden ist noch weitaus
größer als beim Abbau. 90 % der weltweiten Wertschöpfung finden diesbezüglich in China statt.
– Durch gezielte industriepolitische Maßnahmen zur Integration von Rückgewinnungstechnologien in
bestehende Produktionsprozesse ist China inzwischen auch beim Recycling international führend.
– 2010 hat China durch Exportbeschränkungen für seltene Erden erstmals den westlichen
Industrienationen seine Marktmacht demonstriert. 2023 verbot es die Ausfuhr von Technologien zur Gewinnung und
Trennung seltener Erden und versuchte, dadurch seine Dominanz zu zementieren. Als Reaktion auf US-
amerikanische Exportbeschränkungen für Halbleiter sowie die von den USA erhobenen Strafzölle
erließ China im April 2025 und im Oktober 2025 weitere Ausfuhrrestriktionen, die auch seltene Erden
und daraus gefertigte Magnete sowie Recyclingtechnologien umfassen. Ende Oktober 2025 kündigte
China an, die Exportkontrollen für ein Jahr auszusetzen.
Welche Ansätze für mehr Rohstoffsouveränität gibt es und wie tragfähig sind diese?
– Vor dem Hintergrund der angespannten geopolitischen Situation gewinnen politische Maßnahmen zur
Erreichung von Rohstoffsouveränität an Bedeutung.
– Die EU strebt mit der Verordnung (EU) 2024/12521 (Critical Raw Material Act – CRMA) mehr
Rohstoffsouveränität an. Richtwerte, die bis 2030 erreicht werden sollen, sind: 10 % des jährlichen EU-
Verbrauchs sollen aus eigenem Bergbau stammen und 25 % aus Recycling gedeckt werden. Zudem
sollen 40 % des Verbrauchs, bezogen auf Zwischenbearbeitungsschritte, aus eigener Raffination/
Verarbeitung kommen. Maximal 65 % des Jahresverbrauchs eines Rohstoffs sollen noch aus einem
einzelnen Drittland kommen. Erreicht werden sollen diese Ziele durch strategische Projekte entlang der
Wertschöpfungskette, nationale Explorationsprogramme, Monitoring- und Stresstests für die
Versorgungssituation, die Verpflichtung großer Unternehmen zur Risikoprävention, die Stärkung der
Kreislaufwirtschaft sowie Handelsabkommen und strategische Partnerschaften.
– Verschiedene Ansätze zur Marktgestaltung sind vorstellbar, mit denen sich außerhalb Chinas primäre
und sekundäre Rohstoffe konkurrenzfähig produzieren lassen könnten und mit denen auf
Preisvolatilitäten reagiert werden könnte, etwa die Bildung eines garantierten Referenzpreises mit
Gewinnabschöpfung oder eine staatliche Rohstoffreserve.
– Substitution, bezogen auf Material, Technologie und Funktionalität, kann ebenfalls einen Beitrag zur
Rohstoffsouveränität leisten. Zur Verminderung des Bedarfs an schweren SEE in Permanentmagneten
wird an nanotechnologischen Möglichkeiten zur besseren Verteilung von Dysprosium und Terbium in
Neodym-Eisen-Bor-Magneten sowie an nicht auf SEE basierenden Magnetmaterialien geforscht. In der
Anwendung sind bisher vor allem Lösungen relevant, die auf Mengenreduzierung von SEE und die
Substituierung von Technologien zielen.
Welches Potenzial haben Recycling und die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft für mehr
Rohstoffsouveränität?
– Eine Wiederverwertung von SEE erfolgt durch Wiederverwendung (Re-Use) oder Recycling, wobei
letzteres in rohstoffliche und werkstoffliche Verfahren unterteilt wird. Während Re-Use große, gut
zugängliche Magnete erfordert, sind Recyclingprozesse oft energie- und umweltintensiv. Werkstoffliches
Recycling kann zudem die Eigenschaften der Magnete verändern. Aktuell ist das Recycling
wirtschaftlich nur bei Permanentmagneten rentabel, nicht jedoch bei anderen SEE-haltigen Komponenten.
– Recyclingunternehmen stehen vor der Herausforderung, mit Primärrohstoffen preislich konkurrieren zu
müssen. Rezyklate sind derzeit meist teurer. Zusätzlich erschweren geringe Mengen an Altmagneten
und die Heterogenität der Stoffströme die Rückgewinnung. Viele SEE-haltige Produkte, wie
Windkraftanlagen oder E-Auto-Motoren, haben das Ende ihrer Lebensdauer noch nicht erreicht. Zudem fehlt
in der EU ein geschlossenes Verwertungssystem. Ohne eigene Weiterverarbeitung müssen recycelte
SEE oder Oxide, Legierungen und Komponenten wieder nach China exportiert werden.
– China ist bereits Vorreiter bei der Integration von Rückgewinnungstechnologien in bestehende
Produktionsprozesse. Auch in Europa könnten gezielte industriepolitische Maßnahmen und die erwartete
Zunahme an End-of-Life-Materialien das Recycling voranbringen. Prognosen zufolge ließe sich in etwa
10 Jahren bis zu einem Drittel der SEE-Nachfrage durch Recycling decken, vorausgesetzt, die
wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen entwickeln sich entsprechend.
Wie könnten sich Liefer- und Wertschöpfungsketten bei seltenen Erden in den nächsten 10 Jahren
entwickeln? Welche Szenarien sind wahrscheinlich?
– Entwicklungen in den Bereichen Bergbau, Verarbeitung/Raffination, Recycling/Kreislaufwirtschaft,
Substitution, Handels- und Zollpolitik, Nachfrage sowie Marktgestaltung werden Liefer- und
Wertschöpfungsketten – und damit den Grad der Rohstoffsouveränität – maßgeblich beeinflussen. Diese
Faktoren stellen zentrale Stellgrößen für die Versorgung mit seltenen Erden dar: Es sind
Schlüsselfaktoren. Für jeden von ihnen sind unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten (Projektionen) plausibel,
die auf Basis der Unterkapitel erarbeitet wurden. Im Rahmen eines schlüsselfaktorbasierten
Szenarioansatzes lassen sich diese Projektionen zu drei konsistenten Szenarien bündeln.
– Szenario „Blockierte Souveränitätswende“: Die globale Ordnung im Jahr 2035 hat sich in zwei Blöcke
aufgespalten – China und Russland auf der einen Seite, die USA und die EU auf der anderen Seite,
wobei die USA und China teilweise als eigenständige Supermächte agieren. Sicherheit hat Vorrang vor
1 Verordnung (EU) 2024/1252 vom 11. April 2024 zur Schaffung eines Rahmens zur Gewährleistung einer sicheren und nachhaltigen
Versorgung mit kritischen Rohstoffen und zur Änderung der Verordnungen (EU) Nr. 168/2013, (EU) 2018/858, (EU) 2018/1724 und
(EU) 2019/1020
Nachhaltigkeit. Die Nachfrage nach seltenen Erden verschiebt sich deshalb von grünen Technologien
hin zum militärischen Bereich und steigt nur verhalten an. Afrikanische und asiatische Länder schließen
lieber mit den USA und China Rohstoffpartnerschaften als mit der EU. Investitionen in den
Rohstoffabbau stagnieren aufgrund der schwachen Nachfrage, geopolitischer Unsicherheiten und chinesischer
Gegenstrategien, die die Souveränitätsbestrebungen der EU torpedieren sollen. Chinas bereits gefestigte
Stellung im Bergbau und in der Raffination ermöglicht es dem Land, seine Dominanz nachhaltig zu
verteidigen. Recycling und Substitution bleiben Randthemen ohne signifikanten Einfluss auf die
Versorgungslage. Chinas Marktmacht und Europas Zögerlichkeit verhindern eine relevante
Rohstoffunabhängigkeit.
– Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“: Die EU sieht sich mit einer multipolaren Weltordnung
konfrontiert, in der Länder Klima- und Umweltthemen sehr unterschiedlich priorisieren. Die Nachfrage
nach SEE steigt daher nur moderat an. Die EU konkurriert mit vielen Ländern um
Rohstoffpartnerschaften, manche kann sie abschließen. China setzt seine Exportkontrollen fort: Mit Förderprogrammen
und der Einführung eines Referenzpreismodells wird ein Investitionsklima geschaffen, das
Bergbauprojekte außerhalb Chinas ermöglicht. Hiervon profitiert direkt wie indirekt auch die EU. Die
Weiterverarbeitungskapazitäten in Europa werden ausgebaut. Durch gezielte politische Maßnahmen entsteht
eine europäische Recycling- und Vorproduktinfrastruktur. Stoffströme enden aber häufig noch
außerhalb Europas. Es können teilweise Fortschritte in der Substitutionsforschung erzielt werden. Durch neue
Bezugsquellen und eigene Verarbeitungsstufen kann die EU ihre Handlungsspielräume bedingt
erweitern.
– Szenario „Proaktive Souveränitätswende“: Handels- und Zollkonflikte flauen ab. Die Rückkehr von
Klima- und Umweltfragen auf die politischen Agenden lässt die Nachfrage nach SEE beträchtlich
zunehmen. Die EU schließt Rohstoffpartnerschaften ab und investiert mittels Public Partnerships in
aussichtsreiche Bergbauprojekte. Dies wird dazu beitragen, ihre Versorgung in den 2040er und 2050er
Jahren zu sichern. Dass es bis 2035 kaum Fortschritte im Bergbau außerhalb Chinas gegeben hat,
verursacht inzwischen kaum Probleme. Denn die EU hatte Mitte der 2020er Jahre noch rechtzeitig ihre
Souveränitätsstrategie nachjustiert und konsequent auf Recycling und Substitutionsforschung gesetzt.
Als Brückeninstrument zur Dämpfung damaliger, durch China erzeugter Preisvolatilitäten diente die
EU-Reserve für SEE. Inzwischen ist die EU gegen die Störung und Unterbrechung von Lieferketten
gewappnet: Ein beträchtlicher Teil seltener Erden, die sie benötigt, befindet sich in Art von Reserven
und recyclingfähigen Produkten in ihrem Hoheitsgebiet.
Welche Handlungsperspektiven lassen sich ableiten?
– Durch Recycling, Kreislaufstrategien, Substitution und den Aufbau einer SEE-Reserve kann
mittelfristig die strategische Souveränität der EU bei seltenen Erden erhöht werden. Der Vorteil ist, dass diese
Maßnahmen an SEE ansetzen, die sich bereits in der EU befinden bzw. – im Fall von Substitution – auf
die Verminderung der Nachfrage abzielen.
– Die finanzielle Unterstützung von Bergbauprojekten außerhalb Chinas kann langfristig zur
Diversifizierung von Bezugsquellen beitragen und ist sinnvoll, sofern in der EU auch Möglichkeiten zur
Weiterverarbeitung der Primärrohstoffe geschaffen werden.
1 Einleitung
‒ China hat eine marktbeherrschende Stellung bei seltenen Erden inne. Auch Deutschland ist massiv von
chinesischen Importen abhängig, insbesondere im Hinblick auf seltene Erdmetalle.
‒ Vor dem Hintergrund der angespannten geopolitischen Situation gewinnen politische Maßnahmen zur
Erreichung von Rohstoffsouveränität an Bedeutung.
Seltene Erden sind für Deutschland zentral, um die Energie- und Mobilitätswende umzusetzen sowie die
Digitalisierung weiter voranzutreiben. Ihr Vorkommen ist weltweit verteilt, die größten Reserven befinden sich
allerdings in wenigen Ländern. Auch der Abbau und die Weiterverarbeitung werden in nur wenigen Staaten
durchgeführt, wobei China diesbezüglich eine marktbeherrschende Stellung einnimmt. 49 % der frühen
Gewinnungsoder Verarbeitungsstufen seltener Erden (Seltenerdchemikalien mit relativ niedriger Seltenerdoxidkonzentration)
und 84 % der weiterverarbeiteten Zwischenprodukte (Seltenerdmetalle) führt Deutschland aus China ein (Bähr et
al. 2024, S. 43). Ende 2023 verschärfte China seine Exportgesetze und untersagte die Ausfuhr von Technologien
zur Verarbeitung von seltenen Erden. Expert/innen vermuten, dass diese Maßnahme mit dem Ziel verbunden sein
könnte, weiterhin die gesamte Wertschöpfungskette zu kontrollieren.
Seltene Erden werden bisher von Deutschland ausschließlich als weiterverarbeitete Produkte importiert, für die
eine Lagerhaltung aufgrund chemischer Eigenschaften wie chemische Instabilität und Toxizität herausfordernd
und daher kaum verbreitet ist, sodass kurzfristige Verknappungen bisher nicht ausgeglichen werden können. Vor
dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Situation ist es deshalb umso dringlicher, dass sich Deutschland
und Europa im Sinne der Risikominimierung aus der Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieterstaat befreien.
Aufgrund weniger alternativer Anbieter wird dies jedoch nicht durch Diversifizierung allein möglich sein. Im
Themenkurzprofil Nr. 69 „Seltene Erden: Rohstoffsicherung und Potenziale der Gewinnung in Europa“ (TAB
2024) wurden hierzu verschiedene Strategien überblicksartig beschrieben: die Erschließung heimischer
Lagerstätten, das Recycling seltener Erden und der Aufbau einer europäischen Kreislaufwirtschaft.
Zielstellung
Zur Weiterbearbeitung und Vertiefung der Inhalte des Themenkurzprofils wird in dieser TA-Kompakt-Studie das
Thema der Rohstoffsouveränität mit Fokus auf Recycling und Kreislaufwirtschaft von seltenen Erden analysiert:
Die Auseinandersetzung erfolgt anhand von sechs Leitfragen:
– Was sind seltene Erden und was macht sie so besonders?
– Welche Abhängigkeiten bestehen entlang der Wertschöpfungs- und Lieferkette?
– Welche Ansätze für mehr Rohstoffsouveränität gibt es und wie tragfähig sind diese?
– Welches Potenzial haben Recycling und die Etablierung einer Kreislaufwirtschaft für mehr
Rohstoffsouveränität?
– Wie könnten sich Liefer- und Wertschöpfungsketten bei seltenen Erden in den nächsten 10 Jahren
entwickeln? Welche Szenarien sind wahrscheinlich?
– Welche Handlungsperspektiven lassen sich ableiten?
Vorgehensweise
Die vorliegende TA-Kompakt-Studie wurde in vier aufeinander aufbauenden methodischen Schritten bearbeitet:
Im ersten Schritt erfolgten eine umfassende Literaturrecherche und Literaturanalyse. Hierzu wurden Berichte,
Studien und wissenschaftliche Publikationen zu seltenen Erden zu den zuvor genannten Leitfragen ausgewertet.
Im zweiten Schritt wurden sechs Interviews mit relevanten Expert/innen aus Wissenschaft, Industrie und
Verbänden aus den Bereichen Geopolitik, Herstellung und Produktion, Kreislaufwirtschaft und Recycling geführt.
Auf Grundlage der aus der Desktoprecherche und den Experteninterviews gewonnenen Informationen wurden
mithilfe eines schlüsselfaktorbasierten Szenarioansatzes drei alternative Szenarien zur Rohstoffsouveränität in
Bezug auf seltene Erden aus EU-Perspektive entwickelt. Hierfür wurden unterschiedliche Projektionen, also
wahrscheinliche Entwicklungsmöglichkeiten, für sieben Schlüsselfaktoren entworfen. Als Schlüsselfaktoren, also
maßgebliche Einflussfaktoren, für die SEE-Souveränität konnten Bergbau, Raffination/Verarbeitung,
Recycling/Kreislaufwirtschaft, Substitution, Handels- und Zollpolitik, Nachfrage sowie Marktgestaltung identifiziert
werden. Die drei Projektionen pro Schlüsselfaktor wurden aus den Inhalten der Unterkapitel dieser Studie
abgeleitet und werden am Ende der einschlägigen Unterkapitel in den Kästen 2.1, 2.2, 3.2, 3.3, 4.1, 4.2 und 5.1
dargestellt. Für jede Projektion wird eine plausible Entwicklungsmöglichkeit (Ausprägung) genannt und in einigen
Sätzen beschrieben. Zur Entwicklung der Szenarien wurden die einzelnen Projektionen in einem morphologischen
Kasten abgetragen und zu konsistenten Projektionsbündeln kombiniert. Dabei wurden diejenigen Projektionen zu
einem Projektionsbündel zusammengefasst, die in Kombination miteinander möglichst kaum oder gar keine
immanenten Widersprüche aufweisen. Für eine bessere Nachvollziehbarkeit sind die Projektionen in den Kästen
bereits denjenigen Szenarien zugeordnet, in denen sie in Kapitel 6 aufgegriffen werden.
Wie viele andere Szenarien basieren auch die drei in dieser TA-Kompakt-Studie entwickelten Szenarien sowohl
auf Daten als auch auf Erfahrungswissen und subjektiven Annahmen des Autorenteams. Ihre Erstellung ist
Konstruktionsarbeit (Kosow/Gaßner 2008, S. 10). Mit Szenarien wird nicht die Absicht verfolgt, Ereignisse genau
vorherzusagen: Sie sind keine Prognosen (Pillkahn 2007, S. 170). Es handelt sich bei ihnen vielmehr um
hypothetische Zukunftsbilder (Pillkahn 2007, S. 168), die Entscheidungsträger/innen aufzeigen sollen, welche
Chancen und Risiken in Zukunft entstehen könnten und welche Weichenstellungen und Rahmensetzungen
vorgenommen werden können, um wünschenswerte Entwicklungen zu fördern (Opiela et al. 2018, S. 4 f.). Dadurch können
sie als Grundlage für die Beschreibung von Handlungsperspektiven und die Entwicklung von Handlungsoptionen
genutzt werden.
Die vorliegenden Szenarien wurden in ihrer Rohform in einem Workshop mit neun Expert/innen diskutiert,
validiert und weiterentwickelt.
Die Ergebnisse der vier Arbeitsschritte wurden abschließend für die Berichtserstellung aufbereitet.
Aufbau des Berichts
In Kapitel 2 werden zunächst die wesentlichen Eigenschaften und Unterscheidungsmerkmale seltener Erden
vorgestellt. Anschließend erfolgt eine geografische Einordnung der weltweit verfügbaren Reserven, der aktuellen
Bergbauförderung sowie geplanter Projekte und der Weiterverarbeitung. Besonderes Augenmerk gilt dabei den
bestehenden Abhängigkeiten und möglichen Diversifikationspotenzialen.
Darauf aufbauend wird die Bedeutung seltener Erden für Zukunftstechnologien analysiert. Zudem wird eine
Einschätzung zur zukünftigen Nachfragentwicklung vorgenommen, ergänzt um einen Blick auf
Substitutionsmöglichkeiten (Kapitel 3). Es folgt die Betrachtung der geopolitischen Rolle seltener Erden sowie der strategischen
Ansätze der EU zur Stärkung der Rohstoffsouveränität (Kapitel 4).
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bedeutung von Recycling und Kreislaufwirtschaft für mehr
Unabhängigkeit (Kapitel 5). Im Anschluss werden drei Szenarien entwickelt, die unterschiedliche Souveränitätsniveaus
Europas im Umgang mit seltenen Erden bis 2035 sowie die möglichen Entwicklungspfade dorthin aufzeigen
(Kapitel 6).
In Kapitel 7 werden aufbauend auf den Szenarien Handlungsperspektiven zur Erreichung von mehr strategischer
Souveränität bei seltenen Erden diskutiert.
Danksagung
Wir bedanken uns sehr herzlich bei den Expert/innen, die mit ihrem Engagement für Interviews und den
Workshop zur Verfügung standen. Ein ebenso herzlicher Dank geht an Reinhard Grünwald und Arnold Sauter für die
Durchsicht des Berichtsentwurfs und hilfreiche Verbesserungsvorschläge sowie Ulrike Goelsdorf für die
Durchsicht und Gestaltung der Endfassung des Manuskripts, außerdem Jost Lüddecke für das Lektorat sowie Anne-
Sophie Piehl für die Grafikgestaltung.
2 Charakterisierung und Gewinnung seltener Erden
‒ Seltene Erden sind Mineralien bzw. Metalle. 16 Elemente des chemischen Periodensystems werden ihnen
zugerechnet. Sie werden in leichte, mittelschwere und schwere seltene Erden unterschieden.
‒ Seltene Erden sind – anders als die Bezeichnung suggeriert – keinesfalls selten. Schätzungen gehen davon
aus, dass die weltweiten Reserven etwa 100 Mio. t betragen. Einzelne Elemente wie Cer kommen sogar
häufiger in der Erdkruste vor als Kupfer.
‒ Reserven seltener Erden befinden sich überwiegend in China. Auch in Brasilien, Indien und Australien
existieren nennenswerte Vorkommen.
‒ Heutzutage werden mit 270.000 t seltener Erdoxide (REO) 70 % der weltweit abgebauten Menge seltener
Erden in China gefördert, wo sich 15 der weltweit etwa 40 aktiven Bergbaustandorte befinden. Mit
großem Abstand folgen die USA (45.000 t REO), Myanmar (31.000 t REO), Australien, Nigeria und
Thailand (jeweils 13.000 t REO). Kleine Mengen werden auch von Indien (2.900 t REO), Russland (2.500 t
REO), Madagaskar (2.000 t REO), Vietnam (300 t REO), Malaysia (130 t REO) und Brasilien (20 t REO)
abgebaut.
‒ Nur 19 Bergbauprojekte außerhalb Chinas werden als weit fortgeschritten eingestuft. Die Zeitspanne von
der Exploration bis zur Produktion einer Mine umfasst typischerweise Jahrzehnte.
‒ Die Dominanz Chinas bei der Raffination bzw. Weiterverarbeitung seltener Erden ist noch weitaus größer
als beim Abbau: 90 % der weltweiten Wertschöpfung finden dort statt.
Die seltenen Erden (Rare Earths) sind Mineralien bzw. Metalle, die aus bestimmten chemischen Elementen
bestehen (ISE 2023; TAB 2024, S. 1; Tradium GmbH o. J.; WD 2022, S. 4 ff.). Der Begriff seltene Erden ist insofern
irreführend, da die Elemente insgesamt relativ häufig in der Erdkruste vorkommen und der Begriff Erden während
des 18. Jahrhunderts, als seltene Erden zuerst entdeckt wurden, für die Bezeichnung von Oxiden genutzt wurde
(WD 2022, S. 4). Als selten gelten die Elemente deswegen, weil ihr Abbau aufgrund der jeweiligen
Vorkommnisse in der Regel nur in wenigen Fällen wirtschaftlich rentabel möglich ist (TAB 2024, S. 1; WD 2022, S. 4).
Seit mehr als 30 Jahren werden seltene Erden in Hochtechnologieprodukten verwendet (Bhattarai et al. 2024,
S. 2).
2.1 Eigenschaften
Zu den seltenen Erden werden üblicherweise 16 Elemente des chemischen Periodensystems gezählt
(Abbildung 2.1), mitunter auch das Element Scandium (Sc). Da es aber andere chemische und geologische
Eigenschaften und Verwendungsbereiche (insbesondere Legierungen) hat und weil dessen Vorkommen keine anderen
seltenen Erden enthalten (DERA 2025, S. 12, 14), wird es gelegentlich bei der Aufzählung weggelassen. Die seltenen
Erdelemente (SEE) können ihrerseits unterteilt werden in leichte, mittelschwere und schwere SEE.2 Die
Unterteilung basiert unter anderem auf der Häufigkeit des Vorkommens (leichte SEE kommen häufiger vor als
mittelschwere und schwere SEE), den chemischen Eigenschaften (unter anderem Ordnungszahl) sowie den potenziellen
Anwendungen.
2 Häufig wird nur eine Einteilung in leichte und schwere SEE vorgenommen. Die Untergruppe der mittelschweren SEE wird dabei den
schweren SEE zugeordnet. Diese Zweiteilung wird daher auch im weiteren Berichtsverlauf übernommen.
Abbildung 2.1 Seltene Erden im Periodensystem der Elemente
Eigene Darstellung nach DERA (2025, S. 15)
Die chemischen und physikalischen Eigenschaften seltener Erden variieren von Element zu Element. Mit
Ausnahme von Promethium (Pm) treten alle Elemente in der Natur auf. Promethium kann nur durch eine Kernreaktion
erzeugt werden und ist radioaktiv, kurzlebig und praktisch von geringer ökonomischer Relevanz (Brückner 2021,
S. 5 f.; DERA 2025, S. 14). In elementarer Form erscheinen die SEE eisengrau bis silbrig glänzend; je reiner die
einzelnen Elemente sind, desto elastischer sind sie (DERA 2021, S. 302). Europium (Eu) ist das einzige SEE, das
unter allen Bedingungen leicht oxidiert, während die anderen Elemente vor allem bei Raumtemperatur oxidieren.
Die Geschwindigkeit der Oxidation ist abhängig von der Luftfeuchtigkeit und nimmt mit steigender
Luftfeuchtigkeit zu (Brückner 2021, S. 7). In Pulverform können SEE viel Wasserstoff aufnehmen und bei Einwirkung
schwacher Säuren lösen sie sich schnell auf (DERA 2021, S. 302). Bei erhöhten Temperaturen entzünden sich
SEE und reagieren mit anderen nichtmetallischen Elementen. Die Spanne der Schmelzpunkte ist recht hoch: Sie
reicht von 798° C bei Cer bis zu 1.633° C bei Lutetium (DERA 2021, S. 302; ISE 2023). SEE-Metalle sind
insbesondere in Pulverform brennbar und explosiv (DERA 2025, S. 15). Ihre spezifischen Eigenschaften haben dazu
geführt, dass SEE in verschiedenen Anwendungen genutzt werden, zum Beispiel in Elektromotoren,
Permanentmagneten, Lautsprechern oder elektrischen Sensoren (ISE 2023). Eine detaillierte Übersicht folgt in Kapitel 3.
2.2 Vorkommen
Seltene Erden kommen relativ häufig in der Erdkruste vor (Abbildung 2.2), leichte SEE dabei noch häufiger als
schwere SEE (ISE 2023). Einzelne Elemente wie Cer liegen sogar in höherer Konzentration vor als beispielsweise
Kupfer (DERA 2025, S. 16).
Abbildung 2.2 Anteile unterschiedlicher SEE in der Zusammensetzung der oberen Erdkruste
Quelle: nach Bhattarai et al. (2024, S. 2)
SEE sind überall auf der Welt zu finden (Abbildung 2.3), insbesondere in China, den USA, Australien und
Russland sowie Kanada, Indien, Südafrika und Südostasien (ISE 2023). Schätzungen gehen davon aus, dass die
weltweiten Reserven von SEE, also nachgewiesene Vorkommen, über 100 Mio. t betragen (U.S. Geological Survey
2025, S. 145), wobei der größte Teil davon (ca. 44 Mio. t) in China vermutet wird. Weitere nennenswerte
Reserven konnten in Brasilien (ca. 21 Mio. t), Indien (ca. 6,9 Mio. t) und Australien (ca. 5,7 Mio. t) nachgewiesen
werden (U.S. Geological Survey 2025, S. 145). Allerdings können sich je nach Abbaudynamik (Ausbeutung
bestehender sowie Erschließung neuer Lagerstätten) und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (Rohstoffpreise,
Nachfrage sowie Erschließungskosten) die bilanzierten Mengen der Reserven verändern (U.S. Geological Survey
2025, S. 207).
Abbildung 2.3 Reserven an seltenen Erden in ausgewählten Ländern 2023
Quelle: nach U.S. Geological Survey (2025, S. 145)
In Deutschland werden mehrere Forschungs- und Explorationsvorhaben zu SEE durchgeführt, etwa in Sachsen
(Storkwitz und Eichigt), Bayern (zum Beispiel Fichtelgebirge), Baden-Württemberg (Kaiserstuhl), Niedersachsen
(Harz) und in Mecklenburg-Vorpommern (Ostseesande). Nach bisherigen Erkenntnissen scheint die Gewinnung
von seltenen Erden aus diesen Vorkommen jedoch nicht wirtschaftlich zu sein (Henning et al. 2024, S. 12 f.;
DERA 2025, S. 110 f.).
Der Abbau von seltenen Erden setzt voraus, dass die jeweiligen Lagerstätten bestimmten Anforderungen genügen
(Tabelle 2.1). Dazu gehören nicht nur betriebswirtschaftliche Kriterien, sondern auch klimatische und
infrastrukturelle Bedingungen. Das wesentliche Kriterium ist aber der wirtschaftliche Mindestabbaugehalt. Hier hat sich
aufgrund der Dominanz chinesischer Vorhaben und Bergbauunternehmen die dort genutzte Einteilung durchgesetzt
bzw. kann auf andere Lagerstätten weltweit übertragen werden. Damit sich ein Abbau lohnt, sollte der Mindestgehalt
seltener Erden 1 % betragen sowie der Inhalt der Lagerstätte mindestens 100.000 t (DERA 2025, S. 39 ff.).
Von der Exploration bis zur Herstellung von SEE-Produkten vergehen zumeist mehrere Jahrzehnte. Die
Ankündigungen von Produktionsstarts durch Bergbauunternehmen sind bisher häufig zu optimistisch und können nicht
eingehalten werden, etwa weil Investitionen ausbleiben und/oder kein Zugang zu chinesischem Know-how
besteht (DERA 2025, S. 43).
Tabelle 2.1 Kriterien für die Lagerstättenwahl
betriebswirtschaftliche Kriterien Aufwand und Kosten für die Ausbeutung der Lagerstätte, Zugang zu
Finanzmitteln, etwas als Kredite oder Zuschüsse, Vorkommen weiterer Wertminerale,
Transportkosten für Material, Maschinen und Menschen, Konzept und
Finanzierung: Welche Wertschöpfungstiefe wird angestrebt und welche Kosten sind
damit verbunden?
klimatische Kriterien Gemäßigte klimatische Bedingungen sind (sub)arktischen oder (sub)tropischen
Klimaten vorzuziehen, da dort extreme Anforderungen an Menschen und
Material bzw. Maschinen gestellt werden.
infrastrukturelle Kriterien Erreichbarkeit: fehlende bzw. erst einzurichtende Zufahrtswege, notwendiger
Aufbau von Strom- und Wasserversorgung
geologische Kriterien Aufwand für die Gewinnung und Weiterverarbeitung, Mindestabbaugehalt, der
einen Abbau wirtschaftlich rentabel macht
sonstige Kriterien Know-how, insbesondere bezogen auf die chemische Aufbereitung des SEE-
Mineralkonzentrats und Separation, Länderrisiko: Regierungsführung im
Produktionsland, Bergbaugesetzgebung, Umwelt- und Sozialrisiken, zum Beispiel
potenziell negative Auswirkungen auf Ökosysteme, radioaktive oder chemische
Kontamination und fehlende Akzeptanz von Abbauaktivitäten durch die lokale
Bevölkerung
Quelle: nach DERA (2025, S. 41 ff.)
Auf Grundlage der zuvor genannten Kriterien können zurzeit lediglich 19 Bergbauprojekte außerhalb Chinas als
weit fortgeschritten betrachtet werden (DERA 2025, S. 12). Selbst für sechs dieser weit fortgeschrittenen Projekte
wird der Produktionsbeginn jedoch als unrealistisch eingeschätzt (Zeile „Projektstand“ Tabelle 2.2): Dies sind
Elk Creek (USA), Kringlerne (Grönland), Dong Pao (Vietnam), Kvanefjeld (Grönland), Tomtor (Russland) und
Lofdal (Namibia). Bei vier der am weitesten fortgeschrittenen Bergbauprojekte sind zudem chinesische
Unternehmen Lizenzinhaber bzw. an Unternehmen beteiligt, die die Lizenz für den Abbau erworben haben (chinesische
Anteile im Folgenden in Klammern):
– Phaxay (Laos): (86 %) (DERA 2025, S. 193 f.)
– Ngualla (Tansania): (42 %) (DERA 2025, S. 189 f.)
– Nechalecho (Kanada): zwei Abbauzonen: Basal Zone (0 %); Upper Zone (9,9 %) (DERA 2025, S. 187 f.)
– Kvanefjeld (Grönland): Gesamtanteil unklar, chinesische Anteile bei einem von zwei Lizenzinhabern 10,5 %
(DERA 2025, S. 181 f.)
Tabelle 2.2 Übersichtsdarstellung und Ranking der am weitesten fortgeschrittenen
Bergbauprojekte außerhalb Chinas nach 20 Kriterien
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Endprodukt1)
++ ++ – – + + – – + + + + – – + ++ + + ++ – – ++ – –
Infrastruktur
Vorkommen2)
+ + – – o – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – +
Konzept3) ++ ++ + ++ o + + + – + + + – + + – – – – – – –
Klima4) ++ ++ + ++ o o – – – – – – o – – – – – o – – – – ++
Länderrisiko5) ++ ++ – + – o o ++ – – o ++ – ++ ++ ++ o ++ ++ +
Aufwand
Gewinnung6), 7)
++ o ++ – ++ + o o – o – – o – – o – – o o – – –
Aufwand
Aufbereitung8),
9)
++ o ++ + ++ – – o – + + o – – o – – + – o
Aufwand
Separation10), 11)
– o – – o o – o o – – o – – o o o – o
Radioaktivität12)
– – – – – – + ++ ++ ++ – – o + ++ – + – – – – – ++ + –
Umwelt-/
Sozialrisiken13)
++ ++ ++ ++ – ++ ++ o – – ++ ++ + ++ – – ++ o – – – – ++
Größe14) – – – – o o ++ o + ++ o o ++ ++ ++ – – o ++ ++ – –
Gehalt15) ++ – ++ + – – + + + ++ + ++ o ++ o – ++ ++ ++ – –
Wertminerale16) o ++ ++ ++ – – ++ – – + ++ – – – – – + + – – o ++ + +
Projektstand17) ++ o + o ++ o – – o – – o o – o – – o – – – – – – –
Investitionskosten18)
– – – – – o o o o – – – – – o o – – – o o + – – – –
Finanzierung19) ++ + ++ + ++ + – + – – – + – – + + – – – – – – –
Bergbauerfahrung6), 20)
++ + ++ – – ++ – – ++ – – ++ – – – – – – – – – – – – + – – – – – –
Aufbereitungserfahrung7), 21)
++ + ++ o ++ o + o ++ – – – – – – o – – – – – – – – –
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Separationserfahrung8), 22)
++ + ++27
)
o ++ ++25
)
+ o + – – – – – – – ++25
)
++26
)
– – – – – – –
Anmerkungen23)
++ + o o o – – – o + o – – – – – – o – – – – +
gesamt +22 +12 +11 +10 +9 +6 0 –2 –4 –5 –6 –7 –7 –7 –8 –10 –12 –12 –15
Auf einer Skala von –40 bis +40 (Summe der 20 Einzelbewertungen); – – = –2 = sehr schlecht, – = –1, o = 0, + = +1 und ++
= +2 = sehr gut)
Quelle: DERA (2025, S. 242)
Drucksache 21/XXXXX – 19 – Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode
Erläuterungen zu Tabelle 2.2
1) SE-Mineralkonzentrat bzw. keine Information: – –,
SE-Mischkonzentrat unbekannter Art: –,
verschiedene SE-Mischkonzentrate: o,
SE-Mischkarbonat, SE-Mischoxalat, nur einige separierte Oxide (leichte
SEO) oder Ähnliches: +,
separierte SEO oder Ähnliches: ++
2) keinerlei Infrastruktur: – –,
geringe Infrastruktur: –,
zum Teil vorhandene Infrastruktur: o,
größtenteils vorhandene Infrastruktur: +,
ausgezeichnete Infrastruktur: ++
3) unlogisches oder fehlendes Konzept: – –,
aufwändiges Konzept: –,
Teilkonzept: o,
gut durchdachtes Teilkonzept: +,
schlüssiges, vollständiges, gut durchdachtes Konzept: ++
4) arktisches bzw. subarktisches Klima: – –,
arides bzw. semiarides Klima: –,
tropisches bzw. subtropisches Klima: o,
kühles bzw. heißes Klima: +,
mediterranes bzw. temperiertes Klima: ++
5) nach (World Bank Group 2024)
6) Gewinnung in dieser Studie: bergmännische Förderung des SE-Erzes oder
anderen Gesteins
7) Untertagebergbau: – –,
selektiver Festgesteinsabbau: –,
Festgesteinsabbau: o,
Lockergesteinsabbau: +, Seifenabbau: ++
8) Aufbereitung in dieser Studie: physikalische oder physikalisch-chemische
Abtrennung der SE-Minerale aus dem Erz und Herstellung eines möglichst
hoch angereicherten SE-Mineralkonzentrats zur besseren Separation
9) sehr hoch bzw. Versuche eingestellt: – –,
hoch bzw. vermutlich hoch: –,
mittel bzw. Versuche ausstehend: o,
gering bzw. vermutlich gering: +,
sehr gering: ++
10) Separation in dieser Studie: chemische Aufbereitung des SE-
Mineralkonzentrats zum Teil auch des gesamten Erzes zur Abtrennung der SE-
Fraktion und gegebenenfalls auch Fraktionierung in einzelne SE, SEO oder SE-
Verbindungen
11) sehr hoch bzw. Versuche eingestellt: – –,
hoch bzw. vermutlich hoch: –,
mittel bzw. Versuche ausstehend: o,
gering bzw. vermutlich gering: +,
sehr gering: ++
12) U3O8 > 100 ppm und ThO2 > 400 ppm: – –,
U3O8 > 100 ppm und ThO2 < 400 ppm oder U3O8 < 100 ppm und ThO2 >
400 ppm: –
U3O8 >< 100 ppm und ThO2 unbekannt oder U3O8 unbekannt und ThO2
>< 400 ppm: o
U3O8 < 100 ppm und ThO2 < 400 ppm: +
U3O8 << 100 ppm und ThO2 << 400 ppm: ++
13) voraussehbare gravierende Umwelt-/Sozialrisiken: – –,
mögliche Umwelt-/Sozialrisiken: –,
Umwelt-/Sozialrisiken nicht bewertbar: o,
nur unbedeutende Umwelt-/Sozialrisiken: +,
keine erkennbaren Umwelt-/Sozialrisiken: ++
14) leichte SEO-dominierte Lagerstätten: < 500.000 t SEO-Inhalt: – –,
501.000 – 900.000 t SEO-Inhalt: –,
901.000 – 1.100.000 t SEO-Inhalt: o,
1.101.000 – 1.500.000 t SEO-Inhalt: +,
> 1.500.000 t SEO-Inhalt: ++
schwere SEO-reiche Lagerstätten: < 10.000 t SEO-Inhalt: – –,
10.001 – 50.000 t SEO-Inhalt: –,
50.001 – 100.000 t SEO-Inhalt: o,
100.001 – 250.000 t SEO-Inhalt: +,
> 250.000 t SEO-Inhalt: ++
15) leichte SEO-dominierte Lagerstätten: < 0,50 % SEO: – –,
0,51 – 0,99 % SEO: –,
1,00 – 2,00 % SEO: o,
2,01 – 5,00 % SEO: +,
> 5,01 % SEO: ++
schwere SE-reiche Lagestätten: < 0,05 % SEO: – –,
0,05 – 0,08 % SEO: –,
0,08 – 0,1 % SEO: o,
0,1 – 0,5 % SEO: +,
> 0,5 % SEO: ++
16) kein weiteres Wertmineral: – –,
ein weiteres Wertmineral: –,
zwei weitere Wertminerale: o,
drei weitere Wertminerale: +,
vier und mehr weitere Wertminerale: ++
17) kein realistischer Produktionsbeginn: – –,
Produktionsbeginn von mehreren Faktoren abhängig: –,
Produktionsbeginn finanzierungsabhängig: o,
Produktionsbeginn absehbar: +,
Projekt in Umsetzung: ++
18) > 1 Mrd. US-Dollar: – –,
1.000 – 500 Mio. US-Dollar: –,
500 – 250 Mio. US-Dollar bzw. keine Angaben: o,
250 – 100 Mio. US-Dollar: +,
< 100 Mio. US-Dollar: ++ [erfolgte keine Aufschlüsselung nach
Bergbau/Aufbereitung und Separation wurden die Kosten 1/5 zu 4/5 verteilt]
19) Finanzierung ausstehend: – –,
Finanzierung fraglich: –,
Finanzierung nicht bewertbar: o,
Finanzierung teilweise gesichert: +,
Finanzierung vollständig gesichert: ++
20) keinerlei Bergbauerfahrung: – –,
sehr geringe Bergbauerfahrung: –,
Bergbauerfahrung: o,
große Bergbauerfahrung: +,
sehr große Bergbauerfahrung: ++
21) keinerlei Aufbereitungserfahrung: – –,
sehr geringe Aufbereitungserfahrung: –,
Aufbereitungserfahrung: o,
große Aufbereitungserfahrung: +,
sehr große Aufbereitungserfahrung: ++ (Anm.: auch durch Versuche in
großen Pilotanlagen)
22) keinerlei Separationserfahrung: – –,
sehr geringe Separationserfahrung: –,
Separationserfahrung: o,
große Separationserfahrung: +,
sehr große Separationserfahrung: ++ (Anm.: auch durch Versuche in
großen Pilotanlagen)
23) keinerlei Pluspunkte/zahlreiche Minuspunkte: – –,
wenige Pluspunkte/Minuspunkte: –,
mehrere, aber nicht ausschlaggebende Pluspunkte/Minuspunkte: o,
zahlreiche, aber nicht ausschlaggebende Pluspunkte/keine Minuspunkte: +,
zahlreiche und ausschlaggebende Pluspunkte/keinerlei Minuspunkte: ++
24) erhöhter bzw. stark erhöhter Anteil an schweren SEO
25) durch Projektpartner Shenghe Resources
26) durch Anteilseigner Neo Performance Materials Inc.
27) durch Mutterunternehmen Energy Fuels Inc.“
Quelle: DERA (2025, S. 243)
Kasten 2.1 Projektionen Bergbau
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.1)
Projektion: Bis 2035 geht kein neuer Bergbaustandort in die Produktion.
Aufgrund der vielfältigen Hürden und Investitionsrisiken wird keines der aktuellen Bergbauprojekte in den
nächsten 10 Jahren in die Produktion gehen.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.2)
Projektion: 13 der 19 weltweit am weitesten fortgeschrittenen Bergbauprojekte gehen bis 2035 tatsächlich in
die Produktion.
Von den 19 weltweit am meisten fortgeschrittenen Projekte gehen diejenigen in die Produktion, deren
Produktionsbeginn aktuell nicht als unrealistisch eingestuft wird (Zeile „Projektstand“ Tabelle 2.2).
Diese 13 neuen Bergbaustandorte befinden sich schwerpunktmäßig in Australien (5) und Kanada (2). Jeweils
ein Bergbauprojekt liegt in Angola, Laos, Madagaskar, Südafrika, Tansania und den USA.
Die beiden Bergbauprojekte in Kanada, Phaxay in Laos und Browns Range in Australien können Erze mit
einem erhöhten bzw. stark erhöhten Anteil an schweren seltenen Erden fördern (gekennzeichnet mit Ziffer 24
in Tabelle 2.2).
Die Bergbaustandorte in Laos und Tansania sind von chinesischen Investoren abhängig. Ihre Produkte werden
im Wesentlichen auch nach China exportiert (DERA 2025, S. 189, 193). Nechalecho in Kanada ist ebenfalls
teilweise von einem chinesischen Investor abhängig. Die Mine exportiert in die USA, Frankreich und
Norwegen (DERA 2025, S. 187), die angolanische Mine nach UK (DERA 2025, S. 185) und die australische Mine
Yangibana nach Estland (DERA 2025, S. 200).
Szenario „Proaktive Souveränitätswende” (Kapitel 6.3)
Projektion: Drei der aktuell am weitesten fortgeschrittenen 19 Bergbauprojekte gehen in die Produktion.
Bis 2035 gehen nur Bergbauprojekte in die Produktion, die bereits 2025 in die Umsetzungsphase eingetreten
sind bzw. deren Produktionsbeginn absehbar ist und die zentrale Anforderungen an Lagerstätten erfüllen:
günstige klimatische Bedingungen, funktionierende Infrastruktur, geringe Transportkosten, förderliche
Bergbaugesetzgebung, begleitende Wertminerale und gesicherte Finanzierung. Das sind die Bergbauprojekte Eneabba
(Australien), Toliara (Madagaskar) und Phaxay in Laos (Zeile „Projektstand“ Tabelle 2.2).
Keines dieser drei Bergbauprojekte verfügt über Erze mit einem erhöhten bzw. stark erhöhten Anteil schwerer
seltener Erden (Tabelle 2.2).
Der Bergbaustandort in Laos ist von chinesischen Investoren abhängig. Seine Produkte werden im
Wesentlichen auch nach China exportiert (DERA 2025, S. 193). Toliara exportiert sein Monazitkonzentrat wesentlich
zur Weiterverarbeitung nach White Mesa Mill in Utah/USA (DERA 2025, S. 197).
2.3 Abbau und Weiterverarbeitung
SEE sind Bestandteil von Mineralien (Silikate, Oxide, Karbonate oder Phosphate). Sie können nur zusammen
abgebaut werden und ihre Konzentration ist davon abhängig, wie die jeweilige Lagerstätte3 zusammengesetzt ist.
Grundsätzlich sind die abbaubaren Konzentrationen seltener Erden geringer als bei den meisten anderen
mineralischen Rohstoffen (U.S. Geological Survey 2023, S. 143).
Zu den bedeutendsten Mineralien, in denen seltene Erden enthalten sind, zählen Bastnäsit, Monazit, Loparit,
Xenotim sowie Synchisit und Parisit (DERA 2025, S. 17). Nur die ersten vier Genannten wurden bisher im großen
Maßstab aufbereitet, während Synchisit und Parisit untergeordnet neben Bastnäsit vorkommen und somit
mitgewonnen werden können (DERA 2025, S. 17 f.).
Obwohl der Abbau seltener Erden historisch betrachtet im 19. Jahrhundert in Brasilien begonnen hat, findet er
gegenwärtig vor allem in China statt (DERA 2025, S. 44 f.). Hier wurden 2024 ca. 270.000 t REO abgebaut
(Abbildung 2.4). Das entspricht rund 70 % der weltweit abgebauten Menge von 390.000 t REO. An zweiter Stelle
folgen die USA, wo 2024 ca. 45.000 t REO abgebaut wurden. Bis in die 1980er Jahre waren die USA führend
3 Bereiche der Erdkruste, in denen sich der Abbau von Rohstoffen wirtschaftlich lohnt.
beim Abbau von SEE. Seitdem hat China bis 2017 seinen Anteil stetig gesteigert (DERA o. J. S. 3). Obschon
mittlerweile auch in anderen Ländern wie Myanmar, Australien, Nigeria und Thailand signifikante Mengen SEE
abgebaut werden (U.S. Geological Survey 2025, S. 145), ist China weiterhin größter Erzeuger von SEE. Dort
befinden sich 15 der weltweit etwa 40 aktiven Bergbaustandorte (DERA 2025, S. 124).
Abbildung 2.4 Minenproduktion von seltenen Erden wichtiger Erzeugerländer 2024
Quelle: nach U.S. Geological Survey (2025, S. 145)
Der Abbau seltener Erden (Abbildung 2.5) erfolgt durch Gewinnung von Erzen mittels bergbautechnischer
Verfahren wie Bohrungen, Sprengungen und Verladung, je nachdem, ob die Erze über- oder untertage gefördert werden.
Im Wesentlichen lassen sich vier unterschiedliche Typen von Lagerstätten unterscheiden (DERA 2025, S. 18 ff.):
– Karbonatite: Festgesteinslagerstätten, die durch magmatische Aktivität entstanden sind und vor allem
Monazit und Bastnäsit enthalten. Typisch ist ein relativ hoher SEE-Gehalt (bis zu 9 %) und eine Dominanz von
leichten seltenen Erden.
– Ionenadsorptionstone: Verwitterungsböden, die in tropisch-subtropischem Feuchtklima entstehen und
Mineralien in granitischen Gesteinen durch chemische Verwitterung an der Oberfläche anreichern.
Üblicherweise ist der SEE-Gehalt gering (bis 0,2 %) und der Inhalt liegt häufig unter 100.000 t; allerdings sind sie
teilweise mit schweren seltenen Erden angereichert und somit eine Hauptquelle dieser Elemente.
– Seifen- oder Schwermineralsandlagerstätten: In Strand-, Dünen-, Fluss- und küstennahen Regionen werden
in derartigen Lagerstätten vor allem Wertmineralien abgebaut, unter anderem Gold. Auch Monazit findet
sich hier, und insbesondere durch den Aufbereitungsprozess ist eine Anreicherung von Monazit4 mittlerweile
wirtschaftlich möglich.
– Peralkaline Gesteine: Ablagerungen, die aus alkalischen Gesteinsschmelzen in der Erdkruste entstehen und
komplexe Natriumsilikate enthalten, die teilweise einen erhöhten Anteil an schweren seltenen Erden
aufweisen. Allerdings ist die Aufbereitung bislang nicht etabliert.
Erheblicher Aufwand entsteht in der anschließenden Aufbereitung, in der die SEE-Minerale vom übrigen Gestein
getrennt werden müssen, um weiterverarbeitungsfähige Konzentrate zu erhalten. Aufgrund der vielfältigen
möglichen Zusammensetzung der abbaubaren Minerale gibt es keinen standardisierten Prozess, der die wesentlichen
4 Monazit enthält radioaktives Thorium, was die Aufbereitung aufwendig macht.
mechanischen und physikalisch-chemischen Schritte zur Aufbereitung umfasst. Vielmehr werden je nach
Ausgangsmaterial die einzelnen Schritte in Pilotanlagen abgestimmt (DERA 2025, S. 34).
Abbildung 2.5 Gewinnung seltener Erden
Quelle: nach BGR (2021, S. 2)
Die Weiterverarbeitung führt in den einzelnen Schritten zu unterschiedlichen verkaufsfähigen
Zwischenprodukten. Zu unterscheiden sind im Wesentlichen SEE-Mineralkonzentrate sowie SEE-Karbonate, -Oxalate, -Oxide
und -Chloride. Für die Herstellung von Permanentmagneten gelten besondere Anforderungen an die Reinheit,
sodass die SEE-Oxide noch einmal mittels Schmelzflusselektrolyse zu hochreinen Metallen raffiniert werden
(DERA 2025, S. 38).
Wie der Abbau erfolgt auch die Weiterverarbeitung zu großen Teilen in China. Der Anteil ist sogar noch höher,
sodass gegenwärtig mehr als 90 % der weltweiten Wertschöpfung – also die Summe des wirtschaftlichen
Mehrwerts, der entlang der internationalen Produktions- und Lieferketten entsteht – mit SEE in China stattfindet
(Interview Bender; IEA 2024a, S. 42). Darüber hinaus findet eine Raffination bzw. Weiterverarbeitung zu SEE-
Zwischenprodukten in Malaysia, Vietnam, Russland, Estland, Indien, Kasachstan und den USA statt (DERA
2025, S. 86 ff.). 19 Raffinationsprojekte befinden sich aktuell in Planungszustand (Tabelle 2.3). Selbst wenn der
Abbau beispielsweise in den USA oder in afrikanischen Ländern stattfindet, werden die Minerale zur
Aufbereitung nach China transportiert. So sind in China nicht nur über Jahre hinweg Weiterverarbeitungskapazitäten
entstanden, sondern dort ist auch erhebliches Know-how konzentriert.
Tabelle 2.3 Raffinationsprojekte
Land Projekt Inhaber Verfahren
Produktionsbeginn
Lieferkette Firmenabnehmer/
Invests
Australien
Kalgoorlie
Rare Earths
Processing
Facility
Lynas Rare Earths
Ltd.
Hydrometallurgie 2024 Malaysia/
USA
Australien
Eneabba Rare
Earths
Refinery
Iluka Resources
Ltd.
Hydrometallurgie
und Separation
(SX)
2027 teilweise
Weiterexport
nach China
Australien
Nolans Bore Arafura Resources
Ltd.
Hydrometallurgie
und Separation
2026/
2028
Kanada Siemens Gamesa
Renewable Energy, und Hyundai
Motor Company/Kia
Australien
Dubbo/Toongi Australian Strategic
Materials (Holding)
Ltd.
Hydrometallurgie
und Separation
2028 Südkorea
Frankreich
Caremag Carester SAS Recycling,
Separation
2026/
2027
Japan strategische Partnerschaft
mit Solvay S.A; Joint
Venture „Japan France
Rare Earth“ von Japan
Organization for Metals and
Energy Security (JOG-
MEC) und Iwatani
Corporation_ langfristiger
Liefervertrag zur Versorgung
Japans
Frankreich
La Rochelle Solvay S. A. Separation,
Metallproduktion
und
Magnetherstellung
2025? Kanada,
Deutschland,
Australien
Abnahmevertrag mit dem
Yangibana-Projekt von
Hastings in Australien
über 2.500 t/J. SE-
Mischkarbonat (Hastings hat
unter anderem auch
Abnahmeverträge für SE-
Mischkarbonat mit Schaeffler
Technologies AG & Co.
KG und Thyssenkrupp
Materials Trading GmbH
geschlossen). Außerdem
gibt es eine Ankündigung
der Avalon Advanced
Materials Inc. zur Lieferung
von SE-Mischkarbonat
(Menge unbekannt) von
deren kanadischem
Nechalecho-Projekt.
Kanada Saskatoon Saskatchewan
Research Council,
SRC
Hydrometallurgie
und Separation
(per Rapid SX®
Verfahren) sowie
Metallproduktion
2024 Australien,
Vietnam,
Japan
Abnahmeverträge von
Zulieferer Arafura unter
anderem an Hyundai, Kia
und Siemens Gamesa.
Land Projekt Inhaber Verfahren
Produktionsbeginn
Lieferkette Firmenabnehmer/
Invests
Malaysia
Gebeng Lynas Rare Earths
Ltd
Hydrometallurgie
und Separation
2025 Australien
Norwegen
Herøya REEtec A.S. Separation per
Hochleistungsflüssigkeitschromatografie
2024? Deutschland Es besteht ein
Abnahmevertrag mit der Schaeffler
AG.
Polen Puławy Rare
Earth
Separation Plant
Mkango Resources
Ltd. und Azoty
Zakłady Azotowe
Pulawy, The Grupa
Azoty Group)
Separation offen Malawi Songwe Hill-Projekt
(Malawi), technische
Unterstützung von Carester
Russland
Solikamsk OOO Lovozersky
GOK, 100 %
ROSA-TOM
Separation 2026
Schweden
Luleå LKAB Hydrometallurgie 2029/
2030
gegebenenfalls
Norwegen
Südafrika
Phalaborwa
Phosphogipshalden
Rainbow Rare
Earths Ltd.
Hydrometallurgie
und Separation
mittels
Ionenaustauschs und
Ionenchromatografie
offen USA US International
Development Finance Corporation
USA Seadrift U.S. Rare Earths
Processing Facility
der Lynas USA,
LLC, eine US-
amerikanische Tochter
des australischen
Unternehmens
Lynas Rare Earths Ltd.
Separation (SX) 2025/
2026
Australien
und
Malaysia
USA Mountain
Pass
MP HREE Facility Separationsanlage
(für schwere
seltene Erden)
offen
Mit der General Motors
Company besteht ein
Abnahmevertrag für die
produzierten
Permanentmagnete.
USA Alexandria Louisiana Strategic
Metals Complex
(LA-SMC) der
Ucore Rare Metals
Inc.
Separation 2025 USA,
Brasilien, Kanada,
Australien
USA Upton Bear Lodge
Pilotanlage der Rare
Element Resources Ltd.
Erzaufbereitung,
Hydrometallurgie,
Separation
2025
Aufbereitungsplanung erfolgt
durch die
Umwelt- und
Land Projekt Inhaber Verfahren
Produktionsbeginn
Lieferkette Firmenabnehmer/
Invests
Ingenieurtechnik
GmbH,
Dresden
USA Burlington Phoenix Tailings
Inc.
Hydrometallurgie,
Separation,
Metallproduktion
seit 2023
Pilotanlage
Zu den Geldgebern
gehören unter anderem BMW
und Yamaha. Das
Unternehmen hatte zuvor
30 Mio. US-Dollar an
Finanzmitteln und weitere
5 Mio. US-Dollar an
Zuschüssen von US-
Regierungsstellen, darunter dem
Energie- und dem
Verteidigungsministerium,
erhalten.
UK Saltend Pensana plc. Separation 2025/
2026?
abhängig
vom SEE-
Longojo-
Projekt in
Kanada
Quelle: nach DERA (2025, S. 94 ff.)
Der Abbau und die Weiterverarbeitung seltener Erden gehen mit erheblichen Folgen einher: Vor allem die
radioaktiven Elemente Uran und Thorium, die – in unterschiedlichen Anteilen – häufig in den SEE-Mineralien
vorkommen und bislang nicht als Rohstoffe weiterverarbeitet werden, müssen abgetrennt und gelagert werden. Hinzu
kommt ein erheblicher Bedarf an Chemikalien, die in den einzelnen Prozessschritten der Weiterverarbeitung zum
Einsatz kommen.
Die Folgen für die Umwelt durch Abbau und Weiterverarbeitung sind zum Teil erheblich, unterscheiden sich aber
auch in Abhängigkeit vom Typ der Lagerstätte. Vor allem Karbonatite werden in großen Bergwerken gewonnen,
aber auch Schwermineralsand und Ionenadsorptionstonlagerstätten (Tagebau) sind für die Gewinnung leichter
und schwerer seltener Erden relevant. Dementsprechend unterschiedlich fällt der Flächenverbrauch aus, der beim
Abbau, insbesondere bei der In-Situ-Laugung, und der Weiterverarbeitung entsteht (BGR 2021, S. 9 f.). Weitere
Umweltfolgen sind der Wasserbedarf, die zum Teil unzureichende Entsorgung radioaktiven Abwassers und
anderer bergbaulicher Rückstände sowie der Energiebedarf bzw. die damit verbundenen Treibhausgasemissionen,
wobei diese für den Abbau geringer ausfallen als für die Weiterverarbeitung (BGR 2021, S. 11 f.).
Neben den ökologischen Folgen ist vor allem auch der illegale Abbau problematisch. Insgesamt betrachtet geht
dieser zwar zurück, stellt aber dennoch in Ländern wie Myanmar ein erhebliches Problem dar (Interview
Erdmann). Nicht nur werden negative gesundheitliche Folgen hervorgerufen, etwa durch radioaktive Strahlung,
sondern auch die Finanzierung bewaffneter Gruppen in Myanmar wird durch den illegalen Abbau begünstigt (BGR
2021, S. 12).
Aktuell wird durch ein technisches Komitee der Internationalen Organisation für Normung ein einheitlicher
Standard für Nachhaltigkeit spezifisch für seltene Erden entwickelt, wobei davon auszugehen ist, dass dieser aufgrund
der Beteiligung der wichtigsten Erzeuger- und Abnehmerstaaten auch tatsächlich verbindlichen Charakter
entfalten kann (DERA 2025, S. 103).
Kasten 2.2 Projektionen Raffination
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.1)
Projektion: Bis 2035 bleibt die Raffination chinesisch dominiert.
Zwar geht der chinesische Marktanteil leicht zurück, China bleibt jedoch nach wie vor der dominante Player
im Bereich Raffination. Der Aufbau nennenswerter Raffinationskapazitäten anderswo scheitert an hohen
Investitionshürden, langwierigen Genehmigungsprozessen, vergleichsweise hohen Umweltschutzauflagen und
Fachkräftemangel. Zudem ist die Raffination außerhalb Chinas nicht wettbewerbsfähig: China kann zu deutlich
geringeren Kosten raffinieren.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.2)
Projektion: Bis 2035 entstehen ausreichend Raffinationskapazitäten in der EU.
In der EU entstehen ausreichend Raffinationskapazitäten durch die strategischen Projekte Pulawy Rare Earths
Separation Plant in Polen, CAREMAG (Frankreich) und im schwedischen Luleå (Tabelle 4.1). Das Ziel des
CRMA, 40 % des jährlichen Bedarfs an Raffinationskapazitäten selbst abzudecken, wird damit bei weitem
übertroffen (Kapitel 4, S. 28 ff.). Darüber hinaus entstehen weitere Raffinationskapazitäten in La Rochelle
(Frankreich) (Tabelle 2.3).
Szenario „Proaktive Souveränitätswende” (Kapitel 6.3)
Projektion: Bis 2035 geht der chinesische Anteil an der Raffination durch den Aufbau von
Raffinationskapazitäten innerhalb und außerhalb der EU zurück.
Infolge von Diversifizierungsstrategien nehmen bis Mitte der 2030er Jahre zusätzlich zu den
Raffinationsprojekten in der EU weltweit weitere Raffinationen ihren Betrieb auf, im Wesentlichen in den USA und Australien.
Europäische Unternehmen können mit den Raffinerien teilweise langfristige Lieferverträge abschließen (Spalte
Firmenabnehmer/Invests Tabelle 2.3).
3 Seltene Erden als Basis von Zukunftstechnologien
‒ Seltene Erden sind für zahlreiche Zukunftstechnologien relevant, die im Umgang mit der 3D-
Transformation (Digitalisierung, Dekarbonisierung und Demografischer Wandel) unterstützen. Seltene Erden sind
auch für moderne Militärtechnik von Bedeutung.
‒ Der größte Anteil des weltweiten Verbrauchs seltener Erden geht auf die Magnetherstellung zurück
(44,3 %). Hierfür werden die seltenen Erdelemente (SEE) Neodym, Praseodym, Samarium, Lanthan,
Terbium und Dysprosium benötigt. Die Magnete werden bei der Konstruktion von Motoren und Generatoren
für Windräder, Elektro- und Hybridfahrzeuge, in Festplatten, Lautsprechern sowie für
Kernspintomografen eingesetzt. Insofern sind SEE vor allem für die Sektoren Erneuerbare Energien und E-Mobilität
relevant. Ebenso spielen sie in moderner Militärtechnologie eine wichtige Rolle.
‒ Zur Verminderung des Bedarfs an schweren SEE in Permanentmagneten wird an nanotechnologischen
Möglichkeiten zur besseren Verteilung von Dysprosium und Terbium in Neodym-Eisen-Bor-Magneten
sowie an nicht auf SEE basierenden Magnetmaterialien geforscht. In der Anwendung sind bisher vor allem
Lösungen relevant, die auf Mengenreduzierung von SEE und Substituierung von Technologien zielen.
Seltene Erden spielen eine zentrale Rolle in zahlreichen Hochtechnologieanwendungen. Von der insgesamt
erzeugten Menge an SEE werden mehr als zwei Drittel für die Herstellung von Magneten (44,3 %), Katalysatoren
(17,1 %) und Poliermitteln (11,1 %) genutzt. Darüber hinaus werden SEE in Metalllegierungen bzw. -
erzeugnissen (6,6 %) sowie für die Herstellung von Glas (6,3 %), Keramik (3,1 %), Batterien (2,6 %), Leuchtstoffen
(0,5 %) und Pigmenten (0,3 %) verwendet (Abbildung 3.1).
Abbildung 3.1 Verbrauchsanteile von seltenen Erden weltweit nach Verwendungszweck (Stand 2022)
Quelle: nach NRCan (2024)
Die SEE Neodym, Dysprosium und Praseodym sind als Legierungen beispielsweise essenziell für starke
Permanentmagneten – teilweise auch als Neodym-Eisen-Bor-Magneten bezeichnet –, die in kleinen, leistungsfähigen
Elektromotoren und Generatoren verwendet werden. Die Magnete wiederum werden für die Konstruktion von
Motoren und Generatoren für Windräder, Elektro- und Hybridfahrzeuge, in Festplatten, Lautsprechern sowie für
Kernspintomografen eingesetzt. In chemischen Katalysatoren sind überwiegend die leichten SEE Cer, Lanthan,
Praseodym, Neodym und das schwere SEE Yttrium enthalten, und die Katalysatoren werden in Autos, zum
Beispiel als Dieselzusatz, sowie in Raffinerie- und chemischen Prozessen sowie als Dieselzusatz genutzt. Bei
Poliermitteln werden die SEE Cer, Lanthan, Yttrium, Praseodym und Neodym genutzt (Schüler 2011, S. 5). Auch bei
der Produktion von Displays, in der Lasertechnologie, in medizinischen Geräten sowie in der Luft- und
Raumfahrttechnik kommen SEE zum Einsatz (DERA 2025, S. 22 f.).
3.1 Transformationstechnologien
Einige dieser Anwendungsgebiete gelten als zukünftige Schlüsseltechnologien.5 Diese Zukunftstechnologien,
also Technologien, von denen heute erwartet wird, dass sie künftig Eigenschaften von Schlüsseltechnologien
aufweisen werden (EFI 2025, S. 29), können in ganz unterschiedlichen Bereichen des modernen Lebens zu
Veränderungen führen. Als besonders relevant werden Technologien erachtet, die eine dreifache Transformation
unterstützen, indem sie helfen, den Herausforderungen durch den demografischen Wandel, durch den Klimawandel
sowie die Digitalisierung zu begegnen.
Für den Umgang mit den Herausforderungen des demografischen Wandels kommen vor allem Robotik für
Assistenz und Pflege sowie Exoskelette infrage, aber auch digitale Technologien, die telemedizinische und weitere
Anwendungen für die digitalisierte Gesundheitsversorgung ermöglichen (Interviews Erdmann, Faulstich).
Voraussetzung dafür sind Komponenten wie Elektromotoren, Generatoren, Displays, Lautsprecher und Laufwerke.
Die Dekarbonisierung als zentrale Herausforderung für den Umgang mit dem menschengemachten Klimawandel
wird durch Zukunftstechnologien wie die Elektromobilität sowie erneuerbare Energien wie Windkraft und
Photovoltaik getragen (Interview Oehlmann). In Elektroautos sorgen seltene Erden wie Neodym und Dysprosium für
die Effizienz und Kompaktheit der Motoren. Auch in Windkraftanlagen – vor allem bei leistungsstarken Offshore-
Anlagen – ermöglichen Permanentmagnetgeneratoren auf Basis seltener Erden eine wartungsarme und
energieeffiziente Stromerzeugung (DERA 2021, S. 209 ff.). Hinzu kommt die Verwendung von Katalysatoren bei der
Herstellung von grünem Wasserstoff mittels Elektrolyseverfahren (Interview Erdmann).
Die Digitalisierung ist ein tiefgehender Veränderungsprozess, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens
durchdringt. Dementsprechend zahlreich sind Zukunftstechnologien, die eine digitale Transformation unterstützen. SEE
sind unter anderem in Rechenzentren (Festplatten mit Magneten, die Neodym, Praseodym und Dysprosium
enthalten) und Kommunikationstechnologien (Glasfasertechnik, Laserkommunikation, Lautsprecher, Leuchtstoffe,
Bildschirme, Displays etc. in Smartphones, AR/VR-Brillen) verbaut (Interviews Bender, Oehlmann).
Darüber hinaus sind seltene Erden ein wichtiger Bestandteil moderner Militärtechnik (Kasten 3.1).
Kasten 3.1 Militärtechnik als Zukunftstechnologie
Rund 4 t SEE stecken im US-amerikanischen Unterseeboot der Virginia-Klasse, mehr als 2 t im Zerstörer der
Arleigh-Burke-Klasse und 400 kg im Kampfjet F-35 (BAKS 2019, S. 1). Sie werden auch in unbemannten
Luftfahrtsystemen, Präzisionslenkwaffen, Zielerfassungslasern, in der Satellitenkommunikation (EK 2020a,
S. 69), in präzisionsgelenkter Munition, Lasersystemen, Radarsystemen, Sonarwandlern und elektronischen
Störsystemen verwendet (GAO 2024).
Zwar werden für den militärischen Sektor in absoluten Zahlen nicht die gleichen Mengen seltener Erden
benötigt wie für die Bereiche E-Mobilität und Erneuerbare Energien (Interview Erdmann), jedoch haben
Exportbeschränkungen hier gerade in der angespannten geopolitischen Lage sicherheitsrelevante Auswirkungen. Das
U.S. Department of Defense (DoD/US-amerikanisches Verteidigungsministerium) beispielsweise hat sich
deshalb 2023 das Ziel gesetzt, bis 2027 eine Mine-zu-Magnet-Lieferkette in den USA zu etablieren – mit der
Unterstützung internationaler Partner und mittels massiver Förderung von SEE-Projekten über den Defence
Production Act (Baskaran/Schwartz 2025).
3.2 Voraussichtliche Nachfrageentwicklung
Der künftige Bedarf an seltenen Erden in den jeweiligen Zukunftstechnologien lässt sich grundsätzlich nur
schätzen, da die Bedarfsentwicklung von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird, wie beispielsweise der Nachfrage nach
einzelnen Zukunftstechnologien, dem Anteil SEE in unterschiedlichen Komponenten von Zukunftstechnologien,
aber auch der Möglichkeit, SEE durch andere Rohstoffe zu substituieren. Dennoch kommen verschiedene Quellen
5 Als Schlüsseltechnologien werden Technologien bezeichnet, die in einer Vielzahl von Branchen breite Anwendungspotenziale bieten
und oft ohne gleichwertige technologische Alternative sind (EFI 2025, S. 29).
übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass künftig mit einem steigenden Bedarf an SEE gerechnet werden muss
(DERA 2021; BMWK 2024; IEA 2024a; WD 2022).
Unterschieden werden kann zwischen Quellen, die den Bedarf entlang unterschiedlicher Szenarien schätzen, und
solchen, die den Bedarf nach den unterschiedlichen Anwendungsfeldern aufschlüsseln. Die erstgenannte Gruppe
von Quellen umfasst häufig Szenarien, deren Schlüsselfaktoren den Klimawandel bzw. den Ausbau erneuerbarer
Energien beinhalten. Insofern spielen Zukunftstechnologien, insbesondere solche, die Dekarbonisierung
unterstützen, in den Szenarien eine zentrale Rolle. Gemeinsam ist den unterschiedlichen Szenarien, die in DERA (2021,
S. 305 ff.) und IEA (2024a, S. 178 f.) dargestellt werden, dass der Bedarf für SEE in denjenigen Szenarien
ansteigt, in denen eine Dekarbonisierung weiter vorangetrieben wird, sowohl bis 2040 als auch darüber hinaus bis
2050. Den steigenden Bedarf treiben der Ausbau erneuerbarer Energien, insbesondere Windkraftanlagen, sowie
die steigende Zahl an E-Autos und die vermehrte Nutzung von Hochleistungspermanentmagneten (DERA 2021,
S. 305; Statista 2025, S. 31). In Szenarien, die als fossil orientiert charakterisiert werden können, geht der Bedarf
an SEE jedoch zurück bzw. stagniert (DERA 2021, S. 305).
Quellen, die insgesamt einen steigenden Bedarf bis 2030 annehmen und diesen nach Anwendungsgebieten
unterteilen, zeigen übereinstimmend, dass der Bedarf an SEE vor allem für Magnete zunimmt, während er für
Poliermittel und Katalysatoren leicht und bei Leuchtmitteln sogar stark zurückgeht (BGR 2021, S. 3; DERA 2025,
S. 24).
Kasten 3.2 Projektionen Nachfrageentwicklung6
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.1)
Projektion: Bis 2035 steigt die Nachfrage nach SEE nur schwach an.
Die Nachfrage nach seltenen Erdelementen (SEE) entwickelt sich bis 2035 deutlich schwächer als noch zu
Beginn des Jahrzehnts erwartet. Der Bedarf an SEE für grüne Technologien wie Windkraft oder
Elektromobilität nimmt ab, während gleichzeitig die Nachfrage für militärische Anwendungen steigt. Insgesamt ergibt sich
dadurch nur ein geringer Anstieg der Gesamtnachfrage – rund 1 % pro Jahr. Dazu trägt auch bei, dass durch
Anpassungen in den Produktionsprozessen der SEE-Materialeinsatz reduziert werden kann. Das
Nachfrageniveau im Jahr 2035 liegt somit mit rund 10 % nur geringfügig über dem Stand von 2025.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.2)
Projektion: Bis 2035 steigt die Nachfrage nach SEE nur moderat an.
Die Nachfrage nach seltenen Erden erfährt einen moderaten Anstieg um 4 % pro Jahr. 2035 liegt die
nachgefragte Menge ca. 48 % über dem Niveau von 2025. Grund dafür ist ein mäßiger Ausbau erneuerbarer Energien
und eine nur schleppend verlaufende Ausweitung der Elektromobilität.
Szenario „Proaktive Souveränitätswende“ (Kapitel 6.3)
Projektion: Bis 2035 steigt die Nachfrage nach SEE deutlich an.
Die Nachfrage nach seltenen Erden steigt in Deutschland jährlich um ca. 8 %. Damit hat sich die Nachfrage
bis 2035 mehr als verdoppelt (aktuell ca. 5.000 t SE-Verbindungen pro Jahr). Getrieben wird die steigende
Nachfrage von politisch und gesellschaftlich unterstützten Klimaschutzmaßnahmen. Dazu zählen die
Förderung klimaneutraler Zukunftstechnologien (Elektromotoren, Windkraftanlagen, Katalysatoren) sowie ein
massiver Ausbau von Schlüsselindustrien (chemische Industrie, Motoren- und Batterieproduktion etc.) für eine
klimaneutrale Transformation.
3.3 Substitution
Letztlich hängt der zukünftige Bedarf an SEE auch davon ab, wie die Komponenten, in denen SEE verwendet
werden, weiterentwickelt werden. So ist beispielsweise vorstellbar, dass der Bedarf nicht weiter steigt oder sogar
zurückgeht, wenn der Anteil an SEE in einzelnen Komponenten, wie etwa Elektromotoren oder
Permanentmagneten, durch Substitute oder andere technische Innovationen zurückgeht (EK 2020a, S. 91). Substituiert werden
6 In der Literatur finden sich sehr unterschiedliche Szenarien zur künftigen Nachfrageentwicklung, die mit verschiedenen Parametern
arbeiten und zu abweichenden Ergebnissen kommen. Für die drei Szenarien in diesem TA-Kompakt wurden auf Basis der Szenarien
aus der Literatur plausible Werte geschätzt.
kann entweder das Material, also das SEE, die Technologie, also einzelne Komponenten durch andere
Komponenten mit gleicher Funktionsweise, sowie die Funktionalität (Buchert et al. 2019, S. 17 f.).
Um den SEE-Bedarf zu vermindern, werden bezogen auf Permanentmagnete im Wesentlichen zwei
Forschungsstränge verfolgt: Der erste zielt auf die Reduzierung von Dysprosium und Terbium durch eine verbesserte
Verteilung der beiden schweren SEE in Neodym-Eisen-Bor-Magneten. Mit aktuellen Nanostrukturierungstechnologien
lassen sich jedoch noch keine ausreichenden magnetischen Eigenschaften erreichen, vor allem mit Blick auf die
Widerstandsfähigkeit gegenüber Entmagnetisierung. Der zweite Forschungsstrang fokussiert auf neue, nicht-
SEE-basierte Magnetmaterialien (Islam et al. 2024).
Für SEE-basierte Magnete wie Neodym-Eisen-Bor-Magnete existieren einige Alternative, die jedoch
verschiedene Nachteile aufweisen. Zu nennen sind hier auf Barium- und Strontiumferriten basierende Magnete, die jedoch
ein geringeres Leistungsniveau zeigen und nur eingesetzt werden können, wenn die Größe des Magnets nicht
zentral ist, oder Magnete basierend auf Mangan-Aluminium- oder Mangan-Bismut-Legierungen. Letztere haben
Nachteile bei Leistung, Stabilität und Verarbeitung (Campos 2024). Zudem wird an mittelstarken,
kostengünstigeren und nachhaltigen Magneten für Nischenanwendungen geforscht. Herkömmliche Magnete für kleine
Elektromotoren und Sensoren in Autos mit Verbrennungsmotor könnten in Zukunft beispielsweise durch Magneten
des Lanthan-Neodym-Typs ersetzt werden, herkömmliche Magnete für magnetische Kupplungen in Industrie-
und Energieanwendungen durch Magneten des Cer-Kobalt-Typs (Severson et al. 2022).
2022 konnte in der Forschung zur Materialsubstitution ein Durchbruch erzielt werden: Forscher/innen im EU-
finanzierten ExtendGlass-Projekt gelang es, die Eisen-Nickel-Legierung Tetrataenit auf neuartigem Wege
mithilfe von Phosphor herzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt war eine künstliche Herstellung von Tetrataenit im
Labor nur durch die Bestrahlung von Eisen-Nickel-Legierungen mit Neutronen möglich, was in der Industrie
nicht umsetzbar ist. Auf natürlichem Weg entsteht Tetrataenit bei der Abkühlung von Eisenmeteoriten im
Weltraum, was mehrere Millionen Jahre dauert. Mit Tetrataenit können Magnete mit SEE-ähnlichen Eigenschaften
hergestellt werden. Gemeinsam mit industriellen Partnern muss allerdings noch erforscht werden, ob der im Labor
gewählte Ansatz für die industrielle Fertigung geeignet ist (EK o. J.e).
Zurzeit finanziert die EU im Rahmen ihres Forschungsprogramms HORIZON mit rund 6,8 Mio. Euro das
Magnetsubstitutionsprojekt BEETHOVEN. Ziel des Projektes mit deutscher Beteiligung ist es, magnetische
Materialien zu entwickeln, die SEE im Energie- und Verkehrssektor ersetzen können. Das Projekt soll dazu beitragen,
dass die EU ihre Magnetimporte bis 2033 um 2.200 bis 4.900 t vermindern kann (EK o. J.d).
Bei sämtlichen Substitutionsanstrengungen müssen zusätzlich zur Leistungsfähigkeit der neuen Magnettypen
Aspekte wie stabile Lieferketten für die benötigten alternativen Materialien und die Recyclingfähigkeit
berücksichtigt werden (Islam et al. 2024).
In der Anwendung zeigt sich, dass vor allem Mengenreduzierung von SEE und die Substituierung von
Technologien eine Rolle spielen.
So kann auf SEE in den Permanentmagneten für Elektromotoren bisher nicht komplett verzichtet werden,
wohingegen eine Mengenreduzierung bei vollelektrischen und Plug-in-Hybrid-Pkw möglich ist. Für beide
Antriebsvarianten können bereits Motoren mit geringerem SEE-Gehalt erworben werden. Für vollelektrische Pkw sind
zudem bereits SEE-freie Asynchronmotoren und extern erregte Synchronmotoren auf dem Markt, die allerdings
eine geringere Leistungsdichte aufweisen (Buchert et al. 2019, S. 93 f.). Diese beiden Motoren funktionieren
komplett ohne Permanentmagnete. Stattdessen wird bei ihnen das Magnetfeld elektrisch erzeugt – beim
Asynchronmotor über Induktion und beim extern erregten Synchronmotor über elektrische Wicklungen im Rotor
(Hochwarth 2025).
Auch bei Permanentmagneten für Windkraftanlagen zeichnet sich allenfalls eine SEE-Reduzierung durch
veränderte Produktionsmethoden ab, jedoch keine komplette Substituierung. Außerhalb des Offshorebereichs könnten
fremderregte Generatoren, die durch Gleichstrom das Läufer-Magnetfeld erzeugen (BWE o. J.), eine Alternative
zum Einsatz von Permanentmagneten sein. Durch sie wächst allerdings die Gondelgröße.7 Dies spricht gegen
einen Einsatz in Anlagen mit sehr hohen Nennleistungen vor allem offshore (Buchert et al. 2019, S. 96 ff.), da die
höheren Installationskosten für größere Gondeln in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zum erzielbaren
Energieertrag stehen. Hohes Potenzial wird dem Einsatz von Hochtemperatursupraleitern in Generatoren zugeschrieben,
7 Die Gondel ist das Maschinenhaus einer Windkraftanlage (Deutsche Windindustrie o. J.). Sie umfasst den Generator, das Getriebe und
die Steuerung (enercity Erneuerbare GmbH o. J.).
die allerdings weiter erforscht werden müssen. Durch Supraleiter können in diesen Generatoren starke
Magnetfelder erzeugt werden. Das Generatorengewicht kann im Vergleich zu permanenterregten Generatoren deutlich
reduziert werden (Buchert et al. 2019, S. 96 ff.).
Im Hinblick auf Hochleistungs-Permanentmagnete in der Industrie zeigt sich hinsichtlich der Material- und
Technologiesubstitution ein ähnliches Bild: Für Nischenanwendungen stehen der Drehstrom-Asynchronmotor und der
Reluktanzmotor – Rotor ohne Wicklungen und Magnete, Nutzung des Prinzips des geringsten magnetischen
Widerstands (Hochwarth 2025) – zur Verfügung. In der Breite wird jedoch stark auf Materialeffizienz bei
Permanentmagneten gesetzt. Durch einen weniger konzentrierten Einsatz seltener Erden könnte jedoch das Recycling
erschwert und/oder unwirtschaftlich werden (Buchert et al. 2019, S. 94 ff.).
Kasten 3.3 Projektionen Substitution
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.1)
Projektion: Bis 2035 gibt es kaum Fortschritte in der Substitutionsforschung.
In der Substitutionsforschung bezogen auf Permanentmagnete können kaum Fortschritte erzielt werden, was
vor allem an noch unbeantworteten Forschungsfragen und technischen Hürden liegt. Mit SEE-freien Magneten
und Neodym-Eisen-Bor-Magneten mit geringerem Dysprosium- und Terbiumgehalt kann nach wie vor noch
nicht die gleiche Leistungsfähigkeit wie mit herkömmlichen Magneten erreicht werden. Tetrataenit ist nicht im
industriellen Maßstab verfügbar. Erfolge zeigen sich allenfalls bei der Reduzierung des SEE-Einsatzes,
beispielsweise bei vollelektrischen und Plug-in-Hybrid-Pkw, bei Permanentmagneten für Windkraftanlagen und
in der Industrie.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.2)
Projektion: Bis 2035 gib es teilweise Fortschritte bei der Substitutionsforschung.
In einem ersten EU-Pilotprojekt gelingt die Herstellung von Tetrataenit für die industrielle Fertigung. Für
Nischenanwendungen, etwa im Automobilbereich oder in Industrie- und Energieanwendungen, werden
mittelstarke Magnete ohne die schweren SEE Dysprosium und Terbium eingesetzt.
Szenario „Proaktive Souveränitätswende“ (Kapitel 6.3)
Projektion: Bis 2035 kann die Substitutionsforschung deutliche Fortschritte erzielen.
Langjährig geförderte Forschungsinitiativen ermöglichen die Entwicklung neuer magnetischer Materialien.
Europa kann seine Importe von Magneten aus SEE bis 2035 deutlich vermindern. Gleichzeitig gibt es
Fortschritte bei der künstlichen Herstellung von Tetrataenit im industriellen Maßstab, die in mehreren
Pilotprojekten erprobt wurde.
Durch Fortschritte bei der Nanostrukturierungstechnologie können inzwischen leistungsstarke Neodym-Eisen-
Bor-Magnete hergestellt werden, für die deutlich weniger Dysprosium und Terbium als in herkömmlichen
Permanentmagneten benötigt wird. Inzwischen werden auch Windkraftanlagen mit Hochtemperatursupraleitern in
den Generatoren als Alternative zu permanenterregten Generatoren gebaut.
4 Strategische Souveränität: seltene Erden im geopolitischen Kontext
‒ 2010 hat China durch Exportbeschränkungen für seltene Erden erstmals den westlichen Industrienationen
seine Marktmacht demonstriert. 2023 verbot es die Ausfuhr von Technologien zur Gewinnung und
Trennung seltener Erden und versuchte, dadurch seine Dominanz zu zementieren. Als Reaktion auf US-
amerikanische Exportbeschränkungen für Halbleiter sowie die von den USA erhobenen Strafzölle erließ China
im April 2025 und im Oktober 2025 weitere Ausfuhrrestriktionen, die auch seltene Erden und daraus
gefertigte Magnete sowie Recyclingtechnologien umfassen. Ende Oktober 2025 kündigte China an, die
Exportkontrollen für ein Jahr auszusetzen.
‒ Die EU strebt mit dem Critical Raw Materials Act (CRMA) von 2024 mehr Rohstoffsouveränität an.
Richtwerte, die bis 2030 erreicht werden sollen, sind: 10 % des jährlichen EU-Verbrauchs sollen aus
eigenem Bergbau stammen, 25 % aus Recycling gedeckt werden. Zudem sollen 40 % ihres Verbrauchs
bezogen auf Zwischenbearbeitungsschritte aus eigener Raffination/Verarbeitung stammen. Maximal 65 % des
Jahresverbrauchs eines Rohstoffs sollen noch aus einem einzelnen Drittland kommen. Erreicht werden
sollen diese Ziele durch strategische Projekte entlang der Wertschöpfungskette, nationale
Explorationsprogramme, Monitoring- und Stresstests für die Versorgungssituation, die Verpflichtung großer
Unternehmen zur Risikoprävention, die Stärkung der Kreislaufwirtschaft sowie Handelsabkommen und
strategische Partnerschaften.
‒ Verschiedene Ansätze zur Marktgestaltung sind vorstellbar, mit denen sich außerhalb Chinas primäre und
sekundäre Rohstoffe konkurrenzfähig produzieren lassen könnten und mit denen auf Preisvolatilitäten
reagiert werden könnte: etwa die Bildung eines garantierten Referenzpreises mit Gewinnabschöpfung
oder eine staatliche Rohstoffreserve.
Die strategische Bedeutung der Verfügbarkeit seltener Erden ist aus Sicht der Industrie und der Politik
mittlerweile anerkannt, was sich beispielsweise in Förderprogrammen zur Rohstoffsicherung und Recyclinginitiativen
zeigt (EK 2023).
4.1 Exportbeschränkungen und Handelsbarrieren
2010 spürten die westlichen Industrienationen erstmals massiv die Auswirkungen der Abhängigkeit von
chinesischen SEE-Importen.
China verhängte damals Exportbeschränkungen auf seltene Erden, indem es seine Exportmenge um 40 %
reduzierte, also von 50.145 t im Jahr 2009 auf 30.258 t im Jahr 2010. Da diese Exportreduktion auf eine nach der
Finanzkrise anziehende Weltwirtschaft stieß, explodierten daraufhin die Preise für seltene Erden (DERA 2025,
S. 105 f.). China begründete die Exportbeschränkungen seinerzeit mit Umweltbelastungen und der
Notwendigkeit, die Versorgung der heimischen Wirtschaft mit diesen Rohstoffen zu sichern (Die Zeit 2010).
Auf dem Höhepunkt der Preisexplosion im Jahr 2011 kam es zu Produktionsstopps außerhalb Chinas sowie zu
einer massiven Intensivierung von Substitutions- und Recyclinganstrengungen (DERA 2025, S. 107). Nachdem
2014 die WTO wegen der Exportrestriktionen, Ausfuhrzöllen und unterschiedlicher Preise für seltene Erden
gegen China urteilte und die Rohstoffpreise wieder sanken, verloren Aspekte der Rohstoffsicherheit an politischer
Aufmerksamkeit und die Bemühungen zur Reduzierung chinesischer Marktdominanz wurden schwächer (Kullik
2020, S. 4 f.).
Seit Ende 2023 erlebt die Weltwirtschaft ein Déjà-vu, wenngleich unter veränderten Rahmenbedingungen, denn
die WTO und die regelbasierte internationale Ordnung sind inzwischen geschwächt. Zunächst verkündete China
im Dezember 2023 ein Ausfuhrverbot von Technologien zur Gewinnung und Trennung seltener Erden
(Handelsblatt 2023). Im April 2025 verkündete es im Gegenzug zu den US-amerikanischen Exportbeschränkungen für
Halbleiter sowie den von den USA erhobenen Strafzöllen weitere Ausfuhrrestriktionen, die auch SEE und daraus
gefertigte Magnete umfassen (IHK Region Stuttgart o. J.b). Die Exportrestriktionen betreffen Samarium,
Gadolinium, Terbium, Dysprosium, Lutetium, Scandium und Yttrium und darauf basierende Verbindungen,
Legierungen und Produkte (Miningscout 2025). China stuft diese Rohstoffe nun als Dual-Use-Güter ein (IHK Region
Stuttgart o. J.b). Für den Erhalt einer Ausfuhrgenehmigung sind chinesische Exporteure in einem zweistufigen
Verfahren verpflichtet, bei den zuständigen Provinzbehörden und dem chinesischen Wirtschaftsministerium einen
entsprechenden Antrag zu stellen. Dieser umfasst eine Endverbleibserklärung des Käufers. Darin hat der Käufer
in den meisten Fällen nachzuweisen, dass eine Weitergabe an das US-Militär ausgeschlossen ist. Falschangaben
sind sanktionsbewehrt und können zur Folge haben, dass der betreffende Käufer künftig von weiteren
Rohstofflieferungen ausgeschlossen wird (IHK Region Stuttgart o. J.b). Wie auch schon 2010 wirkten sich die
Exportbeschränkungen auf die Preise der betroffenen Rohstoffe aus, die vor allem bei Terbium und Gadolinium deutlich
anstiegen (Tagesschau.de 2025b). Anfang Oktober 2025 reagierte China im Handelskonflikt mit den USA mit
einer weiteren Verschärfung der Exportkontrollen: Die Liste der von Exportkontrollen betroffenen SEE wurde
um Holmium, Erbium, Thulium, Europium und Ytterbium ergänzt und auf Anlagen zum Recycling von SEE
erweitert. Zudem dehnt China das Erfordernis, eine Exportlizenz zu beantragen, auf den Weitertransport von
Produkten aus, die in Drittländern mit chinesischen SEE hergestellt wurden. Dies gilt bereits ab einem Wertanteil der
SEE im Haben von 0,1 % im Produkt und führt dazu, dass Unternehmen Geschäftsgeheimnisse preisgeben
müssen und China dadurch nicht nur SEE-Bedarfe einzelner Unternehmen erfährt, sondern auch Kenntnisse über
deren Kundenstruktur erhält. Über Exportanträge zur Verwendung von SEE in fortschrittlichen Halbleitern soll
sogar im Einzelfall entschieden werden. Die Verwendung chinesischer SEE in Militärgütern soll nun komplett
verboten werden (Pape et al. 2025). Ende Oktober 2025 vereinbarten US-Präsident Donald Trump und der
chinesische Staatschef Xi die Aussetzung der Exportkontrollen für chinesische SEE um ein Jahr (Tagesschau.de
2025a), die auch für die EU gelten sollen (Krempl 2025).Wie verlässlich die Vereinbarung ist und was in einem
Jahr passiert, ist unklar.
Umso wichtiger sind politische Maßnahmen, die mittel- bis langfristig mehr Rohstoffsouveränität anstreben.
Zentral für die EU ist diesbezüglich der CRMA, der 2024 verabschiedet wurde.
4.2 CRMA
Der CRMA zielt darauf ab, die Versorgung der EU mit kritischen und strategischen Rohstoffen zu verbessern und
sie strategisch unabhängiger von aktuell marktdominierenden Ländern zu machen. Hierfür sollen alle Stufen der
europäischen Wertschöpfungskette – Abbau, Weiterverarbeitung, Recycling – gestärkt und Importe diversifiziert
werden. Zudem sollen die Fähigkeiten der EU für die Überwachung von Versorgungsrisiken und ihre Minderung
ausgebaut und die Kreislaufwirtschaft gestärkt werden (EK o. J.b).
Bis 2030 hat die EU die folgenden Richtwerte festgesetzt:
– 10 % des jährlichen Verbrauchs der EU an strategischen Rohstoffen sollen aus EU-Bergbau (Erze, Minerale
oder Konzentrate) gedeckt werden.
– 40 % des jährlichen Verbrauchs der EU für alle Zwischenverarbeitungsschritte sollen durch
Verarbeitung/Raffination in der EU bereitgestellt werden können.
– 25 % des Verbrauchs an strategischen Rohstoffen der EU sollen durch Recycling bedient werden.
– Die Importabhängigkeit von einem Drittland soll 65 % des Jahresverbrauchs der EU nicht überschreiten
(BMWE 2025a; EK o. J.b).
Einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung dieser Richtwerte sollen strategische Projekte in und außerhalb der
EU leisten. Sie erhalten einen leichteren Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten auf europäischer und nationaler
Ebene und profitieren von kürzeren Genehmigungsverfahren: Innerhalb von 27 Monaten sollen Bergbauprojekte
ihre Abbaugenehmigungen erhalten. Verarbeitungs- und Recyclinggenehmigungen sollen innerhalb von 15
Monaten erteilt werden (EK o. J.b).
Im März 2025 hat die Europäische Kommission (EK 2025a und 2025b) die ersten 47 strategischen Projekte
innerhalb der EU bekannt gegeben. Im Juni 2025 folgten die ersten 13 strategischen Projekte außerhalb der EU
Sieben der bisher ausgewählten Projekte adressieren die Verbesserung der Versorgungssicherheit mit seltenen
Erden (Tabelle 4.1).
Tabelle 4.1 Ausgewählte strategische SEE-Projekte (Stand März/Juni 2025)
Name Typ Projektträger
Land
Aktivität Nutzen EU
voraussichtlicher
Produktionsstart
CAREMAG
Verarbeitung
CAREMAG
SAS
Frankreich
Produktion von SEE-Oxiden
(Neodym, Praseodym, Terbium,
Dysprosium) aus
Produktionsausschuss (unter anderem
Magnetherstellung), End-of-Life und
aus SEE-Konzentraten aus Minen
Deckung von 50 % des
Bedarfs an schweren
seltenen Erden und 3 % des
Bedarfs an leichten
seltenen Erden der EU bis
2030
Q4 2026
LIFE-22-
ENV-IT-IN-
SPIREE
Recycling
Itelyum
Regeneration SpA
Italien
Recycling von NdFeB-
Permanentmagneten aus Festplatten und
Elektromotoren durch Zerlegung
(Level I) und Hydrometallurgie
(Level II); Produkte: SEE-Oxide,
Oxalate, Konzentrate und andere
Salze
Beitrag zum 25 %-
Richtwert bezogen auf
Recycling (nicht weiter
spezifiziert)
2027
MagFactory
Recycling
Mag-
REEsource
Frankreich
Zirkulärer Ansatz: Recycling von
SEE-Magnetschrott und daraus
Herstellung von neuen SEE-
Magneten
1,25 %
Nachfragedeckung bis 2029, 5 %
Beitrag zum
Recyclingrichtwert bis 2029; 2031
Verdopplung der Produktion
möglich
2028
Pulawy Rare
Earths
Separation Plant
Verarbeitung
Mkango
Resources Ltd.
Polen
Trennung SEE: Verarbeitung von
SEE-Karbonaten zu zentralen
SEE-Oxiden (Neodym,
Praseodym) und schweren SEE-
Konzentraten
beträchtlicher Beitrag
zum 40 %-Richtwert
bezogen auf
Zwischenprodukte; jährliche
Produktionsmenge 1.018 t NdPr-
Oxide, 805 t separierte
Nd-Oxide, 212 t
separierte Pr-Oxide
2027
ReeMAP
Project:
Malmberget, Luleå
Industrial
Park, Per
Geijer
integriert:
Gewinnung und
Verarbeitung
LKAB
(Luossavaara-
Kirunavaara AB)
Schweden
Gewinnung von SEE-
Konzentraten als Nebenprodukte des
Abbaus von Eisenerzen;
Verarbeitung zu kommerzialisierbaren
SEE-Oxiden (EK 2025h)
Beitrag nicht spezifiziert 2026
Songwe Hill
Rare Earths
Gewinnung
Mkango
Resources Ltd.
Malawi
Produktion eines gereinigten
gemischten Seltenerdkarbonats aus
einer karbonatitgebundenen
Lagerstätte
Versorgung der
Aufbereitungsanlage von
Mkango Resources in
Polen
2028
Zandkopsdrift
Gewinnung
Frontier Rare
Earths Ltd.
Südafrika
Gewinnung und Verarbeitung von
SEE für Magneten und
gleichzeitig von batterietauglichem
Mangan
nicht näher spezifiziert 2029
Ergänzte Zusammenstellung nach EK (2025b) um Inhalte der einzelnen Projektdarstellungen (EK 2025d, 2025e, 2025f, 2025g,
2025i, 2025j).
Die bis Juni 2025 bewilligten strategischen Projekte werden nach Einschätzung der Europäischen Kommission
dazu beitragen, den Richtwert für die Verarbeitung/Raffination zu übertreffen und etwa die Hälfte des Wegs zum
Erreichen des Recyclingziels zurückzulegen. Die Beiträge zum Bergbau-Richtwert fallen hingegen gering aus
(EK 2025c).
Die Bewertung der Europäischen Kommission hinsichtlich des Beitrags der Projekte zu den einzelnen
Richtwerten dürfte unter anderem auf Selbsteinschätzungen der Projektkonsortien beruhen. Diese Einschätzungen sind –
sofern verfügbar – auch in der Spalte „Nutzen EU“ in der vorhergehenden Tabelle dargestellt.
Zentrale einzurichtende Anlaufstellen in den einzelnen Mitgliedstaaten haben die Aufgabe, die
„Genehmigungsverfahren für Projekte im Bereich kritische Rohstoffe zu erleichtern und zu koordinieren und Informationen […]“,
etwa zu Finanzierungs- und Investitionsfragen sowie Dienstleistungen zur Unterstützung von Unternehmen, zur
Verfügung zu stellen (CRMA, S. 25 u. 30) (EK o. J.b). In Deutschland wurden zentrale Anlaufstellen8 in jedem
Bundesland eingerichtet.
Bis zum 24. Mai 2025 mussten die Mitgliedstaaten zudem nationale Explorationsprogramme vorlegen, die alle
5 Jahre gegebenenfalls aktualisiert werden müssen, sollten sich Veränderungen ergeben haben. Die Nationalen
Explorationsprogramme haben zum Ziel, die Informationslage zu kritischen Rohstoffen in der EU zu verbessern,
etwa durch Kartierung, Erhebung und/oder Neuauswertung geowissenschaftlicher Daten (CRMA, S. 30). Im
Nationalen Explorationsprogramm der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen des CRMA liegt der Fokus zunächst
auf Kupfer und Lithium. Seltene Erden werden nicht erwähnt (BMWE 2025b), womöglich da eine wirtschaftliche
Gewinnung in Deutschland bisher als unwahrscheinlich gilt (Kapitel 2).
Des Weiteren setzt der CRMA auf Monitoring und Stresstests, bezogen auf die Versorgungssituation, und
verpflichtet die Hersteller strategischer Technologien zur Risikoprävention, etwa durch Lieferkettendiversifizierung
und/oder durch Substitution der strategischen9 Rohstoffe, sofern sie eine hohe Anfälligkeit gegenüber
Versorgungsunterbrechungen aufweisen sollten. Die gesetzliche Vorgabe zielt auf große Unternehmen aus folgenden
Bereichen ab: Herstellung von Batterien für die Energiespeicherung und Elektromobilität, Ausrüstung für die
Erzeugung und Nutzung von Wasserstoff, Ausrüstung für die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen,
Luftfahrzeuge, Antriebsmotoren, Wärmepumpen, Ausrüstung für die Datenübertragung und -speicherung, mobile
elektronische Geräte, Ausrüstung für die additive Fertigung, Ausrüstung für Robotik, Drohnen, Raketenwerfer,
Satelliten oder fortgeschrittene Chips (CRMA, S. 34 f.) (EK o. J.b).
Die Kreislaufwirtschaft soll unter anderem durch eine bessere Sammlung von Produktabfällen, die
Rückgewinnung kritischer Rohstoffe aus Abfällen, die bei der Rohstoffgewinnung anfallen, und durch das Recycling von
Permanentmagneten gestärkt werden (EK o. J.b). 2 Jahre nach Inkrafttreten eines Durchführungsrechtsakts, der
spätestens bis zum 24. November 2026 durch die Europäische Kommission angenommen werden soll, müssen
beispielsweise „Angaben über Gewicht, Lage und chemische Zusammensetzung aller einzelnen im Produkt
enthaltenen Dauermagnete sowie über das Vorhandensein und die Art der Magnetbeschichtungen, Klebstoffe und
eventuell verwendeten Zusatzstoffe“ auf einem Datenträger mit dem Produkt mitgeliefert werden. Dies gilt für
Magnettypen wie Neodym-Eisen-Bor-Magnete und alle Produkte, die nicht primär für Verteidigungs- oder
Raumfahrtanwendungen gedacht sind (CRMA, S. 39 f.). Bis spätestens 31. Dezember 2031 wird die Europäische
Kommission Vorgaben für den Einsatz von Rezyklaten in Dauermagneten festsetzen, die Neodym, Dysprosium,
Praseodym, Terbium, Bor, Samarium, Nickel und Kobalt enthalten. Diese Vorgaben gelten für Dauermagnete, die in
Magnetresonanztomografen, Windenergiegeneratoren, Industrierobotern, Kraftfahrzeugen, leichten
Verkehrsmitteln,10 Kühlgeneratoren, Wärmepumpen, Elektromotoren, Waschautomaten, Wäschetrocknern,
Mikrowellengeräten, Staubsaugern und Geschirrspülern verwendet werden (CRMA, S. 39 f.)
Zur Verbesserung der Versorgungssicherheit mit kritischen Rohstoffen sollen Handelsabkommen und
strategische Partnerschaften der EU ausgebaut werden (EK o. J.b). Bereits 2011 hatte die Europäische Kommission (EK
2011, S. 2, 16) eine „aktive ‚Rohstoffdiplomatie‘“ unter anderem durch strategische Partnerschaften als zentrales
8 https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Artikel/Industrie/critical-raw-materials-act.html
9 Strategische Rohstoffe sind eine Teilmenge der kritischen Rohstoffe. Während kritische Rohstoffe für die Wirtschaft der gesamten EU
relevant sind und „ein hohes Risiko einer Versorgungsunterbrechung“ aufweisen, „die zu Wettbewerbsverzerrungen und einer
Fragmentierung des Binnenmarktes führen könnte“, zeichnen sich strategische Rohstoffe zusätzlich durch ihre Bedeutung für grüne und
digitale Technologien, Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt aus. Zudem ist für sie charakteristisch, dass sich ihre Produktion nicht
in kurzer Zeit steigern lässt; Ebd., S. 2.
10 „,Leichtes Verkehrsmittel‘ bezeichnet ein leichtes Fahrzeug auf Rädern, das allein durch einen Elektromotor oder durch eine
Kombination aus Motor und menschlicher Kraft angetrieben werden kann, einschließlich Elektroroller, Elektrofahrräder und typgenehmigte
Fahrzeuge der Klasse L nach Artikel 4 der Verordnung (EU) Nr. 168/2013;“ siehe CRMA, S. 19.
Instrument ihrer Rohstoffinitiative definiert, um auf zunehmende Preisschwankungen auf den Grundstoffmärkten
seit 2007 reagieren zu können. Im Aktionsplan zu kritischen Rohstoffen von 2020 werden „Strategische
internationale Partnerschaften […] zur Sicherung einer diversifizierten und nachhaltigen Versorgung mit kritischen
Rohstoffen“ ebenfalls erwähnt (EK 2020b, S. 18).
Inzwischen bestehen unterzeichnete Absichtserklärungen (Memorandum of Understanding – MoU) bzw.
politische Vereinbarungen mit den in Tabelle 4.2 aufgeführten Ländern, die auch für den Zugang zu seltenen Erden
relevant werden könnten. In der vierten Spalte „SEE-Relevanz“ wird aufgeführt, inwiefern in den betreffenden
Ländern bereits SEE gefördert werden, fortgeschrittene Bergbauprojekte gemäß den Kriterien für Lagerstätten
(Tabelle 2.1) vorangetrieben werden oder SEE-Ressourcen (nachgewiesene Rohstoffe) bzw. SEE-Reserven (dem
Stand der Technik von heute nach wirtschaftlich förderbare Rohstoffe) vorhanden sind.
Tabelle 4.2 Rohstoffpartnerschaften der EU und SEE-Relevanz in den Partnerländern
Land
Vereinbarungsform
Unterzeichnungsdatum
SEE-Relevanz
Serbien MoU 19. Juli 2024 keine Angaben in DERA 2025, sekundäre
mineralische Quellen seltener Erden zum Beispiel aus
Abraumhalden (Šajn et al. 2024)
Australien MoU 28. Mai 2024 Bergwerksförderung, fortgeschrittene
Bergbauprojekte
Usbekistan MoU 5. April 2024 keine Angaben in DERA 2025, verstärkt
Investitionen in Erkundung und Gewinnung (Strohbach
2023)
Norwegen MoU 21. März 2024 1,78 % Ressourcenanteil, 0,00 % Reservenanteil
Ruanda MoU 19. Februar 2024 keine Angaben in DERA 2025, „Potenzial“ für
seltene Erden (EK 2024)
Grönland MoU 30. November 2023 fortgeschrittene Bergbauprojekte
Demokratische
Republik Kongo
MoU 26. Oktober 2023 Bergwerksförderung
Sambia MoU 26. Oktober 2023 0,05 % Ressourcenanteil, 0,00 % Reservenanteil
Chile MoU 18. Juli 2023 0,01 % Ressourcenanteil, 0,00 % Reservenanteil
Argentinien MoU 13. Juni 2023 0,02 % Ressourcenanteil, 0,00 % Reservenanteil
Namibia MoU 8. November 2022 fortgeschrittenes Bergbauprojekt
Kasachstan MoU 7. November 2022 Bergwerksförderung
Ukraine MoU 13. Juli 2021 keine Angaben in DERA 2025, Vorkommen von
SEE werden aufgrund inzwischen veralteter Daten
aus der Sowjetzeit angenommen, vermutlich
größtenteils nicht wirtschaftlich abbaubar, EU in
Konkurrenzsituation um Zugang zu SEE mit den USA
(van Wieringen 2025)
Kanada strategische
Partnerschaft
15. Juni 2021 fortgeschrittene Bergbauprojekte
unterstrichene Länder = Memorandum of Understanding (MoU) im Rahmen der „Belt and Road Initiative“ mit China
Quelle: nach DERA (2025, S. 56 ff.; 67 f.; 242); EK (o. J.c)
Die prozentualen Angaben beziehen sich auf den weltweiten Ressourcen- und Reserveanteil des jeweiligen
Landes auf Grundlage von (DERA 2025) und ergänzenden Quellen. Die unterstrichenen Länder gehören zu dem 138
Ländern weltweit, die mit China ein MoU im Rahmen der Belt and Road Initiative unterschrieben haben (Green
BRI Center o. J.). Bei der Belt and Road Initiative, auch bekannt als „Neue Seidenstraße“, handelt es sich um ein
chinesisches außen- und entwicklungspolitisches Paradigma, in dessen Rahmen durch umfangreiche Investitionen
die Vernetzung, der Handel und die Kommunikation zwischen Eurasien, Afrika und Lateinamerika gestärkt
werden sollen und das von westlicher Seite häufig als Strategie zur Ausweitung von Chinas geopolitischem Einfluss
interpretiert wird (Tsuji 2025). In den Bemühungen der EU und Chinas um Kooperationen mit ähnlichen Ländern
deutet sich bereits an, dass noch unklar ist, ob und in welchem Ausmaß sich die Rohstoffpartnerschaften der EU
letzten Endes auszahlen werden. Auch die USA ist ein Konkurrent im Zugang zu SEE: Ende Oktober 2025 wurde
beispielsweise bekannt, dass das Land stärker mit Australien bei der Förderung und der Aufbereitung von SEE
zusammenarbeiten will (Tagesschau.de 2025c).
Kasten 4.1 Projektionen Handels- und Zollpolitik
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.1)
Projektion: Bis 2035 kann die EU ihren Zugang zu SEE in Drittländern kaum verbessern. Chinesische
Exportkontrollen werden immer wieder eingeführt und aufgehoben.
Die EU bemüht sich weiterhin um Rohstoffpartnerschaften mit Ländern, die über SEE-Reserven verfügen. In
vielen afrikanischen und asiatischen Ländern konkurriert sie dabei allerdings immer konfliktreicher mit China
und den USA. Aus Sicht dieser afrikanischen und asiatischen Länder, mit denen Kooperationen angestrebt
werden, machen die USA und China die besseren Angebote – die EU gerät ins Hintertreffen. Selbst wenn die
EU erfolgreich Rohstoffpartnerschaften abschließen kann, werden diese erst in den 2040er Jahren zur
Versorgung mit seltenen Erden beitragen können. China nutzt Exportkontrollen als geopolitisches und preispolitisches
Druckmittel. Sie werden gezielt eingeführt und wieder aufgehoben, was zu volatilen Preisen führt und zu
instabilen Produktionsbedingungen für Bergbauprojekte.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.2)
Projektion: Bis 2035 kann die EU teilweise ihren Zugang zu SEE in Drittländern ausbauen. Die chinesischen
Exportkontrollen bleiben bestehen.
Die EU kann den Zugang zu SEE in Drittländern teilweise ausbauen. Die Zielländer für
Rohstoffpartnerschaften wägen gründlich ab, wessen Angebot sie annehmen, und verhandeln strategisch mit den USA, China, der
EU und anderen Ländern. Als größter Binnenmarkt der Welt kann die EU für manche Zielländer den besseren
Deal anbieten. Des Weiteren profitiert sie von den zwei außereuropäischen Projekten im Rahmen des CRMA
für SEE: Zandkopsdrift in Südafrika von Frontier Rare Earths und Songwe Hill in Malawi von Mkango
Resources. Da Songwe Hill seine Produktion in Mkangos Separationsanlage Pulawy in Polen vornimmt, ist hier
eine Blaupause für eine integrierte Lieferkette zugunsten der EU entstanden. Allerdings leidet Malawi extrem
unter den Auswirkungen des Klimawandels, sodass ein verlässlicher Export aus seinen Minen nicht immer
gewährleistet ist. Das Land ist zudem abhängig von China, das dort unter anderem in den Abbau von Titan
investiert.
Die Exportkontrollen für SEE werden fortgesetzt: Mal kommt es zu minimalen Erleichterungen (beispielsweise
werden bürokratische Aufwände abgebaut), mal zu Verschärfungen, dann müssen Unternehmen weitreichende
Informationen über ihre Lieferketten offenlegen und die Antragsbearbeitung wird verzögert.
Szenario „Proaktive Souveränitätswende“ (Kapitel 6.3)
Projektion: Bis 2035 kann die EU erfolgreich ihren Zugang zu SEE in Drittländern ausbauen. Es kommt zu
einer handels- und zollpolitischen Entspannung.
Nachdem Handels- und Zollkonflikte sowie Kriege das wirtschaftliche Wachstum in den USA, China und der
EU deutlich ausgebremst haben, kommt es zu einer handelspolitischen Entspannung zwischen den drei
Weltregionen. Zwar ist die regelbasierte Ordnung von einst nach wie vor Vergangenheit, jedoch werden seltene
Erden und Chips kaum mehr als Druckmittel eingesetzt. Die politische Weltlage entschärft sich insgesamt und
damit auch der vehemente Kampf um Einflusssphären. Vor diesem Hintergrund gelingt es der EU,
Rohstoffpartnerschaften zu schließen, die für die Versorgung mit seltenen Erden in den 2040er und 2050er Jahren
wirksam werden.
4.3 Marktgestaltung
Das Erreichen strategischer Souveränität wird durch den Kostenvorteil Chinas bei primären und sekundären
Rohstoffen und der Preisvolatilität bei SEE erschwert. Von staatlicher und privatwirtschaftlicher Seite werden deshalb
verschiedene Ansätze diskutiert, mit welchen Mechanismen der Marktgestaltung Kostenvorteile und etwaige
Preisvolatilitäten adressiert werden könnten.
Bezogen auf den Kostenvorteil könnten beispielsweise Regulierungsansätze wie der WTO-konforme Carbon-
Border-Adjustment-Mechanismus der EU den – teils aufgrund von Arbeitsschutzregulierungen – höheren
Lohnkosten und den höheren Umweltstandards in der EU entgegenwirken. Der CO2-Grenzausgleichsmechanismus der
EU sorgt ab 2026 dafür, dass beim Import CO2-intensiver Güter Emissionszertifikate (CBAM-Zertifikate)
erworben werden müssen, die mit dem CO2-Preis im Ursprungsland verrechnet werden, sofern dort CO2-Emissionen
bepreist werden (IHK Region Stuttgart o. J.a). Der CO2-Grenzmechanismus soll dazu beitragen, dass eine etwaige
Verlagerung der Produktion in Länder mit geringeren Klima- und Umweltstandards keinen Vorteil gegenüber
einer Herstellung in der EU bringt, wo Hersteller ihrerseits Emissionszertifikate erwerben müssen (EK o. J.a; IHK
Region Stuttgart o. J.a). CBAM gilt zunächst nur für den Import von „Eisen, Stahl, Zement, Aluminium,
Elektrizität, Düngemittel und Wasserstoffe sowie bestimmte Vor- und nachgelagerte Produkte in reiner oder
verarbeiteter Form aus Nicht-EU-Staaten“ (IHK Region Stuttgart o. J.a).
Kasten 4.2 Projektionen Marktgestaltung
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.1)
Projektion: Bis 2035 werden keine Maßnahmen zur Marktgestaltung umgesetzt.
Preise ergeben sich aus Angebot und Nachfrage. China erhöht seine Produktions- und
Weiterverarbeitungsquoten weiterhin, wenn es aus strategischen Gründen ausreichend SEE auf den Markt bringen möchte.
Preisanstiege werden durch Verknappung (Exportbeschränkungen durch China), klimawandelbedingte
Extremwetterereignisse, Pandemien und Spekulationen verursacht. Es existieren keine Preisgarantien für europäische
Anbieter für primäre und sekundäre Rohstoffe.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.2)
Projektion: Bis 2035 wird ein staatlich garantierter Referenzpreis für SEE eingeführt.
Produzenten aus der EU und Produzenten aus Rohstoffpartnerländern erhalten einen Garantiepreis für
Primärrohstoffe, wenn der Preis unter eine vereinbarte Schwelle fällt. Steigt der Marktpreis hingegen über eine
vereinbarte Schwelle, wird der Staat an den Gewinnen beteiligt.
Szenario „Proaktive Souveränitätswende“ (Kapitel 6.3)
Projektion: Bis 2035 wird eine EU-Reserve für SEE aufgebaut, die EU geht Public Private Partnerships ein
und es werden Level-Playing-Field-Ausgleichsmechanismen umgesetzt.
Wie bei den strategischen Reserven für Öl und Gas baut die EU eine gemeinsame Reserve für seltene Erden
auf. EU-finanzierte Public Private Partnerships investieren in aussichtsreiche Bergbauprojekte und sichern sich
über die Beteiligung Abnahmequoten. Ausgleichsmechanismen sorgen für konkurrenzfähige
Produktionsbedingungen (Level Playing Field).
Mit der strategisch eingesetzten Erhöhung von Produktions- und Weiterverarbeitungskapazitäten (Erweiterung
des Angebots und damit bei gleichbleibender Nachfrage Preisrückgang) bzw. mit Exportbeschränkungen
(Verknappung des Angebots und damit bei gleichbleibender Nachfrage Preisanstieg) trägt China selbst zur
Preisvolatilität bei. Investitionsbedingungen sind angesichts von Preisvolatilitäten sehr dynamisch – und damit die
verlässliche Kalkulation der zukünftigen Erträge, etwa von Bergbauprojekten oder Recyclinganlagen, schwierig.
Ein mögliches Modell, dies auszugleichen, ist der staatlich garantierte Referenzpreis mit Gewinnabschöpfung.
Bei diesem Modell würde die EU an Produzenten die Differenz zahlen, wenn der Marktpreis unterhalb des
Referenzpreises liegt. Im Gegenzug würden Produzenten die Differenz an die EU zahlen, wenn der Marktpreis über
dem Referenzpreis liegt.
Ein anderes Modell ist der staatliche Interventionsmarkt. Bei diesem Modell könnte sich die EU als Public Private
Partnership an aussichtsreichen Bergbauprojekten beteiligen und Investitionsrisiken finanziell mittragen.
Zudem könnte sie eine strategische Rohstoffreserve schaffen. Diese mindert Preisrisiken zwar nicht für
Investoren, aber für Branchen ab, die seltene Erden für ihre Produkte benötigen.
Zurzeit erarbeitet die Europäische Kommission ein Konzept für den Aufbau strategischer Rohstoffreserven und
folgt dabei den Vorbildern Japan, Südkorea und den USA. Japan hat nach einem Konflikt mit China 2010
Reserven für seltene Erden angelegt. Südkorea verfügt über ein Lager mit 35 kritischen Rohstoffen zur Sicherstellung
der Versorgung der Industrie für mindestens 100 Tage und die USA haben eine staatliche Reserve für die
Produktion von Rüstungsgütern eingerichtet (Vela 2025).
5 Recycling von seltenen Erden und Etablierung einer Kreislaufwirtschaft
‒ Eine Wiederverwertung von SEE erfolgt durch Wiederverwendung (Re-Use) von Komponenten oder
Recycling, wobei letzteres in rohstoffliche und werkstoffliche Verfahren unterteilt wird. Während Re-Use
große, gut zugängliche Magnete erfordert, sind Recyclingprozesse oft energie- und umweltintensiv.
Werkstoffliches Recycling kann zudem die Eigenschaften der Magnete verändern. Aktuell ist das
Recycling wirtschaftlich nur bei Permanentmagneten rentabel, nicht jedoch bei anderen SEE-haltigen
Komponenten.
‒ Recyclingunternehmen stehen vor der Herausforderung, mit Primärrohstoffen preislich konkurrieren zu
müssen. Rezyklate sind derzeit meist teurer. Zusätzlich erschweren geringe Mengen an Altmagneten und
die Heterogenität der Stoffströme die Rückgewinnung. Viele SEE-haltige Produkte, wie
Windkraftanlagen oder E-Auto-Motoren, haben das Ende ihrer Lebensdauer noch nicht erreicht. Zudem fehlt in der EU
ein geschlossenes Verwertungssystem. Ohne eigene Weiterverarbeitung müssen recycelte SEE oder
Oxide, Legierungen und Komponenten wieder nach China exportiert werden.
‒ China ist bereits Vorreiter bei der Integration von Rückgewinnungstechnologien in bestehende
Produktionsprozesse. Auch in Europa könnten gezielte industriepolitische Maßnahmen und die erwartete
Zunahme an End-of-Life(EoL)-Materialien das Recycling voranbringen. Prognosen zufolge ließe sich in
etwa 10 Jahren bis zu einem Drittel der SEE-Nachfrage durch Recycling decken, vorausgesetzt, die
wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen entwickeln sich entsprechend.
5.1 Stand der Technik
Eine Wiederverwertung von seltenen Erden kann im Wesentlichen durch zwei unterschiedliche Vorgehensweisen
erfolgen: Recycling und Re-Use. Insbesondere bestimmte Arten von Magneten können wiederverwendet werden,
wenn die Stoffströme hinreichend groß und sortenrein sind, also Magnete weitestgehend frei von anderen
Materialien und Komponenten sind. Die Magnete werden dabei nicht zerstört, sofern sie für Anwendungen mit
gleichen magnetischen Eigenschaften infrage kommen. Dennoch müssen sie entmagnetisiert und gereinigt und
gegebenenfalls in eine neue Form gebracht werden (DERA 2024, S. 12).
Abbildung 5.1 Phasen der Wiederverwertung
Quelle: nach Schönfeldt (2025, S. 8)
Unabhängig vom angewandten Recyclingverfahren muss die zu recycelnde Komponente, beispielsweise der
Permanentmagnet, aus dem Endprodukt, beispielsweise einem Elektromotor, einer Windkraftanlage oder einem
Smartphone, entnommen werden. Zunächst erfolgt also eine Sammlung von recyclefähigen Komponenten und
Produkten, die das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben. Diese Produkte werden anschließend demontiert, in
den Rückgewinnungsprozess überführt und nach der erfolgten Rückgewinnung wieder genutzt (Abbildung 5.1).
Um ein Recycling von SEE durchzuführen, gibt es zwei unterschiedliche Verfahrensgruppen: das werkstoffliche
und das rohstoffliche Recycling (DERA 2024, S. 11). Die Verfahren sind mit ihren Vor- und Nachteilen in
Tabelle 5.1 aufgeführt.
Tabelle 5.1 Vor- und Nachteile von Recyclingmethoden
Recyclingmethode
Prozess Vorteile Nachteile
Wiederverwendung
(Re-Use)
geringer Energieverbrauch (vergleiche
mit anderen Recyclingmethoden),
wenige bis keine Chemikalien nötig,
geringe bis keine Produktion von Abfällen
nur für große und leicht zugängliche
Magnete geeignet (Windturbinen, große
Motoren), aktuell noch zu geringe
Materialströme, Anforderungen von
Altmagnet und Neuanwendung müssen passen,
händische Demontage notwendig
rohstoffliches
Recycling
Ein- bzw.
Umschmelzen,
HDDR-
Verfahren,
Schmelzspinnverfahren
Kontaminationen und Verunreinigungen
sind weniger kritisch, mehr
Freiheitsgrade im Hinblick auf Zusammensetzung
und Eigenschaften, theoretisch beste
magnetische Eigenschaften erzielbar,
anwendbar bei geschredderten
Stoffströmen oder kleinen Anwendungen,
anwendbar auf alle
Magnetzusammensetzungen (teilweise auch oxidierte
Magnete)
im Vergleich zu werkstofflichem
Recycling mehr Prozessschritte und größere
Mengen an Energie (0,7 bis 1,0 kg CO2-
Äquivalent mehr), Wasser und
Chemikalien notwendig, allerdings weniger als
bei Produktion von Magneten aus
Primärmaterial
Wasserstoffversprödung
geringer Energiebedarf, kein Abfall, gut
geeignet für Magnete aus Festplatten
keine Variationen in den Abfallströmen
möglich, nicht anwendbar bei oxidierten
Magneten
werkstoffliches
Recycling
geringerer Energieverbrauch als
rohstoffliche Recyclingmethoden, geringe bis
keine Produktion von Abfällen, ähnliche
Prozesse wie in der Primärproduktion
und daher integrierbar, höhere
Nachhaltigkeit als bei rohstofflichen
Recyclingmethoden erzielbar
Demontage- und Sortierprozesse
notwendig, magnetische Eigenschaften
abhängig von Qualität der Altmagnete
(Oxidation), durch Zugabe von SEE
Reduktion der Restmagnetisierung um 2 bis
10 %, nicht anwendbar bei
geschredderten oder inhomogenen Stoffströmen
hydrometallurgische
Verfahren
etablierte Methode der Erzaufbereitung,
anwendbar für alle
Magnetzusammensetzungen, geeignet für oxidierte und nicht
oxidierte Legierungen
hoher Bedarf an Chemikalien und
Wasser, hoher Aufwand aufgrund der
Vielzahl an Prozessschritten, große
Abwassermenge, Verunreinigung durch
Schwermetalle
pyrometallurgische Verfahren
weniger Prozessschritte als bei der
Hydrometallurgie, kein Abwasser,
anwendbar für alle Magnetzusammensetzungen,
Direktschmelzverfahren zur Erzeugung
von Vorlegierungen, Erzeugung von
SEE-Metallen mittels
Flüssigmetallextraktion
sehr hoher Energiebedarf,
Direktschmelzverfahren und
Flüssigmetallextraktion nicht bei oxidierten Magneten
anwendbar, Elektroschlacke-
Umschmelzverfahren verursacht große
Mengen fester Abfälle, hohe
Umweltbelastung (Dioxinproduktion, Freisetzung
gefährlicher Verbindungen)
Eigene Zusammenstellung nach BGR (2021, S. 9); Bhattarai et al. (2024); Danouche et al. (2024); DERA (2024, S. 15 f., und 2025,
S. 98 ff.)
Beim werkstofflichen Recycling – auch als funktionales oder Short-Loop-Recycling bezeichnet – wird das Ziel
verfolgt, aus alten Materialien (zum Beispiel Magneten, die das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben) neue
Komponenten herzustellen. Dabei werden die physikalischen Eigenschaften des Ausgangsmaterials verändert,
um etwa eine neue Legierung zu erzeugen, aus der wiederum Magnete gefertigt werden können (IEA 2024b,
S. 89). Im Unterschied zur direkten Wiederverwendung entsteht also ein neues Materialprodukt. Allerdings sind
die daraus hergestellten Magnete in der Regel von geringerer Qualität als das ursprüngliche Ausgangsprodukt.
Daher spricht man häufig von Downcycling (Interviews Erdmann, Burkhard).
Es gibt unterschiedliche Prozesse, um das werkstoffliche Recycling durchzuführen (DERA 2025, S. 98 f.):
– Ein- bzw. Umschmelzverfahren: Es wird eingesetzt, um Sintermagnete herzustellen. Dazu werden EoL-
Magnete und Produktionsabfälle aus der Magnetherstellung in Induktionsöfen geschmolzen. Die entstehenden
Bandgussflocken11 können zur Fertigung von gesinterten Magneten verwendet werden (DERA 2024, S. 14).
– Wasserstoffversprödung (Hydrogen Decrepitation – HD): Dabei werden Permanentmagnete unter
Verwendung von Wasserstoff in ein grobes Pulver aufgespalten. Durch die chemische Reaktion zwischen
Wasserstoff und den Magnetwerkstoffen vergrößert sich das Volumen des Magneten und der Werkstoff versprödet.
Aus dem zunächst entstehenden groben Pulver kann ein feines Pulver gemahlen werden, das wiederum für
die Herstellung von gesinterten oder kunststoffgebundenen Magneten verwendet werden kann (DERA 2024,
S. 12 f.).
– HDDR-Verfahren (Hydrogenation Disproportionation Desorption and Recombination): Dieses Verfahren ist
ähnlich der Wasserstoffversprödung, allerdings werden höhere Temperaturen sowie höherer Druck der
Wasserstoffatmosphäre in den einzelnen Prozessschritten genutzt. Dadurch entsteht im Endergebnis ein feineres
Pulver, das zur Herstellung von kunststoffgebundenen Magneten genutzt wird (DERA 2024, S. 13 f.).
– Schmelzspinnverfahren: Dieses beginnt ebenfalls mit dem Aufschmelzen von EoL-Magneten oder
Produktionsabfällen. Die Schmelze wird auf einem rotierenden Metallrad abgekühlt, wodurch nanokristalline
Bänder entstehen, die anschließend in ein feines Magnetpulver gemahlen werden. Auch hieraus können
kunststoffgebundene Magnete hergestellt werden (DERA 2024, S. 14, und 2025, S. 99).
Obwohl werkstoffliches Recycling vor allem für Magnete eingesetzt wird, eignen sich nicht alle Magnete im
selben Maße für die genannten Recyclingprozesse. Bei der Wahl des spezifischen Prozesses kommt es daher unter
anderem auf den Verunreinigungsgehalt, das Ausgangsmaterial sowie das beabsichtigte Endprodukt an.
Beim rohstofflichen Recycling (elementares oder Long-Loop-Recycling) ist das übergeordnete Ziel, EoL-
Stoffströme derart aufzubereiten, dass die enthaltenen SEE getrennt voneinander zurückgewonnen werden können.
Die auf diese Weise gewonnenen SEE oder SEE-Oxide können als Vorprodukte dadurch deutlich früher wieder
in die Wertschöpfung eingebracht werden. Zudem kann eine größere Bandbreite an Inputmaterial rückgewonnen
werden (DERA 2025, S. 99 f.). Beim rohstofflichen Recycling können zwei Gruppen von Prozessen
unterschieden werden: das hydrometallurgische und das pyrometallurgische Recycling (Bhattarai et al. 2024; DERA 2024,
S. 14 ff., und 2025, S. 99 f.).
Erstgenanntes lässt sich in zwei unterschiedlichen Prozessen durchführen, bei denen die SEE-Magnete chemisch
ausgewaschen werden. Dies geschieht entweder mit der Flüssig-flüssig-Extraktion oder dem selektiven Fällen.
Die Magnete werden in Salz- oder Schwefelsäure aufgelöst und die einzelnen SEE abgetrennt. Anschließend
werden die SEE in SEE-Oxide oder SEE-Fluoride überführt (Bhattarai et al. 2024; DERA 2024, S. 14).
Hydrometallurgische Verfahren eignen sich für unterschiedliche Arten elektronischer Abfälle: von Batterien und
Katalysatoren über Leuchtmittel bis hin zu Permanentmagneten, wie sie in Motoren und Generatoren enthalten sind
(Jyothi et al. 2020).
Pyrometallurgische Verfahren basieren auf dem Prinzip der Umwandlung in eine Phase (zum Beispiel Schlacke),
die eine selektive Abtrennung vom übrigen verwendeten Material (zum Beispiel Kunststoff, andere Metalle etc.)
ermöglicht. Die pyrometallurgischen Verfahren ähneln den Raffinations-Prozessen bei der Weiterverarbeitung
(IEA 2024b, S. 89) (Kapitel 2), sodass die unterschiedlichen Zwischenprodukte an verschiedenen Stellen in die
Primärwertschöpfung einfließen können (Abbildung 2.5). Pyrometallurgische Verfahren werden beispielsweise
angewandt, um die in wiederaufladbaren Batterien enthaltenen SEE zu recyceln (Assefi et al. 2020).
Viele der genannten Verfahren werden bereits in der Praxis eingesetzt, einige biohydrometallurgische Verfahren
sind noch Gegenstand von Forschungsarbeiten (Interview Burkhard; Danouche et al. 2024).
11 spezielle Form von Metallgussgranulat
Die für das Recycling von SEE erforderlichen Akteursgruppen lassen sich unterscheiden in Sammler, Recycler
und Produzenten (zum Beispiel von Magneten). Ein Merkmal der relevanten Akteure ist, dass es sich bei
Unternehmen, die insbesondere das Recycling von Magneten betreiben, häufig um Start-ups handelt, die ihrerseits aus
Aktivitäten von Forschungsinstitutionen hervorgegangen sind (DERA 2024, S. 27). Es gibt weltweit ca. 17
Unternehmen, die Recyclingverfahren für Magnete anwenden (wollen), die in Tabelle 5.2 aufgeführt sind. Nicht alle
dieser Unternehmen betreiben bereits aktiv ein Recycling, manche haben dies aber für das Jahr 2025 oder die
Folgejahre angekündigt (DERA 2024, S. 27 ff.; IEA 2024b, S. 95 f.). Das jeweilige Geschäftsmodell lässt sich
entweder als Primärmaterialhersteller, die ihren Recyclingbetrieb integrieren, oder Lohnverwerter bezeichnen,
die Materialien im Auftrag von Kunden gegen eine Gebühr verarbeiten (IEA 2024b, S. 26 f.).
Tabelle 5.2 Übersicht über Recyclingunternehmen
Name Standort Recyclingverfahren
Apple USA, Niederlande Sortierung
CAREMAG Frankreich rohstofflich
Cyclic Materials Kanada Sammlung, Long Loop,
hydrometallurgisches Verfahren
GeoMega Resource Kanada hydrometallurgisches Verfahren
HyProMag GmbH Deutschland, Großbritannien, USA werkstofflich, Wasserstoffversprödung
Ionic Rare Earths Großbritannien rohstofflich
MagREEsource Frankreich werkstofflich, Wasserstoffversprödung
Neo Performance Materials Estland Magnetherstellung
Noveon Magnetics USA Magnetherstellung, werkstofflich
Orano Frankreich werkstofflich, Wasserstoffversprödung
ReElement USA rohstofflich
Shenghe Resources China
Heraeus REMLOY GmbH Deutschland Schmelzspinnverfahren
RockLink GmbH Deutschland Sammlung
Lars Walch GmbH & Co. KG Deutschland Demontage
Carester Frankreich Flüssig-flüssig-Extraktion
REEcycle USA Sammlung, Wasserstoffversprödung
Eigene Zusammenstellung nach DERA (2024, S. 28 ff.); IEA (2024b, S. 95 f.)
Als zentrale Herausforderung für die Unternehmen gilt dabei die Wirtschaftlichkeit. Das heißt,
Recyclingunternehmen müssen preislich mit der Förderung und Weiterverarbeitung von Primärrohstoffen konkurrieren können.
Dabei kommt es auf die Entwicklung der Zusammensetzung der EoL-Materialströme an: Gegenwärtig wird
beispielsweise mit einem bestimmten Anteil schwerer seltener Erden gerechnet, der zurückgewonnen werden kann
und der dadurch begrenzt ist, wie hoch der Anteil zum Beispiel in einem Magneten ist. Wenn künftig Magneten
einen anderen, beispielsweise geringeren Anteil schwerer seltener Erden beinhalten, dann ändert sich auch der
EoL-Materialstrom, der für das Recycling zur Verfügung steht (IEA 2024b, S. 90 f.). Dadurch wird die
Entwicklung der Abfallpreise beeinflusst, die im Vergleich zum Preis von Neuprodukten bei der
Wirtschaftlichkeitsbewertung eine zentrale Rolle spielen.
5.2 Voraussetzungen und Herausforderungen beim Recyceln
Obwohl das Interesse an Recyclingverfahren für SEE spätestens im Zuge der Rohstoffkrise im Jahr 2011
(Kapitel 4) stark zugenommen hat (DERA 2024, S. 11), sind die EoL-Inputmengen, die für die unterschiedlichen
Recyclingmethoden zur Verfügung stehen, bislang noch sehr gering (DERA 2025, S. 98). Das lässt sich unter
anderem damit erklären, dass es beispielsweise in Deutschland keinen eigenen Abfallschlüssel12 für EoL-Magnete gibt
und deshalb Magnetabfälle in unterschiedlichen Warengruppen gehandelt werden. Dadurch können EoL-Magnete
je nach Recyclingverfahren als Abfall oder als Vorprodukt gehandelt werden (Interview Oehlmann; DERA 2024,
S. 20). In Deutschland gibt es daher noch keinen relevanten Handel mit EoL-Magneten, allenfalls bilaterale
Preisabsprachen zwischen Recyclingunternehmen und Verwertern. Weitere Gründe für die geringen Rücklaufmengen
bestehen darin, dass Komponenten wie Permanentmagnete in Windkraftanlagen oder Akkus und Elektromotoren
in E-Autos, in denen SEE enthalten sind, das Ende ihrer Lebensdauer noch nicht erreicht haben. Außerdem sind
die Stoffströme, die vor allem durch Elektroschrott entstehen, sehr heterogen und werden nicht unbedingt mit
dem Ziel gesammelt, SEE zu recyceln. So ist beispielsweise das Recycling von NiMH-Akkumulatoren darauf
ausgelegt, Nickel, Eisen und Kobalt zurückzugewinnen. Die auch enthaltenen SEE werden bei dem
Recyclingprozess nicht getrennt und gehen somit für eine erneute Verwendung verloren (BGR 2021, S. 8). Auch die
Rückgewinnung von SEE aus Leuchtstoffen hat sich bislang nicht als wirtschaftlich erwiesen (BGR 2021, S. 8).
Die geringen Inputmengen haben bislang dazu geführt, dass die Wirtschaftlichkeit von Recyclingverfahren vor
allem bei Magneten, nicht aber bei anderen Komponenten mit SEE gegeben ist (Interviews Burkhardt, Bender;
BGR 2021, S. 8; Bhattarai et al. 2024). Darüber hinaus sind die zuvor genannten Recyclingverfahren technisch
aufwendig. Der Grund dafür ist wiederum die Heterogenität der Stoffströme, die für das Recycling infrage
kommen und die jeweils unterschiedliche Verfahren erfordern. Es besteht zudem die Möglichkeit, dass
Verunreinigungen den Recyclingprozess beeinflussen. Dies ist insbesondere dann problematisch, wenn möglichst reine SEE
zurückgewonnen werden sollen, um daraus wiederum spezifische Komponenten herstellen zu können. Letztlich
ist bei den Recyclingverfahren – ähnlich wie bei der zuvor geschilderten Weiterverarbeitung von Primärrohstoffen
(Kapitel 2) – die Abtrennung unterschiedlicher SEE, zum Beispiel Neodym, Dysprosium und Praseodym,
aufwendig (Bhattarai et al. 2024).
Bislang sind Kapazitäten und Know-how für das Recycling vor allem in China entstanden (BGR 2021, S. 8).
Recycelte SEE oder Oxide, Legierungen sowie Komponenten müssen also nach China transportiert werden, um
in die dort etablierten Wertschöpfungsketten für Weiterverarbeitung sowie der Herstellung von
Zwischenprodukten und Komponenten aus SEE eingebracht zu werden. Daraus resultiert ein erheblicher logistischer Aufwand
beim Auf- bzw. Ausbau von Recyclingstoffströmen in Deutschland und Europa. Ohne eigene
Recyclingkapazitäten sowie weitere Stufen der Wertschöpfungskette kann lediglich die Sammlung von EoL-Input in Deutschland
bzw. Europa erfolgen. Der gesammelte EoL-Input wird dorthin transportiert, wo recycelt werden kann. Wenn
hierzulande Recyclingkapazitäten entstehen, muss immer noch eine Integration in die weitere
Wertschöpfungskette erfolgen. Dies könnte derart gestaltet werden, dass recycelte SEE, Oxide, Legierungen etc. dorthin verschifft
werden, wo die weiteren Stufen der Wertschöpfungskette etabliert sind.
Recycelte SEE, Zwischenprodukte oder Komponenten mit Rezyklatanteil konkurrieren mit neu gefertigten
Produkten. Sowohl für Rohstoffe als auch Zwischenprodukte und Komponenten liegen die Marktpreise gegenwärtig
unter denen von Rezyklaten bzw. recycelten Produkten. So kann beispielsweise ein recycelter Magnet etwa
doppelt so teuer sein wie ein neuer Magnet (Interview Burkhardt). Die Preisentwicklung lässt sich bislang zwar nicht
für alle SEE darstellen, aber für ausgewählte Elemente, die Bestandteil von Permanentmagneten sind (Neodym
und Dysprosium), lässt sich nachvollziehen, wie die Preisentwicklungen von Primärrohstoffen, Primärmagneten
und Altmagneten zusammenhängen. Der Preis für neue Permanentmagnete ist direkt abhängig von den Preisen
der Primärrohstoffe. Hier konnte über einen Zeitraum von 5 Jahren (2017 bis 2022) eine Steigerung um 125 %
für den Preis von Primärmaterialien für die Magnetproduktion ermittelt werden. Im selben Zeitraum ist der Preis
für Altmagnete ebenfalls um 125 % gestiegen, da auch hier der Marktwert der Primärrohstoffe ein wesentlicher
Kostenfaktor ist. Hinzu kommen die Aufbereitungskosten. Wenngleich sich die Preisniveaus deutlich
unterscheiden, so ist die Entwicklung in ihrer Richtung vergleichbar (DERA 2024, S. 25 f.).
Damit das Recycling von Altmagneten und anderen Komponenten mit SEE wirtschaftlicher wird, gibt es
unterschiedliche Optionen. Um beispielsweise die Recyclingquoten zu erhöhen und mehr Elektroschrott mit dem Ziel,
SEE zu recyceln, zu sammeln und zu sortieren, könnten die Hersteller von Komponenten stärker in die
Verantwortung genommen und dazu verpflichtet werden, in digitaler Form Informationen über die Produkteigenschaften
12 Ein Abfallschlüssel ist eine standardisierte Kennziffer, mit der Abfälle nach Art und Herkunft systematisch klassifiziert werden.
zur Verfügung zu stellen. So ließe sich leichter nachvollziehen, welche Produktbestandteile wiedergewonnen
werden könnten. Zum anderen könnte die Herstellerverantwortung dahingehend weiterentwickelt werden, dass
bei der Produktentwicklung der Anteil recycelter Materialien erhöht wird. Letztlich kann Herstellerverantwortung
auch dahingehend erweitert werden, dass Rücknahmepflichten erweitert werden, sodass EoL-Produkte einem
Recyclingprozess zugeführt werden müssen (Interview Faulstich; Kapitel 4).
Abbildung 5.2 Lieferketten von seltenen Erden
Quelle: nach Erdmann (2025, S. 11)
5.3 Ausblick: Recycling im Jahr 2035
Gegenwärtig wird in Europa nur rund 1 % der Nachfrage nach Rohstoffen durch recycelte SEE, insbesondere
Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium, gedeckt (Burkhardt 2024; DERA 2024, S. 17). Vor allem
Magnete, wie sie in Festplatten und Lautsprechern sowie anderen digitalen Technologien vorkommen, sowie
Produktionsabfälle sind bislang für Recycling wirtschaftlich relevant gewesen (BGR 2021, S. 8). Jedoch wird das
Recycling von derartigem Elektroschrott nicht durchgeführt, um SEE zurückzugewinnen, sondern für andere
Materialien (Vuppaladadiyam et al. 2024). Der Grund dafür: Der Anteil an SEE im Vergleich zu anderen Materialien
ist beim Elektroschrott gering. Künftig könnte sich dies ändern, wenn diejenigen Magnete bzw. SEE-
Komponenten, die in Windkraftanlagen (Permanentmagnete) und Elektromotoren verbaut sind, das Ende ihrer Lebensdauer
erreichen und in größeren Mengen für das Recycling zur Verfügung stehen. Als Bestandteil der europäischen
Rohstoffstrategie könnten die eingangs genannten Anteile in den kommenden Jahrzehnten deutlich gesteigert
werden. So könnten Schätzungen zufolge im Jahr 2035 bereits zwischen 25 und 35 % der Nachfrage und bis 2050
zwischen 30 und 40 % der Nachfrage durch recycelte SEE gedeckt werden (IEA 2024b, S. 88).13 Dadurch sollen
die bestehenden Abhängigkeiten von China reduziert und der steigende Bedarf nach Primärrohstoffen gedeckt
werden.
Damit diese Potenziale gehoben werden können, sind zwei zentrale Entwicklungen erforderlich: Erstens der
Ausbau von Recyclingkapazitäten in der EU und zweitens hinreichend große Mengen an EoL-Input, also
beispielsweise Elektromotoren, Generatoren, Windkraftanlagen, Batterien, Lautsprecher etc. Jedoch gibt es große Unter-
13 Die Spanne lässt sich dadurch erläutern, dass die International Energy Agency (IEA/Internationale Energieagentur) drei verschiedene
Szenarien modelliert hat. Die Szenarien unterscheiden sich im Wesentlichen durch den Grad der Zielerreichung der international
vereinbarten Klimaziele und berücksichtigen unter anderem die Absichtserklärungen bezüglich der Klimaziele sowie die aktuellen
politischen Strategien und Maßnahmen zur Zielerreichung.
schiede bei den verschiedenen EoL-Inputströmen. Zum einen befinden sich in den diversen Anwendungen
verschiedene SEE in unterschiedlich großen Mengen: So enthält ein Elektromotor eines vollelektrischen Pkw ca.
1 kg Magnete, die SEE enthalten, Windkraftanlagen schon bis zu 2 t Magneten mit SEE, Lautsprecher hingegen
nur wenige Milligramm (IEA 2024b, S. 88). Zum anderen sind die Lebenszyklen der Anwendungen
unterschiedlich lang, Windkraftanlagen erreichen beispielsweise erst nach 20 bis 30 Jahren das Ende ihrer Lebensdauer. Das
bedeutet, dass recyclingfähiges Material in großen – und auch wirtschaftlich bedeutsamen – Mengen gegenwärtig
noch nicht zur Verfügung steht (Interview Burkhardt). Dies könnte sich ändern, wenn beispielsweise
magnethaltige Hard-Drive-Disk(HDD)-Festplatten, wie sie in großer Zahl zum Beispiel in Serverfarmen verbaut sind, durch
(magnetfreie) Solid-State-Disk(SSD)-Laufwerke ersetzt werden. Die magnethaltigen Festplatten könnten dann
für das SEE-Recycling verfügbar sein (DERA 2024, S. 18).
Da erwartet wird, dass die weltweite Menge an Elektroschrott künftig weiter ansteigen wird, besteht auch hier das
Potenzial, dass künftig größere Mengen an SEE aus Elektroschrott wiedergewonnen werden können. Doch
sowohl die dafür notwendigen hydro- wie auch die pyrometallurgischen Prozesse müssten noch verbessert werden,
um negative Umweltfolgen, etwa durch den Einsatz von Säuren, zu minimieren (Vuppaladadiyam et al. 2024).
Auch aus anderen Quellen, wie zum Beispiel Phosphatdüngemitteln, könnten künftig seltene Erden wie
beispielsweise Lanthan und Cer, aber auch Praseodym und Neodym, zurückgewonnen werden. Hierzu laufen gegenwärtig
erste Forschungs- und Entwicklungsvorhaben (Brückner 2021).
Da beim Umgang mit heterogenen Stoffströmen ein wesentlicher Kostentreiber die Sortierung und die damit
verbundenen Personalkosten sind, kann davon ausgegangen werden, dass hier eine stärkere Automatisierung
angestrebt wird, um die Kosten zu reduzieren.
Kasten 5.1 Projektionen Recycling
Szenario „Blockierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.1)
Projektion: Bis 2035 werden Recyclingkapazitäten in der EU nur in geringem Umfang ausgebaut.
Da politische Maßnahmen nur zögerlich umgesetzt werden, bleiben Investitionen in Recyclingverfahren
begrenzt. Recyclingkapazitäten werden nur in geringem Umfang ausgebaut. Rezyklate sind somit nur selten
preislich wettbewerbsfähig verglichen mit Primärrohstoffen. Die Recyclingquote steigt demzufolge nur leicht auf
5 %. Vor allem bei Konsumgütern (Smartphones, Lautsprecher, Monitore etc.) gelingt keine
wettbewerbsfähige Rückgewinnung seltener Erden.
Szenario „Fragmentierte Souveränitätswende“ (Kapitel 6.2)
Projektion: Bis 2035 werden Recyclingkapazitäten in der EU erweitert und EoL-Input gesammelt. Das
Recycling findet aber weiterhin im Wesentlichen in China statt.
Dank einer ambitionierten Umsetzung des europäischen Critical Raw Materials Act und einer konsequenten
Förderung und Subventionierung werden zunehmend Investitionen in Recyclingverfahren getätigt. Auch beim
Design von Produkten wird Recycling stärker mitgedacht. Allerdings werden EoL-Stoffströme vor allem
dorthin gelenkt, wo bereits ausreichend Kapazitäten verfügbar sind. So wird eine Recyclingquote von 20 % erreicht
und Rezyklate werden bei der Herstellung neuer Komponenten (zum Beispiel Permanentmagnete) verwendet.
Dadurch entsteht eine europäische Recycling- und Vorprodukt-Infrastruktur.
Szenario „Proaktive Souveränitätswende” (Kapitel 6.3)
Projektion: Bis 2035 entstehen ausreichend Recyclingkapazitäten in der EU und EoL-Stoffströme können in
der EU verarbeitet sowie weitere Stufen in der Wertschöpfungskette aufgebaut werden.
Neue Recyclingtechnologien und kostengünstige Verfahren werden realisiert. Dank digitaler Produktpässe
gelingt eine bessere Rückverfolgbarkeit von Rohstoffen. Weil Komponenten wie Permanentmagnete und
Elektromotoren in den späten 2020er Jahren das Ende ihrer Lebensdauer erreichen, können mehr Komponenten, die
seltene Erden enthalten, der Wiederverwertung zugeführt werden. Mit erhöhten Rücklaufmengen steigt die
Wirtschaftlichkeit von Recycling und entsprechende Anlagen entstehen. EoL-Stoffströme werden primär nach
Europa verlagert, weil ausreichend Kapazitäten für die Wiederaufbereitung bestehen. Die Recyclingquote in
der EU steigt auf 40 %. In einigen Bereichen (zum Beispiel Elektromobilität) entstehen vollständig integrierte
Materialkreisläufe.
Mit Blick auf den Ausbau der Recyclingkapazitäten wurde in Kapitel 2.3 eine Übersicht über die existierenden
und angekündigten Projekte verschiedener Unternehmen gegeben (Tabelle 2.3). Falls diese realisiert werden,
könnten bereits 2026 ausreichend Kapazitäten verfügbar sein, um 7 % der weltweiten Nachfrage nach SEE decken
zu können (IEA 2024b, S. 95).
Spezifisch für das Recycling von Neodym-Eisen-Bor-Magneten wertete die DERA (2024) unterschiedliche
Studien der vergangenen Jahre aus und erstellte eine Übersicht über die künftig verfügbaren Mengen an SEE-
Magneten (Tabelle 5.3).
Tabelle 5.3 Recyclingpotenziale ausgewählter SEE-Magnet-Materialströme mit Ausblick auf die
zukünftige Entwicklung
Studie Materialstrom Region Zeitraum und Menge an EoL-Magneten
Elwert et al. (2018) NdFeB-Magnete
allgemein
Europa 2015: 150 t (davon 60 bis 70 t Produktionsabfall)
2016 bis 2040: 10.300 t bis 183.000 t
Reimer et al. (2018) NdFeB allgemein Europa 2018 bis 2040: 25.700 t bis 233.000 t
UBA (2019) NdFeB allgemein Deutschland 2015: 800 t
2030: 1.700 t
2040: 4.800 t
GWEC (2023) NdFeB Windkraft Welt 2027: 15.000 t
Schulze/Buchert
(2016)
NdFeB allgemein Welt 2020: 15.000 t bis 22.000 t
2030: 27.000 t bis 52.000 t
Schulze/Buchert
(2016)
Produktionsabfälle für
rohstoffliches Recycling
Welt 2020: 28.000 t bis 45.000 t
2030: 60.000 t bis 158.000 t
IEA (2022) SEE (Nd, Pr, Dy, Tb) Welt 2030: 11.000 t
2040: 12.000 t
NdFeB = Neodym-Eisen-Bor-Magnete
Quelle: nach DERA (2024, S. 18)
Nicht nur zeigt sich, dass die geschätzten Mengenpotenziale stark variieren; auch die Zeitpunkte, zu denen die
jeweiligen Materialströme erwartet sowie die Recyclingkapazitäten verfügbar sein werden, werden ersichtlich.
Für Windkraftanlagen hängt die für ein Recycling verfügbare Menge beispielsweise nicht nur von der
Lebensdauer der jeweiligen Anlagen ab, sondern auch von der Ausbaugeschwindigkeit. Insofern wird erwartet, dass erst
ab 2030 ein Anstieg an verfügbaren EoL-Magneten eintritt (DERA 2024, S. 19). Somit besteht ein Zeitfenster für
die Stärkung der wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Angesichts der chinesischen
Marktführerschaft ist vor allem ein Auf- bzw. Ausbau von Kompetenzen und Know-how in Deutschland und Europa
notwendig, um die vorhandenen Potenziale des Recyclings seltener Erden heben und eine eigene Wertschöpfung
etablieren zu können.
6 Szenarien 2035: Mehr Souveränität bei seltenen Erden?
Wie in Kapitel 1 dargelegt, erfolgte auf Basis der Ergebnisse der Desktoprecherche und der Experteninterviews
die Ableitung unterschiedlicher Entwicklungsmöglichkeiten (Projektionen) für die Schlüsselfaktoren der
Rohstoffsouveränität. Die unterschiedlichen Projektionen werden jeweils am Ende der entsprechenden Unterkapitel
vorgestellt. Die Projektionen wurden miteinander kombiniert und zu den drei folgenden Szenarien
weiterentwickelt.
6.1 Blockierte Souveränitätswende: Chinas Dominanz und Europas Zögern verhindern
Diversifizierung
‒ Die globale Ordnung im Jahr 2035 hat sich in zwei Blöcke aufgespalten – China und Russland auf der
einen Seite, die USA und die EU auf der anderen Seite, wobei die USA und China teilweise als
eigenständige Supermächte agieren. Sicherheit hat Vorrang vor Nachhaltigkeit. Die Nachfrage nach seltenen Erden
verschiebt sich deshalb von grünen Technologien hin zum militärischen Bereich und steigt nur verhalten
an. Afrikanische und asiatische Länder schließen lieber mit den USA und China Rohstoffpartnerschaften
als mit der EU. Investitionen in den Rohstoffabbau stagnieren aufgrund der schwachen Nachfrage,
geopolitischer Unsicherheiten und chinesischer Gegenstrategien, die die Souveränitätsbestrebungen der EU
torpedieren sollen. Chinas bereits gefestigte Stellung im Bergbau und in der Raffination ermöglicht es dem
Land, seine Dominanz nachhaltig zu verteidigen. Recycling und Substitution bleiben Randthemen ohne
signifikanten Einfluss auf die Versorgungslage. Chinas Marktmacht und Europas Zögerlichkeit
verhindern eine relevante Rohstoffunabhängigkeit.
Sicherheit statt Nachhaltigkeit: die politische Verschiebung der 2020er Jahre
Es ist 2035. Es zeichnet sich eine Polarisierung der Welt in zwei Blöcke ab: Trotz der politischen Spannungen
zwischen den USA und der EU bis Ende der 2020er Jahre befinden sich der europäische Staatenbund und die
USA inzwischen häufiger gemeinsam in einer antagonistischen Rolle gegenüber China und Russland. Die beiden
Supermächte – die USA und China – agieren allerdings nicht nur als Blockführer, sondern zeitgleich als
eigenständige Supermächte mit eigenen strategischen Interessen, die teilweise über die Logik der Blockbildung
hinausgehen.
Indien, größte Demokratie der Welt, aber auch Teil der BRICS-Staatengruppe, schlägt sich bei Konflikten
zwischen den Blöcken je nach indischer Interessenlage entweder auf die Seite der USA und der EU oder auf die Seite
Chinas und Russlands.
Sicherheit und Verteidigung sind in den 2020er Jahren weltweit in den Vordergrund gerückt – sowohl in den
politischen Debatten als auch in den nationalen Haushalten. Selbst in Staaten, die einst Vorreiter einer
ambitionierten Klima- und Umweltpolitik waren, haben Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft und industrielle
Transformation an Bedeutung verloren.
Verhaltene Nachfrageentwicklung
Die Nachfrage nach seltenen Erden entwickelt sich bis 2035 deutlich schwächer als noch zu Beginn des Jahrzehnts
erwartet. Der Bedarf an SEE für grüne Technologien wie Windkraft oder Elektromobilität nimmt ab, während
gleichzeitig die Nachfrage für militärische Anwendungen steigt. Für Militärtechnologien werden aber
vergleichsweise weniger Mengen SEE benötigt als für grüne Technologien. Insgesamt ergibt sich dadurch nur ein geringer
Anstieg der Gesamtnachfrage – rund 1 % pro Jahr. Dazu trägt auch bei, dass durch Anpassungen in den
Produktionsprozessen der SEE-Materialeinsatz reduziert werden kann. Das Nachfrageniveau im Jahr 2035 liegt mit rund
10 % somit nur geringfügig über dem Stand von 2025.
Bis 2035 kann die EU ihren Zugang zu SEE in Drittländern kaum verbessern
Um ihren Zugang zu seltenen Erden und damit perspektivisch ihre Versorgungslage zu verbessern, bemüht sich
die EU weiterhin um Rohstoffpartnerschaften mit Ländern, die über bedeutende SEE-Reserven verfügen. In
vielen afrikanischen und asiatischen Ländern konkurriert sie dabei allerdings mit China und den USA. Die USA und
China machen diesen Ländern häufig attraktivere Angebote, beispielsweise in Bezug auf
Wirtschaftskooperationen oder Infrastrukturinvestitionen, als die EU – sie gerät ins Hintertreffen. Selbst wenn die EU erfolgreich
Rohstoffpartnerschaften abschließen kann, werden diese erst in den 2040er Jahren zur Versorgung mit seltenen Erden
beitragen können.
Investitionsklima lässt Bergbauprojekte außerhalb der chinesischen Einflusssphäre stagnieren
Das Investitionsklima für Bergbauprojekte hat sich angesichts der nur verhalten steigenden Nachfrage nach
seltenen Erden, der zunehmenden Unübersichtlichkeit der geopolitischen Lage und von Preisvolatilitäten eingetrübt,
zu denen China durch die strategische Ausweitung bzw. Verknappung des Angebots an SEE beiträgt.
Peking reagiert auf die europäische Souveränitätspolitik mit der gezielten Verschlechterung von
Investitionsbedingungen außerhalb seines Einflussbereichs: Es erhöht zeitweise seine eigenen Produktions- und
Weiterverarbeitungsquoten – und kann damit den Weltmarkt zu günstigen Preisen beliefern, sofern nicht gerade
Exportkontrollen als politisches Druckmittel verhängt werden und zur Reduzierung des Angebots führen. Ohne einen
staatlich garantierten Mindestpreis für Produzenten, an deren Vorhaben die EU finanziell beteiligt ist oder die in ihrem
Einflussbereich produzieren, lassen sich Erträge in einem dynamischen Preisumfeld kaum abschätzen.
Investitionsentscheidungen werden dadurch erschwert. Neue Bergbaustandorte – vor allem in westlichen
Industrienationen – könnten unter diesen Bedingungen wirtschaftlich nicht konkurrieren. Nur Bergbauprojekte, die gezielt
durch chinesisches Kapital und Know-how gefördert werden, haben eine Chance auf Erfolg.
Raffination bleibt chinesisch dominiert
Auch im Bereich der Weiterverarbeitung bleibt China führend. Zwar geht der chinesische Marktanteil leicht
zurück, doch scheitert der Aufbau nennenswerter Raffinationskapazitäten in vielen Ländern außerhalb Chinas an
hohen Investitionshürden, langwierigen Genehmigungsprozessen, dem Mangel an Fachkräften und
Umweltschutzauflagen, die zwar abgeschwächt worden sind, jedoch immer noch über dem chinesischen Niveau liegen.
Zudem ist die Raffination außerhalb Chinas häufig nicht wettbewerbsfähig: Die chinesische Industrie kann in der
Regel zu deutlich geringeren Kosten raffinieren.
Recycling als Randthema – Quoten bleiben niedrig
Auch das Recycling bietet keinen Ausweg aus der strategischen Abhängigkeit. Da politische Maßnahmen nur
zögerlich umgesetzt werden, bleiben in der EU Investitionen in Recyclingverfahren begrenzt.
Recyclingkapazitäten werden nur in geringem Umfang ausgebaut. Rezyklate sind somit nur selten preislich wettbewerbsfähig
verglichen mit Primärrohstoffen. Die Recyclingquote steigt demzufolge nur leicht auf 5 %. Besonders im
Konsumgüterbereich – bei Smartphones, Lautsprechern oder Monitoren – gelingt keine wettbewerbsfähige
Rückgewinnung seltener Erden.
Kaum Fortschritte in der Substitutionsforschung
In der Substitutionsforschung für Permanentmagnete können kaum Fortschritte erzielt werden, was vor allem an
noch unbeantworteten Forschungsfragen und technischen Hürden liegt, aber auch an der begrenzten
Forschungsförderung in diesem Bereich. Mit SEE-freien Magneten und Neodym-Eisen-Bor-Magneten mit geringerem
Dysprosium- und Terbiumgehalt kann nach wie vor noch nicht die gleiche Leistungsfähigkeit wie mit herkömmlichen
Magneten erreicht werden. Tetrataenit ist nicht im industriellen Maßstab verfügbar. Erfolge zeigen sich allenfalls
bei der Reduzierung des SEE-Einsatzes, beispielsweise bei vollelektrischen und Plug-in-Hybrid-Pkw, bei
Permanentmagneten für Windkraftanlagen und in der Industrie.
Fazit
Die EU befindet sich in einer schwierigen Lage: Um resilienter gegenüber den aktuellen geopolitischen
Entwicklungen zu werden, müsste sie ihre Rohstoffstrategie eigentlich konsequent umsetzen. Doch genau diese
konsequente Umsetzung wird durch die Ad-hoc-Krisen der Weltpolitik immer wieder torpediert. Sie binden politische
Aufmerksamkeit, institutionelle Kapazitäten und finanzielle Ressourcen – und blockieren damit jene
strukturverändernden Maßnahmen, etwa den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft, die langfristig zur strategischen
Unabhängigkeit beitragen könnten. Gleichzeitig verhindert die chinesische Dominanz der Wertschöpfungskette, die bereits in
den 2020er Jahren bestand, wirksame Diversifizierung.
6.2 Fragmentierte Souveränitätswende: Neue Bezugsquellen und eigene
Verarbeitungsstufen eröffnen begrenzte Handlungsspielräume
‒ Die EU sieht sich mit einer multipolaren Weltordnung konfrontiert, in der Länder Klima- und
Umweltthemen sehr unterschiedlich priorisieren. Die Nachfrage nach SEE steigt daher nur moderat an. Die EU
konkurriert mit vielen Ländern um Rohstoffpartnerschaften, manche kann sie abschließen. China setzt seine
Exportkontrollen fort: Mit Förderprogrammen und der Einführung eines Referenzpreismodells wird ein
Investitionsklima geschaffen, das Bergbauprojekte außerhalb Chinas ermöglicht. Hiervon profitiert direkt
wie indirekt auch die EU. Die Weiterverarbeitungskapazitäten in Europa werden ausgebaut. Durch
gezielte politische Maßnahmen entsteht eine europäische Recycling- und Vorproduktinfrastruktur.
Stoffströme enden aber häufig noch außerhalb Europas. Es können teilweise Fortschritte in der
Substitutionsforschung erzielt werden. Durch neue Bezugsquellen und eigene Verarbeitungsstufen kann die EU ihre
Handlungsspielräume bedingt erweitern.
In einer multipolaren Weltordnung
Es ist 2035. Der politische und wirtschaftliche Aufstieg einiger Länder hat die Entstehung einer multipolaren
Weltordnung begünstigt, in der die USA und China wichtig bleiben, aber nicht hegemonial agieren (können). Die
unterschiedlichen Länder kooperieren und konkurrieren miteinander in diversen Konstellationen und auf
verschiedenen Politikfeldern.
Moderate Nachfrageentwicklung
Die Priorisierung von Klima- und Umweltthemen fällt in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich aus, und
internationale Kooperationen zur Koordinierung klimapolitischer Maßnahmen sind fragmentiert. Zudem gelten
in den einzelnen Weltregionen verschiedene technische
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