Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat Strategische Vorausschau 2025 - Resilienz 2.0: Befähigung der EU, sich in Zeiten von Turbulenzen und Unsicherheit zu behaupten
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Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat Strategische Vorausschau 2025 - Resilienz 2.0: Befähigung der EU, sich in Zeiten von Turbulenzen und Unsicherheit zu behaupten
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ISSN 0720-2946
Bundesrat Drucksache 470/25
09.09.25
EU - Fz - G - In - K - U - Wi
Unterrichtung
durch die Europäische Kommission
Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat
Strategische Vorausschau 2025 - Resilienz 2.0: Befähigung der EU, sich in Zeiten von
Turbulenzen und Unsicherheit zu behaupten
COM(2025) 484 final
Der Bundesrat wird über die Vorlage gemäß § 2 EUZBLG auch durch die Bundesregierung
unterrichtet.
Hinweis: Drucksache 545/20 = AE-Nr. 200774;
Drucksache 167/25 = AE-Nr. 250290;
Drucksache 333/25 = AE-Nr. 250707;
AE-Nr. 210120; AE-Nr. 240619
DE DE
EUROPÄISCHE
KOMMISSION
Straßburg, den 9.9.2025
COM(2025) 484 final
MITTEILUNG DER KOMMISSION AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT UND
DEN RAT
Strategische Vorausschau 2025
Resilienz 2.0: Befähigung der EU, sich in Zeiten von Turbulenzen und Unsicherheit zu
behaupten
1
1. EINFÜHRUNG
Die Weltordnung ist seit der allerersten Strategischen Vorausschau im Jahr 2020 erheblich ins
Wanken geraten. Während in diesem ersten Bericht das Konzept der Resilienz, hauptsächlich
im Zusammenhang mit den ersten strukturellen Lehren aus der COVID-19-Pandemie, im
Mittelpunkt stand, geht es jetzt um weitere Fortschritte im Bereich der Vorsorge und der
Widerstandskraft, damit die EU eine Rolle als starker Akteur in dieser sich wandelnden Welt
behält bzw. wiedererlangt.
Daher wird in dieser Vorausschau der Begriff „Resilienz 2.0“ eingeführt. Bereits in der
Vorausschau 2020 wurde Resilienz nicht lediglich als die bloße Bewältigung von Krisen, um
den Status quo aufrechtzuerhalten, definiert. Vielmehr wurde deutlich gemacht, dass die EU
eine angemessene Widerstandsfähigkeit gegenüber systemweiten Krisen und langfristigen
Trends erlangen muss, um sich auf nachhaltige, faire und demokratische Weise zu verändern
und gestärkt daraus hervorzugehen1. Und in der Tat hat die EU auf die jüngsten Krisen mit
Stärke und Einigkeit unter Beweis gestellt und den Bürgerinnen und Bürgern sowie den
Unternehmen geholfen, sich an die großen Krisen und die wichtigsten globalen Trends
anzupassen (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Jüngste große Krisen und sich überschneidende Megatrends, die die
Reaktion der EU prägen
Das Ausmaß, die Komplexität, die Vielfalt und das Fortbestehen der bevorstehenden
Herausforderungen – von geopolitischen und geoökonomischen Umwälzungen, Konflikten
und Sicherheitsbedrohungen über die Dreifachkrise des Planeten (Klimawandel,
Verschmutzung und Verlust an Artenvielfalt)2 bis hin zu technologischen und demografischen
1 Resilienz in der EU-Politik wird definiert in: Manca, A. et al., „Building a Scientific Narrative Towards a More
Resilient EU Society Part 1: a Conceptual Framework“, 2017, DOI: 10.2760/635528; Giovannini, E. et al., „Time
for transformative resilience: the COVID-19 emergency“, 2020, DOI: 10.2760/062495, sowie in der Strategischen
Vorausschau 2020, COM(2020) 493 final.
2 Siehe https://unfccc.int/news/what-is-the-triple-planetary-crisis
2025 Heute
MEGATRENDSGROßEKRISEN, AUF DIE DIE EU REAGIERT HAT
2023 Lage imNahen Osten
2022 RusslandsAngriff auf die
Ukraine
2020 Beginnder Covid-19-Pandemie
2016 Brexit-Abstimmung
2015 Migrationskrise
2011 Krise der Eurozone
Veränderungder Weltordnung
Veränderungder
sicherheitspolitischen
Rahmenbedingungen
Beschleunigungdes Klimawandels
und der Umweltverschmutzung
Beschleunigungdes technischen
Wandels
Zunehmendedemografische
Ungleichgewichte
Zunahmevon Ungleichheiten
Bedrohungen für die Demokratie
2
Veränderungen und Bedrohungen für Demokratie und Werte – erfordern jedoch ein neues Maß
an Resilienz, Dazu muss ein Sprung von einem überwiegend reaktiven Ansatz hin zu einem
aktiven und zukunftsorientierten Vorgehen vollzogen werden, bei dem Ereignisse antizipiert,
Ressourcen optimiert und Vorbereitungen auf unterschiedliche Zukunftsszenarien getroffen
werden, da unsere Welt heute unvorhersehbarer ist als je zuvor. Viele divergierende Szenarien
sind plausibel, darunter einige, die noch vor kurzem nicht vorstellbar erschienen3. In einer
solchen Welt reicht es nicht mehr aus, auf jede Krise als Wendepunkt zu reagieren. Ein
transformativer, aktiv gestalteter und zukunftsorientierter Ansatz für Resilienz
(„Resilienz 2.0“) wird zu einem entscheidenden Vorteil in der neuen geopolitischen Realität
und zu einer entscheidenden Notwendigkeit für die Europäische Union.
Diese Vorausschau trägt zu den Überlegungen darüber bei, wie dieser Schritt hin zu einer neuen
Stufe der Resilienz vollzogen werden kann. Aufbauend auf den jüngsten Strategien und
Berichten, die für die Resilienz relevant sind, und gestützt auf einen breit angelegten Prozess4
werden die wichtigsten langfristigen Trends und Entwicklungen analysiert. Auf dieser
Grundlage werden den politischen Entscheidungsträgern in dieser Vorausschau
Handlungsoptionen vorgestellt, die heute angegangen werden müssen, um das Konzept einer
widerstandsfähigen EU zu verwirklichen.
Dieses Konzept steht in engem Zusammenhang mit dem Konzept der Vorsorge, das mit dem
Niniistö-Bericht5 eingeführt und im Rahmen der Strategie der Union zur Krisenvorsorge6 in
politische Maßnahmen der EU mündete. Das Vorsorgekonzept richtet den Blick vor allem auf
die Fähigkeit der EU, Bedrohungen zu antizipieren, zu verhindern, ihnen standzuhalten und
auf sie zu reagieren. In der Strategie wird auch anerkannt, dass die EU zukunftsorientierte
Fähigkeiten und eine systematische Sammlung von Informationen, auch über die EU-eigene
Weltrauminfrastruktur und -dienste, benötigt, um die Lage über unmittelbare Bedrohungen
hinaus vorausschauend zu analysieren, wobei auch nicht vertraute oder sogar schwer
vorstellbare längerfristige Szenarien zu berücksichtigen sind. Strategische Vorausschau,
Lageerfassung und Frühwarnung sind in dieser Hinsicht entscheidend und müssen weiter
gestärkt werden.
In Zeiten globaler Turbulenzen hilft die strategische Vorausschau der EU, auf Kurs zu bleiben und
über die aktuelle Tagespolitik hinauszugehen. Sie enthält einen klaren Blick nicht nur auf neu
auftretende Risiken, sondern auch auf künftige Chancen: durch Absuchen des Horizonts,
Hinterfragen von Annahmen, Entdeckung von Schwachstellen, Verknüpfung von Ereignissen und
Bewertung ihrer kumulativen Folgen, Ausloten des Spektrums der Möglichkeiten, einschließlich
wünschenswerter Zukunftsperspektiven samt Wegen dorthin. Dabei wird in strukturierter und
systematischer Weise auf kollektive Intelligenz zurückgegriffen. Diese Einblicke sind in die
Politikgestaltung, strategische Planung und Vorsorgepolitik der Kommission eingebunden. Dies
ermöglicht es, die langfristigen Auswirkungen und die Kohärenz des heutigen politischen Handelns
sowie seine Tragfähigkeit in unterschiedlichen Zukunftsszenarien besser zu berücksichtigen und eine
3 Siehe z. B. 25 evidenzbasierte mögliche größere Störungen, die die Politik zwischen 2030 und 2050 umgestalten
könnten: OECD, „Strategic Foresight Toolkit for Resilient Public Policy: A Comprehensive Foresight
Methodology to Support Sustainable and Future-Ready Public Policy", 2025, https://doi.org/10.1787/bcdd9304-
en.
4 Diese Vorausschau stützt sich auf die jüngsten Strategien der Kommission im Bereich Resilienz sowie auf die
zugrunde liegenden Berichte (etwa von Enrico Letta, Mario Draghi and Sauli Niinistö). Hinzu kommen die in
dieser Vorausschau angeführten Belege, Erkenntnisse aus einem öffentlichen Aufruf zur Stellungnahme, ein
partizipativer Prozess innerhalb der Europäischen Kommission sowie Konsultationen mit den EU-Institutionen
im Rahmen des Europäischen Systems für strategische und politische Analysen (ESPAS). Außerdem flossen
Beiträge aus dem koordinierten Netz für strategische Vorausschau der dezentralen EU-Agenturen,
Reflexionsgruppen und aus den Mitgliedstaaten über das EU-weite Netz ein. Sie stützt sich auch auf die früheren
Versionen der Strategischen Vorausschau (2020-2023).
5 Safer Together – Strengthening Europe’s Civilian and Military Preparedness and Readiness.
6 JOIN(2025) 130 final.
3
gemeinsame positive Vorstellung von der Zukunft der EU zu entwickeln. Dazu leisten die
strategischen Vorausschauen der Kommission seit 2020 ihren Beitrag. Diese Vorausschau, der erste
im Rahmen dieser Amtszeit, hat einen Übergangscharakter und ebnet den Weg für einen
Vorausschauprozess, bei dem das gesamte Spektrum an einschlägigen Methoden und Instrumenten
genutzt wird, die den Vorausschauen ab 2026 als Grundlage dienen werden. Sie können auch genutzt
werden, um kohärente Aktionspläne zu entwickeln, um unsere Krisenfestigkeit zu stärken, die
ermittelten Herausforderungen anzugehen und die Chancen zu nutzen.
Von Resilienz zu Resilienz 2.0
Die EU kann auf eine Reihe günstiger Voraussetzungen für die Stärkung ihrer Resilienz zählen.
Erstens verfügt die EU über einzigartige Ressourcen, um Resilienz in einer Größenordnung zu
gewährleisten, die kein einzelner Mitgliedsstaat allein erreichen kann: 450 Mio. Menschen und
ein Binnenmarkt, in dem 24 Mio. Unternehmen angesiedelt sind und auf den 15 % des
weltweiten Warenverkehrs entfallen, ein Agrar- und Lebensmittelsektor, der eine verlässliche
Versorgung mit erschwinglichen Lebensmitteln mit hohen Qualitäts- und
Nachhaltigkeitsstandards bietet, etablierte gemeinsame demokratische Regeln und
Rechtsstaatlichkeit für Bürger, Unternehmen und externe Partner gleichermaßen, eine Reihe
von Steuerungsfähigkeiten, von robusten Instrumenten der Handelspolitik bis hin zur
Festlegung globaler Normen.
Zweitens verfügt die EU über die Größe und die Fähigkeiten, um auf geowirtschaftliche
Umbrüche, die Dreifachkrise des Planeten und den digitalen Wandel auf transformative Weise
zu reagieren.
Drittens kann sich die EU während einer Krise rasch anpassen, obwohl die
Entscheidungsfindung komplex ist, und ihre Mechanismen und Strukturen anpassen. Wir
haben dies unter Beweis gestellt, indem wir NextGenerationEU implementiert haben, um den
Mitgliedstaaten nach der Pandemie zu helfen, und indem wir einen Anstieg der europäischen
Investitionen sichergestellt haben, um zu gewährleisten, dass unsere Verteidigungsindustrie
schneller und in größerem Umfang produzieren kann, und indem wir den raschen Einsatz
militärischer Truppen und Mittel in der gesamten EU mittels
„Verteidigungsbereitschaft 2030“ erleichtert haben.
Viertens hat die EU ihre Widerstandskraft in jüngster Zeit bereits während verschiedener
Krisen unter Beweis gestellt und aus ihnen gelernt. Es wurden gemeinsame europäische
Reaktionsmechanismen eingeführt und gestärkt: die gemeinsame Beschaffung von COVID-
19-Impfstoffen, die Diversifizierung der Gasversorgung während der jüngsten Energiekrise
oder Mobilisierung von rescEU-Ressourcen als Reaktion auf Waldbrände oder andere
Naturkatastrophen – all dies sind Beispiele für flexible und wirksame Reaktionen auf der
Grundlage von Solidarität und Anpassungsfähigkeit.
Auf der Grundlage dieser Erfahrungen ist es an der Zeit, eine Vision für eine widerstandsfähige
EU für 2040 entwickeln. Diese Vision sollte auf den grundlegenden Zielen und Werten der
EU7 beruhen. Eine krisenfeste EU im Jahr 2040 müsste die folgenden drei grundlegenden
Erfordernisse gewährleisten:
Frieden durch europäische Sicherheitspolitik: Dank ihrer ausgeprägten Fähigkeiten und
in voller Übereinstimmung mit internationalen Allianzen wird die EU böswillige staatliche
oder nichtstaatliche Akteure abschrecken und sich gegen sie verteidigen. Dies wird durch
eine Kombination aus militärischer Stärke, gesamtgesellschaftlicher Vorsorge,
7 Gemäß Artikel 3 Absatz 1 des Vertrags über die Europäische Union ist es das Ziel der Union, den Frieden, ihre
(in Artikel 2 festgelegten) Werte und das Wohlergehen ihrer Völker zu fördern.
4
Instrumenten zur Verteidigung ihrer Interessen sowie einer starken globalen Position und
Mitteln der Diplomatie erreicht werden. Eine erweiterte EU wird eine Säule des dauerhaften
Friedens, der Sicherheit und des Wohlstands auf dem gesamten europäischen Kontinent
sein. Sie wird enge Beziehungen zu gleichgesinnten Ländern sowie Partnerschaften auf der
Grundlage gemeinsamer Interessen pflegen und dabei ihre Wirtschafts- und Handelsmacht
sowie ihre offene strategische Autonomie nutzen.
Werte der Demokratie, der Menschenwürde, der Freiheit, der Gleichheit, der
Rechtsstaatlichkeit und der Achtung der Menschenrechte: Die EU wird diese Werte und
ihr demokratisches Modell intern wahren, behaupten, verteidigen und durchsetzen sowie sie
auf der Weltbühne vermitteln. Sie wird wirksames Regierungshandeln durch demokratische
Organe sowie die wirksame Ausübung der Rechte und Pflichten durch Menschen und
Unternehmen ermöglichen.
Wohlergehen der Menschen: Die Grundlage bilden innere und wirtschaftliche Sicherheit,
hochwertige Arbeitsplätze, attraktive Bedingungen für Arbeitnehmer und Unternehmen,
nachhaltiger Wohlstand unter Berücksichtigung der planetarischen Grenzen, ein
lebenswerter Planet mit einer klimaneutralen und klimafesten Wirtschaft und eine gesunde
natürliche Umwelt, dazu hochwertige, erschwingliche und inklusive allgemeine und
berufliche Bildungs- und Gesundheitswesen. Die Europäerinnen und Europäer werden
zuversichtlich sichere Technologien nutzen, die ihr Leben verbessern, und gleichzeitig eine
lohnende Arbeit, ein erfülltes Leben, günstige Bedingungen für die Gründung einer Familie
und die Kindererziehung, bezahlbaren Wohnraum sowie sichere und hochwertige
Lebensmittel genießen. Europa wird ein Ort mit einer zugänglichen Infrastruktur,
Gesundheitsversorgung und Bildung von Weltklasse sein, mit florierenden Ländern,
Regionen und Städten, die „Aufenthaltsfreiheit“ bieten und wo die Anliegen gegenwärtiger
und künftiger Generationen ihre Berücksichtigung finden.
Zur Verwirklichung dieser Vision werden mutige Veränderungen erforderlich sein:
Berechenbarkeit und Stabilität sind zwar von elementarer Bedeutung und gehören zu den
Vorzügen der EU, doch muss die EU bereit sein, wann immer dies erforderlich ist,
vorausgreifend handeln, um die Grundlagen des europäischen Projekts zu erhalten und zu
stärken.
2. WICHTIGE GLOBALE ENTWICKLUNGEN UND EU-SPEZIFISCHE
HERAUSFORDERUNGEN FÜR MEHR RESILIENZ
Der künftige politische Spielraum der EU zur Stärkung ihrer Resilienz wird von globalen
Megatrends und von EU-spezifischen Herausforderungen bestimmt, die seit der ersten
Strategischen Vorausschau 2020 in den Vordergrund gerückt sind. Die EU muss diese
Trends auf dem Weg zu einer widerstandsfähigen EU bis 2040 in ihren Willensbildungsprozess
und ihre Politik einbeziehen, ihre Handlungsfelder erweitern und die künftigen Chancen und
Herausforderungen besser bewältigen.
2.1. Wichtige langfristige globale Entwicklungen
Sicherheit ist zu einem Schlüsselfaktor für alle Politikbereiche der EU geworden.
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Sicherheitsperspektive verändert.
Geopolitische Unruhen und die Erosion der multilateralen Weltordnung sorgen dafür, dass
Autonomie bei der Fähigkeit, heutige und zukünftige Generationen zu schützen, immer
wichtiger wird. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass alles als Waffe eingesetzt werden kann:
Lieferketten, Migration, Handel, humanitäre Hilfe, Raumfahrt und Informationen8. Da hybride
8 Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien, „Hacking minds and machines. Foreign interference in
the digital age“, 2024, CP_184.pdf
5
Bedrohungen in der Grauzone zwischen Krieg und Frieden wirken, schaffen sie Unklarheiten
hinsichtlich der Zuordnung, wobei innere und äußere Sicherheitsaspekte zunehmend
miteinander verflochten sind. Sicherheit oder deren Fehlen betrifft die gesamte Gesellschaft
und die Wirtschaft: Unternehmen, Investitionen, sozialen und territorialen Zusammenhalt,
Wohlstand und Wohlergehen sowie Demokratien und Werte. Darüber hinaus stellen das Ende
der Friedensdividende nach dem Kalten Krieg und turbulente Wirtschaftsprognosen eine
Herausforderung für die öffentlichen Haushalte dar, was zu schwierigen Entscheidungen führt,
aber auch Chancen aufzeigt, beispielsweise die Nutzung von Synergieeffekten im
zivilmilitärischen Bereich.
Wir erleben die Aushöhlung der regelbasierten internationalen Ordnung und die
Zersplitterung des globalen Gefüges. Von den Vereinten Nationen bis zur
Welthandelsorganisation stehen die wichtigsten Säulen der Weltordnung unter Druck. Dies ist
besonders wichtig für die EU, deren Stärke auf Offenheit beruht: Eine gemeinsame
Handelspolitik, die im Einklang mit dem Binnenmarkt funktioniert, internationale
Partnerschaften und Standards sind alle von einer regelbasierten internationalen Ordnung
abhängig9. Somit wirken sich die Instabilität und teilweise Funktionsunfähigkeit der
internationalen Ordnung und die teilweise Entflechtung der weltweiten
Wirtschaftsbeziehungen destabilisierend auf die Fähigkeit der EU aus, im Interesse ihrer
Wirtschaft und des Wohlergehens ihrer Bürgerinnen und Bürger zu handeln. Eine Rückkehr
zum vorherigen Status quo erscheint immer unwahrscheinlicher. Trotz der negativen
Auswirkungen bietet dies der EU auch die Gelegenheit, bei der Gestaltung einer
zukunftssicheren regelbasierten internationalen Ordnung mehr Gewicht zu zeigen10.
Die negativen Auswirkungen des Klimawandels und der Schädigung der Natur haben
sich verschärft und ein Niveau erreicht, wo sie schwieriger zu bewältigen sind. Die globalen
Jahresdurchschnittstemperaturen liegen bereits um mehr als 1,5 °C über dem vorindustriellen
Niveau. Die kumulativen Auswirkungen könnten dazu führen, dass Kipppunkte – vom
Schmelzen der Eisschilde über das Absterben der Korallenriffe bis hin zur Störung der
atlantischen Strömungen – überschritten werden, ab denen abrupte und unumkehrbare
Veränderungen stattfinden werden. Klimabedingte extreme Wetterereignisse haben in den
letzten 40 Jahren in der EU bereits wirtschaftliche Verluste in Höhe von 738 Mrd. EUR
verursacht (zwischen 1980 und 2023, davon 22 % dieser Verluste zwischen 2021 und 2023)11.
Bis Ende des Sommers 2025 wurden in der EU durch Waldbrände mehr als eine Million Hektar
Land vernichtet; dies ist der höchste jährliche Wert seit Beginn der offiziellen Aufzeichnungen
im Jahr 200612. Die biologische Vielfalt Europas und die lebenswichtigen Beiträge der Natur
durch Ökosystemleistungen wie saubere Luft und sauberes Wasser schwinden in immer
schnellerem Tempo, wodurch wesentliche Faktoren für die Gesundheit gefährdet werden. Es
handelt sich auch um einen Risikomultiplikator: von Extremdürreperioden, die zu Wasser- und
Ernährungsunsicherheit führen, über die Unvorhersehbarkeit von Waldbränden, Störungen
kritischer Infrastrukturen und wichtiger Transportwege bis hin zu Gefahren für die
Finanzmärkte13.
9 Siehe die Gemeinsame Mitteilung über die Stärkung des Beitrags der EU zum regelbasierten Multilateralismus,
JOIN(2021) 3 final.
10 Biscop, S., This is not a new world order. Europe rediscovers geopolitics from Ukraine to Taiwan, 2024.
11 Europäische Umweltagentur, „Economic losses from weather- and climate-related extremes in Europe“, 2024,
https://www.eea.europa.eu/en/analysis/indicators/economic-losses-from-climate-related.
12 https://forest-fire.emergency.copernicus.eu/apps/effis.statistics/seasonaltrend
13 Europäische Umweltagentur, „Europäische Bewertung der Klimarisiken“, 2024. Eine aktuelle
Bestandsaufnahme der in der Europäischen Union durchgeführten analytischen Arbeiten und der bisher
ergriffenen politischen Maßnahmen findet sich im Bericht über die Überwachung klimabezogener Risiken für
die Finanzstabilität, C(2024) 4372 fin.
6
Die weltweite politische Dynamik zur Eindämmung des Klimawandels lässt derzeit nach, und
die Klima- und Umweltpolitik wird zunehmend politisch instrumentalisiert und ist
Desinformation ausgesetzt14. Gleichzeitig kann der ökologische Wandel in vielen Ländern zu
mehr Unabhängigkeit und Wachstum führen. Auch für Europa bietet der erfolgreiche
Übergang zu nachhaltigem Wachstum die Gelegenheit, gleichzeitig die strategische
Autonomie und die Wettbewerbsfähigkeit der Union durch den Ausbau umweltschonender
Technologien zu stärken.
2.2. EU-spezifische Herausforderungen
Das gleichzeitige Streben nach wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und strategischer
Autonomie. Ausgehend von den Erfahrungen der jüngsten Krisen streben verschiedene
Volkswirtschaften, darunter auch die EU, aktiv nach strategischer Autonomie, um ihre
langfristige wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten15. Parallel dazu strebt die EU an, die
Wettbewerbsfähigkeit in Schlüsselsektoren zu steigern, um globalen Herausforderungen zu
begegnen. Beide Prioritäten sind von entscheidender Bedeutung für die Resilienz: Die
Sicherheit und die offene strategische Autonomie Europas werden mehr denn je von unserer
Innovationsfähigkeit und unserer Fähigkeit abhängen, mit anderen Volkswirtschaften der Welt
zu konkurrieren, insbesondere bei klimaneutralen Wirtschaftstätigkeiten und in der
Digitaltechnik. Um eine echte Krisenfestigkeit aufzubauen, muss Europa daher beides
anstreben. Eine offene strategische Autonomie schützt die EU vor externen Schocks und
Abhängigkeiten, während die Wettbewerbsfähigkeit die Innovation und die wirtschaftliche
Stärke ankurbelt, die erforderlich sind, um sich in einer sich rasch wandelnden Welt
anzupassen, zu führen und erfolgreich zu sein.
In einem globalen Wirtschaftssystem, das durch geopolitischen Wettbewerb,
Handelsspannungen und wachsende Verschuldung der öffentlichen Hand belastet ist, muss die
EU Sicherheitsaspekte und Erwägungen der strategischen Autonomie systematischer in ihre
Wirtschaftspolitik einfließen lassen. Die gleichzeitige Verfolgung sowohl der
Wettbewerbsfähigkeit als auch der strategischen Autonomie erfordert eine sorgfältige
Politikgestaltung, da Maßnahmen zur Stärkung der Autonomie Vorlaufkosten oder strukturelle
Anpassungen mit sich bringen und möglicherweise die kurzfristige Effizienz verringern
können. Die sich wandelnde globale Dynamik und übermäßige strategische Abhängigkeiten
haben erneut darauf aufmerksam gemacht, dass die Vergabe öffentlicher Aufträge
(einschließlich der gemeinsamen Auftragsvergabe und der bevorzugten Beschaffung durch die
EU) als politisches Instrument genutzt wird, um die offene strategische Autonomie zu stärken
und die Bemühungen der Industrie zur Verringerung der CO2-Emissionen zu unterstützen16.
Die übermäßige Abhängigkeit von wichtigen Dienstleistungen, die von Nicht-EU-
Unternehmen in Bereichen wie Digitaltechnik und Finanzen erbracht werden, setzt die EU
Risiken wie Schwachstellen in der Datensicherheit, Dienstleistungsunterbrechungen, Spionage
und wirtschaftlichem Zwang aus. Dies gilt insbesondere für digitale Dienstleistungen, die
Netzwerkeffekten ausgesetzt sind, welche den Wettbewerb tendenziell einschränken17. So
14 International Panel on the Information Environment, „Information integrity about climate science: a systematic
review“, 2025, http://doi.org/10.61452/BTZP3426
15Europäische Kommission, „Shaping and securing the EU's open strategic autonomy by 2040 and beyond“, 2021,
https://data.europa.eu/doi/10.2760/877497.
16 Nicoli, F., „Mapping the road ahead for EU public procurement reform“, 2025, https://www.bruegel.org/first-
glance/mapping-road-ahead-eu-public-procurement-reform.
17 Montero, J., Finger, M., The rise of the new network industries: regulating digital platforms, 2021.
7
werden etwa 70 %18 der Cloud-Infrastruktur der EU von drei US-Unternehmen kontrolliert:
Amazon Web Services, Microsoft und Google.
Energieversorgungssicherheit ist ein wichtiger Baustein für eine widerstandsfähige,
zukunftssichere und wettbewerbsfähige Wirtschaft, insbesondere angesichts der Tatsache, dass
die EU im Jahr 2023 58 % ihrer Energie eingeführt hat19. Die Beschleunigung der
Energiewende ist daher nicht nur für die Verwirklichung der Klimaziele von entscheidender
Bedeutung, sondern auch eine strategische Notwendigkeit, um die Abhängigkeit von Einfuhren
fossiler Brennstoffe zu verringern und die EU vor geopolitischen Krisen wie jener, die durch
den Einsatz der Energieversorgung als Waffe durch Russland verursacht wurde, zu schützen.
Durch die Stärkung der Energieversorgungssicherheit könnte die EU die Ausgaben für
Einfuhren fossiler Brennstoffe zwischen 2031 und 2050 gegenüber dem Durchschnitt von
2011-2020 um 2,8 Billionen EUR senken. Durch Investitionen in heimische
umweltfreundliche Energien und Energieeffizienz stärkt die EU ihre Autonomie und schafft
ein widerstandsfähigeres Energiewesen für die Zukunft. Dieser Übergang schafft jedoch auch
neue Abhängigkeiten sowohl von sauberen Technologien selbst, bei denen die industrielle
Produktion von anderen globalen Akteuren dominiert wird, als auch von den immer
vielfältigeren und in immer größeren Mengen20 benötigten kritischen Rohstoffen, die in diese
in der EU oder andernorts hergestellten Produkte eingehen (siehe Kasten 1)21.
In anderen strategischen Sektoren der EU wie Verteidigung, zivile Sicherheit,
Gesundheitswesen und Automobilindustrie spielen wichtige Rohstoffe eine zentrale Rolle.
Störungen in ihren Lieferketten (sei es aufgrund von Sanktionen, geopolitischem Zwang oder
dem Schmuggel von Rohstoffen durch kriminelle Organisationen22) könnten erhebliche
negative Folgen für die EU haben. Die Abhängigkeit der Union von Einfuhren dieser
Materialien in Verbindung mit der hohen Konzentration des Angebots in einigen wenigen
Ländern entlang der Wertschöpfungskette (sowohl bei der Gewinnung als auch bei der
Verarbeitung) birgt ernsthafte wirtschaftliche und sicherheitspolitische Risiken, insbesondere
angesichts der Tatsache, dass sich die Ausfuhrbeschränkungen für Industrierohstoffe seit 2009
mehr als verfünffacht haben23. Die Stärkung der Kreislaufwirtschaft in der EU kann diese
Abhängigkeiten verringern.
18 June_-2024_BDO_Market-research_IaaS_PaaS.pdf.
19 Eurostat, Shedding light on energy in Europe – 2025 edition – Interactive publications – Eurostat.
20Die Zahl der von der EU ermittelten kritischen Rohstoffe ist von 14 im Jahr 2011 auf 34 im Jahr 2023 gestiegen.
21 Die im Bericht verwendeten Kästen veranschaulichen relevante neu auftretende Veränderungssignale, die sich
aus dem vom ESPAS geleiteten Horizont-Scanning-Prozess ergeben (https://espas.eu/horizon.html).
22 Europäische Kommission, „Emerging risks and opportunities for EU internal security stemming from new
technologies“, 2025, https://data.europa.eu/doi/10.2760/9617320
23 OECD (2025), „OECD supply chain resilience review: navigating risks“, https://doi.org/10.1787/94e3a8ea-en.
Kasten 1: Am Horizont: eine Ära möglicher neuer Marktdominanz bei Rohstoffen und
sauberen Technologien
Der sich verschärfende globale Wettbewerb um kritische Ressourcen und Marktanteile im
CleanTech-Sektor in Verbindung mit einem eher transaktionsorientierten Ansatz in den
internationalen Beziehungen könnte neue Allianzen zwischen staatlichen und privaten Akteuren
fördern, die auf eine Marktbeherrschung nach dem Vorbild der OPEC abzielen. Diese Marktmacht
könnte zu einer erheblichen Preisinflation führen und den Zugang zu wichtigen Rohstoffen
einschränken, was eine ernsthafte Herausforderung für die strategische Autonomie und die
Energiewende in der EU darstellen würde. Als Reaktion darauf könnte der Schwerpunkt zunehmend
auf Innovationen im Bereich der Kreislaufwirtschaft und fortschrittlichen Bergbautechnologien,
einschließlich Weltraumbergbau, beginnend mit dem Mond, liegen.
8
Ein ausgewogener Umgang mit Technologie: Schlüssel zur Freisetzung der künftigen
Wettbewerbsfähigkeit, erfordert aber die Bewältigung der damit verbundenen Risiken.
Technologien haben ein transformatives Potenzial, das von der Unterstützung des
ökologischen und des digitalen Wandels oder der Gesundheitsversorgung bis hin zur
Steigerung der Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit und zur Erhöhung der Sicherheit
reicht. Die Beherrschung der Technologien der Zukunft, von der Grundlagenforschung bis zum
vollständigen operativen Einsatz, ist daher ein mächtiger geopolitischer, wirtschaftlicher und
gesellschaftlicher Vorteil und fördert die Krisenfestigkeit. Sie in der EU zur Entfaltung zu
bringen und zu gestalten ist eine Grundlage unserer künftigen Wettbewerbsfähigkeit. Sie
sorgen für modernste Handlungsfähigkeiten und ermöglichen einen wirksamen Schutz und die
Verteidigung gegen böswillige staatliche und nichtstaatliche Akteure.
Passende Sicherheitsvorkehrungen sind jedoch erforderlich, um potentielle Systemrisiken für
die Sicherheit, die Bürger- und Arbeitnehmerrechte, die Privatsphäre, das Klima und die
Umwelt sowie für die Demokratie, das Vertrauen und den sozialen und territorialen
Zusammenhalt zu vermeiden. Schon jetzt lässt sich eine rasante und exponentielle
Marktdurchdringung neuer Technologien beobachten, die größtenteils von einer Handvoll der
weltweit größten Unternehmen vorangetrieben wird. Viele neue Technologien werden in den
nächsten zehn Jahren eine Rolle spielen: Quanten-, Bio- und Neurotechnologie sowie
fortschrittliche Materialien oder Robotik, jeweils mit weitreichenden Chancen, aber auch
akuten Risiken. Die potenzielle Nutzung einiger anderer, wie z. B. Solar-Geoengineering (oder
Veränderung der Sonneneinstrahlung)24 ist höchst umstritten (siehe Kasten 2).
Künstliche Intelligenz (KI) zeichnet sich als eine universell einsetzbare Technologie mit
weitreichenden Auswirkungen auf alle Bereiche menschlicher Tätigkeit aus. Sie fördert
wissenschaftliche Entdeckungen – wie sich an der Werkstoffinnovation oder ihrem Potenzial
für Quanteninformatik, der Transformation der industriellen Fertigung, der
Gesundheitsversorgung25, der Optimierung der Energieversorgung26 und verschiedenen
anderen Aspekten des menschlichen Lebens, einschließlich potenzieller
Produktivitätssteigerungen sowie Störungen des Arbeitsmarktes27, zeigt. KI kann als
Kräftemultiplikator betrachtet werden, der Wissen und Fähigkeiten – einschließlich kritischer
24 Europäische Kommission, Gruppe leitender wissenschaftlicher Berater der Kommission, „Solar radiation
modification“, 2024, https://data.europa.eu/doi/10.2777/391614.
25 Weltgesundheitsorganisation, „Artificial Intelligence for Health“, 2024,
https://www.who.int/publications/m/item/artificial-intelligence-for-health.
26 International Energy Agency, „Energy and AI“, 2025, https://www.iea.org/reports/energy-and-ai
27 Centre for Future Generations, „Preparing for AI labour shocks should be a resilience priority for Europe“,
2025, https://cfg.eu/ai-labour-shocks/
Kasten 2: Am Horizont: Globale Steuerung und Regulierung zur Erforschung von Solar-
Geoengineering
Trotz weltweiter Bemühungen verschärfen sich die negativen Auswirkungen des Klimawandels in
gefährlicher Weise. In diesem Zusammenhang wurde eine Reihe von Technologien zur
Veränderung der Sonneneinstrahlung vorgeschlagen, die auch als Solar-Geoengineering bezeichnet
werden. Ihr Ziel wäre es, die Erderwärmung zu verringern, indem die Rückstrahlung des
Sonnenlichts in den Weltraum verstärkt wird. Ihr potenzieller Nutzen ist höchst ungewiss, und sie
werfen auch verschiedene Bedenken hinsichtlich Verteilungseffekten oder missbräuchlicher
Verwendung auf. Derzeit gibt es keinen internationalen Rahmen für ihre Forschung, Erprobung
oder Einführung. Dennoch verfügen mehrere Nationen über die erforderlichen Kapazitäten und
könnten diese testen, beispielsweise durch die Injektion von Aerosolen in die Stratosphäre. Andere
Länder, wie das Vereinigte Königreich, investieren erheblich in die SRM-Forschung und erwerben
so Wissen und Fachkompetenz als Grundlage für künftige auf Beweis basierende Kompromisse
und eine Rolle in internationalen Entscheidungsprozessen.
9
Infrastrukturen, fortgeschrittener Biowaffen, Cyberfähigkeiten oder autonomer Überwachung
– bereitstellt, die früher ausschließlich in den Zuständigkeitsbereich von Regierungen oder
Experten fielen28. Selten hat eine Technologie so schnell eine so breite Akzeptanz gefunden.
Die Marktbeherrschung und der Einfluss einiger weniger globaler Akteure – von der
Festlegung von Forschungsagenden bis hin zur politischen Ausrichtung – verwischen die
Grenzen zwischen kommerziellen und öffentlichen Akteuren und Räumen. Dies erfordert
dringend Überlegungen über verschiedene, auch extreme Szenarien und schafft eine klare
Grundlage für entschlossenes Handeln der Politik.
Mit dem EU-Innovationsmodell wird der Gedanke gefördert, dass in der Gesellschaft erzeugte
Daten – unabhängig davon, ob es sich um personenbezogene oder industrielle Daten handelt –
für eine produktive und interoperable Nutzung unter klaren ethischen Bedingungen zugänglich
sein sollten. Darüber hinaus verhindert der EU-Regulierungsansatz einen unkontrollierten
Zugang zu Daten über Europäerinnen und Europäer. Gleichzeitig kann dieses Modell
Innovationen und den Markteintritt behindern und ist mit Problemen bei der Finanzierung und
Einführung konfrontiert. So sind EU-Unternehmer häufig auf eine Bankfinanzierung
angewiesen und haben weniger Zugang zu Beteiligungskapital oder anderen Formen von
Risikokapital, wohingegen Risikokapital stärker mit der Entwicklung disruptiver Technologien
verbunden ist, die Innovationen fördern und das Wirtschaftswachstum ankurbeln können29.
Angesichts der immer schnelleren technologischen Entwicklungen wird die Stärkung des
wertebasierten Innovationsmodells der EU im Gegensatz zu den marktorientierten Modellen
der USA oder den staatlich gelenkten Modellen Chinas immer wichtiger30. Eine zentrale
Herausforderung bei der Förderung ethisch fundierter und global wettbewerbsfähiger
Innovationen ist die Fragmentierung der Technologiepolitik der EU und der damit verbundenen
Maßnahmen zwischen der EU und ihren Mitgliedstaaten.
28 Amodei, D., Machines of Loving Grace, 2024.
29 Europäische Zentralbank, „Capital markets union: a deep dive – five measures to foster a single market for
capital“, 2024, https://www.ecb.europa.eu/pub/pdf/scpops/ecb.op369~246a103ed8.en.pdf.
30 Bradford, A., Digital empires. The global battle to regulate technology, 2023.
10
Abbildung 2: Veränderungen in der EU-Bevölkerung bis 204031
Wohlergehen der Menschen und gesellschaftliche Resilienz unter Druck. Das
Wohlergehen der Menschen in der EU gehört zu den Kernzielen der Union. Lebensqualität und
-erfahrung, Bildung und Kompetenzen, Arbeit, psychische und körperliche Gesundheit und
Umwelt sind von inhärentem Wert. Sie bilden zudem eine Grundlage gesellschaftlicher
Widerstandskraft – der Fähigkeit der Menschen, Störungen und Veränderungen zu überstehen.
In dieser Hinsicht ist das europäische Modell eine unserer zentralen Stärken. Viele EU-Länder
gehören zu den glücklichsten Lebensorten der Welt32, und die Ungleichheit ist in Europa
deutlich weniger stark ausgeprägt als in anderen Erdteilen. Dieses Modell ist jedoch unter
Druck geraten. das Gleichheitsniveau bleibt uneinheitlich, und vollständige Inklusion ist nach
wie vor nicht erreichbar. Die Erhaltung des europäischen Wohlfahrtsstaats erfordert tragfähige
öffentliche Finanzen und eine produktive und wettbewerbsfähige Wirtschaft.
31 Europäische Kommission, Ausblick und demografische Perspektiven für die ländlichen Regionen der EU. Eine
Modellierung, 2025.
32 World Happiness Report 2025, https://worldhappiness.report/ed/2025/.
11
Der demografische Wandel wird zwar oft vernachlässigt, wird jedoch in Zukunft erhebliche
Auswirkungen haben. Die Lebenserwartung steigt. Im Schnitt hat sie seit 2002 um fast vier
Jahre zugenommen und liegt nun bei 81,4 Jahren. Gesundes Altern bietet vielfältige Chancen,
aber auch Herausforderungen, insbesondere in Verbindung mit dem parallelen Rückgang der
Geburtenraten33. Schätzungen zufolge wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in
der EU bis 2040 um 17 Millionen niedriger sein als im Jahr 202334. Dies wird sich auf die
Wettbewerbsfähigkeit auswirken und den Arbeitsmarkt sowie die öffentlichen Haushalte stark
belasten, einschließlich der Fähigkeit der Besteuerung von Arbeit, ausreichende Einnahmen zu
generieren35. Das Problem wird durch die prognostizierten ausgeprägten regionalen
Unterschiede beim Bevölkerungsrückgang verstärkt, wobei starke Unterschiede zwischen
städtischen und ländlichen, insbesondere entlegeneren Gebieten, bestehen (siehe Abbildung 2).
Aufgrund globaler Entwicklungen wird der Druck in Form von Migrationsströmen in die EU
zunehmen – insbesondere aus Afrika, wo die Bevölkerung zwischen 2017 und 2035
voraussichtlich von 1,2 Milliarden auf 1,8 Milliarden anwachsen wird, wobei etwa die Hälfte
der Bevölkerung unter 21 Jahre alt sein wird36. Gleichzeitig benötigt die EU zwar aufgrund
demografischer Entwicklungen reguläre Migration, muss aber ebenso irreguläre Migration
bekämpfen. Zusammen bietet dies einen möglichen politischen Weg, um den Bedarf auf den
Arbeitsmärkten der EU mit Talenten aus dem Ausland in Einklang zu bringen37. Die Migration
ist jedoch ein komplexes Thema, da sowohl die Entwicklung der regulären wie der irregulären
Migration als auch die Marktbedürfnisse Schwankungen unterliegen und es sich um eine
politisch sensible Frage handelt, die eine sachbezogene und entpolarisierende Debatte
erfordert38.
Aus regionaler Perspektive nehmen die Ungleichheiten in der EU zu und werden immer
komplexer39. Wir sind außerdem mit dem Entstehen einer „Geografie der Unzufriedenheit“40
konfrontiert, da die wirtschaftlichen Vorteile nicht gleichmäßig verteilt sind. Der
technologische Fortschritt und die Folgen des Klimawandels diese Gemengelage weiter
verkomplizieren und zur Verlagerung industrieller Tätigkeiten beitragen.
Zu den langfristigen Herausforderungen im Gesundheitsbereich gehören die Anforderungen an
die Gesundheitsversorgung und die Pflegesysteme für ältere Menschen, die durch den
Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel sowie die Auswirkungen des Klimawandels noch
verschärft werden. Besonders besorgniserregend sind die zunehmende Isolation und
Einsamkeit41 sowie ein extremer Anstieg psychischer Probleme bei jungen Menschen42, was
zum Teil auf die schädlichen Auswirkungen sozialer Medien43, aber auch auf die Zunahme
nicht übertragbarer Krankheiten zurückzuführen ist.
33 Eurostat, https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Fertility_statistics.
34 Europäisches System für strategische und politische Analysen (ESPAS), „Choosing Europe’s future. Global
trends to 2040“, 2024, https://data.europa.eu/doi/10.2760/180422.
35 Europäische Kommission, „Annual report on taxation 2025 – Review of taxation policies in the EU Member
States“, 2025, https://data.europa.eu/doi/10.2778/6367826, und „2024 Ageing Report. Economic and Budgetary
Projections for the EU Member States“.
36 ESPAS-Bericht (2024), a. a. O.
37 https://population-europe.eu/research/policy-insights/labour-markets-rescue-policy-pathways-forward.
38Europäische Kommission, „Navigating migration narratives“, 2025,
https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC142039.
39 ESPAS-Bericht (2024), a. a. O.
40 Europäische Kommission, „Single Market economics briefs“, https://single-market-
economy.ec.europa.eu/publications/single-market-economics-briefs_en.
41 Schnept, S. V. et al. (Hrsg.), Loneliness in Europe. Determinants, risks, interventions, Population Economics.
42 Weltgesundheitsorganisation, https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/adolescent-mental-health.
43 Haidt, J., The Anxious generation. How the great rewiring of childhood is causing an epidemic of mental illness,
2024.
12
Resilienz und Wohlergehen hängen auch mit der Gesundheit unseres Planeten zusammen44. Es
gibt Synergieeffekte zwischen Klima-, Wasser- und Umweltschutzmaßnahmen sowie
zwischen diesen und anderen vorrangigen Politikbereichen. Beispielsweise sind gesunde
Ökosysteme wie Süßwasserkörper, Ozeane, Wälder oder Torfmoore wirksame
Kohlendioxidsenken und tragen dazu bei, die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels
wie Wolkenbrüche und anhaltende Dürren abzufedern. Im Einklang mit der Natur zu handeln,
trägt zu Sicherheit und wirtschaftlichem Wohlstand bei45. So tragen beispielsweise der
Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel zur Eindämmung von Pandemien und
zur Ernährungssicherheit bei. Mit einem systemischen und zukunftssicheren Ansatz für die
Klimaanpassung lassen sich mehrere Ziele erreichen: z. B. die Widerstandsfähigkeit von
Infrastruktur und Gebäuden gegenüber klimabedingten und anderen Gefahren46. Kritische
Ökosystemleistungen wie Wasser, Boden oder Luft in sauberem Zustand sind für die
Menschen, aber auch für die Wirtschaft von entscheidender Bedeutung47.
Dennoch bestehen nach wie vor viele dringende Herausforderungen, wenn es darum geht, diese
Synergieeffekte zu nutzen. Die EU ist zwar auf gutem Weg, ihr Ziel einer Verringerung der
Emissionen um 55 % bis 2030 zu erreichen, doch sind die Fortschritte bei der Verwirklichung
ihrer Umweltziele nach wie vor unzureichend48. Gleichzeitig sind potenzielle Spannungen
zwischen Nachhaltigkeitspolitik und sozialer Gerechtigkeit sichtbar geworden, was die
Notwendigkeit erhöht, die am stärksten betroffenen Personen und Gebiete zu unterstützen.
Es gibt auch neue Chancen für die Gesundheit des Planeten. So könnte beispielsweise das
Verständnis von Ökosystemen erheblich erweitert werden (siehe Kasten 3), was für den
Systemwandel und die durchgängige Berücksichtigung der biologischen Vielfalt als
bereichsübergreifende politische Priorität genutzt werden könnte. Weltweit könnte die sich
abzeichnende „Geopolitik der Biodiversität“ dazu beitragen, den Fokus weg von der
Ausbeutung hin zur Anerkennung des Wertes knapper natürlicher Ressourcen und ihrer
nachhaltigen Nutzung zu verlagern49.
44 Umweltprogramms der Vereinten Nationen, „Navigating new horizons. A global foresight report on planetary
health and human wellbeing“, 2024.
45 Universität der Vereinten Nationen, „Interconnected disaster risks: turning over a new leaf“, 2025.
46 Europäische Umweltagentur, „Europäische Bewertung der Klimarisiken“, 2024.
47 Siehe z. B. Dechezleprêtre, A. und Vienne, V., „The impact of air pollution on labour productivity: Large-scale
micro evidence from Europe“, OECD Science, Technology and Industry Working Papers, Nr. 2025/14,
https://doi.org/10.1787/318cb85f-en.
48 Europäische Umweltagentur, „European Union 8th Environment Action Programme – Monitoring report on
progress towards the 8th EAP objectives“, 2025.
49 Europäische Kommission, „The EU environmental foresight system (FORENV) – Final report of 2023-24
annual cycle – Emerging risks and opportunities for biodiversity protection and ecosystem services in the context
of economic and society challenges“, 2025 https://data.europa.eu/doi/10.2779/9033877.
13
Die Demokratie und die Grundwerte der EU sind bedroht. Die Bürgerinnen und Bürger
Europas sehen Demokratie und Regierungsführung (41 %) als den Bereich, der für Resilienz
am wichtigsten ist50. Im Vergleich zu anderen Systemen verfügen gesunde Demokratien über
eine inhärente Resilienz, die mit Anpassungsfähigkeit, Unterstützung durch die Bevölkerung,
Rechenschaftspflicht und Selbstkorrekturmechanismen verbunden ist. Dennoch können sie
ohne robuste Schutzmechanismen anfällig für Erosionsprozesse sein, während eine erneute
Demokratisierung selbst nach einem Wahlumschwung, der eine Umkehr des demokratischen
Rückschritts verspricht, nicht leicht zu erreichen ist51. Gleichzeitig steht die Demokratie in der
EU unter externem und internem Druck: von der Untergrabung der Rechtsstaatlichkeit und der
Medienfreiheit über Angriffe auf die Zivilgesellschaft, Spähsoftware,
Informationsmanipulation, Desinformation und Einmischung bis hin zur Wahlmanipulation
durch ausländische Kräfte. Antidemokratischer Perspektiven und Einstellungen, auch unter
jungen Menschen, und die Ausnutzung gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und
technologischer Schwachstellen nehmen zu.
Obwohl nicht alle dieser Bedrohungen neu sind, haben deren Ausmaß und Offenheit
zugenommen. Die Ansichten der Menschen werden zunehmend von algorithmenbasierten,
personalisierten Quellen geprägt, die den gemeinsamen Raum für demokratische Debatten auf
der Grundlage gemeinsamer Fakten und Beweise einschränken. Etwa 42 % der jungen
Europäer und Europäerinnen verlassen sich auf Nachrichten, die sie in erster Linie auf TikTok,
Instagram oder YouTube ansehen52. Soziale Medien verstärken die Bildung von ideologischen
Echokammern und treiben die Polarisierung voran, da Algorithmen polarisierende Inhalte
priorisieren. Zwischen jungen Frauen und Männern scheint sich eine politische und
ideologische Kluft aufzutun53. Zudem zeigen sich die Auswirkungen einer neuen globalen
Oligarchie, bei der wenige Tech-Milliardäre zunehmend Einfluss auf die Politik ausüben.
Während KI das Potenzial hat, Effizienz, Transparenz und Inklusivität in demokratischen
Prozessen zu verbessern, sind Manipulationskampagnen, bei denen Deepfakes oder KI-
generierte Falschnachrichten eingesetzt werden, bereits in der Lage, Regierungen zu
50 Europäische Kommission: „Resilience: The future of Europe as seen by EU citizens – Thematic analysis of
the future stories shared through the #OurFutures initiative“, 2025.
51 European Democracy Hub, „How to strengthen democratic resilience. Five lessons for democratic renewal“,
2024, https://europeandemocracyhub.epd.eu/how-to-strengthen-democratic-resilience/.
52 Eurobarometer-Jugendumfrage 2024, Europäisches Parlament 2025.
53 Vgl. z. B. Berland, O. und Leroutier, M., „The gender gap in carbon footprints: determinants and implications,
Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment“, 2025, Arbeitspapier Nr. 424.
Kasten 3: Am Horizont: Verständnis der dunklen Biosphäre und der Tiefseeökosysteme
Angesichts der zunehmenden Verschlechterung von Ökosystemen und der lebenswichtigen
Leistungen, die sie erbringen, richtet sich die wissenschaftliche Aufmerksamkeit zunehmend auf
bislang weniger erforschte Bereiche. Unter der Erdoberfläche befinden sich der tiefe Ozean und die
„dunkle Biosphäre” im Boden und in der Erdkruste, in denen Mikroben so viel „dunklen Sauerstoff”
(der im tiefen Ozean und unter der Oberfläche ohne Lichteinwirkung entsteht) produzieren, dass
ihre Bedeutung für die Erde vergleichbar mit der der Regenwälder ist. Neuere Forschungsarbeiten
befassen sich damit, welche Bedeutung diese unterirdischen Ressourcen für den Klimaschutz, die
Artenvielfalt und die Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen haben könnten. Ökosysteme
der Tiefsee und ihre potenziell revolutionären Auswirkungen auf die Biotechnologie, die
Klimaresilienz und die Medizin sind ein weiterer aufstrebender Bereich. Künftige Maßnahmen
könnten z. B. die Schaffung vertikaler Schutzzonen und „unsichtbarer“ Reserven in künftige
Biodiversitätsziele umfassen. Fortschrittliche Technologien zur Erforschung der Tiefsee könnten
wissenschaftliche Entdeckungen beschleunigen und den Druck zur Ausbeutung der Tiefseeumwelt
(z. B. für kritische wesentliche Rohstoffe) erhöhen, was einen vorsichtigen und systemischen
Ansatz erforderlich macht.
14
beschädigen, das Vertrauen zu schwächen, Märkte zu destabilisieren oder Wahlen zu
beeinflussen (siehe Kasten 4). Ausländische Einmischung und der Missbrauch von Plattformen
sozialer Medien zur Desinformation während der jüngsten Wahlen in einigen Mitgliedstaaten
veranschaulichen dies. Eine schnelle und unkontrollierte technologische Entwicklung könnte
die Herausforderung durch Desinformation nur noch weiter erschweren.
Dennoch ist das Bild nicht ganz düster, wenn wir das Vertrauen in die Regierungen als
Indikator für demokratisches Wohlergehen betrachten. 52 % der Europäerinnen und Europäer
vertrauen tendenziell der EU – das höchste Ergebnis seit 2007 (siehe Abbildung 3). Bei jungen
Menschen (15-24 Jahre) ist dieser Anteil mit 59 % sogar noch höher.
Abbildung 3: Vertrauen in die nationale Regierung und in die EU (2019 und 2025) 54
Die Wurzeln demokratischer Resilienz und Erneuerung liegen im sozialen Zusammenhalt, in
den institutionellen Mechanismen der gegenseitigen Kontrolle und in Innovationen zur
Verbesserung der Demokratie55. Die EU verfügt über die Hebel, um mit ihren politischen
Maßnahmen und Instrumenten in allen diesen Bereichen kohärent zu handeln.
54 Standard-Eurobarometer, Herbst 2019 und Frühjahr 2025.
55 European Democracy Hub, „A new dynamic of democratic resilience?“, 2025,
https://europeandemocracyhub.epd.eu/a-new-dynamic-of-democratic-resilience/.
Kasten 4: Am Horizont: mögliche Denkanstöße
Der technologische Fortschritt eröffnet auch die Diskussion darüber, welche personenbezogenen
und sensiblen Daten in Zukunft mit politischen Zwecken genutzt werden könnten. Für manche
könnte dies bei neuronalen Daten der Fall sein, die von unserem Nervensystem generiert und
beispielsweise von biometrischen Wearables erfasst werden. Fortschrittliche KI-Sprachmodelle
können bereits Emotionen berücksichtigen. Mithilfe neuronaler Daten könnten sie wesentlich
besser auf emotionale Bedürfnisse eingehen. Algorithmen können heute bereits vorhersagen,
welche Inhalte sich in den sozialen Medien besonders stark verbreiten („superspread“) werden. Die
Kombination dieses Wissens mit neuronalen Daten könnte beispiellose Möglichkeiten eröffnen,
auch das politische Verhalten auf der Ebene von Individuen und Gesellschaften zu steuern. Dies
eröffnet die Debatte, ob es notwendig werden könnte, die Rechte auf Privatsphäre auch auf andere
Bereiche auszuweiten, z. B. die neuronalen Daten, die immer mehr von Technologieunternehmen
ins Visier genommen werden.
15
3. DER WEG ZU EINER RESILIENTEN EU IM JAHR 2040:
MAßNAHMENBEREICHE
Aufbauend auf den verschiedenen jüngsten europäischen Initiativen zum Thema
Resilienz muss die EU weiterhin einen Policy-Mix auf der Grundlage eines kohärenten
und umfassenden Ansatzes formulieren, um in Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und
Politik Widerstandskräfte aufzubauen. Dies erfordert einen gesamtstaatlichen Ansatz sowie
konsequente und umfassende Stresstests der EU-Politik im Hinblick auf die derzeitige und
künftige Resilienz. Angesichts der bestehenden Herausforderungen und der Vision einer
größeren Union muss die EU noch grundlegendere Reformen durchführen, um vielschichtige
institutionelle Einrichtungen und Mechanismen zu schaffen, die nicht nur ein effizientes
Funktionieren gewährleisten, sondern auch sicherstellen, dass sie in der Lage ist, mutige
Entscheidungen, erforderlichenfalls vermehrt mit qualifizierter Mehrheit, zu treffen. Die EU
braucht auch einen Mehrjährigen Finanzrahmen, der ihren Prioritäten gerecht wird und der
gezielter, einfacher und wirkungsvoller ist56. Die EU-Organe müssen eine widerstandsfähige,
moderne und effiziente öffentliche Verwaltung gewährleisten, die in der Lage ist, die
politischen Prioritäten in einem schwierigen Kontext umzusetzen.
In diesem Bericht wird eine nicht erschöpfende Liste von Schwerpunktbereichen
vorgeschlagen, wo erhebliche positive Auswirkungen erzielt werden können und in denen die
EU und ihre Mitgliedstaaten über die Möglichkeit des Handelns verfügen.
Schwerpunktbereich 1: Entwicklung einer kohärenten Vorstellung von der globalen
Rolle der EU
Die EU muss ihre Position als starker, stabiler und vertrauenswürdiger Ort zum Leben und
globaler Partner auf der Grundlage ihrer Grundwerte und Ziele nutzen. Die EU muss deutlicher
zeigen, wofür sie steht, und entschlossener für ihr spezifisches Modell eintreten. Dies erfordert
die Entwicklung eines klaren strategischen Konzepts der EU, das aus grundlegenden Prinzipien
für die Gestaltung der Innenpolitik besteht, sich auf der Weltbühne behauptet und das
internationale regelbasierte System stärkt. Es muss von der Umsetzung von Projekten begleitet
werden, die bei den Menschen in Europa allerorten Anklang finden, basierend auf ihren
Interessen und den europäischen Werten. Es sollte Europa als zuverlässigen Akteur und Partner
darstellen, der Zusammenarbeit gegenüber Rivalität bevorzugt, der sich aber auch behaupten
und gegen diejenigen zur Wehr setzen kann, die seine Interessen bedrohen. Dazu gehört auch
die Anwerbung von Talenten aus dem Ausland in Forschung und Lehre und anderen wichtigen
Sektoren wie Biotechnik.
Damit einhergehend sollte die EU auf eine wichtigere Rolle des Euro auf der Weltbühne
hinwirken und ein stabiles Regulierungsumfeld bieten, das Anreize für Investitionen schafft.
Der Beitritt von Bewerberländern sollte eine Priorität sein, um die Union wirtschaftlich und
geopolitisch zu stärken. Da sich der EU-Erweiterungsprozess beschleunigt und die schrittweise
Integration zunimmt, sollten Kandidatenländer, potenzielle Kandidatenländer und die engsten
Nachbarn der EU Schritt für Schritt in die politischen Initiativen der EU einbezogen werden.
Die EU muss aufbauend auf der Global-Gateway-Strategie neue Partnerschaften und
Bündnisse bilden, die auf gemeinsamen Interessen beruhen, und gleichzeitig die Mechanismen
zur Verteidigung ihrer Energie- und wirtschaftlichen Sicherheit in Verbindung mit dem
Klimaschutz stärken. Die EU sollte die Diskussion über eine neue regelbasierte globale
Ordnung und eine Reform des Multilateralismus, einschließlich der Vereinten Nationen und
der Welthandelsorganisation, aktiv und mit einem kohärenten Ansatz gestalten. Die EU sollte
über einen reaktiven, krisenorientierten Ansatz für die Nachbarschaftspolitik hinausgehen und
56 Siehe den Vorschlag der Kommission für den Mehrjährigen Finanzrahmen 2028-2034, COM(2025) 570 final.
16
stattdessen langfristige, für alle Seiten vorteilhafte Partnerschaften aufbauen. Diese könnten
die Stabilität in ihrer weiteren Nachbarschaft fördern und gleichzeitig gemeinsamen Wohlstand
schaffen und ihren globalen Einfluss stärken.
Schwerpunktbereich 2: Stärkung der inneren und äußeren Sicherheit
Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen gemeinsam mit den Kandidatenländern, den engsten
Nachbarn und gleichgesinnten Partnern eine technologiegestützte, zukunftsorientierte
Richtung einschlagen. Dabei sollten sie zivil-militärische Synergieeffekte nutzen, um
böswillige Akteure abzuschrecken und Bevölkerung, Unternehmen und Zivilgesellschaft vor
kombinierten internen und externen Sicherheitsbedrohungen zu schützen, wobei die Werte der
EU und das Völkerrecht uneingeschränkt geachtet werden sollten. Besondere Aufmerksamkeit
sollte der rationalisierten Entscheidungsfindung in Krisensituationen sowie der Entwicklung
und Umsetzung strategischer Voraussetzungen auf EU-Ebene gewidmet werden,
beispielsweise sichere digitale Infrastrukturen, Energie- und Verkehrsnetze und sonstige
Infrastruktur, Weltrauminfrastrukturen und -dienste sowie Systeme zur
Informationsbeschaffung und -analyse. Dies sollte dadurch erreicht werden, dass die
Skaleneffekte der EU besser genutzt werden, beispielsweise durch die Bündelung von
Ausschreibungen, insbesondere für große Infrastrukturprojekte und im Sicherheitsbereich. Um
Sicherheitsrisiken wirksam zu begegnen, muss die Bereitschaft und Vorsorge in der gesamten
Kette verbessert werden, von einzelnen Bürgerinnen und Bürgern und lokalen zivilen
Organisationen bis hin zur Industrie, staatlichen Akteuren und den Streitkräften der EU-
Mitgliedstaaten. Darüber hinaus sollten die bestehenden Vorausschau-Kapazitäten in
Bereichen wie zivile Sicherheit, Grenzmanagement und Katastrophenresilienz gestärkt
werden. Die Zusammenarbeit zwischen der EU und der NATO sollte verstärkt werden, um
eine Fragmentierung angesichts der sicherheitspolitischen Herausforderungen zu vermeiden.
Die Sicherheit muss in allen wichtigen Politikbereichen und Sektoren berücksichtigt werden
wobei es die territoriale Perspektive zu integrieren gilt.
Schwerpunktbereich 3: Nutzung der Kraft von Technologie und Forschung
Die EU sollte eine führende Rolle bei der Gestaltung der globalen Regulierung und der
Schutzvorkehrungen für hochwirksame Technik, insbesondere innovative und saubere
Technologien, einschließlich blauer Technologien, übernehmen und gleichzeitig sicherstellen,
dass eine Auswahl an kritischen Technologien aus der EU zur Verfügung steht.
Um das enorme transformative Potenzial der KI als positiven Beitrag zur Gesellschaft zu
nutzen, müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten sicherstellen, dass hochmoderne KI in Europa
sicher entwickelt werden kann und ihre Annahme und Verbreitung mit den europäischen
Werten der Würde, Fairness und Solidarität im Einklang stehen. Und sie müssen sich
systematisch auf die tiefgreifenden sozioökonomischen Veränderungen vorbereiten, die KI
beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt mit sich bringen wird. Durch die Festlegung globaler
Normen und den Aufbau strategischer Autonomie in wichtigen Bereichen der KI-Forschung, -
Infrastruktur und Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck kann die EU sicherstellen,
dass die disruptive Kraft der KI zu einem Motor für Wohlstand, Inklusion, Sicherheit und
demokratisches Vertrauen wird. Sie sollte sich weltweit führend bei der Gestaltung ethischer
und sicherer KI-Innovationen und der Förderung einer transparenten, rechenschaftspflichtigen
und auf den Menschen ausgerichteten KI positionieren, indem systemimmanente Risiken wie
Missbrauch, Fehlfunktion oder Fehlentwicklung der fortschrittlichsten KI-Modelle
systematisch bewertet und gemindert werden.
Um ihre Werte zu verankern, muss die EU in der Lage sein, Einfluss darauf zu nehmen, wie
Technologiesysteme und -infrastrukturen aufgebaut und für welche Ziele sie optimiert werden.
17
Hier sind die Koordinierung mit den Mitgliedstaaten, die finanzielle Unterstützung, die
Vereinfachung der Rechtsvorschriften für strategische Projekte (wie sichere Rechenzentren
und die fortschrittlichsten europäischen grundlegenden KI-Modelle), eine offene Wissenschaft,
EU-Forschungsinfrastrukturen, Reallabore, transparente Normen und eine solide institutionelle
Aufsicht von entscheidender Bedeutung. Die KI-Gigafabriken als Infrastruktur oder der
allgemeine KI-Verhaltenskodex als De-facto-Norm für die Sicherheit fortgeschrittener KI sind
vielversprechende Beispiele für solche intelligenten und strategischen Ansätze.
Die EU muss auch ihre technologische Souveränität in entscheidenden Bereichen stärken,
indem sie sich auf strategische künftige Wertschöpfungsketten konzentriert, ihre Rolle als
vertrauenswürdiger regionaler Partner ausbaut und die Politik der EU (und der Mitgliedstaaten)
auf ihre Auswirkungen auf die strategische Autonomie hin überprüft. Die EU sollte eine
ethische und wissenschaftlich fundierte Führungsrolle bei verantwortungsvollen und
vorsorgenden Ansätzen gegenüber neuen kontroversen Technologien wie Superintelligenz
oder Human Augmentation, fortgeschrittener Ozeanerforschung oder Veränderung der
Sonneneinstrahlung übernehmen, unter anderem durch die Förderung globaler kooperativer
Governance-Strukturen zur Bewältigung potenzieller Risiken, Vorteile und Verteilungseffekte.
Aufbauend auf den Erfahrungen mit dem Satellitenkommunikationsnetz IRIS2 könnten
europäische öffentlich-private Partnerschaften in Betracht gezogen werden, in denen neue
Technologien als öffentliche Güter eingesetzt werden, d. h. digitale Plattformen, KI und
Algorithmen in öffentlichen Diensten und im Gesundheitswesen oder in strategischen
Infrastrukturen, auch im Forschungsbereich. Die EU muss der Fragmentierung der
Technologiepolitik entgegenwirken. Kohärenz auf allen Ebenen und in allen Bereichen würde
eine proaktive Ermittlung und Steuerung potenzieller Kompromisse ermöglichen (z. B.
zwischen Effizienz der Lieferkette und strategischer Autonomie sowie neuen digitalen
Technologien und dem Energieverbrauch), die Synergien zwischen verschiedenen
Politikbereichen (z. B. Industriepolitik und Sicherheit) stärken und eine verstärkte
internationale Zusammenarbeit und Normung mit gleichgesinnten Partnern ermöglichen.
Schwerpunktbereich 4: Stärkung der langfristigen wirtschaftlichen Resilienz und
Vorbereitung auf Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt
Die EU muss ihre Fähigkeit stärken, ein inklusives und nachhaltiges Wachstum zu erzielen,
und zugleich in der Lage sein, externe Krisen rasch abzufedern bzw. sich daran anzupassen.
Sie sollte darauf hinarbeiten, die Industrie zu stärken und umzugestalten, damit neue
Technologien der Allgemeinheit zugute kommen. Die EU sollte eine umfassende Bewertung
der derzeitigen und künftigen Sektoren erstellen, insbesondere derjenigen, die für ihre
strategische Autonomie von vitaler Bedeutung sind, und kohärente Maßnahmen ergreifen, um
Lieferketten, Ressourcen (einschließlich Kompetenzen), Fähigkeiten, Kapazitäten und
Kontrolle zu stärken und gleichzeitig den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen
Zusammenhalt der Union zu gewährleisten. Die EU sollte sich auch auf die zu erwartenden
Störungen und Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt vorbereiten, die durch verschiedene
Megatrends verursacht werden, von der Geopolitik über den ökologischen und technologischen
Wandel bis hin zum Wandel der Arbeitsplatzanforderungen und der Bevölkerungsentwicklung.
Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen in die Dekarbonisierung der EU-Wirtschaft und die
Förderung globaler Maßnahmen investieren, um zur Beschleunigung der Energiewende und
zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen beizutragen, ebenso wie in erstklassige und
klimaresiliente Infrastrukturen. Die EU sollte die Kreislaufwirtschaft weiter ausbauen, die
heimische Gewinnung, Herstellung und das Recycling wichtiger Rohstoffe stärken und
gleichzeitig in Forschung und Entwicklung investieren, um diese Materialien in strategischen
Bereichen durch nichtfossile Rohstoffe zu ersetzen. Ferner sollte sie auf dem Gebiet der
kritischen Rohstoffe enger mit Partnerstaaten zusammenarbeiten.
18
Um das erforderliche private Kapital in großem Maßstab zu mobilisieren, ist der Aufbau einer
echten Spar- und Investitionsunion von entscheidender Bedeutung, um europäische
Einsparungen in strategische Investitionen in wirtschaftliche Widerstandskraft, Klimaresilienz,
Wettbewerbsfähigkeit und Innovation zu lenken. Die EU und ihre Mitgliedstaaten sollten sich
weiter um Vereinfachungen bemühen, insbesondere für KMU.
Der Aufbau der EU-Verteidigungsunion bietet die Gelegenheit, eine koordinierte Politik
(sowohl zwischen der EU und den Mitgliedstaaten als auch im Rahmen der EU-Politik) zu
verfolgen, in der Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit, Kompetenzen, Innovation und Vorsorge
zusammengeführt werden. Zusätzliche Investitionen in Verteidigung, Forschung und
Innovation sollten, wo immer möglich, zur Förderung von Technologien und Infrastrukturen
mit doppeltem Verwendungszweck mithilfe zivil-militärischer Synergieeffekte entlang der
gesamten Innovationskette, von der Grundlagenforschung bis zur Beschaffung von
Kapazitäten, eingesetzt werden. Ebenso sollten zivile Technologien bestmöglich genutzt
werden, um die Verteidigungsbereitschaft zu unterstützen.
Schwerpunktbereich 5: Förderung eines nachhaltigen und inklusiven Wohlergehens
Die EU sollte weiterhin die soziale Marktwirtschaft und einen gerechten Übergang zu einer
sauberen Wirtschaft unterstützen. Dies sollte die fortgesetzte Unterstützung einer Verlagerung
der Besteuerung weg von der Besteuerung der Arbeit hin zur Besteuerung negativer
Externalitäten umfassen, und zwar in einer ausgewogenen Weise, durch die nachhaltige
Steuereinnahmen sowie die Erschwinglichkeit und Verfügbarkeit nachhaltiger Produkte und
Dienstleistungen gewährleistet werden. Bei der Umsetzung des gerechten Übergangs sollte der
Schwerpunkt erneut auf die zeitnahe und konkrete Unterstützung und Einbindung der
betroffenen Gemeinschaften und Gruppen sowie auf eine attraktive Vision für eine
kohlenstofffreie Zukunft für diese gerichtet werden. Sie sollte Überlegungen zu einem neuen
Gesellschaftsvertrag anstellen, der das Vertrauen zum Nutzen aller Europäer wiederherstellt,
mit einer erneuerten Sozialpolitik und einem Schwerpunkt auf hochwertigen öffentlichen
Dienstleistungen sowie auf den Regionen und Bevölkerungsgruppen, die von Ungleichheiten
betroffen sind. Besonderes Augenmerk sollte darauf gelegt werden, sichere und
widerstandsfähige Lieferketten für Arzneimittel und eine funktionierende
Gesundheitsvorsorge zu gewährleisten, Patienten wirksame und erschwingliche Therapien und
Behandlungen zur Verfügung zu stellen, Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung zu
beseitigen und eine gesündere Lebensweise zu fördern, auch indem wir uns neue Technologien
zunutze machen. Die Arbeit der Kommission an einem Dashboard mit Indikatoren für
nachhaltiges und inklusives Wohlergehen, das das Potenzial hat, den Aufwand für die
Berichterstattung zu reduzieren57, ist nun so weit ausgereift, dass es in die Bewertung von
politischen Maßnahmen sowie in Investitions- und Reformentscheidungen einfließen kann. Die
Kommission sollte (im Anschluss an den Pakt für die Zukunft) die Zusammenarbeit mit der
OECD und den Vereinten Nationen bei der Entwicklung von Rahmenwerken, die „über das
BIP hinausgehen“, verstärken und dabei auf der Agenda 2030 und ihren Zielen für nachhaltige
Entwicklung aufbauen.
Schwerpunktbereich 6: Ein neues Bildungsverständnis
Die EU und ihre Mitgliedstaaten sollten Überlegungen anstellen, wie Bildung und Arbeit vor
dem Hintergrund neuer Technologien, der demografischen Entwicklung, künftiger Störungen
und Veränderungen neu gestaltet werden können. Dies bedeutet, lebenslanges Lernen als
gesellschaftliche Norm zu verankern, ein sicheres und förderliches Umfeld für die Kindheit zu
57 Europäische Kommission, „Measuring sustainable and inclusive wellbeing: a multidimensional dashboard
approach“, 2025, https://data.europa.eu/doi/10.2760/4186342.
19
gewährleisten, die Lehrpläne an den künftigen Qualifikationsbedarf anzupassen und flexible
Wege zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung sowie Beschäftigung zu schaffen. Es
erfordert auch die Förderung von Anpassungsfähigkeit und Kreativität, indem die Bürgerinnen
und Bürger nicht nur auf bestimmte Arbeitsplätze, sondern auch auf vielfältige Übergänge
während ihres gesamten Lebens vorbereitet werden. Die Verbesserung der Mobilität auf allen
Bildungsebenen von der Schule bis zur Universität mit dem Ziel, von der besten Bildung zu
profitieren, die Europa bietet, bereitet die Lernenden auf künftige Ungewissheiten, Offenheit
und kritisches Denken vor.
Die EU braucht einen klaren Ansatz, um sowohl qualifizierte Arbeitskräfte für die wachsende
Dienstleistungs- und Pflegewirtschaft als auch die für die Stärkung ihres Forschungs- und
Innovationspotenzials erforderlichen Fachkräfte anzuziehen und zu schulen, wobei regionale
Ungleichgewichte vermieden werden sollten. Angesichts der wesentlichen Rolle von
Wissenschaftlern und Ingenieuren bei der Innovationsförderung, der Sicherstellung der
Wettbewerbsfähigkeit und der Ermöglichung des Übergangs zur Nachhaltigkeit sollte die EU
ihre Talente bestmöglich nutzen, um die Zahl der MINT-Absolventen (Mathematik,
Informatik, Naturwissenschaften, Technik) in der beruflichen wie in der Hochschulbildung zu
erhöhen.
Die EU sollte sich darauf vorbereiten, die Vorteile der Beschleunigung der Automatisierung
und generativer KI-Systeme zu nutzen, indem sie in großmaßstäbliche Umschulung und
Weiterbildung investiert und die KI-Kompetenz der Bürgerinnen und Bürger fördert. Dies
würde die Resilienz stärken, Ungleichheiten verringern und sicherstellen, dass die Vorteile der
KI umfassend genutzt werden. Durch die Verknüpfung von Bildungsreformen mit einer
zukunftsorientierten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik kann die EU den disruptiven Wandel in
eine Chance für mehr Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und generationenübergreifende
Solidarität verwandeln.
Schwerpunktbereich 7: Stärkung der Grundlagen der Demokratie als Gemeingut
Die EU sollte Maßnahmen ergreifen, um der Polarisierung, Informationsmanipulation und
Desinformation entgegenzuwirken, die durch soziale Medien und KI-Algorithmen verstärkt
werden. Dazu gehört auch, die Medien- und Digitalkompetenz zu fördern und
vertrauenswürdige und unabhängige Informationsökosysteme zu unterstützen, die dazu
beitragen, gemeinsame Diskussionsräume zu schaffen, die über Informationsblasen
hinausgehen. Schulen sollten weiter gestärkt werden, damit sie ihre entscheidende Rolle bei
der Förderung der Medienkompetenz und der Stärkung der Resilienz gegen Desinformation
besser wahrnehmen können. Es bedarf faktengestützter und koordinierter Maßnahmen, um
junge Menschen vor den negativen Auswirkungen sozialer Medien und digitaler Technologien
zu schützen, insbesondere im Hinblick auf ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden,
und ihnen gleichzeitig zu ermöglichen, deren Vorteile besser zu nutzen.
Die EU sollte die Förderung des sozialen Zusammenhalts und der Stärkung des
Gemeinschaftsgefühls durch innovative Formen der Einbindung und Partnerschaft mit lokalen
Gemeinschaften verstärken, einschließlich partizipativer Instrumente der territorialen
Entwicklung. Die EU, ihre Mitgliedstaaten und die Beitrittsländer verfolgen entschlossen die
gemeinsame Vision für die EU (siehe Schwerpunktbereich 1), indem sie die
Rechtsstaatlichkeit, die Medienfreiheit und die Freiheiten der Zivilgesellschaft schützen und
fördern und die Instrumente zur Bekämpfung ausländischer Informationsmanipulation,
Einmischung und Desinformation stärken. Die Kommission und andere EU-Einrichtungen
sollten eine klarere Kommunikationsstrategie entwickeln, um die europäischen Bürgerinnen
und Bürger und Unternehmen besser über die EU zu informieren und dafür zu sorgen, dass sie
diese weiterhin verstehen und unterstützen. Die EU sollte auch ihre Bemühungen um eine auf
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Beratung aufbauende Demokratie fortsetzen, indem sie offene und faktengestützte Debatten
über politische Optionen führt. Sie sollte auch die Beziehungen zur Zivilgesellschaft und zu
lokalen demokratischen Akteuren stärken. Die Kommission sollte Maßnahmen zur Stärkung
der demokratischen Widerstandskraft und der Zivilgesellschaft in ganz Europa vorschlagen,
indem sie gezielte Rahmenregelungen, Strategien und Unterstützung bereitstellt.
Schwerpunktbereich 8: Antizipation des demografischen Wandels und Stärkung der
Generationengerechtigkeit
Die EU sollte einen Rahmen für Generationengerechtigkeit entwickeln, der sicherstellt, dass
heutige Entscheidungen künftigen Generationen nicht schaden. Er soll außerdem die
Solidarität und das Engagement zwischen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen stärken
und dazu beitragen, den demografischen Wandel als Chance statt als destabilisierende Kraft zu
nutzen. Er sollte bereichsübergreifend sein und darauf abzielen, die komplexen, sich
überschneidenden Schutzbedürfnisse, die die Resilienz der europäischen Gesellschaften
bedrohen, zu mindern, vom Klimawandel über die Bereitstellung grundlegender
Dienstleistungen, den Zugang zu Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege bis hin zur
sozialen Inklusion. Mithilfe dieser Strategie soll die europäische Politik so gestaltet werden,
dass sie für heutige und künftige Generationen geeignet ist, indem die Entscheidungsfindung
überdacht und angepasst wird, um sicherzustellen, dass sie auf Werten und Zielen beruht, die
den Europäern ein langfristiges Gedeihen ermöglichen.
4. SCHLUSSFOLGERUNG
Durch die Umsetzung von Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz der EU im Jahr 2040, u. a.
mit Hilfe vorausschauender Methoden und Prozesse, kann die Union ihre transformative Kraft
im sich wandelnden globalen Kontext voll ausschöpfen. Die EU muss die Konsequenzen der
verschiedenen langfristigen globalen Entwicklungen und ihre eigenen spezifischen
Herausforderungen, die in diesem Bericht dargelegt werden, angehen. Ein kohärentes Handeln
und eine kohärente Steuerung werden die EU letztlich in die Lage versetzen, plötzlich
auftretende Krisen und strukturelle Veränderungen zu bewältigen. Dies erfordert ein Denken,
das über die kurz- und mittelfristigen politischen Zyklen hinausgeht, und eine Perspektive, bei
der die langfristigen Auswirkungen der heute eingeleiteten Maßnahmen sowie ihre Robustheit
unter unterschiedlichen Zukunftsszenarien besser berücksichtigt werden.
Zu diesem Zweck wird die Kommission auf der Arbeit der Jahre 2019-2024 aufbauen und ihre
Politik weiterhin mit strategischer Vorausschau untermauern, unter anderem durch die
Verabschiedung jährlicher Berichte zur strategischen Vorausschau, in denen einschlägige
bereichsübergreifende Themen behandelt werden.
Ab 2026 werden diese Berichte auf einem soliden Prozess der Vorausschau basieren, bei dem
u. a. alternative mögliche Zukunftsszenarien auf kohärente Weise über verschiedene
Politikbereiche hinweg untersucht werden. Über die Veröffentlichung der jährlichen
Vorausschau hinaus wird die Kommission sicherstellen, dass während der neuen Amtszeit die
Instrumente der Vorausschau vollständig in die Politikgestaltung integriert werden, damit die
EU-Politik ergebnis- und zukunftsorientierter wird und angesichts zunehmender Komplexität
dauerhafte und bedeutsame Wirkung entfalten kann. Dies wird durch die in den letzten Jahren
entwickelten soliden Prognosefähigkeiten unterlegt, die speziell dazu konzipiert wurden,
Unsicherheiten zu antizipieren und anzugehen. Die Strategische Vorausschau 2026 wird auf
die Zukunft der EU in einer sich wandelnden Welt ausgerichtet sein.
Drucksache 470/25- 21 -]
Relationen
- authored ← Europäische Kommission
- part_of_vorgang → Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat Strategische Vorausschau 2025 - Resilienz 2.0: Befähigung der EU, sich in (Unterrichtung)