Fragen zur Zeitumstellung (Antwort zu Drs. 21/3474)
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Fragen zur Zeitumstellung (Antwort zu Drs. 21/3474)
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5815
21. Wahlperiode 06.05.2026
Antwort
der Bundesregierung
auf die Große Anfrage der Abgeordneten Nicole Höchst, Dr. Michael Kaufmann,
Adam Balten, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 21/3474 –
Fragen zur Zeitumstellung
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die halbjährliche Zeitumstellung zwischen Normalzeit („Winterzeit“) und
Sommerzeit wird seit Jahrzehnten mit unterschiedlichen Begründungen
aufrechterhalten. Ursprünglich sollte sie zur Energieeinsparung beitragen – ein
Ziel, das nach heutiger Forschung kaum noch Relevanz besitzt. Gleichzeitig
deuten zahlreiche medizinische und gesellschaftswissenschaftliche Studien auf
gesundheitliche und soziale Folgewirkungen der Zeitumstellung hin. Dazu
zählen Schlafstörungen, Kreislaufbelastungen, erhöhte Unfallraten und
messbare Einschränkungen der Konzentrations- und Leistungsfähigkeit (www.ao
k.de/pk/magazin/familie/eltern/wie-die-zeitumstellung-den-koerper-belastet/,
Stand: 11. Oktober 2025, www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Chronobiologie-Is
t-die-Zeitumstellung-gesundheitsschaedlich,chronobiologie104.html, Stand:
12. November 2025). Nach einer Vielzahl der vorliegenden wissenschaftlichen
Untersuchungen stehen negative physiologische und psychologische Effekte
den ursprünglich angestrebten Nutzen gegenüber. Studien des „The New
England Journal of Medicine“ und anderer Fachjournale dokumentieren eine
Zunahme akuter kardiovaskulärer Ereignisse (z. B. Myokardinfarkte) in den
Tagen nach der Umstellung (vgl. www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc080
7104, Stand: 10. November 2025). Auch die Deutsche Gesellschaft für
Schlafforschung und Schlafmedizin e. V. (DGSM) weist im Kontext der Umstellung
neben möglichen positiven Effekten auch auf gesundheitlich problematische
Folgen hin (unter anderem zu finden unter: https://dgsm-kongress.de/fileadmi
n/dgsm/2026/docs/2025/DGSM25_PM_Zeitumstellung.pdf, Stand: 10.
November 2025). Trotz dieser Forschungslage und einer EU-weiten
Bürgerbefragung von 2018, in der sich 84 Prozent der Teilnehmer für die Abschaffung der
Zeitumstellung aussprachen (European Commission Consultation 2018, hier
zu finden: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_18_5302,
Stand: 10. November 2025), wurden auf europäischer wie nationaler Ebene
bislang keine durchgreifenden Schritte zur Umsetzung dieser Erkenntnisse
unternommen. Gerade vor dem Hintergrund des gesetzlichen Auftrags des
Deutschen Bundestages zur Technikfolgenabschätzung (§ 56 der Geschäftsordnung
des Deutschen Bundestages) stellt sich den Fragestellern die Frage, inwieweit
die Bundesregierung ggf. wissenschaftliche Erkenntnisse zu den
medizinischen, psychologischen, energetischen und gesellschaftlichen Folgen der
Zeitumstellung systematisch erfasst, bewertet und in die politische Entscheidungs-
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie
vom 6. Mai 2026 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
findung integriert. All diese Punkte legen den Horizont frei für die folgenden
Fragen.
1. Liegen der Bundesregierung wissenschaftliche Studien und Gutachten zur
gesundheitlichen, psychologischen und gesellschaftlichen Wirkung der
Zeitumstellung vor, und wenn ja, welche?
Zu Wirkungen der Zeitumstellung sind eine Vielzahl wissenschaftlicher
Studien öffentlich verfügbar. Die Bundesregierung hat diesbezüglich keine Studien
in Auftrag gegeben und es liegen der Bundesregierung keine Gutachten vor.
2. Wenn die Frage 1 bejaht wird, wie bewertet die Bundesregierung auf
Grundlage dieser Erkenntnisse die kurz- und langfristigen physiologischen
Folgen der Zeitumstellung (z. B. Schlafrhythmus, Herz-Kreislauf-System,
Unfallstatistik)?
4. Hat die Bundesregierung die Erkenntnisse der Deutschen Gesellschaft für
Schlafforschung und Schlafmedizin e. V. (DGSM) in ihre Bewertung
einbezogen, und wenn ja, inwieweit?
Die Fragen 2 und 4 werden gemeinsam beantwortet.
In Studien und Stellungnahmen werden Auswirkungen der Zeitumstellung
beschrieben, z. B. kurzfristig vermehrte Tagesmüdigkeit. Langfristige
Auswirkungen einer Umstellung der Sommerzeit auf den Schlafrhythmus sind kaum
beschrieben und schwierig zu untersuchen, da diese Vergleiche durch saisonale
Effekte beeinflusst werden.
Der Einfluss der Zeitumstellung auf die Häufigkeit von kardiovaskulären
Ereignissen (insbesondere des akuten Herzinfarkts) wird regelmäßig
untersucht; die Datenlage hierzu ist inkonsistent. Ebenso ist die Datenlage in Bezug
auf Unfälle und Konzentrationsschwierigkeiten im Zusammenhang mit der
Zeitumstellung inkonsistent.
3. Welche Studien oder Modellierungen hat die Bundesregierung zur
Überprüfung der Energie- und Klimawirkungen der Zeitumstellung seit 2010
ggf. ausgewertet oder beauftragt?
Eine detaillierte Studie zur Überprüfung der Auswirkungen der Sommerzeit auf
den Energieverbrauch und weitere Themenfelder wurde vom Büro für
Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) im Jahr 2016
durchgeführt: „Bilanz der Sommerzeit“. Sie erschien mit Bundestagsdrucksache
18/8000 im März 2016.
Im Rahmen dieser TAB-Studie hat das Institut für ökologische
Wirtschaftsforschung (IÖW) eine umfangreiche Analyse mit Auswertung der Literatur zur
Thematik sowie Modellsimulationen durchgeführt: „Auswirkungen der
Sommerzeit auf den Energieverbrauch“. Dieses Gutachten für den Deutschen
Bundestag, vorgelegt dem Büro für Technikfolgen-Abschätzung am 30. November
2014, erschien in der Schriftenreihe des IÖW 211/16.
Die TAB-Studie einschließlich der IÖW-Analyse haben auf Basis der damals
vorliegenden Erkenntnisse keine Hinweise darauf geliefert, dass die jährlichen
Zeitumstellungen ernsthafte positive oder negative energetische, wirtschaftliche
oder gesundheitliche Effekte nach sich ziehen.
Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2016 thematisiert die „Stromersparnis
der Zeitumstellung bei privaten Haushalten“. Sie erschien im Wirtschaftsdienst,
96. Jahrgang, April 2016, Heft 4. Die Autoren Korbinian von Blanckenburg
(Hochschule Ostwestfalen-Lippe Lemgo) und Julian Strauch (Universität
Kassel) zeigen, dass es durch die Zeitumstellung in Deutschland nur zu geringen
Einsparungen beim Stromverbrauch privater Haushalte in Höhe von 0,78
Prozent kommt.
Von 2017 ist die Studie (ex-post impact assessment) des Wissenschaftlichen
Dienstes des Europäischen Parlaments: „Ex-post impact assessment EU
summer-time arrangements under Directive 2000/84/EC“. Die Studie kommt
ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Sommerzeit zu geringfügigen Einsparungen
beim Energieverbrauch führt.
5. Existieren Untersuchungen zur volkswirtschaftlichen Produktivität und
Leistungsfähigkeit in den Wochen nach der Zeitumstellung, und welche
Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus?
Die TAB-Studie aus dem Jahr 2016 (siehe Antwort zu Frage 3) hat die
Auswirkungen der Sommerzeit auf die deutsche Volkswirtschaft umfassend analysiert
(siehe Bundestagsdrucksache 18/8000). Die Autoren kommen zu dem Schluss,
dass ein Mangel an evidenzbasierten wissenschaftlichen Daten keine
belastbaren quantitativen Abschätzungen darüber zulässt, wie sich die Sommerzeit
auf verschiedene Wirtschaftsbereiche auswirkt. Insgesamt spreche allerdings
vieles dafür, dass sich die Wirtschaftssektoren an die Sommerzeit angepasst
hätten. In einigen Branchen würde die Zeitumstellung als lästig empfunden, in
anderen hingegen als vorteilhaft.
Neuere Untersuchungen zur volkswirtschaftlichen Produktivität und
Leistungsfähigkeit in Deutschland in den Wochen nach der Zeitumstellung liegen der
Bundesregierung nicht vor.
Eine aktuelle internationale Studie der US-Ökonomen Waddell und Dickinson
(2024) untersuchte die Wirkung der Zeitumstellung anhand von GitHub-Daten
von etwa rund 175 000 Personen im Zeitraum 2013 bis 2019. GitHub ist eine
Versions-Kontroll-Plattform, die u. a. von Software-Entwicklerinnen und -
Entwicklern genutzt wird und weltweit rund 83 Millionen registrierte Nutzende
hat. Die Ergebnisse zeigen, dass die Umstellung auf Sommerzeit die
Arbeitsproduktivität nicht nur ein bis zwei Tage, sondern bis zu zwei Wochen
beeinträchtigen kann. Besonders in den frühen Morgenstunden hätten Arbeitende
Schwierigkeiten, in den Arbeitstag zu starten. Bei der Umstellung auf
Winterzeit dagegen, wurde ein gegenläufiger Effekt beobachtet. Die Forscher
vermuten, dass der Produktivitätszuwachs auf den zusätzlichen Schlaf
zurückzuführen sei. In welchem Maße sich die Ergebnisse auf die deutsche Volkswirtschaft
insgesamt übertragen lassen, ist jedoch ungewiss.
6. Werden aus Bundesmitteln laufende oder geplante Forschungsvorhaben
zur Thematik „Zeitumstellung und Gesundheit“ gefördert (z. B. Deutsche
Forschungsgemeinschaft e. V., Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher
Forschungszentren e. V., Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V.),
und wenn ja, welche?
Über die thematische Ausrichtung von Forschungsvorhaben, die im Rahmen
der gemeinsam durch Bund und Länder getragenen Grundfinanzierung der
außeruniversitären Forschungsorganisationen durchgeführt werden, entscheiden
die jeweiligen Einrichtungen eigenständig. Der Bundesregierung liegen keine
Kenntnisse zu Forschungsvorhaben zur genannten Thematik vor.
Derzeit gibt es keine laufenden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft
geförderten Projekte zum Thema „Zeitumstellung und Gesundheit“. Zu
geplanten Forschungsvorhaben liegen der Bundesregierung keine Informationen vor.
Derzeit gibt es keine laufende Forschungsförderung zur Thematik
„Zeitumstellung und Gesundheit“ seitens des Bundesministeriums für Forschung,
Technologie und Raumfahrt. Eine diesbezügliche Forschungsförderung ist nicht in
Planung.
7. Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung ggf. aus den Ergebnissen der
EU-weiten Bürgerbefragung aus dem Jahr 2018, insbesondere im Hinblick
auf die Wahrnehmung gesundheitlicher Belastungen (vgl. Frage 6)?
Die Bundesregierung spricht sich für eine harmonisierte Regelung aus, um den
Binnenmarkt in den verschiedenen betroffenen Sektoren nicht zu belasten.
Hinsichtlich der gesundheitlichen Belastungen wird auf die Antwort zu den
Fragen 2 und 4 verwiesen.
8. Warum wurden trotz entsprechender wissenschaftlicher Befunde und
Bürgermehrheit bislang keine legislativen oder exekutiven Initiativen auf
nationaler Ebene ergriffen, um die Zeitumstellung auszusetzen oder deren
Folgen zu mindern (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
Bereits seit Anfang der 1980er-Jahre wird die Sommerzeit auf europäischer
Ebene festgelegt. Die Zeitumstellung beruht auf der für alle Mitgliedstaaten
verbindlichen Richtlinie 2000/84/EG, die in Deutschland durch die
Sommerzeitverordnung umgesetzt wurde. Die EG-Richtlinie sieht die jährliche
Zeitumstellung zwingend vor und belässt den Mitgliedstaaten kein Wahlrecht. Die
Zeitumstellung kann daher nur auf EU-Ebene geändert werden. Für eine
entsprechende Änderung liegt das Initiativrecht bei der Europäischen
Kommission.
Die Europäische Kommission hat eine Studie zu den Auswirkungen einer
möglichen Abschaffung der Zeitumstellung in Auftrag gegeben. Diese wird nach
Aussage der Europäischen Kommission bis Ende 2026 laufen. Die Ergebnisse
sollen im Anschluss veröffentlicht werden und als Basis für Verhandlungen im
Rat und ggf. einen angepassten Vorschlag der Europäischen Kommission
dienen.
9. Plant die Bundesregierung, den Forschungs- und Bewertungsstand zur
Zeitumstellung in einem zusammenfassenden Bericht nach dem Vorbild
der Technikfolgenabschätzungsberichte des Büros für Technikfolgen-
Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) darzustellen, und falls ja, bis
wann?
Die Bundesregierung hat derzeit keine Pläne, einen entsprechenden Bericht zu
veranlassen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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