Massive Vermögensungleichheit besser messen und bekämpfen - Multilaterale Initiativen gegen ökonomische Ungleichheit unterstützen
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Massive Vermögensungleichheit besser messen und bekämpfen - Multilaterale Initiativen gegen ökonomische Ungleichheit unterstützen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8138
21. Wahlperiode 22.09.2026
Antrag
der Abgeordneten Karoline Otte, Katharina Beck, Dr. Moritz Heuberger, Max Lucks,
Sascha Müller, Stefan Schmidt, Deborah Düring, Schahina Gambir, Ulle Schauws,
Filiz Polat, Dr. Armin Grau, Claudia Roth, Jamila Schäfer und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Massive Vermögensungleichheit besser messen und bekämpfen – Multilaterale
Initiativen gegen ökonomische Ungleichheit unterstützen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht hat ein erhebliches
Ausmaß erreicht. Sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern wie den
USA steigt insbesondere die ungleiche Verteilung von Vermögen massiv an. Für
viele OECD-Länder gilt inzwischen, dass die absolute Spitze der
Vermögensverteilung, das Top-1-Prozent, bereits mehr als ein Drittel des
gesamten nationalen Vermögens besitzt (https://wid.world/data/). Auch in
Deutschland ist dieses Ungleichgewicht besonders stark ausgeprägt. Private
Erhebungen wie der im Mai 2026 veröffentlichte BCG Global Wealth Report
zeigen, dass in Deutschland rund 5.000 Personen mit einem individuellen
Finanzvermögen oberhalb von 100 Millionen US-Dollar insgesamt 27,3 Prozent
des gesamten nationalen Finanzvermögens besitzen
(https://www.bcg.com/press/27may2026-bcg-global-wealth-report-weltweites-
nettovermogen-steigt-um-9-3-prozent-auf-hochststand-von-550-billionen-
usdollar). Das Niveau dieser Ungleichheit ist damit auf einem historischen
Höchstwert in der Geschichte der Bundesrepublik. Aktuellen ökonomischen
Trends wie der verstärkte Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) könnte dabei
(ohne Gegenmaßnahmen) zu einer noch ausgeprägteren Vermögenskonzentration
bei den Allerreichsten führen (https://www.imf.org/-
/media/files/publications/wp/2025/english/wpiea2025068-print-
pdf.pdf#:~:text=There%20are%20competing%20narratives%20about%20artifici
al%20intelligence's,channels%20through%20which%20AI%20affects%20the%
20economy) .
Gleichzeitig ist die offizielle Datenlage zur Vermögensungleichheit in
Deutschland unzureichend. Staatliche Erhebungen (wie die Einkommens- und
Verbrauchsstichprobe) basieren auf Freiwilligkeit und blenden die absolute Spitze
der Vermögensverteilung oft systematisch aus. Expert*innen gehen deshalb auch
davon aus, dass die Ungleichheit noch stärker ausgeprägt sein dürfte, als aktuelle
Messungen zeigen (vgl. Drs. 21/4827 und Drs. 21/7389).
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Die zunehmende Vermögensungleichheit in Deutschland und anderen Ländern
wird länderübergreifend als zentrales Problem für die gesellschaftliche und
wirtschaftliche Entwicklung angesehen. Führende Forscher*innen stellen in
einem umfassenden Bericht für die G20 nachdrücklich fest, dass die massive
Ungleichheit ein fundamentales Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung
darstellt (https://www.gov.za/sites/default/files/gcis_document/202511/g20-
global-inequality-report-full-and-summary.pdf). Zurückzuführen ist dies
beispielsweise auf die steigende Instabilität von Finanzmärkten, die durch hohe
Vermögenskonzentration begünstigt wird. So tragen insbesondere die Reichsten
(insbesondere das oberste Prozent und Milliardär*innen) zu einer Flut von Kapital
bei und begünstigen so nachweislich Renditendruck und Spekulation
(https://www.nber.org/system/files/working_papers/w26941/w26941.pdf).
Außerdem untergräbt die stark ausgeprägte Vermögenskonzentration bei wenigen
Individuen und Unternehmen den fairen Wettbewerb, da transnationale
Großkonzerne enorme Mengen von Kapital einsetzen können, um
quasimonopolistische Marktpositionen zu verfestigen
(https://www.globaljustice.org.uk/wp-content/uploads/2024/01/Davos-Taken-
not-Earner-Report-2024-FINAL-1.pdf ). Im Ergebnis können sie insbesondere in
Krisensituationen hohe Preisaufschläge verlangen (https://peri.umass.edu/wp-
content/uploads/2025/01/WP571.pdf). Unterm Strich wird das Paradigma der
Ungleichheit als notwendiges Übel für Wachstum von Forschenden zunehmend
in Frage gestellt und die Wirtschaftsschwäche vieler Länder mit dem hohen Maß
an Ungleichheit in Verbindung gebracht
(https://www.econstor.eu/bitstream/10419/259361/1/wp2022-05.pdf).
Gleichzeitig stagnieren auch neben dem Wirtschaftswachstum diverse soziale
Indikatoren in vielen Ländern, insbesondere auch in bevölkerungsreichen,
aufstrebenden Staaten. Besonders der bisherige Trend hin zur höheren
Ernährungssouveränität, zu gleicheren Bildungschancen und zur steigenden
Arbeitsplatzsicherheit dreht sich vielerorts um. Führende Ökonom*innen bringen
diese Dynamiken in einen klaren Zusammenhang mit der wachsenden
Ungleichheit in den entsprechenden Ländern
(https://www.theguardian.com/commentisfree/2026/jun/10/economists-maths-
growth-doomed-strategy-un-agencies-political-leaders). Massive finanzielle
Ungleichheit wirkt sich damit insgesamt negativ auf die Wahrnehmung und
Durchsetzung von Menschenrechten aus. Insbesondere erschwert sie die
gesellschaftliche Inklusion und politische Beteiligung von benachteiligten
Gruppen (https://oi-files-d8-prod.s3.eu-west-2.amazonaws.com/s3fs-
public/2026-01/EN%20-
%20Resisting%20the%20Rule%20of%20the%20Rich_0.pdf). Frauen,
Minderheiten und LGBTIQ*- Personen sind dabei häufig mehrfach betroffen, da
sie sowohl politisch marginalisiert als auch ökonomisch benachteiligt werden
(https://www.oxfam.de/publikationen/bericht-soziale-ungleichheit-
2026#downloads).
Auch in Deutschland ist die Ungleichheit klar sichtbar: Migrant*innen verdienen
zwischen 5 bis 20 Prozent weniger, Frauen mit Einwanderungsgeschichte sogar
bis zu 41 Prozent weniger pro Stunde als Männer ohne Einwanderungsgeschichte.
Über eine Million Kinder leben in Deutschland in Armut
(https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/unicef-bericht-zur-lage-
der-kinder-in-deutschland-2025/385504). Unterm Strich sind damit bestimmte
gesellschaftliche Gruppen wie Kinder, Frauen, Queers, chronisch kranke oder
ältere Personen sowie Menschen, die rassistisch diskriminiert werden, besonders
von Armut betroffen.
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen hat sich ein G20 Extraordinary
Committee gebildet, das unter Leitung des Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph
E. Stiglitz die offizielle Gründung eines „International Panel on Inequality“
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anstrebt (IPI; vgl. https://www.wits.ac.za/news/latest-news/research-
news/2026/2026-04/establishing-an-international-panel-on-inequality.html).
Bisherige tragende Gründungsländer dieser Initiative sind Südafrika, Brasilien,
Norwegen und Spanien. Das Ziel eines solchen Gremiums ist es, in direkter
Anlehnung an das bewährte Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)
globale Verteilungstrends wissenschaftlich zu überwachen, die Treiber und
makroökonomischen Konsequenzen von Ungleichheit unabhängig zu bewerten.
Außerdem sollen politische Regulierungsmaßnahmen zur Bewältigung dieser
Trends evaluiert werden, um Regierungen, parlamentarische Entscheidungsträger
und die internationale Gemeinschaft faktenbasiert zu informieren. Die Initiative
ist wesentliches Thema in verschiedenen multilateralen Gremien, darunter
insbesondere die entsprechenden Formate innerhalb der Vereinten Nationen
(VN).
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. an der Gründung eines internationalen Gremiums gegen Ungleichheit,
dem sog. International Panel on Inequality (IPI), aktiv mitzuwirken und
hierzu
a. in entsprechenden internationalen Gremien darauf hinzuwirken,
die Einführung des Panels auf die Tagesordnung zu setzen und
die Debatten positiv zu begleiten;
b. insbesondere auf Ebene der Vereinten Nationen (VN) und im
Rahmen ihrer Generalversammlung entsprechende Vorschläge
ausdrücklich zu unterstützen und auch innerhalb der EU darauf
hinzuwirken, dass entsprechende Vorschläge Unterstützung
durch die EU erhalten;
c. darauf hinzuwirken, dass das Panel wissenschaftlich unabhängig
arbeitet, fachliche Exzellenz anstrebt und dessen international
ausgewogene Beteiligung sichergestellt ist;
d. darauf hinzuwirken, dass das Panel (ähnlich zum
Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)) eng an die
VN anzubinden ist und die enge Zusammenarbeit mit anderen
multilateralen Organisationen gesichert wird;
e. sicherzustellen und in Verhandlungen zu berücksichtigen, dass
das Panel von der Bundesrepublik dauerhaft finanziell und ideell
unterstützt wird;
2. die Datenqualität über Vermögen (insbesondere die höchsten Vermögen
ab einem Wert von 100 Mio. Euro) international und innerhalb
Deutschlands durch regelmäßige Erhebungen deutlich zu verbessern und
hierbei
a. gezielt Haushaltsdaten der Top-Vermögen unter Wahrung der
Anonymität zu erheben und auszuwerten;
b. das Verhältnis des Top-1-Prozents und der unteren vier
Perzentile (Palma-Index) gezielter in den Blick zu nehmen und
die allgemeinen Metriken zur Messung von Ungleichheiten zu
verbreitern;
c. geschlechtsspezifische Ungleichheiten besonders in den
Vordergrund zu rücken;
d. die ökonomischen Auswirkungen der Ungleichheit zu
analysieren und hierbei auch Wachstumsindikatoren in den
Blick zu nehmen (inkl. Mechanismen wie erhöhte
Monopolbildung, Spekulation oder Renditendruck) sowie
Wohlfahrtsindikatoren zu berücksichtigen (etwa das Vertrauen
in öffentliche Institutionen und Demokratie, subjektives
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Gerechtigkeitsempfinden oder Qualität von öffentlichen
Leistungen);
e. VN, Weltbank, universitäre Einrichtungen sowie statistische
Behörden und Partner*innen auch im Globalen Süden bei
Datenerhebungen – und Auswertungen zum Thema
Ungleichheit stärker und verlässlich zu unterstützen;
3. massive Vermögensungleichheit auch als Hemmnis für den Schutz, die
Durchsetzung und Förderung von Menschenrechten weltweit
anzuerkennen, zu benennen und vor dem Hintergrund ihrer
menschenrechtlichen Schutzverantwortung dagegen vorzugehen;
4. die Vorgaben des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Rechte der VN konsequent umzusetzen und allen Menschen in
Deutschland ein menschenwürdiges Existenzminimum und
Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu
gewährleisten.
Berlin, den 22. September 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Begründung
Während offensichtlich ist, dass die Vermögensungleichheit global massiv zunimmt, fehlen in vielen Ländern,
auch in Deutschland, noch immer öffentliche Daten und Analysen zur massiven Vermögensungleichheit und
insbesondere zu den höchsten Vermögen. Da sich ökonomische Paradigmen von Ungleichheit und Wachstum
verändern, braucht es international koordinierte Datenquellen und Analysen sowie einen verstärkten
multilateralen Austausch. Die Bundesregierung muss eine Unterstützung für entsprechende Vorschläge
sicherstellen, insbesondere in der aktuell laufenden Debatte um die Gründung eines „International Panel on
Inequality“ (IPI).
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