Russische Sabotage-, Spionage- und Hybridaktivitäten im Ostseeraum - Bedrohungslage, Zwischenfälle und sicherheitspolitische Bewertung
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Russische Sabotage-, Spionage- und Hybridaktivitäten im Ostseeraum - Bedrohungslage, Zwischenfälle und sicherheitspolitische Bewertung
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/886
21. Wahlperiode 16.07.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Hannes Gnauck, Gerold Otten, Jan Wenzel Schmidt, René
Springer und der Fraktion der AfD
Russische Sabotage-, Spionage- und Hybridaktivitäten im Ostseeraum –
Bedrohungslage, Zwischenfälle und sicherheitspolitische Bewertung
In den vergangenen Monaten und Jahren häufen sich Berichte über hybride
Bedrohungen, Sabotageakte und Spionageaktivitäten, die mutmaßlich auf
russische Akteure zurückzuführen sind und sich gezielt gegen militärische und
infrastrukturelle Ziele im Ostseeraum richten – darunter auch gegen
Einrichtungen der Bundeswehr. Diese Aktivitäten erfolgen in einem sicherheitspolitisch
ohnehin hochsensiblen Kontext zunehmender Spannungen zwischen der
Russischen Föderation und den NATO-Staaten, insbesondere entlang der Ostflanke
des Bündnisses. Entsprechende Entwicklungen wurden z. B. von der
Tagesschau, der „FAZ“ und dem „Spiegel“ dokumentiert (www.tagesschau.de/inlan
d/innenpolitik/bundeswehr-sabotage-fregatte-hessen-100.html, www.faz.net/akt
uell/politik/inland/sabotageverdacht-auf-bundeswehr-fregatte-hessen-11031298
6.html, www.spiegel.de/politik/deutschland/sabotageverdacht-auf-
bundeswehrfregatte-hessen-a-20e8226d-db13-4c5c-87a9-7183bba590ef).
Zu den bekannt gewordenen Vorfällen zählt ein Sabotageverdacht an der
Fregatte Hessen im Marinearsenal Wilhelmshaven im Februar 2025. Bei
Wartungsarbeiten wurde im Spülsystem eines zivilen Saugwagens rund 50 Liter
Altöl entdeckt. Der Stoff wurde offenbar gezielt eingebracht, um das
Trinkwassersystem der Fregatte zu verunreinigen. Die Verunreinigung wurde rechtzeitig
entdeckt und eine Gefährdung der Besatzung konnte verhindert werden. Die
Polizei leitete Ermittlungen ein, auch der Militärische Abschirmdienst soll
eingebunden worden sein (www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundeswehr-sa
botage-fregatte-hessen-100.html, www.faz.net/aktuell/politik/inland/sabotageve
rdacht-auf-bundeswehr-fregatte-hessen-110312986.html).
Bereits zuvor war die im Bau befindliche Korvette Emden betroffen: Im Januar
2025 wurden bei einer Routinekontrolle mehrere Kilogramm Metallspäne im
Antriebssystem festgestellt. Auch hier besteht der Verdacht, dass die Partikel
gezielt eingebracht wurden, um das Schiff funktionsunfähig zu machen oder
schwer zu beschädigen. Der Fall wurde öffentlich, nachdem Recherchen von
NDR, WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ Hinweise auf Ermittlungen durch
das Landeskriminalamt Hamburg ergaben (defence-network.com/sabotage-an-d
eutscher-korvette-emden/).
Hinzu kommt ein dritter Fall, bei dem ein Minenjagdboot der Klasse 332
betroffen war. Im Rahmen eines Werftaufenthalts wurden beschädigte
Kabelbäume festgestellt. Auch hier gehen Ermittlungsbehörden dem Verdacht nach, dass
es sich nicht um einen technischen Defekt oder um Verschleiß, sondern um
gezielte Manipulation handelt (www.spiegel.de/politik/deutschland/sabotageverda
cht-auf-bundeswehr-fregatte-hessen-a-20e8226d-db13-4c5c-87a9-7183bba5
90ef).
Diese dokumentierten Vorfälle werfen nach Auffassung der Fragesteller Fragen
nach einem möglichen Muster gezielter, staatlich gelenkter Sabotageakte gegen
Marineeinheiten auf – insbesondere im Kontext der sicherheitspolitischen
Entwicklungen an der östlichen NATO-Flanke.
Parallel dazu mehren sich Berichte über Sichtungen unbemannter Drohnen über
militärischen Liegenschaften. Im Februar 2025 wurden über dem
Luftwaffenstützpunkt Schleswig, einem Standort für Patriot-Raketen und
Ausbildungszentrum ukrainischer Streitkräfte, insgesamt sechs solche Vorfälle dokumentiert.
Der Ursprung der Drohnen blieb dabei unklar, Täter konnten bislang nicht
identifiziert werden (www.zeit.de/politik/deutschland/2025-02/drohnen-
patriotlandeskriminalamt-bundeswehr-schwesing). Auch über dem US‑Stützpunkt
Ramstein sowie über kritischer Infrastruktur an der Nordsee wurden in den
Jahren 2024 und 2025 Drohnenüberflüge gemeldet.
Ein weiteres Element dieser hybriden Bedrohungslage stellen elektronische
Störmaßnahmen dar. Im Juni 2025 wurden über der Ostsee massive
GPS‑Signalstörungen registriert, die zivile und militärische
Navigationssysteme in Polen, Litauen und im deutschen Küstenbereich beeinträchtigten. Die
polnische Regierung machte Russland für diese Störungen verantwortlich
(www.reuters.com/business/aerospace-defense/poland-says-gps-disruptions-bal
tic-could-be-related-russia-2025-06-17/).
Ergänzt wird dieses Geflecht durch systematische Überflüge russischer
Kampfflugzeuge – darunter auch Su‑24‑Bomber – in niedriger Höhe nahe
NATO‑Kriegsschiffen. Solche Vorfälle bergen ein hohes Eskalationsrisiko,
insbesondere wenn Waffensysteme aktiviert oder visuell auf Besatzungsmitglieder
gerichtet werden (www.theguardian.com/environment/2025/jun/18/shadow-fle
ets-cyber-attacks-and-spy-ships‑the-crack-security-team-braced‑for‑trouble‑at‑s
ea‑nordic‑maritime‑cyber‑resilience‑centre).
Hinzu kommt eine steigende Zahl an Cyberattacken und mutmaßlichen
Unterwasser‑Sabotagen. So wurden im November 2024 mehrere wichtige
Telekommunikations‑ und Energiekabel zwischen Schweden, Deutschland und
Finnland beschädigt, unter anderem die C‑Lion1- und BCS-East‑West-
Interlink-Kabel – der Vorfall wird von europäischen Regierungen und
NATO‑Staaten als mögliche gezielte Operation russischer „Shadow Fleets“
eingestuft (en.wikipedia.org/wiki/2024_Baltic_Sea_submarine_cable_disrupt
ions). Aufgrund einer Serie ähnlicher Zwischenfälle hat die NATO die Mission
„Baltic Sentry“ angekündigt, um Unterwasserkabel künftig aktiv zu schützen (a
pnews.com/article/b8d351fa018d703fe9dbc50459211e61).
Diese dokumentierten Vorfälle werfen für die Fragesteller Fragen hinsichtlich
der Dunkelziffer, der Häufigkeit solcher Aktionen und der Rolle der
Bundesregierung bei der Koordination und Bewertung hybrider Bedrohungen auf.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. In wie vielen Fällen wurden seit dem Jahr 2022 Sabotagehandlungen an
Bundeswehrschiffen oder Bundeswehreinrichtungen festgestellt, bei
denen der Verdacht einer gezielten Einflussnahme ausländischer Akteure
bestand (bitte jährlich aufschlüsseln und nach Art der Maßnahme
differenzieren, z. B. technische Manipulation, chemische Kontamination,
Zerstörung kritischer Systeme)?
2. Wie viele nichtautorisierte Drohnenüberflüge über militärische Anlagen
oder Liegenschaften der Bundeswehr wurden in den Jahren von 2022 bis
einschließlich Juni 2025 registriert (bitte jährlich mit Angabe des Ortes
und ob jeweils ein militärischer oder ziviler Ursprung festgestellt werden
konnte differenzieren)?
3. In wie vielen dieser Fälle (Frage 2) konnten Ermittlungsbehörden einen
konkreten Täter identifizieren oder eine organisatorische Zuordnung (z. B.
staatliche Steuerung, sogenannte Proxies, nichtstaatliche Akteure)
vornehmen?
4. Welche militärischen und bzw. oder geheimdienstlichen Erkenntnisse
liegen der Bundesregierung zur potenziellen Dunkelziffer von
Drohnenüberflügen und Sabotagehandlungen vor, die mangels Erkennung,
Meldung oder Aufklärung nicht in offiziellen Statistiken erfasst sind?
5. In wie vielen Fällen kam es seit 2022 zu Verletzungen des deutschen oder
verbündeten NATO-Luftraums über der Ostsee durch russische
Militärflugzeuge, und in wie vielen dieser Fälle wurden bewaffnete Systeme
aktiviert, auf Schiffe ausgerichtet oder als Bedrohung eingestuft?
6. Welche sicherheitsrelevanten Vorkommnisse im Zusammenhang mit
russischen Spionage- oder Aufklärungsflugzeugen (z. B. Il-20, Su-24)
gegenüber deutschen Kriegsschiffen, Aufklärungseinheiten oder Luftfahrzeugen
in internationalen Gewässern oder im Luftraum des Baltikums wurden seit
2022 dokumentiert?
7. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über versuchte oder
durchgeführte Kontaminationen von Ver- und Entsorgungssystemen auf
Bundeswehrschiffen oder Marineanlagen seit 2022 vor (z. B. Trinkwasser,
Kraftstoff, Luftfiltertechnik)?
8. In wie vielen Fällen wurden seit 2022 militärische Netzwerke,
Navigationssysteme oder Telekommunikationsverbindungen der Bundeswehr
durch elektronische Störmaßnahmen (z. B. GPS-Jamming, Spoofing,
Cyberangriffe) im Ostseeraum oder in angrenzenden Einsätzen
beeinträchtigt?
9. Welche nachrichtendienstlichen Erkenntnisse liegen der Bundesregierung
hinsichtlich einer systematischen russischen Hybridstrategie im
Ostseeraum gegen Bundeswehr- oder NATO-Infrastruktur vor (z. B.
Verbindungen zwischen Sabotage, Informationsoperationen und elektronischer
Kriegführung)?
10. Wie bewertet die Bundesregierung die Fähigkeit der Bundesbehörden,
aktuelle hybride Bedrohungen (Drohnen, Cyber, Sabotage, elektronische
Kriegführung) zeitnah zu erkennen, zuzuordnen und in
ressortübergreifenden Verfahren zu bearbeiten (z. B. Bundesamt für den Militärischen
Abschirmdienst [BAMAD], Bundesamt für Verfassungsschutz [BfV],
Bundesnachrichtendienst [BND], Cyberabwehrzentrum)?
11. Welche internen Meldewege, Frühwarnsysteme oder Erfassungsstandards
existieren in der Bundesrepublik Deutschland für Sabotagevorfälle,
Cyberattacken, Drohnensichtungen und physische Störungen an
Bundeswehranlagen oder militärischer Infrastruktur, und in welchem Umfang werden
diese mit NATO-Partnern abgeglichen?
12. Welche Maßnahmen zur personellen, technischen oder organisatorischen
Stärkung von Aufklärung, Detektion und Abwehr hybrider Bedrohungen
wurden seit 2022 von der Bundesregierung konkret umgesetzt oder sind
derzeit in Planung?
13. In welchem Umfang hat die Bundesregierung seit 2022 diplomatische
oder militärische Reaktionen gegenüber der Russischen Föderation auf
konkrete hybride Vorfälle im Ostseeraum (z. B. Luftraumverletzungen,
elektronische Angriffe, Sabotage) unternommen oder erwogen?
14. Welche rechtlichen Hürden oder Aufklärungslücken behindern nach
Kenntnis der Bundesregierung aktuell ggf. eine umfassende Erfassung
und Sanktionierung hybrider Bedrohungsvorfälle im militärischen
Bereich?
15. In welchen konkreten Fällen seit 2022 wurden Bundeswehrangehörige
durch hybride Maßnahmen (z. B. elektronische Angriffe,
Drohnenbedrohung, Sabotageakte) physisch oder psychisch beeinträchtigt oder verletzt?
Berlin, den 14. Juli 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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