Kommunale Finanzkrise und die Rolle des Bundes in der föderalen Finanzaufteilung
Text
Kommunale Finanzkrise und die Rolle des Bundes in der föderalen Finanzaufteilung
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/616
21. Wahlperiode 25.06.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Karoline Otte, Katharina Beck, Dr. Moritz Heuberger,
Max Lucks, Sascha Müller, Stefan Schmidt, Julian Joswig und der
Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Kommunale Finanzkrise und die Rolle des Bundes in der föderalen
Finanzaufteilung
Die neue Koalition der Fraktionen der CDU/CSU und SPD benennt in ihrem
Koalitionsvertrag die „grundsätzliche und systematische Verbesserung der
Kommunalfinanzen“ (Zeile 3630) als wesentliches Ziel der neuen
Bundesregierung.
Gleichzeitig ist die Lage der Kommunalfinanzen in einem historisch defizitären
Zustand. Während im Jahr 2023 mit 6,8 Mrd. Euro im Minus erstmals seit
zwölf Jahren ein kommunales Gesamtdefizit verbucht wurde, hat sich dieser
Betrag nur ein Jahr später mehr als verdreifacht. Das Statistische Bundesamt
misst ein Rekorddefizit seit der Wiedervereinigung von 24,8 Mrd. Euro
(Destatis 2025, www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/04/PD25_126_7
1137.html, abgerufen am 28. Mai 2025). Der Investitionsrückstand ist dabei
ebenfalls mit ca. 186 Mrd. Euro auf einem Rekordniveau und verdeutlicht die
Finanzbedarfe, um die kommunale Infrastruktur auf dem aktuellen Niveau zu
halten (Kreditanstalt für Wiederaufbau [KfW] 2024, www.kfw.de/PDF/Downlo
ad-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-KfW-Kommunalpanel/K
fW-Kommunalpanel-2024.pdf, abgerufen am 28. Mai 2025). Die schlechte
finanzielle Lage ist insgesamt zu einem flächendeckenden Problem geworden,
welches die Investitionstätigkeit und die politischen
Entscheidungsmöglichkeiten vor Ort massiv gefährdet.
Der Bund hat hierbei verschiedene Möglichkeiten, um auf die Finanzlage vor
Ort einzuwirken und so die Situation für die Bevölkerung vor Ort zu
verbessern. Ein wesentliches Instrument ist die föderale Steueraufteilung. Auch die
kommunalen Förderprogramme des Bundes leisten einen Beitrag. Der Bund hat
beispielsweise 117 Förderprogramme mit kommunal relevantem Bezug
aufgelegt (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie [BMWE] 2025, www.foer
derdatenbank.de/SiteGlobals/FDB/Forms/Suche/Foederprogrammsuche_Formu
lar.html?submit=Suchen&cl2Processes_Foerderberechtigte=kommune&filterC
ategories=FundingProgram&cl2Processes_Foerdergeber=bund, abgerufen am
23. Juni 2025).
Dagegen würde die geplante Bundesgesetzgebung der Bundesregierung
bedeutende Mindereinnahmen verursachen, etwa mit dem „Gesetz für ein
steuerliches Investitionssofortprogramm zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts
Deutschland“ (Bundestagsdrucksache 21/323). Im Kassenjahr 2028 würden
den Gemeinden hierdurch Mindereinnahmen in Höhe von ca. 4,9 Mrd. Euro
entstehen. Gleichzeitig betont die Bundesregierung ihre Orientierung am
„Grundsatz der Veranlassungskonnexität“ (Koalitionsvertrag, Zeile 3624) und
plant in einem „Zukunftspakt von Bund, Ländern und Kommunen […]
Aufgaben- und Kostenkritik vor[zu]nehmen“ (ebd.).
Die Bundesregierung plant weiterhin Maßnahmen gegen sogenannte
Gewerbesteueroasen, in denen Unternehmen Anreize haben, „lediglich vorzugeben, dass
sie ihre Geschäftstätigkeit in einer Kommune mit einem niedrigen
Gewerbesteuerhebesatz ausüben“ (Koalitionsvertrag, Zeile 1452 f.).
Über diese Maßnahmen hinaus fordern die kommunalen Spitzenverbände etwa
eine höhere kommunale Beteiligung an den Gemeinschaftsteuern (insbesondere
der Umsatzsteuer) und die Begrenzung von übertragenen Aufgaben sowie
Bürokratie (Deutscher Städte- und Gemeindebund [DStGB] 2025, www.dstgb.de/t
hemen/finanzen/kommunalfinanzen/kommunale-finanzmisere-verschaerft-
sichweiter/, abgerufen am 10. Juni 2025). Auch eine Lösung für die kommunalen
Altschulden und eine Vereinfachung der Inanspruchnahme der Fördermittel
werden unter Expertinnen und Experten diskutiert.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie bewertet die Bundesregierung die Finanzlage der kommunalen Ebene
in Deutschland auch angesichts des kommunalen Gesamtdefizits in
Rekordhöhe?
2. a) Wie prognostiziert und bewertet die Bundesregierung die kommunale
Investitionstätigkeit, und muss anhand der kommunalen Kassenlage
mit einem deutlichen Abfall (über 5 Prozent im Vergleich zum
Vorjahr) gerechnet werden?
b) Wenn ja, inwiefern geht die Bundesregierung davon aus, mit
Maßnahmen auf Bundesebene, insbesondere mit dem „Sondervermögen
Infrastruktur Bund/Länder/Kommunen“, die Investitionsabfälle
kompensieren zu können?
3. Welche Maßnahmen strebt die Bundesregierung im Hinblick auf die
kommunale Finanzlage in der aktuellen Vorhabenplanung an?
a) Welche Gesetzesvorhaben sind geplant mit der expliziten Zielstellung
der Verbesserung der kommunalen Finanzsituation, und welchen
Zeitplan sieht die Bundesregierung hierfür jeweils vor?
b) Welche Gesetzesvorhaben, die Mindereinnahmen auf kommunaler
Ebene auslösen, sind geplant, und wann, und wie hoch werden die
voraussichtlichen Mindereinnahmen geschätzt?
c) Wie ist deren finanzielle Wirkung auf der kommunalen Ebene jeweils
zu beziffern (bitte kommunale Mehr- bzw. Mindereinnahmen sowie
Erfüllungsaufwand jeweils pro Vorhaben ausweisen)?
d) Inwiefern und an welchem Punkt der Gesetzgebung wurden bzw.
werden die kommunalen Spitzenverbände beteiligt (bitte ggf. für die
einzelnen Gesetzesvorhaben einzeln angeben)?
4. Welche weiteren Maßnahmen plant die Bundesregierung auch angesichts
der massiven kommunalen Ungleichheiten und des Grundsatzes des
Hinwirkens auf gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet (vgl.
Artikel 72 Absatz 2 des Grundgesetzes [GG])?
5. Inwiefern wird die kommunale Ebene in der Expertenkommission zur
Modernisierung der Schuldenbremse vertreten sein?
6. Inwiefern plant die Bundesregierung die Fortführung oder den Ausbau der
unter dem ehemaligen Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz
Dr. Robert Habeck angestoßenen Projekte der „Förderzentrale
Deutschland“ zur Vereinfachung der Fördermittelvergabe, und welchen Zeitplan
verfolgt sie dabei?
7. Mit welcher Fördersumme ist jedes der 117 Förderprogramme des Bundes
mit kommunal relevantem Bezug im Haushaltsjahr 2024, im Entwurf zum
Bundeshaushalt 2025 sowie in der mittelfristigen Finanzplanung
ausgestattet (bitte einzeln mit Einzelplan, Haushaltstitel und Summe angeben),
und wie gestaltet sich der Mittelabfluss für jedes der 117
Förderprogramme des Bundes mit kommunal relevantem Bezug in den zurückliegenden
Haushaltsjahren 2023 und 2022 (bitte einzeln mit Einzelplan,
Haushaltstitel, Barmitteln und Verpflichtungsermächtigungen angeben)?
8. Welche weiteren Haushaltstitel des Entwurfs für den Bundeshaushalt 2025
schätzt die Bundesregierung als kommunal relevant ein (bitte einzeln mit
Einzelplan, Haushaltstitel, Barmitteln und Verpflichtungsermächtigungen
angeben)?
9. a) Was genau versteht die Bundesregierung unter dem Grundsatz der
„Veranlassungskonnexität“ wie er im Koalitionsvertrag erwähnt wird,
und wie will sich die Bundesregierung für eine bessere Einhaltung des
Grundsatzes einsetzen?
b) Welche Vorhaben plant die Bundesregierung in diesem Bereich (bitte
Vorhaben in einer Liste mit Zeitplanung aufführen)?
10. Inwiefern werden die Steuerausfälle der Kommunen, die durch die
Gesetzgebung der Bundesregierung verursacht werden, vonseiten des Bundes
vollständig kompensiert, auf welchem Weg soll dies geschehen, und wie
sieht ein entsprechender Zeitplan aus?
11. a) Wie hoch ist der Anteil der Leistungen aus den Sozialgesetzbüchern,
der jeweils von den Kommunen finanziert wird, beispielsweise für die
Jugendhilfe (Achtes Buch Sozialgesetzbuch [SGB VIII]), für
Leistungen für Menschen mit Behinderungen (SGB IX), für die Hilfen zur
Pflege (SGB XII) oder für die Kosten der Unterkunft (bitte die
Leistungen mit Gesamtsumme und Summe des kommunalen Anteils in
den letzten fünf Jahren aufschlüsseln)?
b) Plant die Bundesregierung angesichts des Grundsatzes der
„Veranlassungskonnexität“, die hieraus entstehenden kommunalen Ausgaben zu
kompensieren, und wenn ja, mit welchem Zeitplan und Umfang (bitte
Vorhaben einzeln aufführen)?
12. Inwiefern werden die Finanzierung und damit verbundene kommunale
Finanzierungsanteile für die einzelnen Sozialleistungen in der Arbeit der im
Koalitionsvertrag vorgesehenen Kommission zur Sozialstaatsreform eine
Rolle spielen?
13. a) Wie hoch fallen die Mehr- oder Mindereinnahmen bei dem geplanten
„Gesetz für ein steuerliches Investitionssofortprogramm zur Stärkung
des Wirtschaftsstandorts Deutschland“ in den nächsten zehn Jahren
aus (bitte nach Teilmaßnahme und auf Bundes-, Landes- und
kommunaler Ebene und nach Jahren aufschlüsseln)?
b) Welche Auswirkung des genannten Vorhabens sieht die
Bundesregierung in Bezug auf die geplante Absenkung der Körperschaftsteuer auf
die kommunale Finanzlage, und welche Mindereinnahmen entstehen
den Kommunen durch die Mindereinnahmen der Länder, die sich
negativ auf die Verbundmasse auswirken (bitte die Summe der
kommunalen Mindereinnahmen auf die nächsten zehn Jahre und auf die
Bundesländer aufschlüsseln)?
14. Wie hoch fallen die Mehr- oder Mindereinnahmen bei der geplanten
Absenkung des Umsatzsteuersatzes in der Gastronomie zum 1. Januar 2026
in den nächsten zehn Jahren aus (bitte auf Bundes-, Landes- und
kommunaler Ebene und nach Jahren aufschlüsseln)?
15. Was genau versteht die Bundesregierung unter dem von ihr geplanten
„Zukunftspakt von Bund, Ländern und Kommunen“?
16. a) Den Abbau welcher Standards und Vorgaben für die kommunale
Ebene bringt die Bundesregierung in die Gespräche zum
„Zukunftspakt von Bund, Ländern und Kommunen“ ein?
b) Zu welcher Entlastung würden die geplanten Maßnahmen in den
Kommunen jeweils führen (bitte mit kommunalen Minder- bzw.
Mehreinnahmen angeben)?
17. Wie bewertet die Bundesregierung eine mögliche Anhebung des
kommunalen Anteils an den Gemeinschaftsteuern?
a) Wie bewertet die Bundesregierung die Anhebung des kommunalen
Anteils an der Umsatzsteuer, und wenn eine Anhebung befürwortet
werden sollte, in welcher Höhe?
b) Welche zusätzlichen kommunalen Einnahmen würde die
Bundesregierung von der Anhebung des kommunalen Anteils der Umsatzsteuer
um 2 Prozentpunkte erwarten (bei einer hälftigen Übertragung der
Steueraufteilung von Bund bzw. Ländern auf die Kommunen)?
c) Wie bewertet die Bundesregierung eine Reform des Schlüssels der
Umsatzsteuer (etwa durch stärkere Pro-Kopf-Verteilung), und welche
Reformoption wäre aus ihrer Sicht zu präferieren?
d) Inwiefern sollte eine Anhebung des kommunalen Umsatzsteueranteils
gleichzeitig mit einer Reform des Verteilschlüssels des kommunalen
Umsatzsteueranteils einhergehen?
e) Welche weiteren Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, um die
Kommunen im Sinne einer besseren Finanzausstattung dauerhaft
adäquat an der Gesamtsteuermasse zu beteiligen?
18. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung im Zusammenhang mit
einer kommunalen Altschuldenlösung?
a) Wie hoch sind die Kassenkredite der Kommunen im Jahr 2025 (bitte
nach Bundesländern aufschlüsseln), und wie haben sie sich gegenüber
dem Vorjahreszeitraum verändert (bitte die Anzahl der Kommunen,
den Anstieg in den letzten 24 Monaten und die Höhe der
Liquiditätskredite nach Bundesländern aufschlüsseln)?
b) Werden neben einer (anteiligen) Übernahme der existierenden
Landeslösungen (Niedersachsen [Zukunftsvertrag], Hessen [Hessenkasse],
Saarland [Saarlandpakt], Brandenburg [Teilentschuldung kreisfreie
Städte], Altschuldenlösung von 2024 in Nordrhein-Westfalen) auch
die aktuellen tatsächlichen Bestände der kommunalen Kassenkredite
für eine bundesweite Altschuldenlösung berücksichtigt, und wenn
nein, warum nicht?
c) Ist die Beteiligung an einer Altschuldenlösung durch den Bund hier
auf 250 Mio. Euro pro Jahr festgelegt oder kann die Lösung der
Bundesregierung hierüber hinausgehen, sofern dies beispielsweise der
hälftigen Übernahme der Summe der genannten Landeslösungen
entspricht, und wenn nein, warum nicht?
d) Plant die Bundesregierung in diesem Zusammenhang eine Änderung
des Grundgesetzes, und wenn nein, warum nicht?
e) Wie ist der weitere Zeitplan für eine kommunale Altschuldenlösung
auf Bundesebene?
19. Welche gesetzlichen Veränderungen strebt die Bundesregierung im
Hinblick auf den steuerlichen Querverbund mit welchem Zeitplan an?
20. Welche Fälle des Gewerbesteuerbetrugs durch Scheinsitze sind der
Bundesregierung bekannt im Zeitraum von 2018 bis 2025 (bitte Anzahl, Ort
und Summe der Steuerausfälle angeben)?
a) Welchen Handlungsbedarf sieht die Bundesregierung, um die
Verfolgung des benannten Gewerbesteuerbetrugs zu verbessern, und welche
Maßnahmen will die Bundesregierung hier ergreifen?
b) Welche Maßnahmen wären aus Sicht der Bundesregierung geboten,
um die Verfolgung von Briefkastenfirmen im Bereich der
Gewerbesteuer konsequenter zu verfolgen?
21. Mit welchen Mehreinnahmen für die kommunale Ebene rechnet die
Bundesregierung für die im Koalitionsvertrag geplante Anhebung des
Gewerbesteuer-Mindesthebesatzes (auf 280 Prozent)?
a) Wie viele und welche Kommunen sind der Bundesregierung bekannt,
die den geplanten Mindesthebesatz von 280 Prozent derzeit
unterschreiten (bitte Kommunen und Hebesätze angeben)?
b) Mit welcher Begründung soll der Hebesatz bei 280 Prozent festgelegt
werden (und nicht etwa auf einen höheren Satz)?
22. Wie bewertet die Bundesregierung das Erheben der Gewerbesteuer auf
gemeindefreiem Gebiet unter Beteiligung nichtöffentlicher Stellen
(beispielsweise im Sachsenwald in Schleswig-Holstein)?
23. Welche weiteren Vorhaben plant die Bundesregierung im Hinblick auf
eine Reform der Gewerbesteuer und im Zusammengang mit der
Bekämpfung von Gewerbesteueroasen, und mit welchem Zeitplan?
Berlin, den 23. Juni 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Julian Joswig (Kleine Anfrage)
- asked ← Karoline Otte (Kleine Anfrage)
- asked ← Katharina Beck (Kleine Anfrage)
- asked ← Max Lucks (Kleine Anfrage)
- asked ← Moritz Heuberger (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Müller (Kleine Anfrage)
- asked ← Stefan Schmidt (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- authored ← Karoline Otte
- authored ← Katharina Beck
- part_of_vorgang → Kommunale Finanzkrise und die Rolle des Bundes in der föderalen Finanzaufteilung (Kleine Anfrage)