Repräsentationslücke Ostdeutscher
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Repräsentationslücke Ostdeutscher
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/438
21. Wahlperiode 10.06.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ina Latendorf, Sören Pellmann, Dr. Dietmar Bartsch, Lorenz
Gösta Beutin, Janina Böttger, Clara Bünger, Mandy Eißing, Katalin Gennburg,
Christian Görke, Dr. Gregor Gysi, Caren Lay, Bodo Ramelow, Zada Salihović,
David Schliesing, Sascha Wagner und der Fraktion Die Linke
Repräsentationslücke Ostdeutscher
Waren in der Regierungszeit Dr. Angela Merkels (2005 bis 2021) noch 15
Prozent der Abgeordneten der Regierungsparteien ostdeutsch, sank der Anteil in
der Regierung Olaf Scholz auf 13,2 Prozent und erreicht unter der
Kanzlerschaft von Friedrich Merz einen Tiefstand von 10,7 Prozent (www.tagesscha
u.de/inland/innenpolitik/merz-ostdeutschland-100.html). Dabei machen
Ostdeutsche knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands aus. Diese
Repräsentationslücke setzt sich fort: In den Verwaltungen der obersten
Bundesbehörden, etwa den Bundesministerien, waren sie zum Stand August 2017 noch
extrem unterrepräsentiert (vgl. Antwort auf die Schriftliche Frage 5 auf
Bundestagsdrucksache 18/13467, Tabelle auf S. 8). Dabei sollen gemäß Artikel 36
Absatz 1 Satz 1 des Grundgesetzes (GG) bei obersten Bundesbehörden Beamte
aus allen Ländern in angemessenem Verhältnis eingesetzt werden. Außerdem
sollen die bei übrigen Bundesbehörden beschäftigten Personen in der Regel aus
dem Lande genommen werden, in dem sie tätig sind. Auch bei den Leitungen
und stellvertretenden Leitungen der Auslandsvertretungen Deutschlands und
den Standorten des Goethe-Instituts e. V. war mit Stand 2020 eine
Repräsentationslücke zu attestieren (vgl. z. B. die Antwort auf die Schriftliche Frage 63 auf
Bundestagsdrucksache 19/23454). Zwar steigt der Anteil Ostdeutscher an
Spitzenjobs mittlerweile auf 12,1 Prozent. Es bleibt jedoch eine
Repräsentationslücke, die in Bereichen von Wirtschaft, Kultur und Sicherheit sogar wieder etwas
größer wurde (www.tagesspiegel.de/potsdam/brandenburg/anteil-bei-121-proze
nt-ostdeutsche-in-topjobs--lucke-schliesst-sich-nur-langsam-13696309.html).
Die Bundesregierung hat dabei nicht nur in der Besetzung von Spitzenposten in
der Verwaltung einen Einfluss, sondern auch über Bundesunternehmen oder
Unternehmensbeteiligungen – Deutsche Bahn AG, Deutsche Telekom AG,
Deutsche Post AG u. v. a. m.
Diese Repräsentationslücke ist u. a. ein Grund dafür, dass noch im Jahr 2023
50 Prozent der Befragten aus Ostdeutschland angaben, die ostdeutsche
Bevölkerung werde als Bürger zweiter Klasse behandelt (vgl. de.statista.com/statisti
k/daten/studie/1414871/umfrage/umfrage-zu-ostdeutschen-als-buerger-
zweiterklasse/). Zugleich stellt eine aktuelle Studie fest, dass die fortbestehende
Unterrepräsentanz junger Ostdeutscher in Führungspositionen immer noch Folge des
Elitentransfers von West nach Ost der 1990er-Jahre ist (vgl. www.uni-leipzi
g.de/newsdetail/artikel/neue-studie-ostdeutsche-in-spitzenpositionen-
weiterhinunterrepraesentiert-2024-02-13). Dies zeigt, wie bedeutend und nachhaltig die
Repräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen in Politik, Verwaltung,
Wirtschaft, Wissenschaft und Justiz ist.
Der aktuelle Jugendteilhabeatlas zeigt deutlich ein Teilhabegefälle zwischen
den ost- und westdeutschen Bundesländern (vgl. file:///C:/Users/latendoinma0
3/Desktop/AG%20Ost%20und%20L%C3%A4ndliche%20R%C3%A4ume/Jug
endteilhabeatlas_web-au0nok.pdf; S. 14).
Der Abschlussbericht der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und
Deutsche Einheit“ empfahl schon im Jahre 2020 (ebd. S. 17/18) eine
Ausweitung der Förderung Ostdeutscher in der Begabtenförderung, die zu einer
Verkleinerung der konstatierten Repräsentationslücke führen kann. Sie schlug
daher die Gründung eines Begabtenförderungswerkes Ostdeutschland vor.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hoch ist nach der Konstituierung der Regierungskoalition von CDU,
CSU und SPD der Anteil der in Ostdeutschland geborenen
Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter in den Bundesministerien?
2. Wie hoch ist der Anteil Ostdeutscher in den Leitungsgremien von Justiz
(Bundesverfassungsgericht, Bundesgerichtshof, Verwaltungsgerichte,
Landgerichte etc.) und Wissenschaft (Hochschulen, Fachhochschulen,
Forschungsinstitute etc.)?
3. Wie hoch ist der Anteil Ostdeutscher in den Bundesbehörden, deren
Hauptstandorte in den ostdeutschen Bundesländern liegen?
4. Wie viele Bundesunternehmen, Bundesbehörden und
Bundeseinrichtungen sind in den ostdeutschen Bundesländern angesiedelt, und wie hoch ist
damit der Anteil an Bundesunternehmen, Bundesbehörden und
Bundeseinrichtungen in Ostdeutschland an der Gesamtheit der
Bundesunternehmen, Bundesbehörden und Bundeseinrichtungen auf dem Staatsgebiet der
Bundesrepublik Deutschland?
5. Wie viele Bundesunternehmen, Bundesbehörden und
Bundeseinrichtungen mit Sitz in Ostdeutschland werden von Ostdeutschen geleitet (Stand:
2025 und bitte nach Bundesländern sowohl hinsichtlich des Standortes
und der Herkunft der leitenden Beamtinnen und Beamten bzw. der
Leitungen aufschlüsseln)?
6. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil von
Ostdeutschen in Vorständen, Geschäftsführungen, Aufsichts- und
Verwaltungsräten der deutschen Dax-notierten Konzerne und Unternehmen bundesweit
und separiert davon in Dependancen derselben Konzerne und
Unternehmen in den ostdeutschen Bundesländern?
7. Wie viele Beschäftigte hat die Deutsche Bahn AG inklusive aller
Tochtergesellschaften zurzeit pro Bundesland (bitte auch nach Beschäftigten pro
1 000 Einwohnern des jeweiligen Bundeslandes aufschlüsseln)?
8. Hat die Bundesregierung Kenntnis davon, wie viele Beschäftigte die
Deutsche Telekom AG inklusive aller Tochtergesellschaften zurzeit
jeweils pro Bundesland hat (wenn ja, bitte nach Beschäftigten pro 1 000
Einwohnern des jeweiligen Bundeslandes aufschlüsseln)?
9. Wie viele Beschäftigte haben alle anderen ganz oder teilweise im
Bundesbesitz (mittelbar oder unmittelbar) befindlichen Unternehmen inklusive
aller Tochtergesellschaften entsprechend der Auflistung im
Bundesbeteiligungsbericht zurzeit jeweils pro Bundesland (bitte auch nach
Beschäftigten pro 1000 Einwohnern des jeweiligen Bundeslandes aufschlüsseln)?
10. Wie viele Leiterinnen und Leiter sowie stellvertretende Leiterinnen und
Leiter der 227 deutschen Auslandsvertretungen und der 151 Standorte des
Goethe-Instituts e. V. sind in dem Gebiet der neuen Bundesländer
(einschließlich Ost-Berlin) geboren?
11. Welche Maßnahmen haben die Bundesregierungen seit 2020 in Angriff
genommen, um eine Ausweitung der Förderung Ostdeutscher in der
Begabtenförderung zu initiieren, entsprechend finanziell auszustatten und zu
verstetigen?
12. Arbeitet die Bundesregierung an der Einrichtung eines
„Begabtenförderungswerks Ostdeutschland“, wenn ja, seit wann, und wenn nein, warum
nicht?
13. Welche Maßnahmen haben die Bundesregierungen seit 2020 in Angriff
genommen, um über eine gezielte Strukturförderung zur Stärkung
demokratischer Institutionen beizutragen und Prozesse zum Abbau von
Teilhabenachteilen in den ostdeutschen Bundesländern auf diese Weise zu
befördern?
14. Plant die Bundesregierung unter der im Bundesministerium der Finanzen
(BMF) angesiedelten Staatsministerin und Beauftragten der
Bundesregierung für Ostdeutschland, Elisabeth Kaiser,
a) eine umfassende Neubewertung der Politik der Treuhand-Anstalt
(THA) und der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte
Sonderaufgaben (BvS) der Jahre 1990 bis 2000 unter besonderer Berücksichtigung
des Gleichstellungsgrundsatzes von Ost- und Westdeutschen nach
Artikel 72 Absatz 2 GG, wenn ja, wann, und wenn nein, warum nicht,
b) eine umfassende Neubewertung der früheren DDR-Arbeits-, Familien-
und Jugendgesetzgebung sowie der dortigen Kulturvermittlung nach
Artikel 18 der Verfassung der DDR von 1968 unter besonderer
Berücksichtigung des Gleichstellungsgrundsatzes von Ost- und
Westdeutschen nach Artikel 72 Absatz 2 GG, wenn ja, wann, und wenn
nein, warum nicht?
Berlin, den 5. Juni 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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