Ausländische Staaten und staatliche Akteure als Halter deutscher Staatsanleihen (Antwort zu Drs. 21/169)
Text
Ausländische Staaten und staatliche Akteure als Halter deutscher Staatsanleihen (Antwort zu Drs. 21/169)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/372
21. Wahlperiode 30.05.2025
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Michael Espendiller, Peter
Boehringer, Marcus Bühl, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 21/169 –
Ausländische Staaten und staatliche Akteure als Halter deutscher Staatsanleihen
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die Bundesrepublik Deutschland emittiert jährlich Staatsanleihen in
Milliardenhöhe zur Finanzierung ihrer Haushalte. Diese Anleihen werden über den
Kapitalmarkt ausgegeben und befinden sich im Umlauf bei einer Vielzahl
institutioneller Investoren – darunter auch ausländische Zentralbanken,
Staatsfonds oder staatlich kontrollierte Finanzinstitute.
Öffentliche Daten der Deutschen Bundesbank legen nahe, dass rund die Hälfte
der ausgegebenen Bundeswertpapiere von ausländischen Investoren gehalten
wird (siehe S. 43 im Monatsbericht Mai 2022 der Deutschen Bundesbank –
Halterstruktur der Bundeswertpapiere). Jedoch werden in der amtlichen
Statistik ausländische Halter in der Regel nicht nach Ländern differenziert. Eine
klare Aufschlüsselung, welche Staaten bzw. staatliche Akteure Anteile an
deutschen Staatsanleihen halten, ist nicht öffentlich zugänglich.
Dabei ist insbesondere relevant, ob geopolitisch bedeutsame Staaten – etwa
die Volksrepublik China, Russland oder die Golfstaaten – in erheblichem
Umfang deutsche Staatsanleihen besitzen. Solche Beteiligungen könnten nach
Einschätzung der Fragesteller potenziell auch zur politischen Einflussnahme
oder zur gezielten Marktsteuerung genutzt werden.
Ein zusätzliches Problem ergibt sich nach Auffassung der Fragesteller durch
die Verwahrung über internationale Clearingstellen, wie z. B. Clearstream
oder Euroclear. Diese ermöglichen es, dass die wirtschaftlich Berechtigten
hinter Anleihekäufen nicht öffentlich sichtbar sind. So könnten beispielsweise
ausländische staatliche Akteure deutsche Staatsanleihen indirekt halten, ohne
namentlich in den Registerdaten aufzuscheinen.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Bundeswertpapiere sind die Benchmark im Euroraum, was dazu führt, dass die
Zinskosten Deutschlands im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und
auch international niedrig sind. Neben der sehr guten Bonität sind u. a. die hohe
Liquidität und die freie Handelbarkeit dafür verantwortlich. Die freie
Handelbarkeit ist ein Kennzeichen von Inhaberpapieren, deren jeweiliger Besitzer dem
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen
vom 30. Mai 2025 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Emittenten in der Regel nicht bekannt ist. Im Gegensatz dazu stehen
Namenspapiere oder Schuldscheine, bei deren Übertragung eine zusätzliche Eintragung
in für den Emittenten einsehbare Namensregister erforderlich ist. Da
Bundeswertpapiere ausschließlich als Inhaberpapiere begeben werden, gibt es keine
Namensregister.
Die für den Bund vorteilhafte Nutzung von Inhaberpapieren geht damit einher,
dass die Bundesregierung keine belastbaren Informationen über die aktuelle
Halterstruktur hat. Dies ist eine Folge der Ausgestaltung der Papiere und nicht
der Verwahrart in unterschiedlichen Verwahrstellen.
Der Bund liefert 100 Prozent seiner begebenen Anleihen bei Clearstream
Banking Frankfurt ein und bedient diese mit Zins- und Tilgungszahlungen zu
100 Prozent (juristisch schuldbefreiend) an die Clearstream Banking AG,
Frankfurt am Main. Andere zitierte Verwahrstellen werden in weiteren
Kaskaden durch Clearstream Banking Frankfurt bedient.
Um dennoch Informationen über die Halterstruktur von Bundeswertpapieren zu
erhalten, bittet der Bund regelmäßig die Mitglieder der Bietergruppe
Bundesemissionen um die anonymisierte Meldung ihrer
Sekundärmarkthandelsaktivitäten. Aus diesen Handelsgeschäften lassen sich grobe Abschätzungen über die
Halter-Positionen ableiten, aggregiert nach Region und Haltergruppe. Alle in
den folgenden Antworten gelieferten Zahlen basieren auf diesen Meldungen,
über deren Vollständigkeit und Exaktheit der Bund, trotz vorgenommener
Qualitätskontrolle, keine Einschätzung abgeben kann.
1. Wie viele deutsche Staatsanleihen (in Euro und Prozent des
Gesamtvolumens) werden nach Kenntnis der Bundesregierung aktuell von
ausländischen Akteuren (Staaten, Zentralbanken etc.) gehalten (bitte nach Ländern
in Euro und Prozent des Gesamtvolumens und maschinenlesbar
aufschlüsseln)?
Folgende nach Regionen aufgeteilte Schätzung zur Aufteilung der Halter der
Bundeswertpapiere, die sich per Stichtag nicht im Eigenbestand des Bundes
befanden, liegt der Bundesregierung mit Stand vom 28. Februar 2025 vor.
Europäische
Wirtschafts-
und
Währungsunion
Restliches
Europa
Amerika Arabischer
Raum
(Arabische Liga)
Restliches
Asien sowie
Australien
und Ozeanien
Restliches
Afrika
Mrd. Euro 922 396 61 6 297 2
Prozent 55 % 24 % 4 % 0 % 18 % 0 %
Zur Qualität dieser Daten wird auf die Vorbemerkung verwiesen. Die Angaben
unterliegen damit einer gewissen Unsicherheit, die bei der Interpretation
bedacht werden muss.
2. Welcher Anteil der deutschen Staatsanleihen wird nach Kenntnis der
Bundesregierung über internationale Verwahrstellen wie Euroclear (Belgien)
oder Clearstream (Luxemburg) gehalten, und wie viel davon (in Euro und
Prozent) lässt sich ausländischen Zentralbanken oder Staaten indirekt
zuordnen (bitte nach Verwahrstellen und Ländern und maschinenlesbar
aufschlüsseln)?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Informationen vor. Im Übrigen wird
auf die Vorbemerkung der Bundesregierung hingewiesen.
3. Welche Methoden oder Datenquellen nutzt die Bundesregierung, um die
wirtschaftlichen Eigentümer von deutschen Staatsanleihen zu
identifizieren, die über Drittstellen wie in Luxemburg oder Belgien verwahrt
werden?
Über die Verteilung von Bundeswertpapieren auf Verwahrstellen sammelt die
Bundesregierung keine Daten. Zur Verfügbarkeit von Informationen über die
Halter von Bundeswertpapieren wird auf die Vorbemerkung verwiesen.
4. Liegen der Bundesregierung Schätzungen oder Analysen vor, wie viele
deutsche Staatsanleihen von bestimmten Ländern (z. B. China, USA,
Japan) über solche Verwahrstellen gehalten werden (wenn ja, bitte diese
Schätzungen angeben)?
Zu der Verteilung von Bundeswertpapieren über verschiedene Verwahrstellen
liegen der Bundesregierung keine Informationen vor.
5. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der von
ausländischen Zentralbanken und Staaten direkt oder indirekt über
Verwahrstellen gehaltenen deutschen Staatsanleihen seit dem Jahr 2000 entwickelt
(bitte die Angaben pro Jahr und maschinenlesbar darstellen)?
Zu der Verteilung von Bundeswertpapieren über verschiedene Verwahrstellen
liegen der Bundesregierung keine Informationen vor. Die geschätzte
Entwicklung der Bestände von öffentlichen Institutionen inklusive Zentralbanken nach
Regionen seit dem Jahr 2005 kann nachfolgender Tabelle entnommen werden.
Europäische
Wirtschafts-
und
Währungsunion
Restliches
Europa
Amerika Arabischer
Raum
(Arabische Liga)
Restliches
Asien sowie
Australien
und Ozeanien
Restliches
Afrika
Mrd.
Euro
% Mrd.
Euro
% Mrd.
Euro
% Mrd.
Euro
% Mrd.
Euro
% Mrd.
Euro
%
28.02.2025 484 28,8 % 201 12,0 % 19 1,2 % 7 0,4 % 250 14,8 % 1 0,1 %
31.01.2025 497 29,2 % 201 11,8 % 20 1,2 % 7 0,4 % 252 14,8 % 1 0,1 %
31.01.2024 544 32,9 % 179 10,8 % 17 1,0 % 4 0,3 % 265 16,0 % 1 0,1 %
31.01.2023 587 38,3 % 162 10,6 % 16 1,1 % 3 0,2 % 258 16,8 % 1 0,1 %
31.01.2022 557 38,7 % 139 9,6 % 15 1,1 % 0 0,0 % 277 19,3 % 1 0,1 %
31.01.2021 386 30,2 % 163 12,8 % 17 1,4 % 2 0,1 % 218 17,1 % 1 0,1 %
31.01.2020 258 24,0 % 165 15,4 % 14 1,3 % 4 0,3 % 232 21,6 % 1 0,1 %
31.01.2019 257 24,2 % 153 14,4 % 14 1,3 % 0 0,0 % 233 21,9 % 0 0,0 %
31.01.2018 239 22,3 % 178 16,6 % 15 1,4 % 5 0,5 % 231 21,6 % 0 0,0 %
31.01.2017 188 17,5 % 183 17,1 % 15 1,4 % 17 1,6 % 209 19,5 % 2 0,2 %
31.01.2016 97 9,0 % 186 17,2 % 14 1,3 % 21 1,9 % 201 18,6 % 3 0,3 %
31.01.2015 40 3,7 % 158 14,4 % 12 1,1 % 21 2,0 % 276 25,3 % 4 0,4 %
31.01.2014 44 4,1 % 142 13,1 % 17 1,6 % 22 2,0 % 299 27,6 % 5 0,5 %
31.01.2013 37 3,4 % 126 11,7 % 18 1,6 % 23 2,2 % 283 26,4 % 5 0,5 %
31.01.2012 38 3,6 % 129 12,3 % 16 1,6 % 28 2,7 % 233 22,3 % 5 0,5 %
31.01.2011 43 4,1 % 120 11,5 % 14 1,3 % 28 2,7 % 223 21,5 % 5 0,4 %
31.01.2010 35 3,5 % 91 9,2 % 12 1,2 % 27 2,7 % 204 20,5 % 4 0,4 %
31.01.2009 34 3,8 % 64 7,0 % 12 1,3 % 25 2,8 % 167 18,4 % 5 0,5 %
31.01.2008 40 4,5 % 65 7,2 % 9 1,0 % 24 2,7 % 143 16,0 % 4 0,5 %
31.01.2007 36 4,2 % 72 8,3 % 7 0,8 % 22 2,5 % 123 14,0 % 3 0,3 %
31.01.2006 31 3,6 % 59 6,9 % 6 0,7 % 20 2,3 % 113 13,3 % 3 0,3 %
31.01.2005 27 3,4 % 57 7,0 % 6 0,7 % 17 2,2 % 120 14,8 % 3 0,4 %
Daten zu früheren oder aktuelleren Stichtagen liegen nicht vor. Zur Qualität
dieser Daten wird auf die Vorbemerkung verwiesen. Die Angaben unterliegen
damit einer gewissen Unsicherheit, die bei der Interpretation bedacht werden
muss.
6. Welche Informationen hat die Bundesregierung über die Motivation
ausländischer Zentralbanken und Staaten, deutsche Staatsanleihen zu
erwerben, insbesondere im Hinblick auf die Nutzung internationaler
Verwahrstellen zur möglichen Verschleierung von Beständen?
Für ausländische Zentralbanken und Staaten lassen sich zwei wesentliche
Motive für den Erwerb und das Halten von Staatsanleihen ableiten: die Anlage von
Währungsreserven und die Steuerung des Wechselkurses. In beiden Fällen
spielen die Bonität und die Liquidität der Anlagen eine wichtige Rolle. Da der
Bund über eine hervorragende Bonität verfügt und sich der Markt für
Bundeswertpapiere als einer der liquidesten Anleihemärkte weltweit auszeichnet,
eignen sich Bundeswertpapiere besonders für diese beiden Anlagemotive
ausländischer Zentralbanken und Staaten und unterstützen damit eine hohe Nachfrage
und niedrige Zinskosten für den Bund.
Wie in der Vorbemerkung der Bundesregierung näher ausgeführt, ist die
Tatsache, dass die Bundesregierung keine belastbaren Informationen über die
aktuelle Halterstruktur von Bundeswertpapieren hat, eine Folge der Ausgestaltung
der Papiere als Inhaberpapiere und nicht der Verwahrart in unterschiedlichen
Verwahrstellen. Ergänzend wird darauf hingewiesen, dass internationale
Verwahrstellen mit Sitz im Europäischen Wirtschaftsraum wie Clearstream
(Luxemburg) und Euroclear (Belgien) der Regulierung durch die Europäische
Union und der Aufsicht durch zuständige nationale Behörden unterliegen. Die
Inhaber von Wertpapieren können im Rahmen der Vertragsfreiheit entscheiden,
wo und von wem sie die Verwahrung ihrer Wertpapiere durchführen lassen.
Über die subjektiven Beweggründe für diese Entscheidungen liegen der
Bundesregierung keine Informationen vor.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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