Aktuelle Problematiken der Beziehungen zwischen Deutschland und Weißrussland
Text
Aktuelle Problematiken der Beziehungen zwischen Deutschland und Weißrussland
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/277
21. Wahlperiode 26.05.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Stefan Keuter, Steffen Kotré, Matthias Moosdorf, Kay
Gottschalk, Jan Wenzel Schmidt, Christian Reck, Thomas Korell und der Fraktion
der AfD
Aktuelle Problematiken der Beziehungen zwischen Deutschland und
Weißrussland
Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) wurde im Jahr 2000
durch einen Beschluss des Deutschen Bundestages mit bundeseigenem Kapital
sowie dem Vermögen aus der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft
gegründet. Sie wird bis heute von der Bundesregierung gefördert bzw. in ihren
Projekten finanziell unterstützt (vgl. z. B. www.bundesregierung.de/breg-de/akt
uelles/-memorails-neues-foerderprogramm-soll-bahnhoefe-als-orte-der-ns-verf
olgung-sichtbar-machen-2333060). Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die
Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen wach zu halten und z. B.
Zwangsarbeiter in Europas Osten humanitär zu unterstützen (vgl. www.stiftun
g-evz.de/wer-wir-sind/geschichte/). Die Fragesteller unterstützen nachdrücklich
diesen Stiftungszweck. Die bislang reibungslose Zusammenarbeit mit
Weißrussland wurde vom damaligen deutschen Botschafter in Minsk, Dr. Helmut
Frick, im April 2003 in einem Brief an den Sprecher der Stiftungsinitiative der
Deutschen Wirtschaft, Dr. Manfred Gentz, bestätigt: „Die
Zwangsarbeiterentschädigung hat für Weißrussland eine besonders große Bedeutung. Umso
erfreulicher ist es, dass hier in Minsk der Grundgedanke der Stiftungsinitiative in
sehr positiver und reibungsloser Weise verwirklicht wird. Bei der
Zusammenarbeit zwischen der Bundesstiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft
und ihrer weißrussischen Partnerorganisation Verständigung und Aussöhnung
handelt es sich ganz zweifelsfrei um eine Erfolgsgeschichte – und dies unter
den Bedingungen durchaus schwieriger politischer Beziehungen zwischen
Weißrussland und allen EU-Ländern, also auch Deutschland. Es steht außer
Frage, dass die zügig voranschreitende Auszahlung der Leistungen nachhaltig
positive Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den Menschen in
Deutschland und in Weißrussland hat und einen großen Schritt zur weiteren
Annäherung der beiden Völker trotz der tragischen Geschichte darstellt“ (zitiert
nach: archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/18035/1/Penter_Die_Weißruss
landsische_Stiftung_Verstaendigung_und_Aussoehnung.pdf, S. 107 f.).
Gleichwohl gibt es aus Sicht der Fragesteller mehrere kritische Punkte, die bei
der aktuellen Tätigkeit der Stiftung hinsichtlich Weißrusslands anzumerken
sind. Zum einen wurden nach Kenntnis der Fragesteller (Quelle liegt den
Fragestellern intern vor) Repräsentanten der Republik Weißrussland vor Kurzem
aus dem Stiftungskuratorium ausgeschlossen. Dies wurde durch die Reform des
Gesetzes zur Errichtung einer Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“,
vom Deutschen Bundestag 2025 verabschiedet, ermöglicht (vgl. § 5 Absatz 1a:
„Das Kuratorium kann aus wichtigem Grund mit einer Mehrheit von zwei
Dritteln seiner Mitglieder die Mitgliedschaft eines Kuratoriumsmitglieds oder eines
Vertreters für einen festgelegten Zeitraum aussetzen“, www.stiftung-evz.de/we
r-wir-sind/geschichte/gesetz/). Damit können die Vertreter Weißrusslands nicht
mehr über die Förderung von Projekten entscheiden bzw. mitentscheiden. Zum
anderen fördert die Stiftung die weißrussische Opposition über die
Exilorganisation BYSOL, was nach Ansicht der Fragesteller eine Einmischung in die
inneren Angelegenheiten von Weißrussland darstellt (vgl. www.stiftung-evz.de/w
as-wir-foerdern/neuigkeiten-aus-den-projekten/neuigkeit/Weißrusslandsische-zi
vilgesellschaft-foerdern/).
Die Tätigkeit des Kalinowski-Regiments, einer militärischen Organisation, die
den gewaltsamen Sturz der Regierung von Weißrussland fordert und aufseiten
der Ukraine gegen Russland kämpft, stellt nach Ansicht der Fragesteller eine
weitere Belastung für das deutsch-weißrussische Verhältnis dar, zumal der von
Weißrussland freigelassene Deutsche Rico K. ein Mitglied des o. g. Regiments
gewesen sein soll (vgl. www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_100456654/W
eißrussland-lukaschenko-verurteilt-rico-k-aus-berlin-zum-tode-die-vorwuerf
e.html).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Kann die Bundesregierung bestätigen, dass ein Ausschluss der Vertreter
von Weißrussland aus dem Kuratorium der Stiftung EVZ stattgefunden
hat, wenn ja, wann, und aus welchen Gründen?
2. Sieht die Bundesregierung die Gefahr, dass durch den Ausschluss der
Vertreter von Weißrussland aus dem Kuratorium der besagten Stiftung die
bisher gute Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Weißrussland
(vgl. die Vorbemerkung der Fragesteller) im Rahmen der Stiftung und
allgemein der Gedenkarbeit sich verschlechtert und dies für die humanitäre
und sonstige Unterstützung der Opfer der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft, u. a. Zwangsarbeiter und ihre Nachkommen, von Nachteil ist,
und wenn ja, wie will die Bundesregierung dieser Gefahr begegnen?
3. Welche Projekte wurden seit 2022 aus dem Solidaritätsbudget der Stiftung
EVZ für die „Zivilgesellschaft in der Ukraine, Weißrussland und
Russland“ gefördert (bitte nach Zeitraum, Träger, Zuwendungsempfänger, Titel
des Vorhabens bzw. Projekts und Staat aufschlüsseln)?
4. Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, welche Projekte und Vorhaben
die weißrussische Partnerorganisation der Stiftung EVZ, die Exil-
Organisation BYSOL wann, wo und mit welchen Fördersummen (bzw.
die Partner von BYSOL, bitte Zuwendungsempfänger und Träger nennen)
durchgeführt hat bzw. durchführt (wenn ja, bitte ausführen)?
5. Hat die Bundesregierung Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen bzw.
von Personen mit ständigem Wohnsitz oder Nebenwohnsitz in der
Bundesrepublik Deutschland, die
a) im weißrussischen Exil-Regiment Kalinowski im Ukraine-Krieg
gekämpft haben bzw. kämpfen,
b) das weißrussische Exil-Regiment Kalinowski im Ukraine-Krieg
finanziell (Spenden), propagandistisch, massenmedial unterstützten bzw.
unterstützen,
und wenn ja, welche (vgl. kalinouski.org/en/; bitte Daten zu Anzahl,
Ausreise in die Ukraine, Wiedereinreise nach Deutschland, Erfahrung mit
Kriegswaffen, Einstufung als Gefährder in Deutschland angeben)?
6. Verfügt die Bundesregierung über Informationen darüber, ob und wenn ja,
wie viele der Personen in Frage 5 der Politisch motivierten
Kriminalitätlinks (PMK-links), -rechts (PMK-rechts), -ausländische Ideologie, -
religiöse Ideologie, -sonstige Zuordnung (vgl. www.bmi.bund.de/SharedDocs/d
ownloads/DE/veroeffentlichungen/themen/sicherheit/definitionssystem-p
mk.pdf?__blob=publicationFile&v=2) zuzuordnen sind?
7. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in Deutschland
Strafverfahren gegen Mitglieder oder Sympathisanten oder ehemalige Mitglieder
oder Sympathisanten des Kalinowski-Regiments eingeleitet, wenn ja,
wann, und mit welchem Ausgang (rechtskräftige Verurteilung, Freispruch,
Einstellung des Verfahrens u. Ä.)?
8. Ist der Bundesregierung bekannt, dass sich Repräsentanten des
Kalinowski-Regiments mit der Anführerin der weißrussischen Proteste,
Svetlana Tichanowskaja, getroffen haben, und ist der Bundesregierung
bekannt, ob Svetlana Tichanowskaja – so wie das Kalinowski-Regiment –
für einen gewaltsamen Regime Change in Weißrussland steht (vgl. kalino
uski.org/en/news/news-2023-06-11-2593/)?
9. Wie verhält sich die Bundesregierung mit Blick auf einen gewaltsamen
Sturz der weißrussischen Regierung bzw. wie positioniert sie sich zu der
Frage einer möglichen Unterstützung für solch einen Regime Change (vgl.
Bundestagsdrucksache 20/14559; bitte begründen)?
10. Welche Informationen hat die Bundesregierung zur vorgeblichen
Mitgliedschaft des Deutschen Rico K. im Kalinowski-Regiment (vgl. www.t-
online.de/nachrichten/ukraine/id_100456654/Weißrussland-
lukaschenkoverurteilt-rico-k-aus-berlin-zum-tode-die-vorwuerfe.html)?
11. Gab es nach Kenntnis der Bundesregierung Reisen, Aufenthalte,
Spendensammlungen für das Kalinowski-Regiment durch Angehörige oder
Sympathisanten des Regiments in Deutschland, wenn ja, wann und wo, und
wurden Strafverfahren gegen Angehörige oder Sympathisanten dieses
Regiments, z. B. im Zusammenhang mit § 109h des Strafgesetzbuchs
(StGB), eingeleitet, und wenn ja, mit welchem Ausgang (Freispruch,
Verurteilung, Einstellung des Verfahrens u. Ä.)?
12. Soll neben der „Errichtung eines Gedenkorts für die Opfer der deutschen
Aggression und Besatzung in Polen (1939–1945) […] sowie der
Errichtung des Deutsch-Polnischen Hauses als Ort des Gedenkens und
Begegnens im Zentrum Berlins“ auch ein Gedenkort für belarussische, russische
und ukrainische Opfer errichtet werden (bitte begründen; vgl. dynamic.fa
z.net/download/2025/KoaV_2025_Gesamt_Stand_0409.pdf, S. 139)?
13. Wie hoch soll der deutsche Beitrag an dem für den Fall eines Regime
Change in Belarus (sogenannter demokratischer Übergang) geplanten,
durch die Europäischen Union (EU) auf Betreiben des Weimarer Dreiecks
initiierten Plan zur „wirtschaftlichen Unterstützung eines künftigen
demokratischen Belarus im Umfang von 3 Mrd. Euro“ sein (vgl. Antwort der
Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU auf
Bundestagsdrucksache 20/14981, S. 43 f.)?
14. Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, welche Infrastruktur und
welche „grünen Technologien“ in Belarus in dem in der Frage 13
genannten Plan gefördert werden sollen (vgl. Antwort der Bundesregierung auf
die Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU auf
Bundestagsdrucksache 20/14981, S. 43 f.; bitte angeben)?
15. Welche Bundesmittel hat die Bundesregierung seit 2020 „für aus der Haft
entlassene ehemalige politische Gefangene“ aus Belarus zur Verfügung
gestellt (vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der
Fraktion der CDU/CSU auf Bundestagsdrucksache 20/14981, S. 43 f.; –
44bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
16. Hat die Bundesregierung Kenntnis über die Anzahl der politischen
Gefangenen in Belarus jeweils zum 1. Januar der Jahre 2019, 2020, 2021, 2022,
2023, 2024 und 2025 (wenn ja, bitte aufschlüsseln)?
17. Ist die Bundesregierung der Ansicht, dass die Einführung weiterer
Sanktionen gegen Belarus die Anzahl und Lage der politischen Gefangenen in
Belarus verbessern oder verschlechtern wird (bitte begründen)?
18. Hat sich die Bundesregierung eine Positionierung zur geplanten
Zollerhöhung gegen belarussische und russische Düngemittel erarbeitet, und wenn
ja, wie will die Bundesregierung eine Erhöhung der Preise für deutsche
Landwirte und infolgedessen erhöhte Verbraucherpreise verhindern (vgl. g
ermany.representation.ec.europa.eu/news/hohere-zolle-auf-agrarzeugniss
e-und-dungemittel-aus-russland-und-belarus-2025-01-29_de und www.to
pagrar.com/markt/news/eu-zolle-auf-stickstoffdunger-aus-russland-und-be
larus-sollen-430-eur-erreichen-20011242.html#:~:text=Bauern%20entsetz
t-,EU%2DZ%C3%B6lle%20auf%20Stickstoffd%C3%BCnger%20aus%2
0Russland%20und%20Belarus%20sollen%20430,Aufschlag%20von%20
etwa%20100%25%20entsprechen)?
19. Auf welcher Rechtsgrundlage und aus welchem Anlass hat das
Auswärtige Amt in einer internen Handreichung an die Bundesländer und
Kommunen davon gesprochen, dass diese im Hinblick auf die Teilnahme von
Diplomaten aus Belarus und Russland von ihrem Hausrecht Gebrauch
machen und die Diplomaten von den Gedenkfeierlichkeiten zum 8. Mai
ausschließen können (vgl. www.nachdenkseiten.de/?p=131489)?
20. Hat das Auswärtige Amt Antworten auf die verschickte interne
Handreichung durch Bundesländer, Kommunen und Gedenkeinrichtungen
bekommen, und wenn ja, wie lauten diese?
Berlin, den 12. Mai 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Christian Reck (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Wenzel Schmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Kay Gottschalk (Kleine Anfrage)
- asked ← Matthias Moosdorf (Kleine Anfrage)
- asked ← Stefan Keuter (Kleine Anfrage)
- asked ← Steffen Kotré (Kleine Anfrage)
- asked ← Thomas Korell (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Stefan Keuter
- authored ← Steffen Kotré
- part_of_vorgang → Aktuelle Problematiken der Beziehungen zwischen Deutschland und Weißrussland (Kleine Anfrage)