Rede von Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/5049
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 7: Drucksache 16/5049 –.
Text
Rede von Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/5049
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lange hat
es gedauert. Aber inzwischen ist immerhin eine breite
Mehrheit in diesem Haus der Auffassung, dass es zumSchutz vor Passivrauch auch staatlicher Regelungen
bedarf; das ist schon etwas. Nur die FDP spricht noch
von staatlicher Gängelung. Ich muss Ihnen, Herr Kollege
Parr, wirklich sagen: Sie wissen genauso gut wie ich,
dass Rauchen bzw. Nikotinabhängigkeit eine
Suchterkrankung ist. Wir alle wissen, dass derjenige, der auf
diese Weise erkrankt ist
(Detlef Parr [FDP]: Das gilt doch nicht für alle
Raucher!)
und dadurch nur noch eingeschränkt die Fähigkeit zur
Eigenverantwortung hat,
(Jörg van Essen [FDP]: Jetzt aber ein bisschen
vorsichtig!)
nicht das beste Beispiel für die Fähigkeit und
Bereitschaft ist, Verantwortung für die Gesundheit anderer zu
übernehmen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
Das zeigt die Erfahrung; denn sonst gäbe es diesen
Regulierungsbedarf nicht.
Ganz besonders abwegig finde ich – auch das sage ich
in Richtung der FDP – das Hohelied auf den
Flickenteppich der Regelungen in den Ländern.
(Detlef Parr [FDP]: Was ist denn schlimm
daran?)
– Herr Kollege Parr, in welcher historischen Situation
befinden wir uns? Vielleicht in der Zeit vor der
Schaffung des Deutschen Bundes, als es zwischen den
Ländern noch Zollschranken gab? Sie vergleichen die
Situation eines Bundeslandes allen Ernstes mit der eines
Privathaushaltes, den man nicht regulieren kann.
(Detlef Parr [FDP]: Das war das Zitat von
Herrn Herzog!)
Aber glücklicherweise, Herr Kollege, gibt es auf der
Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen
keine Zollschranken und Ähnliches mehr.
(Daniel Bahr [Münster] [FDP]: Dann hätten
Sie der Föderalismusreform nicht zustimmen
sollen, Frau Bender!)
Damit gibt es auch einen Bedarf, dass überall gleiche
Regeln bestehen. Eigentlich müsste das eine Partei wie
die Ihre auch deswegen verstehen, weil das etwas damit
zu tun hat, dass Unternehmer, die zum Beispiel eine
Gaststätte oder einen anderen Betrieb eröffnen wollen,
16 unterschiedliche Gesetzbücher studieren müssen, um
sich zu entscheiden, wo sie ihren Betrieb eröffnen. Das
kann doch wohl nicht wahr sein.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD – Jörg van Essen [FDP]:
Haben die Grünen der Föderalismusreform
zugestimmt oder nicht?)
Jetzt zur Koalition. Der bekundete Wille freut uns ja;
aber leider, Frau Ministerin Schmidt, fehlt es an der
Birgitt BenderKonsequenz. Ich lese zum Beispiel fast jeden Tag beim
Frühstück in der Zeitung:
(Dr. Uwe Küster [SPD]: Aber nur nach der
ersten Zigarette!)
Jetzt hat die Koalition beschlossen: Der Bundestag wird
rauchfrei. Keine zwei Stunden später begebe ich mich
zur Sitzung des Gesundheitsausschusses. Was sehe ich
dort? Auf dem Weg in den Sitzungssaal muss ich die
Qualmwolken durchqueren, die die rauchenden
Kollegen aus dem Gesundheitsausschuss verbreiten.
Insofern frage ich Sie: Was sollen dann diese
Bekundungen?
Wir könnten es schnell erreichen – unser Antrag dazu
liegt vor –, dass die Hausordnung des Bundestages
geändert und ein allgemeines Rauchverbot beschlossen wird,
auch für die Gastronomie.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Wenn Sie angeblich dafür sind, stellt sich die Frage, was
uns dann noch daran hindert, dies zu tun.
Stattdessen wollen Sie unseren Antrag erst einmal an
den Ausschuss überweisen und reden jetzt darüber, den
Nichtraucherschutz im Bundestag in dem Gesetz zu
berücksichtigen, das aber erst im Herbst in Kraft treten
soll. Warum beabsichtigen Sie das? Neulich war die
Einbeziehung des Bundestages noch ein
verfassungsrechtliches Problem, Frau Ministerin Schmidt. Ich kann mich
nicht erinnern, dass seitdem die Verfassung geändert
worden ist. Also ist es offenbar ein Problem des
politischen Willens.
In vielen anderen Punkten des Gesetzentwurfs – zum
Beispiel beim Arbeitsschutz – sind Sie ebenfalls nicht
konsequent. Ich glaube, dass wir Ihnen bei diesem
Thema noch einigen Dampf machen werden.
(Dr. Uwe Küster [SPD]: Aber keinen blauen
Dunst!)
Wir freuen uns schon auf die weitere Debatte.
Danke.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)