Rede von Detlef Parr (FDP) – Drucksache 16/5049
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 7: Drucksache 16/5049 –.
Text
Rede von Detlef Parr (FDP) – Drucksache 16/5049
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! „Auf zum
letzten Gefecht!“, so könnte man die heutige Debatte
zum Nichtraucherschutz überschreiben; denn vor Beginn
der Sommerpause 2006 setzte ein Kampagne ein, die
zunächst nur das Sommerloch auszufüllen schien, sichdann aber zu einer erbitterten Auseinandersetzung
entwickelte – der Beitrag von Frau Ministerin Schmidt hat
das noch einmal bestätigt –: hochemotional, teils
fanatisch, oft radikal.
Ich könnte Bände füllen mit E-Mails voller
Beschimpfungen, bis hin zu Beleidigungen, nur weil die FDP
andere Wege zum Nichtraucherschutz gehen will.
In den letzten Monaten habe ich mich oft gefragt:
Rechtfertigt das Thema wirklich diesen Stil der Diskus-
Detlef Parrsion, einen Stil, der bis hinein in den Alltag vieler
Menschen wirkt, der polemisiert, diskriminiert und damit
eine Stimmungslage erzeugt, die unserer Gesellschaft
nicht guttut?
Alles andere als ein Sommermärchen war das.
Dabei ist völlig unbestritten: Rauchen ist
gesundheitsschädlich. Das ist auf jeder Zigarettenpackung
nachzulesen und prangt unübersehbar auf jeder Litfaßsäule, das
ungewollte Passivrauchen eingeschlossen. Diese
Tatsachen sind den Menschen längst bekannt. Sie reagieren
auch darauf. Die aktuellen Zahlen der Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung belegen eindrucksvoll in
den letzten Jahren einen kontinuierlichen Rückgang des
Rauchens auch und besonders bei Jugendlichen. Die
Raucherquote bei den 12- bis 17-Jährigen zum Beispiel
ist von 28 Prozent 2001 auf 20 Prozent 2005 gesunken.
Deshalb ist und bleibt es für die FDP zielführend, diesen
Weg der Eindämmung des Rauchens fortzusetzen und
mit dem Nichtraucherschutz eng zu verknüpfen.
Bedarf es dazu weiterer staatlicher Restriktionen und
Gängelungen des Einzelnen? Die laufende Diskussion
über Rauchverbote hat eher das Gegenteil bewirkt. Die
Deutschen rauchen unbeirrt weiter. Die Menge
versteuerter Zigaretten stieg im ersten Quartal dieses Jahres
sogar um fast 7 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal
2006. Bei Zigarren und Zigarillos ist ein Zuwachs von
46 Prozent zu verzeichnen. Eine ähnliche Entwicklung
ist im vermeintlichen Vorbildland Italien festzustellen.
Verbotspolitik zahlt sich also nicht aus.
Hier zitiere ich gerne Altbundespräsident Roman
Herzog:
Immer als Erstes an ein Verbot zu denken, ist
typisch deutsch und typisch falsch.
(Beifall bei der FDP – Lothar Binding [
Heidelberg] [SPD]: Das ist doch Unsinn!)
Das gilt auch für die beabsichtigte Anhebung des
Abgabealters bei Tabakwaren von 16 auf 18 Jahre. Vor
dem Hintergrund der sinkenden Zahl jugendlicher
Raucher mag ein solcher Eingriff das Gewissen mancher
Kollegen beruhigen. Erfolg versprechend ist es aber
nicht. Er ist vielmehr ein weiteres Beispiel für die
Unberechenbarkeit des Handelns der Bundesregierung; denn
vor gerade erst vier Monaten sind die
Zigarettenautomaten nach erheblichen Investitionen auf ein Chipsystem
umgestellt worden, das dem Jugendschutz dient und den
Zugang für Jugendliche erschwert. Zudem wird die Zahl
der Automaten drastisch reduziert. Statt die
Auswirkungen zunächst einmal abzuwarten und zu bewerten, tut
die Bundesregierung nun übereilt den nächsten Schritt.
Das ist Aktionismus pur.
Angesichts einer solchen Unzuverlässigkeit der
Regierung zeigen sich viele Gastronomen in unserem Landverunsichert. Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage
eines Ihrer Bekannten oder Freunde, der kürzlich ein
Bistro oder eine Gaststätte eröffnet hat! Die Debatte geht
nicht spurlos an ihm vorbei. Er denkt über
Veränderungen nach. Eine Zielvereinbarung der Bundesregierung
mit seinem Berufsverband gibt ihm Zeit bis 2008, für
seine Gaststätte und seine Gäste eine einvernehmliche
Lösung zu finden. Nach einem Jahr kündigt die
Regierung diese Vereinbarung einseitig auf und stoppt damit
einen gerade eingeleiteten Prozess neuer
nichtraucherfreundlicher Regelungen. Würden Sie – selbst als
gutwilliger Gastronom – jetzt noch an Investitionen in
Umbauten oder Belüftungsanlagen denken, da ein radikales
Rauchverbot als Damoklesschwert über Ihnen schwebt?
Wohl eher nicht!
Aber weil es solche Möglichkeiten und die
Bereitschaft, sie zu nutzen, gibt, Frau Bätzing, führt das
Gerede vom bundesweiten Flickenteppich beim
Rauchverbot ins Leere. Auch hier will ich den
Altbundespräsidenten Roman Herzog zitieren. Er hat recht, wenn er in
einem „Focus“-Interview „so was nur mit Lachen
verfolgt“ und Spielräume lassen will. Auf die Frage, ob es
problematisch sei, wenn es von Land zu Land
Unterschiede gebe, antwortet er:
(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Er ist ein
kluger Mann, natürlich!)
Überhaupt nicht. Das gibt es doch in x anderen
Bereichen auch. Wenn ich in fremde Wohnungen
gehe, muss ich doch auch die Hausfrau fragen, ob
ich rauchen darf. Alles andere ist doch bloß
Prinzipienreiterei.
Genau das ist es.
(Beifall bei der FDP – Widerspruch bei der
SPD)
Ich wünsche mir diese Gelassenheit des
Exbundespräsidenten, die Sie nun wieder konterkarieren, in der
Diskussion auch von Ihnen hier und in den Bundesländern.
Viele Rauchfreiexperten setzen sich – Frau Ministerin
Schmidt hat das gerade wieder getan – für ein totales
Rauchverbot in der Gastronomie ein, um die dort
Beschäftigten zu schützen.
Dass auch in dieser Frage mehr Gelassenheit vonnöten
ist – hören Sie genau zu! –, zeigt ein Blick in den Report
der Cancer Research UK, European Cancer Leagues,
European Heart Network und anderen, überschrieben
„Lifting the Smokescreen“. Dort finden sich folgende
Fakten: 92 Prozent der geschätzten Todesfälle durch
Passivrauchen insgesamt gehen auf Belastungen zu
Hause zurück. In die Privatsphäre können wir mit
Gesetzen ohnehin nicht hineinwirken.
(Daniel Bahr [Münster] [FDP]: Aber in die
Autos!)
– Stimmt, auch das Rauchen in Autos sollte ursprünglich
verboten werden.
Detlef ParrNun kommt die entscheidende Passage. Bei den
nichtrauchenden Servicekräften in der Gastronomie
haben die Wissenschaftler, bezogen auf 25 Länder mit
400 Millionen Einwohnern, 325 Tote jährlich ermittelt,
für Deutschland 13. Ich überlasse Ihnen gerne das
Hochrechnen der Gesundheitsrisiken.
Anstelle staatlicher Gängelung brauchen wir mehr
positive Anreize für Verhaltensänderungen. Ein
aktuelles Beispiel: Die Helios-Kliniken, ein
Gesundheitskonzern, belohnen Beschäftigte, die auf dem Klinikgelände
und während der Arbeitszeit nicht rauchen, mit einem
zusätzlichen Urlaubstag. Eine schriftliche Erklärung
genügt; auf eine offizielle Kontrolle wird verzichtet und
auf Eigenkontrolle gesetzt.
Ganz anders wären die Folgen eines gesetzlichen
Rauchverbotes: Bußgelder sind zwingend, Kontrollen
erforderlich. In einigen Bundesländern wird sogar der
Einsatz einer Raucherpolizei erwogen. Ich sehe schon
die Herren in Trenchcoat, mit hochgeschlagenem
Kragen und Schlapphut auf uns zukommen. Eine tolle
Vorstellung.
„Der Freie beugt und bindet sich aus Einsicht“, so
Verfassungsrichter Udo Di Fabio vorgestern Abend bei
der Friedrich-Naumann-Stiftung. Die FDP bleibt dabei:
Wir setzen weiterhin auf Aufklärung, präventive
Maßnahmen und Selbstverantwortung, auf einen sich auf
lange Sicht selbst tragenden Prozess, bei dem der
Einzelne sein Verhalten aus eigenem Antrieb ändert, statt es
gedankenlos durch staatliche Verbotspolitik verändern
zu lassen. Wir brauchen mehr Vorbilder als Vorschriften.
(Beifall bei der FDP – Lothar Binding [
Heidelberg] [SPD]: Sie haben das mit den Vorbildern
falsch verstanden, glaube ich!)
Es ist erfreulich, dass die Bundesregierung mit ihrem
Gesetzentwurf einen gemäßigten Kurs ansteuert. Es ist
interessant, in den Gesetzentwurf hineinzuschauen. Sie
rennen bei uns in vielen Bereichen offene Türen ein. Ich
kenne keine S-Bahn, in der ich rauchen darf. Manche
Passage könnte sogar unseren Positionspapieren
entnommen worden sein. Nach dem blamablen Scheitern
der ersten gesetzgeberischen Bemühungen der
Bundesregierung – Sie erinnern sich, dass die Große Koalition
die Folgen der Föderalismusreform schlicht übersehen
hat – scheint sie sich nun am EU-Parlament zu
orientieren.
Der Blick nach Brüssel ist interessant. Das EU-
Parlament musste das totale Rauchverbot lockern, weil die
Akzeptanz im EU-Parlament fehlte. Bei uns im
Bundestag soll das Rauchen in abgetrennten Räumen möglich
bleiben und dem effektiven technischen
Nichtraucherschutz als Mittel innovativer Gesundheitsförderung
Raum gegeben werden. Solche Ausnahmeregelungen
werden von der FDP begrüßt. Sie helfen, den Grundsatz
der Verhältnismäßigkeit zu wahren.
Lassen Sie uns bei der Diskussion den Grundsatz der
Verhältnismäßigkeit wahren und Wege jenseits der
Radikalität und Totalität gehen! Lassen Sie uns der Vernunft
Vorfahrt geben! Ich hoffe, dass wir in den
Ausschussberatungen hierüber eindringlich miteinander diskutierenkönnen. Ich freue mich auf die weiteren Diskussionen
im Plenum und in den Ausschüssen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der FDP – Dr. Martina Bunge
[DIE LINKE]: Wir freuen uns darauf! –
Dr. Margrit Spielmann [SPD]: Wir uns auch!)