Rede von Thomas Silberhorn (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/193
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Thomas Silberhorn (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/193
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir
sind uns darin einig, dass wir zügig reagieren müssen,
um langfristigen volkswirtschaftlichen Schaden durch
die Finanzmarktkrise abzuwenden. Wir sind uns
sicherlich auch darin einig, dass wir innerhalb der
Europäischen Union koordiniert vorgehen müssen. Aber nicht
nur Geschwindigkeit, sondern auch Sorgfalt ist gefragt.
Ich kann mich erinnern, dass sich vor nicht allzu langer
Zeit ganze Fraktionsvorstände in unserem Haus mit nur
einstelligen Millionenbeträgen auseinandergesetzt
haben. Nun schmeißen wir seit einigen Wochen mit
dreistelligen Milliardenbeträgen nur so um uns. Wir haben
uns als Politiker insoweit gewaltig „verbessert“.
Deswegen meine ich, dass nun sehr sorgfältig abgewogen
werden muss, wie wir vorgehen wollen. Ich rate dazu, nicht
gewissen Versuchungen der Camouflage durch die
Europäische Kommission zu erliegen.
Das EU-Konjunkturpaket wird nicht von der
Europäischen Union, sondern zu Recht in erster Linie von
den Mitgliedstaaten getragen. Von den im Paket
vorgesehenen 200 Milliarden Euro sollen 170 Milliarden Euro
durch die Mitgliedstaaten aufgebracht werden. Es ist
wichtig, zu betonen, dass es nicht auf den Umfang,
sondern auf die Wirksamkeit der Maßnahmen, die nun
durchgeführt werden sollen, entscheidend ankommt.
Es ist notwendig, dass die Mitgliedstaaten der
Europäischen Union die Hauptlast dieses Pakets schultern und
die Freiheit haben, nach ihren eigenen Vorstellungen
vorzugehen.
Denn auch hier geht es um das Prinzip der Subsidiarität.
Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise sind in den
einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union höchst
unterschiedlich. Deswegen müssen auch die Instrumente
unterschiedlich sein, mit denen die einzelnen
Mitgliedstaaten auf diese Krise reagieren. Das ist der erste Punkt.
Der zweite Punkt betreffend die Camouflage der
Kommission: Wir sollten uns allen Versuchen
widersetzen, nun europäische Vorgaben dafür zu machen, wie
viel Geld für welche Projekte eingesetzt werden soll.
Wir brauchen keine Wirtschaftsregierung der
Europäischen Union durch die Hintertür, auch wenn manche
unserer Partner in der Europäischen Union, insbesonderedie Franzosen, sie gerne möchten. Im Gegenteil: Es ist
notwendig, dass wir uns den gesunden Wettbewerb
erhalten. Nur dann können die Mitgliedstaaten ganz
unterschiedlich reagieren. Es mag sein, dass Maßnahmen, die
in Deutschland weniger wirksam wären, in Frankreich
eine ganz andere Wirksamkeit entfalten, oder
umgekehrt. Den gesunden Wettstreit um Instrumente und
Ideen sollten wir uns erhalten.
Der dritte Punkt zum Vorgehen der Kommission: Ich
betrachte mit Sorge, dass die Kommission versucht,
unter dem Deckmantel des Konjunkturpakets die geltende
Finanzielle Vorausschau erneut aufzubrechen. Wir
brauchen keine Zweckentfremdung der EU-Mittel, keine
EU-Steuern und keine Aufweichung des Verbots,
Kredite in der Europäischen Union aufzunehmen. Wir
sollten an dem bewährten Finanzsystem festhalten.
Die Kommission ist erst vor kurzem – ich meine: zu
Recht – damit gescheitert, ungenutzte Mittel aus dem
Agrarhaushalt für Nahrungsmittelhilfen umzuwidmen.
Sie hat erneut vorgeschlagen, nicht abgerufene Mittel in
den Jahren 2009 und 2010 – das sind insgesamt 5
Milliarden Euro – für zusätzliche Investitionen
aufzuwenden. Es wäre richtig, daran festzuhalten, was wir bei dem
Navigationssystem Galileo beschlossen haben, nämlich
nicht erneut die Finanzielle Vorausschau zu ändern.
Dabei soll es bleiben. Ich sehe mit Interesse, Herr
Bundesfinanzminister, dass sich der Ecofin-Rat offenbar darauf
verständigt hat. Ich hoffe, dass auch der Europäische Rat
diese Linie weiterverfolgen wird. Die Kommission sollte
sich jedenfalls in dieser Krise nicht zum Trittbrettfahrer
machen und einen eigenen Vorteil suchen.
Ich begrüße, dass die Kommission Vorschläge aus der
hochrangigen Gruppe zum Bürokratieabbau unter
Leitung von Edmund Stoiber aufgreift. Das sind
Maßnahmen, die Wirksamkeit entfalten können, ohne viel Geld zu
kosten, ohne dass es notwendig wäre, Finanzmittel
aufzustocken oder umzuschichten. Nun ist die Zeit, im Rahmen
des Konjunkturpakets die konkreten Maßnahmen
anzugehen, die diese hochrangige Gruppe vorgeschlagen hat.
Die Kommission muss jetzt konkret werden, um das Ziel,
bis 2012 die bürokratischen Verwaltungslasten um
25 Prozent zu verringern, zu erreichen.
Wir müssen sehr darauf achten, dass die aktuelle
Finanzmarktkrise nicht zum Vorwand genommen wird, um
bewährte Grundsätze unserer europäischen Politik über
Bord zu werfen. Die Sicherung der Währungsstabilität
bleibt ein wichtiges Anliegen. Wir können doch jetzt
nicht aus kurzfristigem Interesse den Stabilitäts- und
Wachstumspakt so aufschnüren, dass die langfristige
Wirksamkeit der Schuldenregeln infrage gestellt wird.
Wir dürfen diesen Stabilitätspakt nicht aushöhlen, und
wir dürfen die Stabilität des Euro nicht gefährden; denn
die Stabilität der Währung ist der Schutz des kleinen
Mannes in der Krise. Daran müssen wir festhalten.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Ich freue mich, dass in dieser Diskussion mehrfach vor
einem Subventionswettlauf gewarnt worden ist. Ich
glaube, auch das ist wichtig. Es ist Aufgabe der
Kommission, den Wettbewerb im Binnenmarkt
sicherzustellen. Dieser Aufgabe muss die Kommission als Hüterin
der Verträge gerecht werden. Sie darf keinem Wettlauf
der Subventionen Vorschub leisten.
Zum Klima- und Umweltpaket ist heute schon viel
gesagt worden. Ich teile die Einschätzung, dass wir zu
einer gerechten Lastenverteilung kommen müssen und
nicht knallharte wirtschaftliche Interessen unter dem
Vorwand des Klimaschutzes durchgehen lassen dürfen.
Was den Emissionshandel angeht, so macht es keinen
Sinn, dass wir energieintensive Branchen bei uns
wettbewerbsunfähig machen. Das schützt keine
Arbeitsplätze, und das schützt vor allem auch nicht das Klima,
sondern das dient den nationalen Interessen einiger
weniger. Deswegen ist es notwendig, dass dieser
Emissionshandel so gestaltet wird, dass wir nicht zu einer
Vollauktionierung kommen, sondern dass wir ein
Phasingin machen, insbesondere für die deutsche
Energiewirtschaft.
(Beifall bei der CDU/CSU – Frank Schwabe
[SPD]: Aha!)
Ich möchte im Zusammenhang mit dem
Emissionshandel darauf hinweisen, dass die Kommission den Versuch
unternimmt, sich eine eigene Einnahmequelle aus den
Erträgen des Emissionszertifikatehandels zu erschließen,
die keinerlei parlamentarischer Kontrolle unterliegt,
auch nicht einer Kontrolle durch unsere Kolleginnen und
Kollegen im Europäischen Parlament. Es wäre
vorzuziehen, wenn die Erträge aus dem
Emissionszertifikatehandel nicht der Kommission zur Verfügung gestellt
würden, sondern an die Mitgliedstaaten zurückflössen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der FDP)
Wir können uns gerne darauf verständigen, dass
Einnahmen aus dem Emissionshandel auch für Maßnahmen im
Bereich des Klimaschutzes verwendet werden müssen,
aber die Einnahmen sollen an die Mitgliedstaaten
zurückfließen. Auch hier warne ich vor einer Camouflage
der Kommission.
Was die CO2-Emissionen bei Neuwagen angeht, so
glaube ich, dass es notwendig ist zu sehen, dass der
Bedarf an Veränderung und Modernisierung in der
Automobilindustrie nicht durch die Finanzkrise verursacht
worden ist, wohl aber durch diese Finanzkrise
beschleunigt wird. Aber wir dürfen bei allen Hilfen, die wir
gewähren, nicht dazu beitragen, dass wir aus den
Staatshilfen eine dauerhafte Einrichtung für Autohersteller
machen. Ich glaube aber auch, dass es wichtig ist, dass
wir jetzt nicht zu einer einseitigen Benachteiligung von
Herstellern von Premiumautomobilen kommen. Wir alle
wissen, dass der technische Fortschritt in der
Automobilindustrie gerade von den Herstellern ausgeht, die
Premiumautomobile produzieren. Deswegen müssen alle,
die ein Interesse an Klimaschutz und an Modernisierungin diesem Bereich haben, darauf achten, dass sie diese
technologische Führerschaft nicht unterminieren.
Lassen Sie mich einige Worte zum Vertrag von
Lissabon sagen. In Irland hat ein Unterausschuss einen
Bericht vorgelegt, der zu dem Ergebnis kommt, dass nach
der irischen Verfassung ein zweites Referendum möglich
ist. Ob die Iren dieses Vorgehen wählen, müssen sie
selbst entscheiden. Sie werden möglicherweise bei dem
im Dezember anstehenden Europäischen Rat ihre
nächsten Schritte darlegen und mit den Partnern der
Europäischen Union erörtern. Ich glaube aber auch, dass es
notwendig ist zu sehen, dass trotz jüngster Umfragen eine
Mehrheit in der irischen Bevölkerung für den Vertrag
von Lissabon keineswegs als gesichert angesehen
werden kann.
(Beifall des Abg. Dr. Diether Dehm [DIE
LINKE])
Deswegen meine ich: Wir müssen sehr ernsthaft fragen,
was man jetzt tun kann, um irische Bedenken
aufzugreifen. Es gibt offenbar eine weitverbreitete Sorge, dass
irische Kerninteressen nicht berücksichtigt werden
könnten und sich die Europäische Union darüber
hinwegsetzen könnte. Ich habe bei meinem Besuch in Irland
vor wenigen Wochen hohe Aufmerksamkeit für meine
Schilderung gefunden, wie wir im Parlament die Rolle
des Deutschen Bundestages und des Bundesrates bei der
Befassung mit europäischen Angelegenheiten gestärkt
haben. Ich glaube, dass das durchaus ein Modell wäre,
das auch in anderen Parlamenten, gerade in Irland,
funktionieren könnte. Wenn wir zeigen, dass das nationale
Parlament das Forum ist, wo die Begleitung
europäischer Prozesse erfolgt, dass wir damit nationale
Interessen auf die europapolitische Agenda setzen können und
diese durch die eigene Regierung in der Europäischen
Union vortragen lassen können, dann kann das
insgesamt die Akzeptanz der europäischen Politik stärken.
Ich möchte etwas zu dem Vorschlag, die
Kommission neu zu ordnen, sagen. Es gibt einen gewaltigen
Drang, dahin zurückzukehren, dass jeder Mitgliedstaat
einen eigenen Kommissar hat. Ich kann dem Vorschlag
einiges abgewinnen, so etwas wie stellvertretende
Kommissare einzuführen – unsere europäischen Kollegen
sprechen gern von „Juniorkommissaren“; das klingt mir
ein bisschen zu sehr nach Ausbildungsbedürftigkeit –,
die zwar kein eigenes Ressort, aber in der Kommission
ein volles Stimmrecht haben. Das ist ein
diskussionswürdiges Projekt. Ich darf darauf hinweisen, dass so
etwas in der bayerischen Staatsregierung seit vielen
Jahrzehnten gut funktioniert.
Dort gehören die Staatssekretäre dem Kabinett mit
vollem Stimmrecht an. Es gibt also modellhafte Beispiele,
die die Praktikabilität eines solchen Vorschlags belegen.
Wenn diese Diskussion so geführt wird, müssen
gerade wir Deutschen uns in Erinnerung rufen, dass wir
einmal zwei Kommissare hatten und schon auf einen
verzichtet haben. Wenn wir also dahin kommen sollten,
dass wieder jeder Mitgliedstaat einen eigenen
Kommissar bekommt – wenn auch nicht jeder mit einem eigenen
Portfolio –, dann muss das Mindeste, was wir auf den
Tisch legen, sein, dass eine Rotation nur unter den
kleinen Mitgliedstaaten stattfindet, dass aber die großen
Mitgliedstaaten einen ständigen Kommissar erhalten.
Das sollte unser Anliegen sein.
Auch hier gibt es übrigens ein Modell, das bereits
funktioniert, nämlich bei den Generalanwälten am
Europäischen Gerichtshof. Auch dort haben die großen
Mitgliedstaaten einen permanenten Generalanwalt, und
auch dort findet bei der Vertretung der kleineren
Mitgliedstaaten eine Rotation statt. Ich weiß wohl, dass man
dazu eine Vertragsänderung brauchte. Wenn eine solche
Diskussion, die auf einen Eingriff in das institutionelle
Gefüge abzielt, geführt wird, dann müssen wir unsere
Interessen sehr klar auf den Tisch legen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU
sowie des Abg. Markus Löning [FDP])
Lassen Sie mich dazu ein Letztes sagen. Die
Diskussion über die Zusammensetzung der Kommission wird
gerade deshalb so heftig geführt, weil die Kommission
die einzige Einrichtung ist, die überhaupt eine Initiative
ergreifen darf. Deswegen wiederhole ich meine Kritik an
diesem Initiativmonopol der Kommission: Dieses
Monopol ist überholt. Wir müssen diese Regelung
überarbeiten. Wir müssen im Ergebnis dahin kommen, dass in
Europa eine Initiative eingebracht werden kann, die
parlamentarisch, von gewählten Vertretern des Volkes, und
nicht nur von der Exekutive getragen ist. Dass das bisher
nicht so ist, halte ich für einen der Webfehler in der
Konstruktion der Europäischen Union. Dieser Fehler erklärt
manche Diskussion, manche aktuelle Debatte erst. Wir
müssen die Ursachen bekämpfen und nicht nur an den
Symptomen herumdoktern.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD und der FDP)
Relationen
- part_of → Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Thomas Silberhorn (Rede)