Rede von Florian Toncar (FDP) – Plenarprotokoll 16/222
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Florian Toncar (FDP) – Plenarprotokoll 16/222
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Die Geschichte unseres Grundgesetzes ist eine
einzigartige Erfolgsgeschichte. Es gibt keine einzige
historisch bedeutsame Frage in der Geschichte der
Bundesrepublik, in der es nicht seine Rolle gespielt hätte. Es ist
aus einer historischen Katastrophe heraus entstanden
und wurde von Menschen erarbeitet, die von dem, was
sie erlebt hatten, gezeichnet waren. Auch die
Nachkriegsgeneration, die die schlimmste Zeit in unserer
Geschichte nicht mehr selbst erlebt hat, war immerhin noch
stark geprägt durch die Bewältigung der Folgen von
Krieg und Diktatur.
Die Menschen in Ostdeutschland haben erst 1989/90
ihre Freiheit erkämpft, sodass die meisten von ihnen
noch sehr unmittelbar wissen, wie es ist, in einem
Unrechtsstaat zu leben. Doch wenn in diesem Jahr der
17. Deutsche Bundestag gewählt wird, wird es in ganz
Deutschland keinen einzigen Erstwähler mehr geben,
der sich noch selbst an die deutsche Teilung wird
erinnern können. Unsere Gesellschaft wird immer stärker
geprägt werden von Menschen, die das Glück und das
Privileg hatten, in Frieden in einem geeinten Europa und
in einer freiheitlichen Demokratie groß zu werden.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
So stellt sich an diesem 60. Jahrestag die Frage, wie
es mit dem großartigen Erbe des Grundgesetzes
weitergeht. Ich bin davon überzeugt, dass die jungen
Deutschen die Werte unserer Verfassung tief verinnerlicht
haben. Meine Generation ist in ihrer großen Mehrheit
tolerant, verantwortungsbewusst und skeptisch
gegenüber Extremen aller Art.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Sie ist stolz auf ihr Land, ohne sich dabei über andere zu
erheben. Ihr fehlt allerdings das Erlebnis der existenziel-len Bedrohung ihrer Freiheit. Freiheit und Demokratie
erscheinen ihr selbstverständlich. Werner Finck sagte
einmal:
Es geht uns mit der Freiheit wie mit der
Gesundheit: Erst wenn man sie nicht mehr hat, weiß man,
was man an ihr hatte.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Diese Gefahr der Gewöhnung rechtzeitig zu
erkennen und diesen Ausspruch zu widerlegen, müssen unser
Ziel und unsere Aufgabe in den nächsten Jahren sein.
Garantiert uns das Grundgesetz, dass die
Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik weitergeht? Das kann es
nicht, und das war auch nicht die Absicht seiner Väter
und Mütter. Der Staatsrechtler Rudolf Smend hat den
Sinn und Zweck des Grundgesetzes als Integration
bezeichnet und damit einen Prozess ständiger
Erneuerung, dauernden Neu-erlebt-Werdens gemeint. So ist
das Grundgesetz nicht statisch, sondern lebend. Der
Kern seiner Werte, wie zum Beispiel die
Menschenwürde, der überragende Wert des einzelnen Menschen,
ist zeitlos. Aber er ist in die Zukunft offen. Er kann für
zukünftige, heute noch gar nicht bekannte
Herausforderungen Antworten bieten.
Gegenwart und Zukunft stellen uns schon heute vor
schwierige Entscheidungen. Es geht zum Beispiel um
die Möglichkeiten der modernen Medizin und Fragen
des Schutzes der Privatsphäre angesichts ganz neuer
technischer Möglichkeiten. Es ist ohne großen Aufwand
möglich, eine DNA-Analyse jedes Menschen zu
erstellen und auszuwerten. Solche Entscheidungen können
mit dem Grundgesetz bewältigt werden. Sie sind nicht
leicht. Sie werden sicherlich auch in Zukunft nicht
leichter. Aber das, was eine Verfassung leisten kann, um sie
zu beantworten, liefert das Grundgesetz. Eine
Restverantwortung der Gesellschaft, die Wertungen des
Grundgesetzes, die Menschenwürde immer wieder neu zu
definieren und auszubuchstabieren, bleibt. Das kann uns
keine Verfassung dieser Welt abnehmen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Deswegen möchte ich bezüglich aller Debatten über
die Frage, ob wir eine neue Verfassung brauchen,
sagen: Ich kann nicht erkennen, dass wir das, was vor uns
liegt, mithilfe des Grundgesetzes nicht bewältigen
können. Diejenigen, die laufend neue Vorschläge machen,
was noch hineingeschrieben werden könnte oder
möglicherweise fehlt, müssen sich die Frage stellen lassen, ob
man die Autorität des Grundgesetzes nicht eher dadurch
beschädigt, dass man ständig den Eindruck erweckt, es
sei unvollständig, lückenhaft und
verbesserungsbedürftig. Das ist nicht so, und das sollte man auch nicht
ständig so darstellen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Ich will aber auch auf Entwicklungen eingehen, von
denen ich glaube, dass wir in Zukunft auf sie achten und
vorsichtig sein müssen. Ich meine damit zum einen un-
Florian Toncarseren Umgang mit den Grundrechten und zum anderen
die Frage der Lebendigkeit unserer Demokratie. Die
Grundrechte sind der Teil des Grundgesetzes, der
unsere Bürgerinnen und Bürger selber in ihrem Alltag
unmittelbar betrifft. Sie stellen den Menschen in den
Mittelpunkt und verpflichten den Staat, den Menschen zu
dienen.
Aber wie wird im politischen Alltag mit den
Grundrechten umgegangen? Ich habe das Gefühl, dass
Grundrechte oder zumindest das Bundesverfassungsgericht,
das sie anwendet, zunehmend als lästiges Hindernis
empfunden werden. Ich möchte fragen, ob es sich eine
freiheitliche Gesellschaft eigentlich erlauben kann,
dauernd und immer wieder das Bundesverfassungsgericht
zu strapazieren, um eigentlich elementare
Grundentscheidungen unserer Verfassung durchzusetzen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
So lange es so ist, dass in Parlamenten Mehrheiten
immer wieder bereit sind, Grundrechte, oft aufgrund von
Extremsituationen, unverhältnismäßig einzuschränken,
so lange – das muss man sagen – ist das Immunsystem
unserer Gesellschaft gestört. Diese Kontrolle kann nicht
auf Dauer von einem Gericht wahrgenommen werden.
Entlarvend ist im Übrigen die Formulierung, die in
unserer politischen Alltagssprache sehr oft auftaucht:
Das Parlament müsse Vorgaben des
Bundesverfassungsgerichts umsetzen. Das wird bei dem BKA-Gesetz, beim
Lauschangriff und bei vielem anderen gesagt. Das
Bundesverfassungsgericht macht uns überhaupt keine
Vorgabe. Es definiert lediglich rote Linien, die wir nicht
überschreiten dürfen. Wenn wir immer so tun, als ob die
rote Linie – die letzte Möglichkeit, die das
Verfassungsgericht lässt – eine Vorgabe des Gerichts sei, dann gehen
wir immer wieder an die Grenzen unserer Verfassung,
strapazieren sie und verschieben so die Achse unserer
Grundrechte nach außen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Ich möchte auch noch auf den Zustand unserer
Demokratie eingehen. Es gibt zum Glück heute in
Deutschland nur noch sehr wenige Unverbesserliche, die
sich prinzipiell gegen die Idee der Demokratie wenden.
Für diese brauchen wir das Konzept der wehrhaften
Demokratie. Aber auch an einem Feiertag wie heute soll
nicht verschwiegen werden, dass unsere Demokratie
lebhafter sein könnte und dass die Lebendigkeit unserer
Demokratie aus der Mitte der Gesellschaft bedroht ist, weil
es Ermüdungs- und Gewöhnungserscheinungen gibt.
Man kann das im Rahmen einer solchen Rede nicht
abschließend analysieren, aber ich möchte einfach einige
Fragen aufwerfen: Ist es einem Bürger heute eigentlich
noch möglich, einen für eine Maßnahme politisch
Verantwortlichen auszumachen? Haben wir nicht weiterhin
ein großes Durcheinander an Zuständigkeiten von
Europa über Bund und Länder bis hin zu den
Kommunen, das Verantwortung systematisch verschleiert und esjeder Ebene ermöglicht, den Schwarzen Peter bei einer
anderen Ebene abzuladen, und schlussendlich den
Bürger ratlos zurücklässt?
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Gehen wir eigentlich immer fair mit unseren
Kommunen um, die an immer umfangreichere Regeln
gebunden werden, dabei immer größere
Finanzierungsprobleme haben und schlussendlich über den goldenen
Zügel von Zuschüssen gesteuert und alimentiert werden?
Ich glaube, dass man sich nicht wundern muss, dass es in
vielen Kommunen immer schwerer wird, Menschen zu
finden, die sich für kommunales politisches Engagement
begeistern.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Teilhabe findet jedenfalls nicht ausschließlich auf
parlamentarischen Abenden statt, sondern beginnt in unseren
Kommunen.
Ich vermisse auch eine Debatte über die Rolle und das
Selbstverständnis dieses Parlaments. Wer sollte sie
eigentlich anführen, wenn nicht die Abgeordneten des
Bundestages selbst? Womöglich wird sie auch deshalb
vermieden, weil wir uns mit dem zu erwartenden
Ergebnis nicht zufriedengeben können. Ich meine, dass der
Bundestag seinen Einfluss gegenüber der Exekutive
dringend stärken müsste. Ich habe nichts gegen
Ministerialbeamte. Die meisten von ihnen machen gute Arbeit.
Aber wenn ein Ministerialbeamter Gesetzgeber sein
möchte, dann möge er sich für eine Wahl bewerben, wie
wir das alle auch tun müssen; er muss sich mit seinen
Argumenten stellen und dann wählen und bestätigen
lassen. Aber Gesetzgeber ohne vorherige Wahlen kann man
nicht sein.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)
Wir sehen, dass EU-Rechtsakte im Ministerrat der EU
von Beamten ausgehandelt werden und dass der
Bundesrat in der Praxis weitgehend eine
Beamtenveranstaltung ist und dass die Ministerialbürokratie leider auch
auf unsere Parlamentsarbeit einen erheblichen Einfluss
ausübt,
(Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Leider
wahr! – Eduard Oswald [CDU/CSU]: Sehr
guter Hinweis!)
wobei das Vorbereiten von Sprechzetteln für
Abgeordnete in der Regierungskoalition noch eine
möglicherweise harmlose Peinlichkeit darstellt. Nicht mehr
harmlos wird es dann, wenn Anträge, die im Parlament eine
Mehrheit hätten, durch das Veto eines Ministeriums
gestoppt werden. Ein Parlament, das so mit sich
umspringen lässt, setzt sein Ansehen und seine Autorität aufs
Spiel. Ich vermisse auch in diesem Hause hierfür das
nötige Problembewusstsein.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU, der SPD und der LINKEN)
Florian ToncarHerr Präsident, ich komme zum Schluss. Das
Grundgesetz stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Es stellt
in unserer Demokratie das Parlament als die direkte
Vertretung dieser Menschen in den Mittelpunkt. Meine
Generation hat das Glück, diese Errungenschaft zu erben.
Damit fängt unsere Verantwortung aber erst an. Ich freue
mich auf die Zukunft.
Vielen Dank.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und der
SPD)
Relationen
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