Rede von Dr. Karl Addicks (FDP) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 11: Drucksachen 16/3019, 16/3835 –.
Text
Rede von Dr. Karl Addicks (FDP) – Drucksachen 16/3019, 16/3835
Danke. – Herr Präsident! Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Da
wir alle das Ziel verfolgen, den Hunger wirksam zu
bekämpfen und die ländliche Entwicklung zu fördern,
hätten wir wirklich einen interfraktionellen Antrag
formulieren können.Leider haben wir heute nicht über die Überschrift
abzustimmen – wenn es so wäre, könnten Sie unserer
Zustimmung sicher sein.
Es ist vieles richtig, was die Grünen in ihrem Antrag
schreiben und fordern. Doch leider ist es nicht so viel,
dass wir einfach so zustimmen könnten; ich habe das
gestern im Ausschuss begründet und ich will gleich noch
ein bisschen dazu sagen.
Es ist richtig: Es ist ein Riesenskandal, dass es auf
diesem Planeten immer noch Menschen gibt, die
hungern müssen, dass Kinder wegen Nahrungsmangels
krank werden und sterben. Dieser Nahrungsmangel
besteht nicht nur in qualitativer Hinsicht, er besteht ebenso
in quantitativer Hinsicht. Nach den Berichten der
Weltgesundheitsorganisation haben 852 Millionen
Menschen auf diesem Planeten nicht genügend Nahrung und
diese Zahl steigt sogar noch – und das, obwohl die Mittel
für die Entwicklungszusammenarbeit weltweit erhöht
werden. Offensichtlich geht die Gleichung „Mehr Geld
gleich mehr Hilfe gleich weniger Hunger“ nicht auf.
Gibt es etwas, was wir in der
Entwicklungszusammenarbeit nicht richtig machen? Was können wir besser
machen? Diese Fragen müssen immer wieder gestellt
werden.
Damit komme ich zu den Punkten im Antrag der
Grünen, die absolut nicht unsere Zustimmung finden
können. Die Beseitigung des Hungers ist und bleibt eine der
größten Herausforderungen; da sind wir völlig einer
Meinung. Doch die Frage lautet: Warum hungern die
Menschen ausgerechnet in den ländlichen Gebieten,
woher die Nahrung doch kommt? Hat das vielleicht etwas
mit der Verteilung des Agrarlandes zu tun? Ja, sicher.
Aber das ist es nicht allein; es sind auch Krieg,
Krankheit und Korruption. Kollege Raabe hat gerade schon
viele andere Gründe genannt; ich will das nicht noch
einmal aufzählen. Jedenfalls gibt es dafür viele Ursachen.
Deshalb nutzen isolierte Nahrungsmittelprogramme
allenfalls punktuell. Natürlich helfen wir in akuten
Notlagen, etwa bei Hungerkrisen. Aber auf die Dauer nutzen
nur Maßnahmen, die die Entwicklungsländer auf den
Weg von Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft und
Pluralismus bringen. So lassen sich die Ursachen des
Hungers bekämpfen. Das sind die Maßnahmen, die wir in
erster Linie fördern und fordern müssen.
Es ist nicht so, dass wir das nicht schon täten. Aber
wir können diese Maßnahmen besser bündeln, besser
synchronisieren und effizienter gestalten. Wir sind da an
einigen Punkten anderer Auffassung als die Grünen,
übrigens gemeinsam mit der Bundesregierung. Wer
Afrika kennt, der weiß, dass dieses Land – zumindest in
den tropischen und subtropischen Zonen – auch
2 Milliarden Menschen ernähren könnte. Gehen Sie hin
und stecken Sie eine Banane in die Erde – stecken Sie
irgendetwas in die Erde! –, und Sie werden ohne viel
Dazutun in kürzester Zeit die Ernte einfahren.
Allerdings fruchten diese Maßnahmen nur, wenn sie
ineinander greifen, wenn sie miteinander verzahnt sind –
sonst bleibt alles Stückwerk. Deshalb sollten wir in der(C)
Dr. Karl AddicksEZ nicht den großen Wurf versuchen, sondern den
Ländern ganz kontinuierlich bei der Entwicklung helfen,
sprich: den Beginn der Wertschöpfungsketten stärken.
Da liegen Sie mit Ihrer Forderung, die ländliche
Entwicklung und die Landwirtschaft zu fördern, sehr
richtig. Aber das ist es nicht allein. Wichtig sind auch
Kleinhandel, Handwerk, Kleingewerbe und viele andere
kleine Dinge. Wir haben bei unseren Besuchen in
Namibia und in anderen afrikanischen Ländern gesehen, wie
es funktioniert, Leute zum Beispiel mit Mikrokrediten in
die Selbstständigkeit zu bringen, wie Arbeitsplätze
geschaffen werden und Menschen dadurch letztlich von
Hilfe unabhängig gemacht werden. Das ist die beste
Entwicklungszusammenarbeit, das ist die
Entwicklungszusammenarbeit aus einem Guss, die wir brauchen.
(Beifall bei der FDP – Jürgen Trittin [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN]: Bananen in die Erde
stecken? Sie wollen die Menschen ernähren,
indem Sie Bananen in die Erde stecken?)
– Auch eine Form der Landwirtschaft; es gibt viele
Formen.
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Eine interessante Form der
Landwirtschaft! Wissen Sie, wie man Bananen
anbaut? – Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/
CSU]: Der Trittin pflückt Erdbeeren mit der
Leiter!)
Aber ich will darauf jetzt nicht näher eingehen. Haben
Sie schon einmal längere Zeit in Afrika gelebt, Herr
Trittin?
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ich weiß, wie Bananen angebaut
werden!)
Ich war jahrelang da, ich weiß genau, wovon ich rede.
Kommen Sie mir bitte nicht mit solch trivialen
Zwischenrufen!
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Oh!)
Die Forderung der Grünen, mit westlichem
Bürokratismus die Dinge zu regulieren, mit Labels und
Standards, das passt überhaupt nicht; so etwas können wir
irgendwann später einführen. Das brauchen die
Entwicklungsländer jetzt nicht.
Sie brauchen eine Liberalisierung, einen Abbau von
Handelshemmnissen und Zöllen; Herr Raabe hat das
gerade schon gesagt.
(Zuruf des Abg. Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN])
– Herr Trittin, also bitte! – Nur so erreicht man die
Wertschöpfung in den Entwicklungsländern, die – –
(Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Sie reden sich in einen Zustand, wo Sie
am Ende ohne Kopf und Kragen dastehen!)– Herr Präsident, jetzt müssen Sie aber langsam
unterbrechen.
Verabschieden Sie sich bitte von den Dogmen, auch
vom Dogma der Ablehnung der Grünen Gentechnik.
Das ist nicht das Teufelszeug, als das Sie es immer
brandmarken. Die Grüne Gentechnik bringt auch sehr
segensreiche Dinge mit sich – das haben übrigens auch
Leute von Greenpeace erkannt –, sie eröffnet durchaus
Chancen und beinhaltet nicht nur hypothetische Risiken.
Herr Hoppe, auch Düngemittel können für die
Landwirtschaft in der Dritten Welt eine sehr große Bedeutung
haben. Man sollte das nicht einfach ablehnen. Die Pflanzen
brauchen nun einmal bestimmte Mineralien; fehlende
Mineralien begrenzen ihr Wachstum. Lassen Sie die
Dogmen hinter sich! Dann kommen wir zu
gemeinsamen zustimmungsfähigen Anträgen.
Vielen Dank.