Rede von Martin Zeil (FDP) – Drucksache 16/8980
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 33: Drucksache 16/8980 –.
Text
Rede von Martin Zeil (FDP) – Drucksache 16/8980
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Ludwig Erhard, der erste Bundeswirtschaftsminister und
Vater der sozialen Marktwirtschaft, hat 1963 mit dem
Sachverständigenrat einen Hort des ordnungspolitischen
Denkens geschaffen. Vorbild war damals der
amerikanische Council of Economic Advisers. Dieser ist aber
direkt dem Präsidenten unterstellt. Die Mitglieder können
jederzeit und ohne Angabe von Gründen entlassen
werden. Ähnlich verhält es sich in Frankreich. Dort ist das
entsprechende Gremium unmittelbar dem
Premierminister unterstellt.
Ludwig Erhard war dagegen von Anfang an die
Unabhängigkeit des Sachverständigenrates wichtig, auch
wenn Bundeskanzler Adenauer in seiner
unnachahmlichen Art für solche Unabhängigkeit wenig Verständnis
hatte. Er hat damals zu Erhard gesagt: „Erhard, woll’n
Se sich ’ne Laus in’n Pelz setzen?“. Erhard setzte sich
durch, und der deutsche Sachverständigenrat bekam
seine bis heute untadelige Unabhängigkeit.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Diese Unabhängigkeit ist sogar gesetzlich geschützt. Die
Mitglieder des Rates sind an keine Weisungen gebunden.
Sie können fünf Jahre lang frei sagen und schreiben, was
sie für richtig halten. Dadurch genießt der
Sachverständigenrat, Herr Kollege Gysi, in der Bevölkerung und
überall bis heute höchste Anerkennung als
wirtschaftspolitisches Gewissen in Politik, Wissenschaft und
Öffentlichkeit. Manche sprechen sogar von dem „Olymp
von Wiesbaden“. Mit Axel Weber steht heute ein
ehemaliger Wirtschaftsweiser an der Spitze der Deutschen
Bundesbank.
Im Laufe der letzten 45 Jahre haben viele vergeblich
versucht, Einfluss auf den Rat zu nehmen und ihn in
ihrem Sinne zu nutzen. Eine besonders gegen die
Unabhängigkeit eines Sachverständigen gerichtete
Einflussnahme – hören Sie gut zu, jetzt komme ich zu Ihnen –
kam übrigens von einem Gründungsvater der Linken.
Der von der Gewerkschaftsseite 1994 berufene
Wolfgang Franz erlaubte sich eine im besten Sinne des
Gesetzes unabhängige Haltung.
Weil er sich nicht in sein ordnungspolitisches Gewissen
hineinreden lassen wollte, begann ein Sturm der
Entrüstung, angeführt von dem damaligen Finanzminister
Oskar Lafontaine, der – ein einmaliger Vorgang – 1999
für dessen Abberufung sorgte. Ein besonders trauriges
Beispiel von Einflussnahme!
Kommen wir jetzt ganz konkret zu Ihrem
Gesetzentwurf. Sie fordern zusätzliche Offenlegungspflichten, in-dem Sie einen angeblichen Interessenkonflikt zwischen
den Formen privater Vorsorge und den Empfehlungen
des Rates konstruieren. Da Sie auch Namen nennen, ist
dieser Entwurf aus unserer Sicht nichts anderes als eine
billige Mixtur von Diffamierung, Neid und an den
Haaren herbeigezogenen Beispielen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Das ist aber kein Wunder; denn das entspricht der
Tradition der Diffamierungs- und Verleumdungsmethoden
Ihrer Vorgängerpartei.
Was sind die Fakten? Alle Sachverständigen behalten
während ihrer Tätigkeit ihre Professur. Die von Ihnen
beschriebenen Nebentätigkeiten sind gemäß den
einschlägigen Gesetzen ohnehin anzeige- und
genehmigungspflichtig. Des Weiteren dürfen die Ratsmitglieder
weder der Regierung noch einem Wirtschaftsverband,
einer Arbeitgeberorganisation oder einer
gewerkschaftlichen Organisation angehören.
Fest steht: Die Kollegen von der Linken haben einen
überflüssigen Gesetzentwurf vorgelegt. Man muss ihn
eher als Misstrauenserklärung gegenüber dem Rat,
seiner Unabhängigkeit und vor allen Dingen den von ihm
vertretenen Auffassungen sehen. Sie tun nur so, als
wollten Sie die Unabhängigkeit des Rates sichern.
Aus Sicht meiner Fraktion ist es nicht so, dass die
Mitglieder des Rates nicht unabhängig genug sind. Das
ist nicht das Hauptproblem. Das eigentliche Problem ist
doch, dass die Empfehlungen der Sachverständigen in
der praktischen Politik viel zu wenig Niederschlag
finden.
Die schwarz-rote Koalition pickt sich aus den
Empfehlungen die Rosinen heraus und tut das, was sie ohnehin
getan hätte. Der Sachverständigenrat hat unter dieser
Regierung leider nur eine Alibifunktion.
Werfen wir zum Schluss einen Blick in das aktuelle
Gutachten des Sachverständigenrates – ich zitiere –:
So erfreulich es ist, dass der finanzielle
Gestaltungsrahmen der Politik wieder größer geworden
ist, so unbefriedigend ist es, dass hinter einer
ganzen Reihe der in der letzten Zeit angestrebten oder
bereits ergriffenen Maßnahmen keine klare
wirtschaftspolitische Strategie erkennbar ist, sondern
vielmehr wahltaktische Überlegungen
durchscheinen.
(Beifall bei der FDP – Laurenz Meyer
[Hamm] [CDU/CSU]: Was? Das ist eine
Sache, die der FDP völlig fremd ist!)
Gute Politik erfordert nicht immer die großen
Würfe. Auch eine dem politischen
Kompromissgebot geschuldete Politik der kleineren Schritte kann
eine gute Politik sein, vorausgesetzt diese kleinen
Martin ZeilSchritte gehen in die gleiche Richtung und folgen
einer in sich geschlossenen Konzeption.
Wenn ich berücksichtige, dass Herr Beck – wie die
Agenturen heute melden – von einer
„Steuersenkungshysterie“ spricht, muss ich sagen, dass bei dieser
Koalition eine einheitliche Konzeption überhaupt nicht zu
erkennen ist.
Es droht – so schreibt der Sachverständigenrat –, dass
wegweisende Reformen zurückgedreht werden. Als
Beispiele nennt er die Rente mit 67, das Arbeitslosengeld II
und die Verkürzung der Bezugsdauer des
Arbeitslosengeldes. Diese Aussage sollte uns eine Mahnung sein und
nicht solche Schaufensteranträge der Linken.
Nach der jüngsten Prognose des Kieler Instituts für
Weltwirtschaft wird sich die Konjunktur in Deutschland
nach einem schwungvollen Start ins Jahr merklich
abkühlen. Deshalb sage ich: Verehrte Koalitionäre,
beenden Sie den Vorwahlkampf, gehen Sie wieder an die
Arbeit, und setzen Sie die Empfehlungen Ihrer
unabhängigen Berater endlich um!
Auch die ständige Selbstbeweihräucherung der
Bundesregierung findet in dem Gutachten keine Stütze. Ein
letztes Zitat:
Die klassische Abfolge des Aufschwungs … spricht
dafür, dass die aktuell sehr günstige wirtschaftliche
Lage in beträchtlichem Maße auf zyklische
Faktoren zurückzuführen ist.
Das ist die vornehme Sprache des
Sachverständigenrates. Übersetzt heißt das: Der Aufschwung ist nur zu
einem sehr geringen Teil auf die Politik zurückzuführen.
Eine Abschlussbemerkung in Richtung Linkspartei:
Beenden Sie Ihre scheinheiligen Angriffe auf die
Unabhängigkeit und das freie Denken des
Sachverständigenrates!