Ewigkeitschemikalien in Lebensmitteln verbieten
Text
Ewigkeitschemikalien in Lebensmitteln verbieten
Antrag
der Abgeordneten Christin Willnat, Luigi Pantisano, Marcel Bauer, Lorenz
Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Anne-Mieke Bremer, Clara Bünger,
Dr. Fabian Fahl, Katrin Fey, Katalin Gennburg, Mareike Hermeier, Luke Hoß,
Ferat Koçak, Jan Köstering, Ina Latendorf, Caren Lay, Sonja Lemke, Sahra
Mirow, Bodo Ramelow, David Schliesing, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt,
Sascha Wagner und der Fraktion Die Linke
Ewigkeitschemikalien in Lebensmitteln verbieten
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) sind eine Stoffgruppe von mehr als
10.000 Einzelverbindungen, die als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet werden. Sie
gelangen über verschiedene Eintragswege in die Umwelt und damit auch in
Lebensmittel. Unter Umweltbedingungen – etwa durch Verdünnung im Wasser,
Einwirkungen von Bodenorganismen, Sonnenlicht, natürliche Temperaturen oder biologische
Prozesse – sind sie praktisch nicht abbaubar. Sie reichern sich in Böden, Grundwasser,
Nahrungsketten und menschlichen Körpern an und sind über den gesamten
Wasserkreislauf mobil. Das Umweltbundesamt stuft zahlreiche PFAS als „persistent, mobil
und toxisch" (PMT) bzw. als „sehr persistent und sehr mobil" (vPvM) ein (www.um-
weltbundesamt.de/besorgniserregende-eigenschaften-von-pfas).
PFAS in Lebensmittelverpackungen und -kontaktmaterialien zählen zu den
bedeutendsten und zugleich am direktesten vermeidbaren Eintragsquellen in den
menschlichen Organismus. PFAS-haltige Beschichtungen, die zum Beispiel in To-Go-Bechern,
Pizzakartons und Antihaftpfannen genutzt werden, migrieren nachweislich in
Lebensmittel. Studien zeigen, dass der Konsum von Fast Food und verpackten Lebensmitteln
signifikant erhöhte PFAS-Blutspiegel verursacht (www.verbraucherzentrale.de/
wissen/umwelt-haushalt/produkte/pfasschadstoffe-in-vielen-fast-foodverpackungen-
61150). Kinder und Säuglinge sind besonders gefährdet, da PFAS die Plazenta
passieren, in Muttermilch nachweisbar sind und die Impfantikörperbildung bei Kleinkindern
nachweislich reduzieren (https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.20-
20.6223).
PFAS in der Nahrungsmittelkette gelangen über kontaminierte Böden und
Bewässerungswasser direkt in Nutzpflanzen und Nutztiere. Gemüse, Getreide, Fleisch, Fisch
und Milchprodukte von belasteten Standorten weisen messbare PFAS-
Konzentrationen auf. Das Forever-Pollution-Project hat in Europa rund 23.000 PFAS-kontaminierte
Standorte identifiziert, darunter landwirtschaftliche Nutzflächen (https://foreverpollu-
tion.eu/map/expert-reviewed-journalism/). Besonders gravierend ist die Situation in
Mittelbaden/Rastatt, wo rund 1.100 Hektar Ackerboden durch PFAS-haltige Papier-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5762
21. Wahlperiode 05.05.2026
schlämme kontaminiert sind und Lebensmittel von diesen Flächen erhöhte PFAS-
Gehalte aufweisen (https://pfas-dilemma.info/pfas-mittelbaden).
Die gesundheitlichen Folgen sind wissenschaftlich eindeutig belegt. Die Europäische
Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2020 eine tolerierbare wöchentliche
Aufnahmemenge von lediglich 4,4 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht für die
vier Leitsubstanzen PFOA (Perfluoroctansäure), PFOS (Perfluoroctansulfonsäure),
PFNA (Perfluornonansäure) und PFHxS (Perfluorhexansulfonsäure) festgelegt und
ausdrücklich festgestellt, dass relevante Teile der europäischen Bevölkerung diesen
Wert bereits überschreiten (https://efsa.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.2903/j.efsa.20-
20.6223). Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat PFOA als „krebserregend für den Menschen“ (Gruppe
1), insbesondere für Nierenzell- und Hodenkrebs, sowie PFOS als „möglicherweise
krebserregend“ (Gruppe 2B) eingestuft (www.iarc.who.int/news-events/iarc-
monographs-volume-135-perfluorooctanoic-acid-pfoa-and-perfluorooctanesulfonic-
acidpfos/). Weitere konsistent belegte Wirkungen umfassen Schilddrüsenerkrankungen,
Lebertoxizität, erhöhte Cholesterinwerte, vermindertes Geburtsgewicht und ein
erhöhtes Risiko für Diabetes mellitus Typ 2. PFAS haben Halbwertszeiten im menschlichen
Serum von mehreren Jahren und durchbrechen konventionelle
Wasseraufbereitungsanlagen.
Der rechtliche Rahmen wird diesen Gefahren nicht gerecht. In Anhang XVII
Beschränkungen der Herstellung und Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe,
Gemische und Erzeugnisse der REACH-Verordnung (EG Nr. 1907/2006, EU-
Verordnung zur Registrierung, Evaluierung, Autorisierung von Chemikalien) sind lediglich
wenige Einzelstoffe beschränkt (www.reach-clp-biozid-helpdesk.de/DE/REACH/-
Verfahren/Beschraenkungsverfahren/Anhang-XVII-Beschraenkungen).
Einzelstoffregulierung versagt strukturell gegen eine Gruppe von über 10.000 Verbindungen, da
der Markt systematisch auf chemisch ähnliche, gleichermaßen persistente
Nachfolgestoffe ausweicht. Der Ausschuss für Risikobewertung (RAC) der Europäischen
Chemikalienagentur (ECHA) hat in seinem finalen Gutachten vom 2. März 2026 den
Gruppenansatz ausdrücklich bestätigt: Eine umfassende EU-weite Beschränkung
könnte 96 Prozent der PFAS-Emissionen über 30 Jahre verhindern (https://echa.eu-
ropa.eu/documents/10162/d6aac737-e665-cbae-58c8-17780de44bd5).
Die volkswirtschaftlichen Folgekosten sind enorm: Die jährlichen PFAS-bedingten
Gesundheitskosten im Europäischen Wirtschaftsraum werden auf 52 bis 84 Milliarden
Euro geschätzt, die Dekontaminationskosten auf über zwei Billionen Euro über 20
Jahre (https://foreverpollution.eu/lobbying/the-cost-of-remediation/). Interne
Unterlagen eines der weltweit größten US-amerikanischen Chemiekonzerns, DuPont, und des
Multitechnologiekonzerns 3M belegen seit den 1960er Jahren, dass die
Gesundheitsrisiken den Herstellern bekannt waren (www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/pfas-
chemikalien-deutschland-101.html). Die Kosten trägt bislang die Allgemeinheit. In
Rastatt macht die PFAS-Reinigung bereits ein Drittel des Trinkwasserpreises aus
(www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/karlsruhe/verseuchung-durch-pfas-
wasserpreis-in-rastatt-steigt-100.html). Das Verursacherprinzip wird damit in sein
Gegenteil verkehrt.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. sich auf EU-Ebene für ein sofortiges, gruppenbasiertes Verbot der gesamten
Stoffgruppe PFAS in allen Lebensmittelkontaktmaterialien und
Pflanzenschutzmitteln einzusetzen;
2. einen Gesetzentwurf vorzulegen,
a) der die landwirtschaftliche Nutzung PFAS-kontaminierter Böden oberhalb
wissenschaftlich abgeleiteter Grenzwerte untersagt und betroffene Betriebe
vollständig entschädigt;
b) der einen von der PFAS herstellenden Industrie finanzierten
Entschädigungsfonds einrichtet, der betroffenen Landwirtschaftsbetrieben (nach
Buchstabe a) und kommunalen Wasserversorgern (nach Buchstabe c)
unbürokratisch zugutekommt;
c) der sämtliche Kosten für Sanierung, Wasseraufbereitung, Nachrüstung
kommunaler Wasserwerke und laufendes Monitoring vollständig den
Verursachern anlastet und jede Abwälzung auf Wasserpreise, Gebühren oder
Steuermittel untersagt;
d) der das Recht auf sauberes, bezahlbares Trinkwasser als Grundrecht in
Anknüpfung an die Resolution der Vereinten Nationen über das Menschenrecht
auf Wasser und sanitäre Versorgung (UN-Resolution 64/292) im
Grundgesetz verankert.
Berlin, den 5. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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