Kein grenzenloser Ausbau von Rechenzentren - Echte Nachhaltigkeitsstandards gewährleisten
Text
Kein grenzenloser Ausbau von Rechenzentren - Echte Nachhaltigkeitsstandards gewährleisten
Antrag
der Abgeordneten Sonja Lemke, Clara Bünger, Doris Achelwilm, Marcel
Bauer, Lorenz Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Anne-Mieke Bremer,
Jörg Cezanne, Dr. Fabian Fahl, Katrin Fey, Katalin Gennburg, Vinzenz Glaser,
Dr. Gregor Gysi, Mareike Hermeier, Luke Hoß, Ferat Koçak, Jan Krampe, Ina
Latendorf, Caren Lay, Sahra Mirow, Luigi Pantisano, Bodo Ramelow, David
Schliesing, Lisa Schubert, Aaron Valent, Donata Vogtschmidt, Sascha
Wagner, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Kein grenzenloser Ausbau von Rechenzentren – Echte
Nachhaltigkeitsstandards gewährleisten
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Europäische Union hat sich im Europäischen Klimagesetz dazu verpflichtet ihre
Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % gegenüber 1990 zu reduzieren,
um einen Europäischen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. In der vergangenen
Legislaturperiode wurde im Zuge dessen im Energieeffizienzgesetz (EnEfG)
festgehalten, den Endenergieverbrauch um 26,5 Prozent, sowie den Primärenergieverbrauch um
39,3 Prozent im Vergleich zu 2008 zu reduzieren.
Gleichzeitig plant die Bundesregierung derzeit mit ihrer Rechenzentrumsstrategie die
verfügbare IT-Anschlussleistung von 2980 MW mit einem jährlichen Verbrauch von
etwa 21 TWh bis 2030 gegenüber 2025 zu verdoppeln (https://bmds.bund.de/filead-
min/BMDS/Dokumente/Publikationen/260312_BMDS_Template-RZ-Strate-
gie_V2_barrierefrei_final.pdf) und damit den Energieverbrauch massiv zu erhöhen
und gegen die Ziele aus dem EnEfG zu arbeiten.
Ein Großteil der neuen Rechenzentren soll dabei für die Entwicklung und den Betrieb
von großen KI-Systemen genutzt werden. Systeme, deren gesellschaftlicher Nutzen
fragwürdig ist, die jedoch, auch jenseits des Energieverbrauchs, enorme
gesellschaftliche Schäden mit sich bringen: Die massenhafte Ausbeutung der Arbeit von Kreativen
und Dataworker*innen, eine gefährliche Machtkonzentration bei wenigen Tech-
Konzernen, und halluzinierende, nicht deterministische Systeme, die gegenüber
Nutzer*innen absolutes Wissen vortäuschen. Gleichzeitig gibt es kaum profitable Anwendungen
von generativer KI. Dies deutet an, dass es sich um eine Blase handelt, deren Platzen
erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben wird (www.rosalux.de/news/id/55-
075/platzt-die-ki-blase).
Aktuelle Studien in verschiedenen europäischen Ländern deuten zudem darauf hin,
dass bereits jetzt ein großer Teil der angeschlossenen Kapazität gar nicht ausgelastet
wird. Beispielsweise ergab die Untersuchung niederländischer Rechenzentren, dass
diese gerade einmal ein Drittel der bereitgestellten Leistung abrufen (https://leitmo-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8111
21. Wahlperiode 22.09.2026
tiv.digital/publications/four-key-conclusions-data-center-environmental-
transparency-neth).
Angesichts dessen und der sich zuspitzenden Klimakatastrophe werden hier fatale
Signale gesetzt. Denn Rechenzentren haben einen enorm hohen Energiebedarf. Zur
Deckung dieses Bedarfs muss Energie zusätzlich erzeugt werden, was angesichts des
stockenden Ausbaus erneuerbarer Energien zusätzliche fossile Energieerzeugung
bedeutet. Zudem verbrauchen sie für die Kühlung große Mengen an Wasser. Über das
genaue Ausmaß fehlen belastbare Daten (www.sueddeutsche.de/dossier/dossiers/
digitalwende/2026-09-10-wie-viel-wasser-verbrauchen-rechenzentren). Gleichzeitig
kämpfen viele Regionen in Deutschland mit Wasserknappheit und niedrigen Pegelständen.
Voraussetzung für den Bau neuer Rechenzentren muss daher eine strengere,
ressourcenorientierte Regulierung sein.
So betonen auch die vom Bundesumweltministerium veröffentlichten
Handlungsempfehlungen einer Expert*innengruppe im Bereich nachhaltiger künstlicher Intelligenz,
dass Umweltrisiken, sowohl im Hinblick auf Wasserverbrauch, Versiegelung und
Umgebungswärme als auch eine Lebenszyklusanalyse in Bezug auf
Treibhausgasemissionen und anfallenden Elektroschrott, berücksichtigt werden müssen (www.bundesum-
weltministerium.de/download/handlungsempfehlungen-im-bereich-nachhaltiger-
kuenstlicher-intelligenz). In der vorgelegten Novelle des EnEfG dagegen fehlen solche
Betrachtungen weiterhin vollständig und bereits bestehende Vorgaben für
Transparenz, Energieeffizienz und Abwärme von Rechenzentren werden aufgeweicht oder
deren Umsetzung verschoben.
Die Bundesregierung plant also einen Ausbau der Netzanschlusskapazität entgegen
den eigenen Effizienzzielen und den Umweltschutzbedenken der eigenen
Expert*innen obwohl sie weder den tatsächlichen Bedarf für Rechenleistung kennt
(https://bmds.bund.de/fileadmin/BMDS/Dokumente/Publikationen/260312_BMDS_-
Template-RZ-Strategie_V2_barrierefrei_final.pdf) noch den derzeitigen
Planungsstand zuverlässig erfassen kann (vgl. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine
Anfrage der Fraktion Die Linke auf BT-Drs. 21/7453). Staatliches Handeln darf nicht auf
Willkür und Spekulationsinteressen beruhen, sondern braucht empirische
Datengrundlagen und muss das Allgemeinwohl im Blick behalten.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. Maßnahmen zu ergreifen, mit denen ein Moratorium für die Genehmigung neuer
Rechenzentren in Kraft gesetzt werden soll, bis eine belastbare Bedarfs- und
Kapazitätsanalyse und eine entsprechende gesetzliche Grundlage zur Regulierung
vorliegen;
2. einen Gesetzentwurf vorzulegen, mit dem die Zulässigkeit für den Bau neuer
Rechenzentren (ab einer Netzanschlusskapazität von 100 kW) so reguliert wird, dass
sie der Klimakatastrophe Rechnung trägt, das bedeutet insbesondere,
a) dass vor der Erteilung einer Genehmigung eine strenge Abwägung zwischen
den Umwelt- und Versorgungsgesichtspunkten, wie der Verbrauch von
Strom und Wasser sowie die über den Lebenszyklus anfallenden Emissionen
und dem gesellschaftlichen Nutzen und tatsächlichem Bedarf stattfindet;
b) dass die im EnEfG bereits enthaltene Bedingung der erneuerbaren
Energieversorgung so verschärft wird, dass nicht die bilanzielle, sondern die
tatsächliche Deckung des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen sichergestellt
sein muss;
c) dass Betreiber von Rechenzentren dazu verpflichtet sind, sicherzustellen,
dass zusätzliche erneuerbare Stromkapazitäten in Höhe ihrer
Netzanschlusskapazität geschaffen werden, und sich an den Infrastrukturkosten für den
Netzanschluss zu beteiligen;
d) dass neue Rechenzentren eine maximale Netzanschlusskapazität von 100
MW haben dürfen, da Rechenzentren ab einer gewissen Größe nicht mehr
nachhaltig betrieben werden können;
e) dass neue Rechenzentren netz- bzw. systemdienlich betrieben und integriert
werden müssen, insbesondere im Verbund mit Batteriespeichern oder
Elektrolyseuren;
f) dass Betreiber von Rechenzentren bereits im Genehmigungsprozess den
Wasserbedarf verbindlich angeben und veröffentlichen müssen, und über
diesen Bedarf hinaus nachträglich keine Genehmigung für die Nutzung
zusätzlicher Wasserressourcen erfolgen darf;
g) dass es eine gesetzliche Pflicht zur tatsächlichen Nutzung (nicht nur zur
Bereitstellung) der Abwärme gibt, und diese nicht einfach in die Umgebung
abgegeben werden darf;
h) dass für den Bau neuer Rechenzentren keine zusätzlichen Flächen versiegelt
werden dürfen;
i) dass für den Bau von Rechenzentren in Deutschland vorrangig hardware
(z. B.: Server, Prozessoren, Speichersysteme, Netzwerkkomponenten,
Kühlanlagen und die Stromversorgung) aus der EU verwendet werden. „Made in
Europe“ und local-content sollen hier so weit als möglich gefördert werden.
Wo Angebotslücken für in der EU hergestellte Produkte erkannt werden,
soll dies in die Industriestrategie zur Stärkung der materiellen Basis der
digitalen Souveränität der EU einfließen, um die Produktion eben dieser
Komponenten zu stärken;
j) dass Betreiber ihre Rechenzentren so konzipieren müssen, dass sie im Falle
von Krisen (z. B. Wassermangel, Blackouts) auch teilweise, soweit sie nicht
zur Erhaltung kritischer Infrastruktur notwendig sind, abgeschaltet werden
können;
k) dass Betreiber von Rechenzentren gesetzlich dazu verpflichtet sind, den
tatsächlichen Ressourcenverbrauch jährlich an zentraler Stelle zu
veröffentlichen. Dies beinhaltet
aa) den tatsächlichen Wasserverbrauch, also das Wasser, das durch
Verdampfung verloren geht und/oder nicht in die Quelle zurückgeleitet
wird, sowie den tatsächlichen Wasserdurchlass;
bb) den absoluten Stromverbrauch im Gesamten sowie den der IT-
Infrastruktur;
cc) die tatsächliche Nutzungsart (z. B.: Cloud-Services,
Hochleistungsrechnungen, KI-Training und -Inferenz);
dd) den Umfang der Hardware, die neu verbaut wurde (z. B. durch den
Austausch veralteter Hardware);
l) dass für den Verstoß gegen diese Berichtspflichten ein umsatzabhängiges
spürbares Bußgeld angedroht wird und die zuständige Behörde auch
berechtigt ist, die Einhaltung effektiv zu überprüfen;
3. einen Gesetzentwurf vorzulegen, in dem festgelegt wird, dass der Anschluss
erneuerbarer Energien sowie Batteriespeicher Vorrang hat gegenüber
Rechenzentren.
Berlin, den 22. September 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Begründung
Der durch die Bundesregierung geplante Ausbau von Rechenzentren mit einem Fokus auf Anlagen für Training
und Inferenz von generativer KI führt zu einer Verschärfung der ohnehin angespannten Netzanschlusskapazitäten
und trägt weiter dazu bei, die eigenen Nachhaltigkeitsziele ad absurdum zu führen und die Klimakatastrophe zu
befeuern. Die Rechenzentren-Strategie dient nur dazu, den stetig steigenden Hunger der US-Tech-Giganten zu
stillen. Dabei zeigen sich gerade in den Vereinigten Staaten immer deutlicher die Folgen eines unregulierten
Ausbaus und der Protest gegen die geplanten Hyperscaler nimmt zu, ausgelöst durch die katastrophalen
Auswirkungen riesiger Rechenzentren auf ihre Umwelt (https://time.com/article/2026/07/22/community-backlash-ai-
data-centers/). In Zeiten, in denen viele Regionen auch hier in Deutschland durch die Klimakrise immer öfter
unter Wasserknappheit leiden, ist es verantwortungslos diesen kopflosen Ausbau weiter zu beschleunigen und
die natürlichen Ressourcen zu strapazieren.
Andere europäische Länder wie etwa Spanien gehen voran und knüpfen die Genehmigung neuer Kapazitäten an
Bedingungen wie den tatsächlichen Strom- und Wasserverbrauch, und zusätzlich zu installierende erneuerbare
Leistung (www.pv-magazine.com/2026/08/26/espana-exigira-a-los-centros-de-datos-un-80-de-renovables-
adicionales-y-datos-bajo-control-europeo/). Auch die von der Bundesregierung selbst in Auftrag gegebenen Studien
weisen darauf hin, dass insbesondere der Klima- und Umweltschutz in den Vordergrund gerückt werden muss,
anstatt wie im nun vorliegenden Gesetzentwurf zum EnEfG die bereits unzureichenden Regulierungen und
Rechenschaftspflichten weiter auszuhöhlen.
Der Ausbau von ressourcenintensiver Infrastruktur wie Rechenzentren muss sich am tatsächlichen Bedarf und
den planetaren Grenzen orientieren, nicht an einer diffusen Angst, etwas zu verpassen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- authored ← Aaron Valent (Antrag)
- authored ← Anne-Mieke Bremer (Antrag)
- authored ← Bodo Ramelow (Antrag)
- authored ← Caren Lay (Antrag)
- authored ← Christin Willnat (Antrag)
- authored ← Clara Bünger (Antrag)
- authored ← David Schliesing (Antrag)
- authored ← Donata Vogtschmidt (Antrag)
- authored ← Doris Achelwilm (Antrag)
- authored ← Fabian Fahl (Antrag)
- authored ← Ferat Koçak (Antrag)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Gregor Gysi (Antrag)
- authored ← Ina Latendorf (Antrag)
- authored ← Jan Krampe (Antrag)
- authored ← Jörg Cezanne (Antrag)
- authored ← Jorrit Bosch (Antrag)
- authored ← Katalin Gennburg (Antrag)
- authored ← Katrin Fey (Antrag)
- authored ← Lisa Schubert (Antrag)
- authored ← Lorenz Gösta Beutin (Antrag)
- authored ← Luigi Pantisano (Antrag)
- authored ← Luke Hoß (Antrag)
- authored ← Marcel Bauer (Antrag)
- authored ← Mareike Hermeier (Antrag)
- authored ← Sahra Mirow (Antrag)
- authored ← Sascha Wagner (Antrag)
- authored ← Sonja Lemke (Antrag)
- authored ← Vinzenz Glaser (Antrag)
- authored ← Violetta Bock (Antrag)
- part_of_vorgang → Kein grenzenloser Ausbau von Rechenzentren - Echte Nachhaltigkeitsstandards gewährleisten (Antrag)