Zusammenarbeit von Bundesbehörden mit dem Immigration and Customs Enforcement der USA
Text
Zusammenarbeit von Bundesbehörden mit dem Immigration and Customs Enforcement der USA
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4196
21. Wahlperiode 19.02.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Clara Bünger, Doris Achelwilm, Anne-Mieke Bremer, Agnes
Conrad, Katrin Fey, Dr. Gregor Gysi, Luke Hoß, Ferat Koçak, Jan Köstering, Sonja
Lemke, Tamara Mazzi, Bodo Ramelow, David Schliesing, Ulrich Thoden, Aaron
Valent, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Zusammenarbeit von Bundesbehörden mit der Immigration and Customs
Enforcement der USA
Bilder des militarisierten Einsatzes von Kräften der Immigration and Customs
Enforcement (ICE), die in Großstädten der USA Jagd auf vermeintlich illegale
Migrantinnen und Migranten machen, haben weltweit Kritik hervorgerufen. Für
besondere Empörung sorgten zwei Fälle von tödlichem und nach Ansicht der
Fragesteller vollkommen unverhältnismäßigem Schusswaffengebrauch gegen
Renee Good und David Pretti. Beide US-Bürger hatten gegen den Einsatz der
ICE in Minneapolis protestiert. Der ICE wird vorgeworfen, in ihren
Onlinerekrutierungskampagnen gezielt junge, politisch extrem rechts eingestellte
Männer mit einer entsprechenden Bildsprache anzusprechen und ihnen die
Ausübung von Gewalt im Einsatz in Aussicht zu stellen („Methoden der ICE-
Rekrutierung“, www.orf.at vom 27. Januar 2026).
Die ICE gliedert sich in drei operative Bereiche. Im Mittelpunkt steht derzeit
der Bereich Enforcement and Removal Operations (ERO), der innerhalb, an
den Grenzen und in 150 anderen Staaten und internationalen Organisationen für
die Durchsetzung der Migrationsregulierung der USA sorgen soll. Das
Aufgabenspektrum reicht von der Identifizierung bis zur Abschiebung unerlaubt
aufhältiger Migranten. Der zweite Bereich heißt Homeland Security Investigations
(HSI), der im Kontext irregulärer Migration gegen „transnationale kriminelle
Organisationen“ und terroristische Netzwerke vorgehen soll. Auch dieser
Bereich verfügt über ein Netzwerk von 93 Büros in anderen Staaten außerhalb der
USA. Inwieweit die HSI dem Auftrag, gegen eine breite Palette von Straftaten
der terroristischen und schweren organisierten Kriminalität anzugehen,
tatsächlich nachkommt, kann von hier aus nicht beurteilt werden, da die Regierung
von Donald Trump diese Begrifflichkeiten nach Ansicht der Fragestellenden
aus ihrer fachlichen Verwendung herausgelöst zur politischen Feindmarkierung
nutzt. Der dritte Bereich ist das Office of Principal Legal Advisor, von dem aus
1 700 Rechtsanwälte die rechtliche Vertretung der ICE und des Department of
Homeland Security gewährleisten, unter anderem in Verfahren gegen illegale
Immigranten.
Die American Civil Liberties Union (ACLU), eine der ältesten
Bürgerrechtsorganisationen der USA, kritisierten in einem Bericht „Myriaden von Wegen, auf
denen das ICE und das Department of Homeland Security dabei versagen,
menschlichen Grundbedürfnissen Rechnung zu tragen“. Insbesondere verweist
ACLU auf Fälle, in denen Gefangenen notwendige medizinische Untersuchung
und Behandlung verweigert wird (Inside an ICE Detention Center: Detained
People Describe Severe Medical Neglect, Harrowing Conditions | American
Civil Liberties Union; www.aclu.org/news/immigrants-rights/inside-an-ice-dete
ntion-center-detained-people-describe-severe-medical-neglect-harrowing-condi
tions). Human Rights Watch berichtete bereits im vergangenen November 2025
von willkürlichen Festnahmen, Verbringung in Haftanstalten, in denen
grausame und unmenschliche Zustände herrschen, übermäßige Gewalt,
unangemessenes Verhalten, um Menschen dazu zu bringen, Papiere für ihre „freiwillige
Ausreise“ zu unterzeichnen (US: ICE Abuses in Los Angeles Set Stage for
Other Cities | Human Rights Watch; www.hrw.org/news/2025/11/04/us-ice-abu
ses-in-los-angeles-set-stage-for-other-cities). Auch in der deutschen
Presseberichterstattung wurde auf die Brutalität der ICE-Beamten in Minneapolis
eingegangen („Kriegsstimmung in Minneapolis“, taz.de vom 25. Januar 2026).
Mit Blick auf diese Berichte von Menschenrechtsorganisationen und der
Presseberichterstattung kommen die Fragesteller zu dem Ergebnis, dass die
Einsätze der ICE‑ERO in erster Linie und ohne Rücksicht auf menschenrechtliche
Standards der Durchsetzung der autoritären politischen Agenda des US-
Präsidenten dienen. Mit einer solchen politischen Organisation verbietet sich
nach Ansicht der Fragestellenden jede behördliche Kooperation.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wo bestehen in Deutschland Außenbüros der ICE, und
a) welche Aufgaben haben diese,
b) wie viele Beschäftigte sind in diesen Außenbüros beschäftigt und bei
deutschen Behörden gemeldet,
c) zu welchen Abteilungen („branches“) gehören diese Beschäftigten?
2. Welche weiteren zivilen US-Behörden unterhalten derzeit
Auslandsvertretungen oder Verbindungsbüros in Deutschland?
3. Sind Mitarbeiter der ICE in Behördenplattformen wie dem Gemeinsamen
Terrorismusabwehrzentrum, dem Gemeinsamen Extremismus- und
Terrorismuszentrum etc. pp. als Gast- oder Verbindungsbeamte eingebunden
oder nehmen dort anlassbezogen teil?
4. Welche Verbindungen unterhalten Behörden des Bundes zur ICE und
ihren Abteilungen
a) durch Verbindungsbeamte in den USA,
b) durch Verbindungsbeamte in internationalen (polizeilichen)
Kooperationsgremien, in denen auch die ICE präsent ist?
5. Gehört die ICE zu den US-Behörden, die mittelbar oder unmittelbar „red
notices“ zur internationalen Fahndung über Interpol veröffentlichen
können, und werden diese „red notices“ durch Behörden des Bundes einer
Prüfung unterzogen, um politisch motivierte Strafverfolgung ausschließen
zu können?
6. Über welche Kanäle und Wege tauschen deutsche Behörden mit der ICE
personenbezogene Daten aus?
7. Welche US-amerikanischen Behörden werden nach Kenntnis der
Bundesregierung nach dem noch zu verhandelnden Rahmenabkommen zwischen
der EU und den USA über den gegenseitigen Informationsaustausch für
die Sicherheitsüberprüfung und die Identitätsüberprüfung an den Grenzen
und bei Visumanträgen (Ratsdokument 16939/25 und ADD 1)
gegebenenfalls Zugriff auf deutsche polizeiliche und andere Datenbanken erhalten?
8. Kann die Bundesregierung ausschließen, dass das ICE Zugriff auf
personenbezogene Informationen aus deutschen Datenbanken im
Zusammenhang mit der Umsetzung des genannten Rahmenabkommens erhalten
wird?
9. In welchem Umfang haben Behörden des Bundes Anfragen zu
strategischen oder personenbezogenen Daten in den vergangenen zwölf
Monaten zur „Antifa“ und zur „Antifa Ost“ von US-amerikanischen Behörden
erhalten, wie wurden diese beantwortet, und inwieweit war die ICE an
diesem Informationsaustausch beteiligt?
10. In welchen formellen und informellen Gremien setzt sich die
Bundesregierung strategisch mit der Frage auseinander, wie mit dem Austausch
personenbezogener Daten mit den USA weiter umgegangen werden soll,
wenn dort nicht mehr durchgehend von einer Bindung von US-Behörden
an menschen- und grundrechtliche Bindungen der Staatsgewalt
ausgegangen werden kann?
Berlin, den 10. Februar 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Aaron Valent (Kleine Anfrage)
- asked ← Agnes Conrad (Kleine Anfrage)
- asked ← Anne-Mieke Bremer (Kleine Anfrage)
- asked ← Bodo Ramelow (Kleine Anfrage)
- asked ← Christin Willnat (Kleine Anfrage)
- asked ← Clara Bünger (Kleine Anfrage)
- asked ← David Schliesing (Kleine Anfrage)
- asked ← Donata Vogtschmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Doris Achelwilm (Kleine Anfrage)
- asked ← Ferat Koçak (Kleine Anfrage)
- asked ← Gregor Gysi (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Krampe (Kleine Anfrage)
- asked ← Katrin Fey (Kleine Anfrage)
- asked ← Luke Hoß (Kleine Anfrage)
- asked ← Sonja Lemke (Kleine Anfrage)
- asked ← Tamara Mazzi (Kleine Anfrage)
- asked ← Ulrich Thoden (Kleine Anfrage)
- authored ← Clara Bünger
- authored ← Doris Achelwilm
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- part_of_vorgang → Zusammenarbeit von Bundesbehörden mit dem Immigration and Customs Enforcement der USA (Kleine Anfrage)