Außergerichtliche Schlichtungsstellen im Tourismus
Text
Außergerichtliche Schlichtungsstellen im Tourismus
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3984
21. Wahlperiode 04.02.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Stefan Schmidt, Matthias Gastel, Victoria Broßart, Denise
Loop, Julian Joswig und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Außergerichtliche Schlichtungsstellen im Tourismus
Verbraucherschutz betrifft nahezu alle Lebensbereiche und wirkt damit
unmittelbar in den Alltag der Menschen hinein. Aus diesem Grund sollte
Verbraucherschutz aus Sicht der fragestellenden Fraktion ein dauerhafter Bestandteil
politischer Entscheidungen sein und nicht erst im Zuge von Krisen oder
Skandalen Aufmerksamkeit erhalten. Es ist hierbei entscheidend, verlässliche und
stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Menschen auch bekannt sind
und damit Orientierung und Sicherheit geben. Während Reisende in der Regel
keine spezialisierten Kenntnisse im Reiserecht haben, können größere
Veranstalter auf die Kompetenzen und langjährige Erfahrung ihrer Rechts- und
Fachabteilungen zurückgreifen. Dieses Ungleichgewicht wird aktuell beispielsweise
durch die unparteiische Expertise von Beratungs- und Schlichtungsstellen
weitgehend ausgeglichen (www.bmjv.de/DE/themen/wege_zum_recht/schlichtung/
schlichtung.html). Sie ermöglichen Reisenden i. d. R. kostenlos, Konflikte mit
Unternehmen zu lösen, bevor es zu einem teuren Gerichtsverfahren kommt.
Damit übernehmen Schlichtungsstellen eine zentrale Funktion beim
Verbraucherschutz im Tourismus. In letzter Zeit wurden zahlreiche Regelungen
verabschiedet, die den Verbraucherschutz im Tourismus betreffen, darunter die
Richtlinie (EU) 2025/2647 zur alternativen Streitbeilegung und die EU-
Pauschalreiserichtlinie. Die Bundesregierung trägt nun die Verantwortung,
diese Regelungen umzusetzen und auch künftig den Schutz der Reisenden
weiterzuentwickeln sowie den hohen Verbraucherschutzstandard zu sichern.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Inwiefern teilt die Bundesregierung den Beschluss der
Verbraucherschutzministerinnen, Verbraucherschutzminister, Verbraucherschutzsenatorinnen
und Verbraucherschutzsenatoren der Länder vom 30. Juni 2023, dass im
Pauschalreiserecht „die Möglichkeiten der außergerichtlichen
Streitbeilegung gestärkt werden sollten“, um „mehr Raum für
Billigkeitserwägungen, Einzelfallgerechtigkeit und flexible Lösungen“ zu schaffen (vgl.
www.verbraucherschutzministerkonferenz.de/documents/ergebnisprotokol
l-19-vsmk_oeffentlich_18-07-2023.pdf, S. 30), und wie wirkt sich dies auf
ihre Arbeit aus?
2. Welche Schritte hat die Bundesregierung auf nationaler Ebene
unternommen, um „einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der die Beteiligung von
Reiseveranstaltern, Reisevermittlern und Anbietern von
Reiseeinzelleistungen an einer nach dem Verbraucherstreitbeilegungsgesetz anerkannten
Schlichtungsstelle fördert und die tatsächliche Durchführung von
Schlichtungsverfahren in geeigneter Weise sicherstellt“ (vgl. www.verbrauchersc
hutzministerkonferenz.de/documents/ergebnisprotokoll-19-vsmk_oeffentli
ch_18-07-2023.pdf, S. 30), und wenn keine, aus welchen Gründen nicht?
3. Welche Schritte hat die Bundesregierung auf europäischer Ebene
unternommen, um „einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der die Beteiligung
von Reiseveranstaltern, Reisevermittlern und Anbietern von
Reiseeinzelleistungen an einer nach dem Verbraucherstreitbeilegungsgesetz
anerkannten Schlichtungsstelle fördert und die tatsächliche Durchführung von
Schlichtungsverfahren in geeigneter Weise sicherstellt“ (vgl. www.verbra
ucherschutzministerkonferenz.de/documents/ergebnisprotokoll-19-vsmk_
oeffentlich_18-07-2023.pdf, S. 30), und wenn keine, aus welchen
Gründen nicht?
4. Welche Herausforderungen sieht die Bundesregierung im Ausbau der
freiwilligen Teilnahme an Schlichtungsstellen, wie sie auch die vorläufige
Einigung zur EU-Pauschalreiserichtlinie vorsieht (vgl. www.drv.de/anzeig
en/txnews/ergebnis-des-trilogs-zur-eu-pauschalreiserichtlinie-politische-ar
beit-hat-sich-gelohnt.html)?
5. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus der Richtlinie EU
2025/2647 vom 16. Dezember 2025, die in Erwägungsgrund 16 die
Mitgliedstaaten dazu aufruft, „Maßnahmen zur Förderung der Teilnahme von
Unternehmen an AS-Verfahren“ (AS = Außergerichtliche Streitbeilegung)
zu treffen (vgl. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=
OJ:L_202502647)?
a) Teilt die Bundesregierung die dort genannte Auffassung, dass diese
Maßnahmen insbesondere die Verkehrs- und Tourismusbranche
aufgrund der geringen Beteiligung von Unternehmen an alternativen
Streitbeilegungsverfahren und einer hohen Zahl von
Verbraucherbeschwerden betreffen sollten, und wenn nein, aus welchen Gründen
nicht?
b) Was sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Gründe für die
geringe Beteiligung von Unternehmen aus der Verkehrs- und
Tourismusbranche an alternativen Streitbeilegungsverfahren?
6. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung das Gesetz zur
Schlichtung im Luftverkehr von 2013 mit den damals neu eingefügten §§ 57 ff.
des Luftverkehrsgesetzes (LuftVG), die u. a. die Einrichtung
privatrechtlich organisierter Schlichtungsstellen und gemeinsamer Standards vorsieht
(vgl. www.gesetze-im-internet.de/luftvg/__57.html), auf die Teilnahme
von Fluggesellschaften am Schlichtungsverfahren ausgewirkt?
a) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Teilnahme- und
Einigungsbereitschaft der Fluggesellschaften seitdem entwickelt?
b) Wäre aus Sicht der Bundesregierung das Gesetz zur Schlichtung im
Luftverkehr ein geeignetes Vorbild für eine Förderung der Teilnahme
von Reiseveranstaltern an Schlichtungsverfahren, um die
Kundenzufriedenheit zu stärken und zusätzlich die Gerichte zu entlasten?
7. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus den steigenden
Fallzahlen und der hohen Einigungsquote von 90 Prozent der
Schlichtungsstelle Reise & Verkehr e. V. in Bezug auf die weitere Stärkung von
Schlichtungsstellen (www.schlichtung-reise-und-verkehr.de/wp-content/u
ploads/2025/03/Jahresbericht-2024.pdf, S. 13)?
8. Inwiefern ergreift die Bundesregierung Maßnahmen, um die Bekanntheit
der Beratungs- und Schlichtungsstellen in der öffentlichen Wahrnehmung
zu erhöhen, und wenn nein, aus welchen Gründen nicht?
9. Welche konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung insgesamt zur
Stärkung des Verbraucherschutzes und speziell zur Reduzierung der
Fallzahlen von Rechtsstreitigkeiten im Reiserecht (bitte einzeln
aufschlüsseln)?
10. Welche Erfahrung hat die Bundesregierung mit der Einführung des
Onlinedienstes zum Vorab-Check und zur digitalen Klage für Fluggastrechte
durch das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz in der
letzten Legislaturperiode gemacht (vgl. https://service.justiz.de/fluggastre
chte)?
a) Wie hoch war die Anzahl der über das Portal eingereichten Klagen im
vergangenen Jahr 2025 (bitte einzeln nach Standort des Amtsgerichts
und Ergebnis aufschlüsseln)?
b) Plant die Bundesregierung, das ursprüngliche Pilotvorhaben
fortzusetzen, wenn ja, inwiefern, und wenn nein, aus welchen Gründen nicht?
c) Beabsichtigt die Bundesregierung, in diesem Jahr weitere Standorte
(Amtsgerichte) aufzunehmen, wenn ja, welche, und wann, und wenn
nein, aus welchen Gründen nicht?
11. Wird die Bundesregierung ihre Positionierung hinsichtlich der Reform der
EU-Fluggastrechteverordnung (EG) Nr. 261/2004 (vgl.
Bundestagsdrucksache 21/749) auch mit Blick auf die Entscheidung des Europäischen
Parlaments (www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20260116IPR3244
2/europaisches-parlament-will-bestehende-fluggastrechte-sichern) noch
einmal anpassen (bitte begründen)?
Berlin, den 28. Januar 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Denise Loop (Kleine Anfrage)
- asked ← Julian Joswig (Kleine Anfrage)
- asked ← Matthias Gastel (Kleine Anfrage)
- asked ← Stefan Schmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Victoria Broßart (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- authored ← Matthias Gastel
- authored ← Stefan Schmidt
- part_of_vorgang → Außergerichtliche Schlichtungsstellen im Tourismus (Kleine Anfrage)