Lagebild Organisierte Kriminalität - Clankriminalität, Cybercrime und Menschenhandel
Text
Lagebild Organisierte Kriminalität - Clankriminalität, Cybercrime und Menschenhandel
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/3675
21. Wahlperiode 15.01.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Tobias Matthias Peterka, Ulrich von Zons, Thomas Fetsch,
Dr. Christoph Birghan, Peter Bohnhof, Sascha Lensing, Tobias Teich, Raimond
Scheirich, Lukas Rehm, Bernd Schuhmann, Achim Köhler, Adam Balten, Sven
Wendorf, Hauke Finger, Marc Bernhard, Alexis L. Giersch, Dr. Christina Baum,
Jörg Zirwes, Bernd Schattner, Knuth Meyer-Soltau, Edgar Naujok, Robin Jünger,
Kay-Uwe Ziegler, Otto Strauß, Marcel Queckemeyer, Rocco Kever, Udo Theodor
Hemmelgarn, Dr. Malte Kaufmann, Stefan Keuter, Jan Wenzel Schmidt, Kurt
Kleinschmidt, Dr. Michael Blos, Erhard Brucker und der Fraktion der AfD
Lagebild Organisierte Kriminalität – Clankriminalität, Cybercrime und
Menschenhandel
Die Organisierte Kriminalität (OK) stellt nach übereinstimmender Bewertung
der Sicherheitsbehörden eine der größten sicherheitspolitischen
Herausforderungen für den Rechtsstaat dar. Die aktuellen Bundeslagebilder des
Bundeskriminalamts verdeutlichen, dass sich organisierte kriminelle Strukturen in
Deutschland weiter professionalisieren, international vernetzen und in
wachsendem Maße arbeitsteilig sowie dienstleistungsorientiert agieren. Dabei treten
neben klassische Deliktsfelder neue Geschäftsmodelle, die insbesondere
digitale Technologien, internationale Finanzströme und komplexe Logistikstrukturen
nutzen.
Nach dem Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2024 wurden bundesweit
647 Ermittlungsverfahren gegen Gruppierungen der Organisierten Kriminalität
geführt. Damit liegt die Zahl leicht über dem Durchschnitt der vergangenen
zehn Jahre. Mehr als 70 Prozent der Verfahren weisen einen transnationalen
Bezug auf. Der durch Organisierte Kriminalität verursachte Gesamtschaden
belief sich im Jahr 2024 auf rund 2,64 Mrd. Euro, wobei nahezu 70 Prozent dieser
Schadenssumme auf den Phänomenbereich Cybercrime entfielen (www.bka.de/
DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Lagebilder/OrganisierteKrimi
nalitaet/2024/BLB_OK_2024_node.html).
Die Lagebilder zeigen zudem eine fortschreitende Entwicklung hin zu
arbeitsteilig organisierten Geschäftsmodellen wie „Crime-as-a-Service“ und
„Violence-as-a-Service“, bei denen einzelne kriminelle Dienstleistungen – etwa
technische Infrastruktur, Geldwäsche, Einschüchterung oder
Gewaltanwendung – gruppenübergreifend angeboten und genutzt werden (www.bmi.bun
d.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025/10/bundeslagebild-ok-202
4.html). Diese Entwicklungen erschweren die klassische Strafverfolgung
erheblich und stellen neue Anforderungen an die Analyse, Koordination und
strategische Steuerung der Bekämpfung Organisierter Kriminalität (www.bdk.de/de
r-bdk/was-wir-tun/aktuelles/lagebild-ok-niedersachsen-2024).
Der Phänomenbereich Cybercrime nimmt dabei eine herausgehobene Rolle ein.
Das Bundeslagebild Cybercrime 2024 weist für das Berichtsjahr insgesamt
mehr als 330 000 erfasste Cybercrime-Fälle aus, darunter sowohl Inlandstaten
als auch vom Ausland aus begangene Delikte (www.bmi.bund.de/SharedDocs/
pressemitteilungen/DE/2025/06/pm-lb-cybercrime.html). Die Berichte
beschreiben eine zunehmende Professionalisierung der Täterstrukturen, eine hohe
Spezialisierung sowie eine enge Verflechtung mit anderen Bereichen der
Organisierten Kriminalität (www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLage
bilder/Lagebilder/OrganisierteKriminalitaet/2024/BLB_OK_2024_node.html).
Auch im Bereich Menschenhandel und Ausbeutung liegt für das Jahr 2024 ein
aktuelles Bundeslagebild vor. Dieses weist so viele abgeschlossene
Ermittlungsverfahren wie noch nie seit Beginn der statistischen Erfassung aus.
Insbesondere im Bereich der sexuellen Ausbeutung sowie bei minderjährigen Opfern
wurden deutliche Zuwächse festgestellt. Zugleich wird auf erhebliche
Dunkelziffern hingewiesen, die eine vollständige Abbildung des tatsächlichen
Ausmaßes erschweren (www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldunge
n/250828_BLBMenschenhandel.html).
Clankriminalität wird in den aktuellen Lagebildern als eine spezifische
Erscheinungsform Organisierter Kriminalität beschrieben, die regional unterschiedlich
ausgeprägt ist und in mehreren Bundesländern zu einer erheblichen Belastung
von Sicherheits- und Justizbehörden führt. Eigene Landeslagebilder, etwa in
Nordrhein-Westfalen und Berlin, unterstreichen die Bedeutung dieses
Phänomens im Gesamtkontext der Organisierten Kriminalität (https://polizei.nrw/arti
kel/lagebild-clankriminalitaet; www.berlin.de/sen/inneres/presse/pressemitteilu
ngen/2025/pressemitteilung.1591237.php).
Der Deutsche Bundestag hat sich in der Vergangenheit wiederholt mit
einzelnen Aspekten der Organisierten Kriminalität befasst, u. a. durch Kleine
Anfragen zur allgemeinen Lage der Organisierten Kriminalität, zur Cybercrime-
Gefährdungslage, zur Bekämpfung von Menschenhandel sowie zu Maßnahmen
gegen Clankriminalität (u. a. Bundestagsdrucksachen 19/7607, 19/10903,
19/14617 und 20/3333). Diese Kleinen Anfragen haben jeweils Teilaspekte
beleuchtet, ohne jedoch die aktuellen, phänomenübergreifenden Entwicklungen
und die strategische Gesamtsteuerung der Bekämpfung Organisierter
Kriminalität in den Blick zu nehmen.
Vor diesem Hintergrund zielt die vorliegende Kleine Anfrage auf eine
übergreifende, strategische Bewertung der Lage und der Steuerungsinstrumente der
Bundesregierung in den Phänomenbereichen Clankriminalität, Cybercrime und
Menschenhandel. Im Mittelpunkt stehen die Frage nach der Wirksamkeit
bestehender Strukturen, der Verzahnung der Maßnahmen auf Bundes- und
Länderebene sowie der Fähigkeit, auf die dynamischen Veränderungen Organisierter
Kriminalität angemessen zu reagieren.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie bewertet die Bundesregierung die im Bundeslagebild Organisierte
Kriminalität 2024 ausgewiesene Zahl von 647 Ermittlungsverfahren sowie
den hohen Anteil transnationaler Tatbegehung im Hinblick auf die
strategische Schwerpunktsetzung der Bekämpfung Organisierter Kriminalität
auf Bundesebene?
2. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der im
Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2024 dargestellten Schadenssumme von
2,64 Mrd. Euro und dem Umstand, dass nahezu 70 Prozent dieses
Schadens auf den Phänomenbereich Cybercrime entfallen, für die
Weiterentwicklung ihrer strategischen Konzepte?
3. Wie beurteilt die Bundesregierung die im Bundeslagebild Organisierte
Kriminalität 2024 beschriebenen Entwicklungen hin zu
dienstleistungsorientierten Geschäftsmodellen wie „Crime-as-a-Service“ und „Violence-
asa-Service“, insbesondere im Hinblick auf deren Auswirkungen auf die
Ermittlungsansätze, Analysefähigkeit und internationale Zusammenarbeit?
4. In welcher Weise werden die Erkenntnisse aus dem Bundeslagebild
Cybercrime 2024 in die strategische Bekämpfung Organisierter Kriminalität
integriert, insbesondere im Hinblick auf die zunehmende Verzahnung
digitaler Delikte mit klassischen OK-Strukturen?
5. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem
Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung 2024, insbesondere im Hinblick
auf den Anstieg der Verfahren im Bereich sexueller Ausbeutung und die
hohe Zahl minderjähriger Opfer, für die strategische Ausrichtung der OK-
Bekämpfung?
6. Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass die Phänomenbereiche
Clankriminalität, Cybercrime und Menschenhandel in der strategischen
Planung der OK-Bekämpfung nicht isoliert betrachtet werden, sondern
phänomenübergreifend und strukturell miteinander verzahnt sind?
7. Welche Verfahren bestehen, um die Wirksamkeit zentraler strategischer
Maßnahmen zur Bekämpfung Organisierter Kriminalität regelmäßig zu
evaluieren, und wie werden die gewonnenen Erkenntnisse für die
Weiterentwicklung von Strukturen und Strategien genutzt?
8. Wie bewertet die Bundesregierung den aktuellen Stand der
Harmonisierung von Erfassungs-, Analyse- und Datenstandards zwischen Bund und
Ländern im Bereich Organisierte Kriminalität, insbesondere in den
Phänomenbereichen Clankriminalität, Cybercrime und Menschenhandel?
9. Welche Bedeutung misst die Bundesregierung der europäischen und
internationalen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung Organisierter
Kriminalität bei, und welche strukturellen Verbesserungen hält sie für erforderlich,
um diese Zusammenarbeit strategisch zu stärken?
10. Inwieweit beabsichtigt die Bundesregierung ggf., künftige
Bundeslagebilder zur Organisierten Kriminalität stärker an Wirkungs- und
Strukturindikatoren auszurichten, etwa durch Aussagen zur nachhaltigen Schwächung
krimineller Netzwerke, zur Vermögensabschöpfung oder zur Entwicklung
der Opferzahlen?
Berlin, den 14. Januar 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Achim Köhler (Kleine Anfrage)
- asked ← Adam Balten (Kleine Anfrage)
- asked ← Alexis L. Giersch (Kleine Anfrage)
- asked ← Bernd Schattner (Kleine Anfrage)
- asked ← Bernd Schuhmann (Kleine Anfrage)
- asked ← Christina Baum (Kleine Anfrage)
- asked ← Christoph Birghan (Kleine Anfrage)
- asked ← Edgar Naujok (Kleine Anfrage)
- asked ← Erhard Brucker (Kleine Anfrage)
- asked ← Hauke Finger (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Wenzel Schmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Jörg Zirwes (Kleine Anfrage)
- asked ← Kay-Uwe Ziegler (Kleine Anfrage)
- asked ← Knuth Meyer-Soltau (Kleine Anfrage)
- asked ← Kurt Kleinschmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Lukas Rehm (Kleine Anfrage)
- asked ← Malte Kaufmann (Kleine Anfrage)
- asked ← Marc Bernhard (Kleine Anfrage)
- asked ← Marcel Queckemeyer (Kleine Anfrage)
- asked ← Michael Blos (Kleine Anfrage)
- asked ← Otto Strauß (Kleine Anfrage)
- asked ← Peter Bohnhof (Kleine Anfrage)
- asked ← Raimond Scheirich (Kleine Anfrage)
- asked ← Robin Jünger (Kleine Anfrage)
- asked ← Rocco Kever (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Lensing (Kleine Anfrage)
- asked ← Stefan Keuter (Kleine Anfrage)
- asked ← Sven Wendorf (Kleine Anfrage)
- asked ← Thomas Fetsch (Kleine Anfrage)
- asked ← Tobias Matthias Peterka (Kleine Anfrage)
- asked ← Tobias Teich (Kleine Anfrage)
- asked ← Udo Theodor Hemmelgarn (Kleine Anfrage)
- asked ← Ulrich von Zons (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Tobias Matthias Peterka
- authored ← Ulrich von Zons
- part_of_vorgang → Lagebild Organisierte Kriminalität - Clankriminalität, Cybercrime und Menschenhandel (Kleine Anfrage)