Illegale Medikamentenversuche an Schwangeren, Minderjährigen und politischen Gefangenen in der DDR
Text
Illegale Medikamentenversuche an Schwangeren, Minderjährigen und politischen Gefangenen in der DDR
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2686
21. Wahlperiode 10.11.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Martin Erwin Renner, Ronald Gläser,
Matthias Helferich, Nicole Hess, Sven Wendorf, Dr. Alexander Gauland, Tobias
Teich und der Fraktion der AfD
Illegale Medikamentenversuche an Schwangeren, Minderjährigen und politischen
Gefangenen in der DDR
Mit Schreiben vom 13. August 2025 hat die Initiative für Gerechtigkeit der
Opfer der kommunistischen Diktatur e. V. (IGOKD) die Bundesregierung, den
Deutschen Bundestag sowie internationale Institutionen über mutmaßliche
schwere Menschenrechtsverletzungen im Gesundheitswesen der ehemaligen
DDR informiert (https://www.initiative-fuer-gerechtigkeit-von-sed-opfern.de/a
ktuelles/medikamentenopfer/). Nach Darstellung der IGOKD kam es in den
1970er- und 1980er-Jahren zu geheimen und teils illegalen
Medikamentenversuchen an ahnungslosen Patienten, darunter auch an schwangeren Frauen,
Minderjährigen und politischen Häftlingen. Diese Versuche sollen insbesondere in
der Berliner Charité sowie weiteren Kliniken der DDR im Auftrag oder mit
Wissen westlicher Pharmaunternehmen durchgeführt worden sein.
Die IGOKD weist darauf hin, dass insbesondere schwangere Frauen – teils mit
Vorerkrankungen oder Suchtproblemen – zu Testzwecken westdeutscher
Präparate herangezogen worden seien, was in einzelnen Fällen zu schweren
gesundheitlichen Schäden bei Müttern und Kindern geführt habe. Trotz wiederholter
Hinweise und Zeugenaussagen sei bis heute keine umfassende strafrechtliche
oder wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgt (ebd.).
Medienberichte, u. a. von „Der Spiegel“, „Die Zeit“, „Die Welt“, „MDR“,
„SWR“ und „Deutschlandfunk“, bestätigen, dass zwischen 1983 und 1989
mehr als 600 Medikamentenstudien mit etwa 50 000 Probanden in rund 50
DDR-Kliniken durchgeführt wurden. Diese Forschungen sollen dem
Devisenerwerb des SED-Staates gedient haben und wurden häufig ohne ausreichende
Aufklärung der Beteiligten durchgeführt. Besonders erschütternd sind Berichte
über Medikamentenversuche an Schwangeren und Neugeborenen, etwa mit
Präparaten zur Blutbildung oder Hormonregulation (vgl. https://www.swr.de/s
wrkultur/doku-und-feature/ich-bin-doch-keine-traechtige-ratte-medikamentenv
ersuche-an-schwangeren-in-der-charite-swr2-feature-2022-12-16-100.html;
https://www.deutschlandfunk.de/charite-studie-keine-menschenversuche-in-de
r-ddr-100.html; https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/gesund
heit/probanden-geheime-medikamententests-100.html; https://www.zeit.de/wis
sen/gesundheit/2013-05/DDR-Medikamentenstudien-Menschenversuche;
https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/west-pharmakonzerne-betrieben-
menschenversuche-in-der-ddr-a-899306.html; https://www.mdr.de/nachrichten/
deutschland/politik/ddr-impfskandal-hepatitis-schwangere-sed-unrecht-10
0.html; https://www.welt.de/geschichte/article153314774/Fuer-Devisen-liess-di
e-DDR-Medikamente-an-Patienten-testen.html, letzter Zugriff am 21. Oktober
2025).
Vor diesem Hintergrund stellt sich den Fragestellern die Frage, ob und ggf.
inwieweit die Bundesregierung Erkenntnisse über Umfang, Verantwortlichkeiten
und Folgen dieser Versuche besitzt, welche Maßnahmen sie ggf. zur weiteren
Aufklärung unterstützt und ob eine Entschädigung der betroffenen Personen
bzw. ihrer Nachkommen beabsichtigt ist.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über den Umfang und die
Art von Medikamentenversuchen in der DDR ggf. vor, insbesondere im
Zeitraum zwischen 1970 und 1989?
2. An welchen medizinischen Einrichtungen der DDR, insbesondere an der
Charité in Berlin, wurden nach Kenntnis der Bundesregierung klinische
Studien mit westdeutschen oder internationalen Pharmaunternehmen
durchgeführt (bitte ggf. nach Einrichtung, Pharmaunternehmen und Art
der Medikamentenversuche differenziert auflisten), und welche
finanziellen Vereinbarungen wurden getroffen?
3. Welche dieser medizinischen DDR-Einrichtungen bzw. ihrer
Rechtsnachfolger haben nach Kenntnis der Bundesregierung nach der politischen
Wende bis zum heutigen Tage eigene Anstrengungen unternommen, um
das von ihnen begangene Unrecht aufzuklären (bitte mit kurzer
Beschreibung der Art der Anstrengung auflisten)?
4. Hat sich die Bundesregierung zu der Darstellung der Initiative für
Gerechtigkeit der Opfer der kommunistischen Diktatur e. V., wonach
insbesondere schwangere Frauen, Minderjährige und politische Häftlinge in der DDR
ohne ausreichende Aufklärung als Probanden eingesetzt worden seien
(siehe Vorbemerkung der Fragesteller), eine eigene Auffassung erarbeitet,
und wenn ja, wie lautet diese?
5. Hält die Bundesregierung es nach heutigem Stand für erwiesen, dass bei
Medikamentenstudien in der DDR medizinisch-ethische Grundsätze oder
internationale Menschenrechtsnormen verletzt wurden (bitte Einschätzung
erläutern)?
6. Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung ggf. darüber vor, ob bei
diesen Studien auch Todesfälle oder schwere gesundheitliche
Folgeschäden auftraten?
7. In welcher Weise wurden die Medikamentenstudien in der DDR nach
Kenntnisstand der Bundesregierung von staatlichen Stellen (z. B. dem
Ministerium für Staatssicherheit, dem Gesundheitsministerium oder den
Außenhandelsgesellschaften der DDR) kontrolliert oder begleitet?
8. Welche Informationen liegen der Bundesregierung darüber vor, ob
westdeutsche Behörden, insbesondere das damalige Bundesgesundheitsamt,
über diese Studien informiert oder an deren Genehmigung beteiligt
waren?
9. Hält die Bundesregierung es nach ihrer Bewertung für notwendig, die
Rolle westdeutscher oder internationaler Unternehmen im Rahmen dieser
Studien weiter aufzuklären oder deren mögliche Mitverantwortung zu
prüfen, und wenn nein, warum nicht?
10. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung ggf. über den Anteil
schwangerer Frauen, Minderjähriger und politischer Häftlinge unter den
damaligen Probanden in der DDR?
11. Existieren in Bundesarchiven oder nach Kenntnis der Bundesregierung in
Landesarchiven noch Unterlagen über Medikamentenversuche an
Schwangeren, insbesondere an der Charité in Berlin?
12. Hat sich die Bundesregierung zur Forderung der IGOKD nach einer
umfassenden unabhängigen Untersuchungskommission zur Aufarbeitung
dieser Medikamentenversuche eine Positionierung erarbeitet, und wenn ja,
wie lautet diese?
13. Welche Maßnahmen wurden seit 1990 von der Bundesregierung oder
nachgeordneten Behörden ggf. ergriffen, um diese Versuche
wissenschaftlich oder juristisch aufzuarbeiten?
14. Inwieweit könnte nach Ansicht der Bundesregierung eine mögliche
erneute Überprüfung der bisherigen Aufarbeitung zu mehr Transparenz und
einer besseren Anerkennung der Opfer beitragen?
15. Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen durch die
Bundesregierung als Opfer des SED-Regimes anerkannt oder entschädigt, und
wenn ja, wie hoch waren diese Entschädigungen?
16. Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen nach Kenntnis
der Bundesregierung durch die beteiligten medizinischen DDR-
Einrichtungen bzw. ihre Rechtsnachfolger als Opfer des SED-Regimes
anerkannt oder entschädigt, und wenn ja, wie hoch waren diese
Entschädigungen (bitte nach medizinischer Einrichtung und Zahl der Entschädigten
aufschlüsseln)?
17. Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen nach Kenntnis
der Bundesregierung durch die beteiligten westdeutschen Unternehmen
als Opfer des SED-Regimes anerkannt oder entschädigt, und wenn ja, wie
hoch waren diese Entschädigungen (bitte nach Unternehmen und Zahl der
Entschädigten aufschlüsseln)?
18. Wurden die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen nach Kenntnis
der Bundesregierung durch die beteiligten ausländischen
Pharmaunternehmen entschädigt, und wenn ja, wie hoch waren diese Entschädigungen
(bitte nach Unternehmen und Zahl der Entschädigten aufschlüsseln)?
19. Waren an den Medikamentenversuchen nach Kenntnis der
Bundesregierung auch DDR-Unternehmen beteiligt, die Rechtsvorgänger heute
existierender Unternehmen sind?
a) Wenn ja, um welche handelt es sich?
b) Wenn ja, haben diese Unternehmen nach Kenntnis der
Bundesregierung die betroffenen Personen oder ihre Nachkommen als Opfer des
SED-Regimes anerkannt oder entschädigt (bitte ggf. Zahl der
Entschädigten und Höhe der Entschädigung angeben)?
20. Plant die Bundesregierung, die bestehenden Entschädigungsregelungen
für Opfer der SED-Diktatur um die Gruppe der Betroffenen von
Medikamentenversuchen, insbesondere schwangere Frauen und deren Kinder, zu
erweitern, wenn ja, welche Maßnahmen sind geplant, und wenn nein,
warum gibt es keine Planungen?
21. Plant die Bundesregierung, betroffene Personen zu ermitteln, zu beraten
und über mögliche Entschädigungsansprüche zu informieren, wenn ja,
wie, und wenn nein, warum nicht, und welche Rolle könnten die SED-
Opferbeauftragte des Deutschen Bundestages und die Bundesstiftung zur
Aufarbeitung der SED-Diktatur nach Ansicht der Bundesregierung bei
einer solchen Initiative ggf. spielen?
22. Wurden die Medikamentenversuche in der DDR nach Kenntnis der
Bundesregierung bereits in internationalen Gremien wie dem Europarat, der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder den Vereinten Nationen
behandelt, und wenn ja, wann, und wo?
23. Hat sich die Bundesregierung zu der im Schreiben der IGOKD formulierte
Forderung, die Vorgänge als schwere Menschenrechtsverletzungen
einzustufen und gegebenenfalls vor internationalen Institutionen aufzuarbeiten,
eine Positionierung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese?
Berlin, den 6. November 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
Relationen
- asked ← Alexander Gauland (Kleine Anfrage)
- asked ← Götz Frömming (Kleine Anfrage)
- asked ← Martin Erwin Renner (Kleine Anfrage)
- asked ← Matthias Helferich (Kleine Anfrage)
- asked ← Nicole Hess (Kleine Anfrage)
- asked ← Ronald Gläser (Kleine Anfrage)
- asked ← Sven Wendorf (Kleine Anfrage)
- asked ← Tobias Teich (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion der AfD
- authored ← Götz Frömming
- authored ← Martin Erwin Renner
- part_of_vorgang → Illegale Medikamentenversuche an Schwangeren, Minderjährigen und politischen Gefangenen in der DDR (Kleine Anfrage)