Enthüllungen zur Arbeitsgruppe Impfpflicht und deren Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse der Bundesregierung
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Enthüllungen zur Arbeitsgruppe Impfpflicht und deren Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse der Bundesregierung
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2025
21. Wahlperiode 07.11.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Martin Sichert, Dr. Christina Baum, Carina Schießl, Claudia
Weiss, Kay-Uwe Ziegler, Thomas Dietz, Joachim Bloch, Tobias Ebenberger,
Nicole Hess, Dr. Christoph Birghan, Birgit Bessin, Kerstin Przygodda, Alexis L.
Giersch, Martina Kempf, Stefan Möller, Dr. Paul Schmidt, Gereon Bollmann,
Thomas Fetsch und der Fraktion der AfD
Enthüllungen zur „Arbeitsgruppe Impfpflicht“ und deren Einfluss auf politische
Entscheidungsprozesse der Bundesregierung
Die Corona-Pandemie führte zu den tiefgreifendsten
Grundrechtseinschränkungen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Viele Maßnahmen
wurden später durch Gerichte ganz oder teilweise als rechtswidrig oder
unverhältnismäßig eingestuft. Ein aktueller Artikel der „Berliner Zeitung“ vom
18. Oktober 2025 („Die zehn krassesten Corona-Maßnahmen: Was Gerichte
kassierten und was blieb“, https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/
die-zehn-krassesten-corona-massnahmen-was-gerichte-kassierten-und-was-blie
b-li.10001460) zeigt, wie stark Grundrechte in dieser Zeit beschnitten wurden
und dass erst nachträglich durch gerichtliche Kontrolle rechtsstaatliche
Korrekturen erfolgten.
Im Zuge der Aufarbeitung wurde nun ein weiterer Aspekt der sogenannten
Pandemiebewältigung öffentlich: die Existenz einer interministeriellen
„Arbeitsgruppe Impfpflicht“ (AG Impfpflicht), die im Winter 2021/2022 unter
Federführung des Bundesministeriums für Gesundheit tätig war. Diese Arbeitsgruppe
befasste sich mit der praktischen, administrativen und rechtlichen Umsetzung
einer allgemeinen Impfpflicht (https://www.velazquez.press/p/interne-emails-d
er-ag-impfpflicht).
Wie die Journalistin Aya Velázquez nach einer erfolgreichen Klage nach dem
Informationsfreiheitsgesetz (IFG) belegen konnte, umfassten die freigegebenen
Dokumente 987 Seiten mit E-Mails, Anlagen und Entwürfen aus dem Zeitraum
13. Dezember 2021 bis 5. April 2022. Darin werden detaillierte Abstimmungen
zwischen dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG), dem damaligen
Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI), dem Bundesministerium
der Justiz (BMJ), dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS),
dem Auswärtigen Amt (AA), dem Robert-Koch-Institut (RKI), dem Paul-
Ehrlich-Institut (PEI), dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend (BMFSFJ), dem damaligen Bundesministerium für Wirtschaft und
Klimaschutz (BMWK) und dem Bundesdatenschutzbeauftragten dokumentiert.
Leiter der Arbeitsgruppe war Heiko Rottmann-Großner, Dr. Lothar Wielers
Vorgesetzter und Unterabteilungsleiter im BMG für „Gesundheitssicherheit“.
Die AG wurde laut Aya Velázquez nach den vorliegenden Unterlagen
eingerichtet, um einen Gesetzentwurf für eine allgemeine Impfpflicht zu erarbeiten
und die praktische Vollzugstauglichkeit einer solchen Maßnahme zu prüfen
(Dokumente wurden hier zum Download veröffentlicht: https://my.h idr iv
e.com/lnk/clKPGhERk#file).
Dem Dokument kann man folgenden Schriftverkehr entnehmen: Die
Bundestagsabgeordneten der Fraktionen der SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und
FDP, die eine Impfpflicht vorbereiteten, übermittelten am 21. Januar 2022
einen detaillierten Fragenkatalog an das BMG, der u. a. nach wiederholbaren
Bußgeldern, nach Einkommensanpassungen von Sanktionen, nach der
Vermeidung von Erzwingungshaft und nach möglichen Alternativen fragte. In der
Begründung zum Entwurf wurde angeblich eine sogenannte positive
Freiheitsbilanz als kommunikatives Element vorgeschlagen, um Akzeptanz für die
Impfpflicht zu schaffen. Gleichzeitig zeigen die E-Mails, dass das RKI intern bereits
ab dem 12. Januar 2022 Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer allgemeinen
Impfpflicht äußerte, diese jedoch in der AG Impfpflicht nicht artikulierte, sondern
nach außen hin weiter befürwortete. Der Bundesdatenschutzbeauftragte warnte
im April 2022 vor erheblichen datenschutzrechtlichen Bedenken, konnte aber
aufgrund einer „EILT SEHR“-Frist keine vertiefte Prüfung vornehmen.
Vor diesem Hintergrund sind nach Auffassung der Fragesteller Transparenz,
politische Verantwortung und rechtliche Aufarbeitung dieser Vorgänge geboten.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wann, und von wem wurde die AG Impfpflicht offiziell gegründet, auf
welcher rechtlichen oder administrativen Grundlage und mit welchem
konkreten Auftrag?
2. Welche Bundesministerien, Bundesbehörden, nachgeordneten
Einrichtungen, Forschungseinrichtungen oder externen Sachverständigen waren
Mitglieder, ständige Gäste oder regelmäßig Beteiligte der AG Impfpflicht?
3. Zu welchem Zeitpunkt traten welche Behörden, Organisationen oder
Personen der AG Impfpflicht bei, und mit welcher Begründung?
4. Wer führte den Vorsitz, wer die Federführung, und welche personelle
Struktur (Leitung, Unterarbeitsgruppen, Protokollführung) lag der AG
zugrunde?
5. Wann, und aus welchem Grund wurde die AG Impfpflicht aufgelöst?
6. Welche Mitglieder traten vor der Auflösung aus der Arbeitsgruppe ggf.
aus, und aus welchen Gründen?
7. Welche konkreten Arbeitsaufträge oder Fragestellungen erhielt die AG
Impfpflicht seitens des BMG oder anderer Ressorts?
8. Welche Entwürfe, Vorschläge oder Prüfvermerke der AG Impfpflicht
flossen in Gesetzesformulierungen, Kabinettvorlagen oder parlamentarische
Gesetzentwürfe ein?
9. Wurden datenschutzrechtliche oder verfassungsrechtliche Bedenken des
Bundesdatenschutzbeauftragten oder anderer Stellen dokumentiert, und
wie bewertete die Bundesregierung diese?
10. In welchem Stadium befand sich die technische Planung eines Impf- oder
Immunitätsregisters auf Basis der Meldedaten, und welche konkreten
Datenfelder sollten erfasst werden?
11. Trifft es zu, dass Entwürfe der AG Impfpflicht wiederholbare Bußgelder,
Zwangsgelder oder Ersatzzwangshaft vorsahen, und wenn ja, welche
Ressorts befürworteten diese Durchsetzungsmechanismen bzw. lehnten sie ab,
und waren diese bis zum 5. April 2022 bereits vollständig ausgearbeitet?
12. Trifft es zu, dass Entwürfe der AG Impfpflicht auch Bezüge zum
österreichischen Impfpflichtgesetz herstellten, und welche Passagen wurden
daraus übernommen oder als Vorlage genutzt?
13. Trifft es zu, dass innerhalb der AG Impfpflicht ein zentrales Impfregister
auf Basis der Meldedaten aller in Deutschland gemeldeten Personen
vorgeschlagen wurde, um individuelle Anschreiben mit
Nachweisaufforderung zu versenden, und wenn ja, von welchem Ressort oder welcher
Unterarbeitsgruppe ging dieser Vorschlag aus, und wie bewertete das BMG
dessen Vereinbarkeit mit Datenschutz- und
Verhältnismäßigkeitsgrundsätzen?
14. Stammen die Überlegungen zur Ausdehnung der Impfpflicht auf
Touristinnen und Touristen sowie Einreisende („Kontrolle bei Einreise“; S. 43
der IFG-Unterlagen) aus der AG Impfpflicht, und welche Ressorts
befürworteten diesen Ansatz oder lehnten ihn ab?
15. Welche konkreten Überlegungen zur mehrfachen Verhängung von
Bußgeldern bei fortgesetzter Nichtbefolgung (sogenannte Serien-Bußgelder)
wurden innerhalb der AG Impfpflicht dokumentiert, und waren diese
Gegenstand einer rechtlichen Bewertung durch das BMJ?
16. Inwiefern wurde innerhalb der AG Impfpflicht die Anwendung von
Zwangsgeld und Ersatzzwangshaft als letztes Mittel der Durchsetzung
einer Impfpflicht diskutiert, und welche Stellungnahmen hierzu wurden
aus den beteiligten Bundesministerien übermittelt?
17. Brachten Behörden oder Bundesministerien den Vorschlag ein,
Krankenkassen als Vollzugs- und Kontrollinstanzen einzusetzen, die Impf- oder
Genesungsnachweise von Versicherten entgegennehmen und Meldungen
an Ordnungsbehörden zu übermitteln?
18. Stammen die Überlegungen zu sporadischen und anlasslosen Kontrollen
durch Polizei oder Ordnungsämter (vgl. S. 130 bis 131, 140 der IFG-
Unterlagen) aus der AG Impfpflicht, und in welchem Umfang wurden
diese Szenarien konkret ausgearbeitet?
19. Welche Kommunikationsstrategien (z. B. „Solidarität“, „positive
Freiheitsbilanz“) wurden in der AG entwickelt, und sollten diese in
Gesetzentwürfe oder Öffentlichkeitsarbeit einfließen?
20. Gab es innerhalb der AG oder der Bundesregierung Diskussionen über die
Verhältnismäßigkeit einer allgemeinen Impfpflicht im Hinblick auf die
abnehmende Fremdschutzwirkung der Impfstoffe?
21. Welche rechtlichen Bewertungen zur Vereinbarkeit einer allgemeinen
Impfpflicht mit den Grundrechten legten BMI, BMJ oder andere Ressorts
vor?
22. Welche Protokolle, Beschlüsse oder Ergebnisberichte der AG Impfpflicht
liegen vor, und werden diese der Öffentlichkeit zugänglich gemacht?
23. In welchem Umfang wurden Erkenntnisse der AG in die Beratungen der
Bundestagsfraktionen zur Impfpflicht eingebracht oder an Abgeordnete
weitergeleitet?
24. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung heute aus der
Arbeit der AG Impfpflicht in Hinblick auf Transparenz, föderale
Entscheidungsprozesse und Grundrechtsschutz in Krisenzeiten?
Berlin, den 7. November 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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