Strukturen und Abläufe bei der Entscheidungsfindung der Ständige Impfkommission in der Corona-Pandemie
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Strukturen und Abläufe bei der Entscheidungsfindung der Ständige Impfkommission in der Corona-Pandemie
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2525
21. Wahlperiode 04.11.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Nicole Hess, Martin Sichert, Dr. Christina Baum, Carina
Schießl, Claudia Weiss, Kay-Uwe Ziegler, Thomas Dietz, Joachim Bloch, Tobias
Ebenberger, Dr. Christoph Birghan, Birgit Bessin, Kerstin Przygodda, Alexis L.
Giersch, Martina Kempf, Stefan Möller, Dr. Paul Schmidt, Gereon Bollmann,
Thomas Fetsch und der Fraktion der AfD
Strukturen und Abläufe bei der Entscheidungsfindung der Ständigen
Impfkommission in der Corona-Pandemie
Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut ist als
unabhängiges Gremium von zentraler Bedeutung für die Impfstrategie der
Bundesrepublik Deutschland (www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/
Staendige-Impfkommission/Ueber-die-STIKO/ueber-die-stiko-node.html).
Während der Corona-Pandemie wurden ihre Empfehlungen jedoch nach
Wahrnehmung der Fragesteller als politisch motiviert angesehen.
Die Auswertung der sogenannten RKI-Files – interne Protokolle des
Corona‑Krisenstabs, die nach einem Verfahren auf rechtlicher Grundlage des
Informationsfreiheitsgesetzes (IFG) seit März und Juli 2024 veröffentlicht
wurden – offenbart nach Ansicht der Fragesteller zahlreiche Passagen, in denen
politischer Druck auf das Institut oder direkte Abstimmungen mit dem
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) thematisiert werden.
Im Protokoll vom 25. April 2022, unter „Surveillance“, heißt es: „AL3 hat
BMG mitgeteilt, dass keine zusätzlichen Datenerfassungssysteme notwendig
bzw. sinnvoll sind / Dies sind oft politisch motivierte Anfragen bzw. kommt
ggf. aus dem Expertenbeirat, fachliche Argumente haben keine Priorität“
(Krisenstabssitzung zu COVID-19, Aktenzeichen: 4.06.02/0024#0014, S. 5 f.).
Protokoll vom 9. Februar 2022 unter Nummer 4, „Aktuelle Risikobewertung“:
„Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist abhängig von der Zustimmung des
BMG, voraussichtlich nicht vor der MPK [Anm.:
Ministerpräsidentenkonferenz] am 16.02.2022. Eine Herabstufung vorher würde möglicherweise als
Deeskalationssignal interpretiert, daher politisch nicht gewünscht“
(Krisenstabssitzung zu COVID-19, Aktenzeichen: 4.06.02/0024#0014, S. 6).
Laut dem Politiker Wolfgang Kubicki fand eine klare politische Einflussnahme
statt, gegen die eigenen Berater aus dem RKI-Stab (www.bild.de/politik/inland/
politik-inland/brisante-rki-protokolle-politiker-fordern-aufklaerung-ueber-coro
na-kurs-87643340.bild.html, eingesehen am 25. Juli 2025; https://wkubicki.abg
eordnete.fdpbt.de/zur-auswertung-der-rki-files, eingesehen am 25. Juli 2025).
Auch der vormalige STIKO-Vorsitzende, der Virologe Prof. Dr. Thomas
Mertens, erklärte seinerseits, es sei vonseiten der Politik Druck auf die Kommission
ausgeübt worden, namentlich durch die Bundesminister für Gesundheit Jens
Spahn und Karl Lauterbach (www.aerztezeitung.de/Politik/Ex-STIKO-Chef-w
undert-sich-ueber-Kommunikationswissenschaftler-im-Gremium-455458.html,
letzter Abschnitt, eingesehen am 24. Juli 2025).
Vorbild für eine kritische Aufarbeitung könnte in den Augen der Fragesteller
das Vorgehen der US-Regierung sein, die unter Gesundheitsminister
Robert F. Kennedy Jr. eine vollständige Neubesetzung des dortigen
Impfgremiums ACIP veranlasst hat, um einen inhaltlichen Neuanfang zu ermöglichen
(vgl. Pressemitteilung des US-Gesundheitsministeriums zur Neubesetzung des
ACIP unter Health Secretary Robert F. Kennedy Jr., abrufbar unter: www.hhs.g
ov/about/news/index.html). Zu den neuen Mitgliedern zählen unter anderem
der Biostatistiker Prof. Martin Kulldorff (vgl. https://brownstone.org/author/ma
rtin-kulldorff/), der zuvor als Gutachter in impfkritischen Verfahren tätig war,
sowie der Forscher Dr. Robert W. Malone, ein Mitentwickler der mRNA-
Technologie, der in der COVID-19-Debatte skeptische Positionen vertrat (vgl.
https://www.rwmalonemd.com/).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche konkreten rechtlichen, organisatorischen, finanziellen oder
informellen Einflussmöglichkeiten hatte das Bundesministerium für Gesundheit
von 2020 bis 2023 auf die Arbeit des RKI und der STIKO im
Zusammenhang mit der Erstellung, Veröffentlichung und Kommunikation von
COVID-19-Impfempfehlungen, einschließlich etwaiger Rückkopplungen
zu Entwürfen oder Abstimmungen mit dem STIKO-Vorsitz oder einzelnen
Mitgliedern?
2. Welche Formen der Kommunikation fanden zwischen dem
Bundesministerium für Gesundheit und Mitgliedern der STIKO im fraglichen Zeitraum
statt, insbesondere im Zusammenhang mit Empfehlungen zur COVID-19-
Impfung (z. B. für Kinder, für Genesene oder Impfpflicht für bestimmte
Berufsgruppen), und hat die Bundesregierung in diesem Rahmen Inhalte,
Hinweise oder Erwartungen übermittelt, die aus ihrer Sicht geeignet gewesen
sein könnten, auf Entscheidungsprozesse innerhalb der STIKO Einfluss zu
nehmen?
3. Hat sich die Bundesregierung rückblickend zu der wissenschaftlichen,
beratenden und kommunikativen Rolle der STIKO von 2020 bis 2023,
insbesondere im Hinblick auf ihre COVID-19-Impfempfehlungen, deren
Einfluss auf politische Maßnahmen sowie die öffentliche Wahrnehmung des
Gremiums, eine eigene Auffassung erarbeitet, und wenn ja, welche?
4. Welche rechtlichen, organisatorischen oder verfahrensbezogenen
Regelungen bestehen aus Sicht der Bundesregierung derzeit, um mögliche
politische Einflussnahmen auf die inhaltliche Arbeit wissenschaftlicher
Fachgremien wie das RKI bzw. die STIKO zu verhindern oder wirksam zu
begrenzen, und hält die Bundesregierung diese Vorkehrungen für ausreichend, um
die fachliche, wissenschaftliche Unabhängigkeit der Bundesinstitute und
Fachgremien dauerhaft zu gewährleisten?
5. Plant die Bundesregierung eine externe und unabhängige Evaluation der
Tätigkeit der STIKO im Zeitraum von 2020 bis 2023, insbesondere mit
Blick auf deren interne Entscheidungsverfahren, wissenschaftliche
Herangehensweise, Kommunikation mit politischen Stellen sowie die Ableitung
und Veröffentlichung ihrer Impfempfehlungen bezüglich der COVID-19-
Pandemie?
6. Stellt die Bundesregierung Überlegungen hinsichtlich einer Reform der
STIKO in verschiedenen Bereichen an oder gegebenenfalls bezüglich der
Einrichtung einer zusätzlichen, interdisziplinär besetzten „Ständigen
Epidemiekommission“, wie im Februar 2021 in dem Antrag auf
Bundestagsdrucksache 19/26899 gefordert, und wenn ja, welche?
a) Welche Kriterien bestimmt das BMG aktuell bei der Berufung von
Mitgliedern (z. B. Fachgebiete, multidisziplinäre Balance), und hat sich das
BMG eine Auffassung gebildet zu der Kritik an der STIKO-
Neubesetzung im Frühjahr 2024 sowie an der anschließenden
Umstrukturierung im Herbst 2024 (vgl. www.tichyseinblick.de/meinungen/karl-l
auterbach-stiko/, eingesehen am 24. Juli 2025; www.aerztezeitung.de/P
olitik/Ex-STIKO-Chef-wundert-sich-ueber-Kommunikationswissenscha
ftler-im-Gremium-455458.html), wenn ja, welche?
b) Wie bewertet die Bundesregierung die Begrenzung der Dienstzeiten auf
drei Berufungsperioden bzw. maximal neun Jahre bezüglich der
Auswirkungen auf die Expertise und Kontinuität?
c) Welche Rolle spielen nach Kenntnis der Bundesregierung externe
Fachleute, Kommunikationsexperten (insbesondere die neu hinzugefügte
Kommunikationswissenschaftlerin, siehe www.aerzteblatt.de/archiv/con
stanze-rossmann-kommunikation-fuer-mehr-impfakzeptanz-76297c85-1
e8d-4ab5-874f-6f6168b7cdb6) und öffentliche Anhörungen künftig in
der STIKO-Arbeit, und plant die Bundesregierung, hier weitergehende
Reformen umzusetzen?
Berlin, den 29. Juli 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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