Queere Dating- und Cruising-Kultur in Gefahr
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Queere Dating- und Cruising-Kultur in Gefahr
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8013
21. Wahlperiode 15.09.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Maik Brückner, Clara Bünger, Nicole Gohlke, Dr. Michael
Arndt, Jorrit Bosch, Anne-Mieke Bremer, Mandy Eißing, Katrin Fey, Kathrin
Gebel, Christian Görke, Ates Gürpinar, Mareike Hermeier, Maren Kaminski,
Cansin Köktürk, Ina Latendorf, Sonja Lemke, Stella Merendino, Sören Pellmann,
Heidi Reichinnek, David Schliesing, Evelyn Schötz, Julia-Christina Stange,
Donata Vogtschmidt, Sarah Vollath und der Fraktion Die Linke
Queere Dating- und Cruising-Kultur in Gefahr
Viele Menschen in den queeren Communitys sind besorgt, nachdem der Fall
eines Angriffs auf den queeren Sänger Leopold bei einem Grindr-Date
bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat (www.siegessaeule.de/news/saenger-
leopoldauf-grindr-date-%C3%BCberfallen-und-queerfeindlich-angegriffen/). Zuletzt
kam es vermehrt zu Übergriffen auf schwule Cruising-Spots (www.tagesspiege
l.de/berlin/gezielte-jagd-auf-schwule-manner-in-berlin-erneut-
queerfeindlicherangriff-in-cruising-area-im-volkspark-friedrichshain-15661900.html) sowie zu
Angriffen über schwule Dating-Plattformen wie Grindr (www.hessenschau.de/
panorama/jugendliche-locken-queere-in-hinterhalt-verdaechtige-sollen-ueberfal
l-video-an-schule-gezeigt-haben-v1,schueler-jagen-homosexuelle-100.html).
Eine neue ARD-Dokumentation des team.recherche macht deutlich, wie
verbreitet das Phänomen ist: Hier wurden neben Berlin u. a. Fälle aus Frankfurt
(Oder), Buchholz, Bochum, Beeskow, München, Aschaffenburg oder Lüneburg
in der Recherche verarbeitet (www.ardmediathek.de/video/jagd-auf-schwule-w
er-steckt-hinter-den-fake-dates/jagd-auf-schwule-wer-steckt-hinter-den-fake-da
tes-oder-team-recherche/sr/Y3JpZDovL3NyLmRlL0pBU0ZEXzE3MjY0OQ).
Auch international finden sich Berichte zu dem Phänomen. Das Parlament des
australischen Bundesstaats Victoria etwa untersucht derzeit entsprechende Fälle
(www.parliament.vic.gov.au/antilgbtqiahatecrimes?utm_source=chatgpt.com).
Das Problem ist keineswegs neu: Human Rights Watch hat bereits im Jahr 2023
einen umfassenden Bericht darüber veröffentlicht, wie queere Menschen in
Afrika und im Mittleren Osten zum Ziel u. a. von organisierten Gangs z. B. auf
Dating-Plattformen werden (www.hrw.org/report/2023/02/21/all-terror-becaus
e-photo/digital-targeting-and-its-offline-consequences-lgbt). Diesen Fällen
scheint in all ihrer Unterschiedlichkeit gemein zu sein, dass die Täter – es
handelt sich offenbar vor allem um Männer – koordiniert vorgehen, um primär
schwule Männer in einen Hinterhalt zu locken und sie zu überfallen, sie
schwulenfeindlich herabzuwürdigen und/oder ihnen anderweitig Gewalt anzutun. Ein
Fall in Berlin hat zuletzt für Aufmerksamkeit gesorgt, nachdem ein Täter, der
wiederholt Männer über die App Grindr in Hinterhalte gelockt und ausgeraubt
hat, zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde (www.siegessaeule.de/news/daniel-
fwurde-f%C3%BCr-die-ueberfaelle-auf-schwule-maenner-zu-fuenf-jahren-
haftverurteilt/). Ein zweiter Verdächtiger ist in Zusammenhang mit diesem Fall
kürzlich gefasst worden (www.tagesspiegel.de/berlin/manner-bei-dates-ausgera
ubt-zweiter-verdachtiger-wurde-in-berlin-gefasst-15817146.html). Zeitgleich
zu der Debatte rund um Dating-Überfalle und Sicherheit gibt es Diskussionen
über Cruising-Orte, in denen Konflikte überbetont und schwulenfeindliche
Ressentiments geschürt werden (www.queer.de/detail.php?article_id=58326).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie viele Fälle von Angriffen auf queere Menschen im Zusammenhang
mit schwulen bzw. queeren Dating-Apps oder an schwulen bzw. queeren
Cruising-Orten seit Januar 2025 sind der Bundesregierung bundesweit
bekannt (bitte nach Art des Angriffs und nach Bundesländern getrennt
auflisten), wie verteilen sich diese geografisch (z. B. im Verhältnis Stadt/
Land), und über welche Erkenntnisse verfügt die Bundesregierung
darüber hinaus über das Phänomen?
2. Liegen der Bundesregierung Kenntnisse darüber vor, dass organisierte
Netzwerke über schwule bzw. queere Dating-Apps oder an schwulen bzw.
queeren Cruising-Orten Angriffe auf schwule Männer bzw. queere
Menschen ausführen, und darüber, welche (politischen) Motive neben
allgemeiner Queerfeindlichkeit bei diesen Angriffen eine Rolle spielen bzw.
welchen politischen oder religiösen Hintergrund die Angreifenden haben?
3. Inwiefern spielen die „Pedo-Hunter“-, die „Menosphere“- oder
vergleichbare Szenen sowie rechtsextreme Jugendgruppen oder rechtsterroristische
Netzwerke bei diesen Überfällen nach Kenntnis der Bundesregierung eine
Rolle, und welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um gegen
schwulen- bzw. queerfeindliche, kriminelle Aktivitäten aus diesen Szenen
und Netzwerken vorzugehen?
4. Inwiefern spielen die salafistische, die dschihadistische oder vergleichbare
islamistische Szenen oder Netzwerke bei diesen Überfällen nach Kenntnis
der Bundesregierung eine Rolle (www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/
hintergruende/DE/islamismus-und-islamistischer-terrorismus/queerfeindli
chkeit-im-islamismus.html), und welche Maßnahmen ergreift die
Bundesregierung, um gegen schwulen- bzw. queerfeindliche, kriminelle
Aktivitäten aus diesen Szenen und Netzwerken vorzugehen?
5. Gibt es hinsichtlich der Angriffe über schwule bzw. queere Dating-Apps
nach Kenntnis der Bundesregierung Verbindungen der Angreifenden in
islamistische Szenen oder Netzwerke, und inwiefern kommt es zu lokaler
oder überregionaler Zusammenarbeit zwischen rechtsextremen und
islamistischen Personen bei schwulen- bzw. queerfeindlichen Angriffen über
Dating-Apps (www.tagesspiegel.de/potsdam/brandenburg/sioe-eint-der-sc
hwulenhass-junge-neonazis-verbunden-sich-mit-migrantischen-jugendlich
en-15510196.html)?
6. Bestehen nach Kenntnis der Bundesregierung Verbindungen zwischen
Angriffen über schwule bzw. queere Dating-Apps und der Chemsex-
Szene, etwa mit Blick auf Beschaffungskriminalität oder Gewaltakte, die
im Rausch begangen werden?
7. Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung Überschneidungen bei der
Gruppe der Angreifenden, die ihre Taten über schwule bzw. queere
Dating-Apps und an schwulen bzw. queeren Cruising-Orten ausführen,
und bestehen darüber hinaus personelle bzw. strukturelle
Überschneidungen beispielsweise zu rechtsextremen Mobilisierungen gegen Christopher
Street Days (CSDs)?
8. Inwiefern gibt es Verbindungen der Angreifenden, die in Deutschland
aktiv sind, zu internationalen rechtsextremen Netzwerken oder
ausländischen Gruppen (etwa der „Pedo-Hunter“-Szene in Österreich), nachdem
u. a. die frühere russische Gruppe „Okkupay-pedofilyay“ Nachahmung im
Ausland gefunden hatte (etwa die spanische Gruppe „Proyecto
pillapilla“)?
9. Welche Rolle spielt das Phänomen des Doxing nach Kenntnis der
Bundesregierung im Zusammenhang mit Angriffen, die über schwule bzw. queere
Dating-Apps verübt werden?
10. Wie wird nach Kenntnis der Bundesregierung sichergestellt, dass das
Tatmotiv der Schwulen- bzw. Queerfeindlichkeit bei Angriffen über schwule
bzw. queeren Dating-Apps sowohl in Statistik als auch in Ermittlungen
angemessen gegenüber anderen möglichen Tatmotiven wie Raub
berücksichtigt und transparent gemacht wird?
11. Inwiefern behandelt die seit Mitte 2025 zur Verfügung stehende
Handreichung „Erfassung LSBTIQ*-feindliche Hasskriminalität im
Kriminalpolizeilichen Meldedienst in Fällen politisch motivierter Kriminalität
(KPMD-PMK) – Bewertung und Fallbeispiele“ des Bundesministeriums
des Innern konkret die Problematik der schwulen- bzw. queerfeindlichen
Angriffe über Dating-Apps sowie beim Cruising, und welche Erfolge
konnten bisher durch die Handreichung in diesem Zusammenhang erzielt
werden, bzw. wo sieht die Bundesregierung Bedarf zur
Weiterentwicklung?
12. Sind der Bundesregierung Maßnahmen von Polizei oder Ordnungsämtern
gegen Cruising-Orte bzw. Cruisende bekannt, und wenn ja, um welche
Maßnahmen handelt es sich, vor welchem Hintergrund bzw. auf welcher
Grundlage sind diese Maßnahmen durchgeführt worden, und wie bewertet
die Bundesregierung den Effekt der Maßnahmen?
13. Inwiefern tragen öffentliche Skandalisierung von schwulem bzw. queerem
Cruising durch Politik oder Behörden und schwulen- bzw. queerfeindliche
Diskurse (insbesondere solche, die männliche Homosexualität mit
Pädophilie oder Kindeswohlgefährdung in Verbindung bringen) nach Ansicht
der Bundesregierung dazu bei, die Sicherheit von Cruisenden und Dating-
App-Nutzern zu gefährden?
14. Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, Konflikte zu befrieden,
die im Zusammenhang mit Cruising hinsichtlich der Interessen von
Anwohnenden der Cruising-Gebiete, dem Schutz von Grünanlagen,
Naturschutz und anderweitig gelagerten Konfliktsituationen auftreten können,
ohne die Cruising-Kultur als solche zu gefährden, mit Stigmata zu belegen
oder verächtlich zu machen?
15. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung hinsichtlich der
Anzeigebereitschaft von Menschen, die im Zusammenhang mit schwulem bzw.
queerem Dating und Cruising Opfer von Übergriffen und Gewalt werden,
und welche Faktoren können nach Ansicht der Bundesregierung dazu
beitragen, dass besagte Menschen sich vor allem in diesem konkreten
Kontext gegebenenfalls nicht an Polizei oder Staatsanwaltschaften wenden?
16. Wie wirkt sich nach Einschätzung der Bundesregierung die ausbleibende
Fortsetzung des Nationalen Aktionsplan „Queer leben“ auf das Problem
der Gewalt in Bezug auf queeres Dating und Cruising aus, nachdem dieser
explizit auch ein Handlungsfeld „Sicherheit“ beinhaltete und nachdem die
Arbeitsgruppe Gewaltschutz im Rahmen des Beteiligungsverfahrens ein
Empfehlungspapier vorgelegt hat, das u. a. qualitative und quantitative
Forschung beispielsweise zu den Erfahrungen queerer Bürgerinnen und
Bürger in Bezug zur Polizei, eine Bundes-Beschwerdestelle zur
Untersuchung polizeilichen Fehlverhaltens oder die Implementierung von
Meldestellen außerhalb der Polizei angeregt hat?
17. Plant die Bundesregierung, parallel zur Einrichtung der Berliner
Fachstelle QueerSafe Berlin gegen queerfeindliche digitale Gewalt eine
vergleichbare Struktur auf Bundesebene einzurichten, und wenn nein, warum
nicht?
18. Befindet sich die Bundesregierung in Gesprächen mit dem Berliner Senat,
um zu erörtern, welche konkreten Maßnahmen die Bundesregierung
ergreifen kann, um auf die bundesweit erste Landesstrategie für queere
Sicherheit und gegen Queerfeindlichkeit des Landes Berlin aufzubauen,
Synergieeffekte zu nutzen und bundesweit vergleichbare Strategien auf den
Weg zu bringen (gegebenenfalls bitte Ergebnisse der Gespräche
darstellen)?
19. Hat die Bundesregierung in der Vergangenheit das Gespräch mit
Unternehmen gesucht, die schwule bzw. queere Dating-Apps betreiben, um
über Fälle schwulen- bzw. queerfeindlicher Hasskriminalität im
Zusammenhang mit ihren Plattformen zu beraten (gegebenenfalls bitte
Ergebnisse der Gespräche darstellen), und wie bewertet die Bundesregierung
allgemein die Risiken mit Blick auf solche Apps, etwa bezüglich fehlender
Authentifizierung von Nutzern?
20. Wie bewertet die Bundesregierung die Möglichkeit der Einführung von
Nutzer-Authentifizierung (sowohl durch die Plattformen selbst als auch
möglicherweise durch Drittanbieter) vor dem Hintergrund der Sensibilität
der Nutzer-Daten hinsichtlich der sexuellen und geschlechtlichen Identität
der Nutzer und der Tatsache, dass Plattformen wie Grindr in der
Vergangenheit für Mängel bei der Datensicherheit kritisiert wurden, etwa mit
Blick auf den HIV-Status von Nutzern?
21. Welche Maßnahmen sollten Unternehmen, die einschlägigen Plattformen
betreiben, nach Ansicht der Bundesregierung ergreifen, um Nutzer besser
zu schützen, und welche Spielräume sieht die Bundesregierung, die
Plattformen zu entsprechenden Maßnahmen zu verpflichten?
22. Welche gesetzlichen Regelungsbedarfe sieht die Bundesregierung mit
Blick auf queere Dating-Apps, um eine sichere Nutzung zu
gewährleisten?
23. Inwiefern bietet der Digital Services Act (insbesondere Artikel 34 und 35)
nach Ansicht der Bundesregierung einen angemessenen Rechtsrahmen,
um dem Problem schwulen- bzw. queerfeindlicher Angriffe über Dating-
Apps zu begegnen?
24. Fördert die Bundesregierung Projekte der Opferberatung und Selbsthilfe
(etwa Selbstverteidigungskurse) aus den queeren Communitys, um
Anlaufstellen und Hilfe jenseits der Polizei zu gewährleisten, und wenn nein,
warum nicht?
25. Welche Möglichkeiten haben Opfer, nach einem Angriff schnell und
unkompliziert die passende psychologische Betreuung und
Therapieangebote zu bekommen?
26. Sind seitens der Bundesregierung Aufklärungsmaßnahmen (etwa auf den
Websites der zuständigen Behörden, durch Beiträge in queeren Medien
oder Flyer) geplant, um die queeren Communitys hinsichtlich der Risiken
und des Selbstschutzes im Zusammenhang mit Online-Dating und
Cruising zu sensibilisieren?
27. Hat die Bundesregierung Kenntnisse darüber, wie sich die COVID‑19-
Pandemie auf Betriebe mit Cruising-Angeboten ausgewirkt hat (z. B.
Bars, Clubs, Saunen, Badehäuser etc.), und welche Schlussfolgerungen
zieht die Bundesregierung daraus?
28. Wie würde sich die Einführung eines sogenannten Sexkaufverbots nach
Einschätzung der Bundesregierung auf den Betrieb von Darkrooms, die
planungsrechtlich oft als „bordellartige Betriebe“ klassifiziert werden,
oder auf queere Cruising-Kultur allgemein vor dem Hintergrund
auswirken, dass es bei Cruising sowohl zu unentgeltlichen als auch zu
entgeltlichen sexuellen Handlungen kommen kann?
29. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung darüber, dass sich Angriffe
über schwule bzw. queere Dating-Apps gezielt gegen Sexarbeitende
richten?
Berlin, den 11. September 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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