Lehren aus dem Stromausfall in Spanien und Portugal für das Stromnetz in Deutschland
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Lehren aus dem Stromausfall in Spanien und Portugal für das Stromnetz in Deutschland
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/522
21. Wahlperiode 19.06.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. Paul Schmidt, Leif-Erik Holm, Enrico Komning, Raimond
Scheirich und der Fraktion der AfD
Lehren aus dem Stromausfall in Spanien und Portugal für das Stromnetz in
Deutschland
Am 28. April 2025 kam es in Spanien und Portugal zu einem großflächigen
Stromausfall. Ganze Regionen waren daraufhin für mehrere Stunden ohne
Strom. Auf der iberischen Halbinsel konnten über Stunden keine elektrisch
angetriebenen Züge fahren. Der Betrieb des Mobilfunknetzes war stark
eingeschränkt, und viele elektrisch betriebene Geräte konnten nicht genutzt werden.
Am Ende waren durch den Stromausfall auch einige Menschen zu Tode
gekommen. Die genaue Ursache ist derzeit noch Gegenstand von Ermittlungen
(www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/spanien-und-portugal-stromausfall-w
as-wissen-wir-faktenfuchs,UkKJHlw).
Der zeitliche Verlauf der Netzspannung in der Stunde vor dem Stromausfall
legt nahe, dass es aufgrund des hohen Anteils an Photovoltaik (PV) und
Windkraft zu Fluktuationen in der Spannung kam, die so groß wurden, dass sich
Kraftwerke und Umspannwerke automatisch abschalteten (sciencemediacente
r.de/angebote/stromausfall-in-spanien-was-weiss-man-ueber-die-
beobachtetenweitraeumigen-oszillationen-im-netz-25085).
Durch den europäischen Stromverbund können sich Störungen im Netz, die
zunächst noch regional begrenzt sind, großflächig ausweiten. Auswirkungen auf
das Stromnetz in Deutschland sind möglich. Mit dem politisch forcierten
Wandel der Energieerzeugung wird in Zukunft die wachsende Zahl kleinerer
Einspeiser – anstelle weniger großer Kraftwerke – das Stromnetz nach Auffassung
der Fragesteller vor noch größere Herausforderungen stellen (www.amprio
n.net/Netzjournal/Beitr%C3%A4ge-2021/Systemauftrennung-im-europ%C3%
A4ischen-Stromnetz.html).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Hat die Bundesregierung eigene Erkenntnisse zu den möglichen Ursachen
des Stromausfalls in Spanien und Portugal, und wenn ja, welche Ursachen
für den Stromausfall sind nach Kenntnis der Bundesregierung
wahrscheinlich?
2. Welche Rolle spielen nach Kenntnis der Bundesregierung der Verband
Europäischer Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) und die Agentur für
die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) bei der
Analyse und Bewertung des Stromausfalls in Spanien und Portugal?
3. Ist die Bundesregierung in die Prozesse von ENTSO-E und ACER
eingebunden, und wenn ja, inwiefern?
4. Welche deutschen Institutionen sind bei der Analyse und Bewertung des
Stromausfalls in Spanien und Portugal nach Kenntnis der
Bundesregierung involviert, und welche Daten, Werkzeuge oder Leistungen werden
von Deutschland beigesteuert?
5. Hat die Bundesregierung Kenntnis über weitere größere Störungen im
europäischen Verbundnetz in den letzten fünf Jahren?
a) Wenn ja, welche Störungen sind der Bundesregierung bekannt, welche
Regionen waren davon jeweils betroffen, welche Schäden sind
entstanden, und was waren die Ursachen?
b) Wenn ja, wie bewertet die Bundesregierung die bisherigen Störungen
im europäischen Verbundnetz, und welche Konsequenzen ergeben sich
daraus für die Versorgungssicherheit in Deutschland?
6. Welche Maßnahmen existieren und sind von der Bundesregierung ggf.
geplant, um das Stromnetz in Deutschland gegen Störungen wie in Spanien
und Portugal zu stabilisieren?
7. Welche Maßnahmen sollten aus Sicht der Bundesregierung für ein stabiles
Stromnetz unter Berücksichtigung des zunehmenden Anteils kleinerer
Anlagen im Bereich erneuerbarer Energien ergriffen werden?
8. Reicht nach Kenntnis der Bundesregierung der Einsatz von
Wechselrichtern bei Photovoltaikanlagen und der Ausbau von Großbatteriespeichern
zur Netzstabilisierung aus?
9. Bestehen nach Kenntnis der Bundesregierung im deutschen Stromnetz
Netzkapazitäten und regelbare Kraftwerkskapazitäten in ausreichendem
Maße?
10. Wie bewertet die Bundesregierung das Thema „Trägheit im deutschen
Stromnetz“ (Trägheit meint hier insbesondere die Momentanreserve aus
Synchronmaschinen [hohe Schwungmasse], die das Ziel hat,
Frequenzgradienten zu begrenzen, vgl. dazu www.netztransparenz.de/de-de/Systemdie
nstleistungen/Frequenzhaltung/Marktgest%C3%BCtzte-Beschaffung-von-
Momentanreserve unter „Was ist Momentanreserve“)?
11. Welche Trägheitswerte gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit
im deutschen Stromnetz?
12. Welche konkreten Schritte unternimmt die Bundesregierung, um
sicherzustellen, dass auch bei sinkender Anzahl konventioneller Kraftwerke eine
hinreichende Systemträgheit gewährleistet werden kann?
13. Wie bewertet die Bundesregierung Ansätze, mit Großbatteriesystemen
eine virtuelle Trägheit im Netz zu erzeugen?
14. Lassen sich Trägheitswerte solcher Großbatteriesysteme nach Kenntnis
der Bundesregierung mit denen von konventionellen Anlagen wie etwa
großer Turbinen und Kraftwerke vergleichen?
15. Wie bewertet die Bundesregierung die Notwendigkeit der Primärregelung,
wie sie durch den Betrieb der großen Kernkraftwerksblöcke in
Deutschland gegeben war, für die Stabilität des deutschen Stromnetzes, und ist
nach Ansicht der Bundesregierung Primärregelung in ausreichendem
Maße vorhanden (bitte ggf. für die verschiedenen Netzbetreiber separat
beantworten)?
16. Welchen Umfang an Primärregelung gibt es derzeit im deutschen
Stromnetz (bitte ggf. für die verschiedenen Netzbetreiber separat beantworten)?
17. Welche konkreten Schritte unternimmt die Bundesregierung, um
sicherzustellen, dass auch bei sinkender Anzahl konventioneller Kraftwerke
Primärregelung in ausreichendem Maß gewährleistet ist?
18. Hat sich die Bundesregierung zu Ansätzen, mit Großbatteriesystemen
fehlende Primärregelung im Netz zu kompensieren, eine eigene Auffassung
gebildet, und wenn ja, wie lautet diese?
19. Lassen sich mit der heute großindustriell verfügbaren Technik
Großbatteriesysteme nach Kenntnis der Bundesregierung in ausreichendem Maße
dazu nutzen, Primärregelung wie die, die Kernkraftwerke und große
konventionelle Anlagen in Deutschland zur Verfügung gestellt haben,
verfügbar zu halten?
a) Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?
b) Wenn nein, weshalb nicht?
20. Wie viele Großbatteriesysteme wären nach Einschätzung der
Bundesregierung erforderlich, um die Versorgungssicherheit im deutschen
Stromnetz zu gewährleisten, und was würde es nach Kenntnis der
Bundesregierung kosten, diese Menge an Großbatteriesystemen bereitzustellen?
21. Wie hoch ist die Kapazität der aktuell in Deutschland installierten
Großbatteriesysteme, welcher Zeitraum könnte mit den vorhandenen
Kapazitäten im Falle eines flächendeckenden Stromausfalls überbrückt werden,
und wie hoch schätzt die Bundesregierung den Zeitraum ein, der im
Krisenfall mindestens zu überbrücken wäre?
22. Welchen Zeitraum müsste für den Einsatz der Großbatteriesysteme nach
Kenntnis der Bundesregierung kalkuliert werden, und welche Kosten
kämen auf die Stromverbraucher als Industrie- und Endkunden pro Jahr für
die nächsten 20 Jahre zu?
23. Gibt es weitere Speichertechnologien (vgl. Vorfragen), die die
Bundesregierung als geeignet zur Bereitstellung systemstabilisierender
Leistungen im Stromnetz bewertet, und wenn ja, welche sind dies, und welchen
Beitrag können sie liefern?
24. Teilt die Bundesregierung die Auffassung der Fragesteller, dass durch
wenige große Kraftwerksturbinen ein Stromnetz leichter zu stabilisieren
ist als durch viele tausend kleine einspeisende Anlagen?
25. Sieht die Bundesregierung die Notwendigkeit, netzbetriebliche
Mechanismen einzuführen, um Systemträgheit und Frequenzstabilität bei hoher
Einspeisung leistungselektronisch gekoppelter Erzeuger sicherzustellen
(Stichwort Momentanreserve, vgl. dazu www.netztransparenz.de/de-de/Sy
stemdienstleistungen/Frequenzhaltung/Marktgest%C3%BCtzte-Beschaffu
ng-von-Momentanreserve)?
26. Sieht die Bundesregierung die Notwendigkeit, marktgestützte
Mechanismen einzuführen, um Systemträgheit und Frequenzstabilität bei hoher
Einspeisung leistungselektronisch gekoppelter Erzeuger sicherzustellen
(Stichwort Momentanreserve, vgl. dazu www.netztransparenz.de/de-de/Sy
stemdienstleistungen/Frequenzhaltung/Marktgest%C3%BCtzte-Beschaffu
ng-von-Momentanreserve)?
27. Mit welchen Kosten wäre bei Einführung der vorgenannten Maßnahmen
nach Kenntnis der Bundesregierung insbesondere für Industrie und
Endkunden zu rechnen?
28. Sind für das deutsche Stromsystem nach Kenntnis der Bundesregierung
technische Grenzwerte analog dem irischen „System Non-Synchronous
Penetration“ (SNSP) bekannt (siehe dazu ieeexplore.ieee.org/document/97
70736)?
29. Ließen sich mit Grenzwerten – analog zum SNSP – Betriebsrisiken bei
hoher Umrichterdominanz nach Kenntnis der Bundesregierung
verringern?
30. Inwieweit wird der systemdienstleistungsbezogene Beitrag synchroner
Erzeuger im derzeitigen Marktdesign nach Kenntnis der Bundesregierung
explizit berücksichtigt und vergütet?
31. Sind in Deutschland Reformen im Sinne eines „Trägheitsmarktes“ ähnlich
des Programms DS3 in Irland nach Kenntnis der Bundesregierung geplant
(www.eirgrid.ie/ds3-programme-delivering-secure-sustainable-
electricitysystem, die Abkürzung DS 3 steht für Stromlieferung in einem sicheren
und nachhaltigen System)?
32. Wie wird sich die Belastung des Stromnetzes in Deutschland nach
Kenntnis der Bundesregierung durch Blindleistung entwickeln?
33. Hält die Bundesregierung die von den Netzbetreibern eingesetzten
Maßnahmen zur Bereitstellung der erforderlichen Blindleistung für geeignet
und ausreichend (bitte ggf. für die verschiedenen Netzbetreiber separat
beantworten)?
34. Plant die Bundesregierung Änderungen am Energiewirtschaftsgesetz
(EnWG), an Netzanschlussrichtlinien oder anderen regulatorischen
Vorgaben, um systemrelevante Netzparameter wie Systemträgheit oder
Primärregelung verbindlicher zu regeln?
35. Welche großflächigen Stromausfallszenarien (Blackout-Szenarien) für
Deutschland liegen der Bundesregierung derzeit vor, und welche
Maßnahmen zur Prävention und Resilienz wurden daraus abgeleitet?
36. Welche Reformen des derzeitigen Strommarktdesigns hält die
Bundesregierung für erforderlich, um Trägheit, Frequenzstabilität und andere
Systemdienstleistungen marktbasiert zu vergüten?
37. Hat sich die Bundesregierung mit den Netzstabilitätsstrategien anderer
europäischer Länder, insbesondere Frankreich, Schweiz oder Österreich,
im Vergleich zur deutschen Strategie auseinandergesetzt, und wenn ja,
welche Schlussfolgerungen für ihr eigenes Handeln zieht sie daraus?
38. Welche netztechnischen und wirtschaftlichen Konsequenzen sieht die
Bundesregierung bei einem zunehmenden Anteil an sogenannten
prosumer-basierten Anlagen (z. B. Heimspeicher und PV) für die
Stabilität und Steuerbarkeit des Verteilnetzes?
Berlin, den 18. Juni 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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