Politische und regulatorische Übernahme nicht-robuster öffentlich finanzierter Klimastudien
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Politische und regulatorische Übernahme nicht-robuster öffentlich finanzierter Klimastudien
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7773
21. Wahlperiode 31.08.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Nicole Höchst, Dr. Michael Kaufmann, Adam Balten,
Dr. Christoph Birghan, Dr. Ingo Hahn, Andreas Mayer, Stefan Schröder, René
Bochmann, Robin Jünger, Maximilian Kneller, Sergej Minich, Martin Reichardt,
Dr. Paul Schmidt, Sven Wendorf und der Fraktion der AfD
Politische und regulatorische Übernahme nichtrobuster öffentlich finanzierter
Klimastudie
Im April 2024 veröffentlichten Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für
Klimafolgenforschung (PIK) in der Fachzeitschrift „Nature“ die Studie „The
economic commitment of climate change“ (www.nature.com/articles/s41586-024-
07219-0). Die Autoren dieser Studie kamen zu dem Ergebnis, dass die
Weltwirtschaft unabhängig von künftigen Emissionen bereits zu einem
Einkommensverlust von etwa 19 Prozent bis 2050 verurteilt sei. Die Studie erzielte
erhebliche mediale und politische Aufmerksamkeit und floss unmittelbar in die
Klimaszenarien (Phase V) des Network for Greening the Financial System
(NGFS) ein (www.ngfs.net/en/publications-and-statistics/publications/ngfs-cli
mate-scenarios-central-banks-and-supervisors-phase-v), welche die Grundlage
für globale Stresstests im Finanzsektor bilden.
Im Dezember 2025 zogen die Autoren die Studie zurück (www.nature.com/arti
cles/s41586-025-09726-0), nachdem massive methodische Schwächen und eine
extreme Sensitivität gegenüber fehlerhaften Wirtschaftsdaten eines einzelnen
Landes (Usbekistan) festgestellt wurden. Das NGFS warnte daraufhin vor der
Verwendung der Schadensschätzungen (www.ngfs.net/node/1161414). Aus
Sicht der Fragesteller handelt es sich hierbei nicht um einen isolierten
wissenschaftlichen Irrtum, sondern um ein strukturelles Problem: die sogenannte
asymmetrische Persistenz wissenschaftlicher Aussagen.
Wissenschaftliche Behauptungen entfalten frühzeitig massive politische und
regulatorische Wirkung, während die notwendige wissenschaftliche Korrektur
zeitverzögert und politisch kaum noch wahrnehmbar erfolgt.
Das PIK, das über die Leibniz-Gemeinschaft massiv steuerfinanziert wird
(www.pik-potsdam.de/de/institut/ueber), nimmt hierbei eine Doppelrolle ein:
Es agiert als Forschungsinstitut, tritt jedoch gleichzeitig als politischer Akteur
auf, wie die Eintragung im Lobbyregister des Deutschen Bundestages belegt
(www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R007117). Wenn solche Institutionen
die wissenschaftliche Grundlage für tiefgreifende regulatorische Eingriffe in
die deutsche Wirtschaft (z. B. CO2-Bepreisung, Energiewende, grüne
Investitionsvorgaben) liefern, müssen die Anforderungen an Transparenz und
Robustheit vor einer politischen Umsetzung maximal sein. Andernfalls besteht die
Gefahr, dass eine politisierte Forschung als Vorwand für eine Deindustrialisierung
und die Belastung der Bürger durch überhöhte Energie- und Kapitalkosten
dient.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. In welcher Höhe hat der Bund das Potsdam-Institut (PIK) in den Jahren
2015 bis 2025 finanziert (bitte nach Grundfinanzierung und sonstigen
Bundesmitteln aufschlüsseln)?
2. Welche finanziellen Mittel sind für das Haushaltsjahr 2026 für das PIK
derzeit veranschlagt bzw. projektiert?
3. Hat das PIK nach Kenntnis der Bundesregierung im genannten Zeitraum
Drittmittel eingeworben, und wenn ja, welche (bitte nach EU, Stiftungen
und privaten Gebern aufschlüsseln)?
4. Stellt die Bundesregierung bei der Vergabe von Forschungsmitteln sicher,
dass auch Forschungsvorhaben gefördert werden, die klimapolitische
Grundannahmen des PIK kritisch hinterfragen, um wissenschaftliche
Pluralität zu gewährleisten, und wenn ja, inwieweit?
5. Haben konkrete Finanzierungsquellen des Bundes (Projektförderung oder
Grundfinanzierung) die Erstellung der (zurückgezogenen) Studie „The
economic commitment of climate change“ ermöglicht, und wenn ja,
welche?
6. Wie viele Wissenschaftler des PIK waren in den letzten zehn Jahren in
beratender Funktion (Beiräte, Gutachten) für Bundesministerien tätig?
7. Welche Mechanismen nutzt die Bundesregierung gegebenenfalls, um
sicherzustellen, dass methodische Unsicherheiten in der Politikberatung
durch das PIK explizit kommuniziert werden, bevor diese in
Gesetzentwürfe einfließen?
8. Sieht die Bundesregierung angesichts der Retraktion dieser
einflussreichen Studie Handlungsbedarf, die Qualitätsstandards für öffentlich
geförderte Forschung, die als Grundlage für die Technologiepolitik dient, zu
verschärfen (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
9. In welchem Umfang haben Forschungsergebnisse des PIK in den letzten
zehn Jahren die Strategien der Bundesregierung zur Energiewende, zur
CO2-Bepreisung und zur Wasserstoffstrategie beeinflusst?
10. Hat sich die Bundesregierung mit der Frage des Risikos
auseinandergesetzt, dass durch methodisch falsche Schadensprognosen
unverhältnismäßige regulatorische Lasten für die deutsche Industrie entstanden sind (z. B.
durch verschärfte Kapitalanforderungen für Banken aufgrund von NGFS-
Szenarien), und wie hat sie sich gegebenenfalls dazu positioniert?
11. Welche konkreten Konsequenzen hat die Bundesregierung aus der
Warnung des NGFS (www.ngfs.net/node/1161414 und www.ngfs.net/en/publi
cations-and-statistics/publications/ngfs-climate-scenarios-central-banks-an
d-supervisors-phase-v) bezüglich der fehlerhaften Studie für ihre eigene
Nutzung dieser Szenarien gezogen?
12. Liegen der Bundesregierung Schätzungen vor, welche Kosten für die
deutsche Wirtschaft durch Fehlallokationen von Kapital entstanden sind,
die auf den nunmehr zurückgezogenen Schadensprojektionen basieren,
und wenn nein, warum wird die ökonomische Belastung durch fehlerhafte
wissenschaftliche Grundlagen nicht systematisch evaluiert?
13. Hat sich die Bundesregierung mit der Frage auseinandergesetzt, ob die
vorzeitige politische Übernahme nichtrobuster Klimastudien die
internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland gefährden könnte,
und wenn ja, zu welchen Ergebnissen ist sie dabei gekommen?
14. Welche Verfahren existieren innerhalb der Bundesregierung
gegebenenfalls, um nach einer Studienretraktion systematisch zu prüfen, welche
politischen Entscheidungen auf dieser Grundlage getroffen wurden?
15. Hat sich die Bundesregierung mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein
potenzieller Interessenkonflikt darin bestehen könnte, dass das PIK als
öffentlich finanzierte Forschungseinrichtung gleichzeitig im Lobbyregister
des Deutschen Bundestages geführt wird, und zu welcher Einschätzung ist
sie dabei gegebenenfalls gekommen?
16. Mittels welcher Governance-Regeln sichert die Bundesregierung die
Trennung zwischen wissenschaftlicher Analyse und politischer
Interessenvertretung, und plant sie, diese Regeln gegebenenfalls noch zu erweitern?
17. Plant die Bundesregierung, künftig bei wissenschaftlichen Arbeiten mit
erheblicher regulatorischer Tragweite eine verpflichtende unabhängige
Reproduzierbarkeitsprüfung einzufordern, bevor diese in staatliche
Strategien einfließen?
18. Liegen der Bundesregierung Informationen darüber vor, wie viele
wissenschaftliche Veröffentlichungen der Leibniz-Gemeinschaft im Bereich
Klima bzw. Energie seit 2015 zurückgezogen oder wesentlich korrigiert
wurden (wenn ja, bitte diese nach Jahr aufschlüsseln)?
19. In wie vielen dieser möglichen in Frage 18 erfragten Fälle waren die
betreffenden Studien zuvor Gegenstand von Berichterstattungen in
Ressortunterlagen oder politischen Entscheidungsprozessen der
Bundesregierung?
20. Existiert ein standardisierter Informationsfluss zwischen den
Forschungsorganisationen und den Bundesministerien für den Fall von Retraktionen
politisch relevanter Studien?
Berlin, den 26. August 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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