Rede von Dr. Anja Reinalter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 36: Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,.
Text
Rede von Dr. Anja Reinalter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Wir sprechen über das SCQEG, das
Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz. Der Titel ist neu
und ein bisschen sperrig, das Problem leider nicht.
PISA zeigt: Fast jeder 15-Jährige erreicht beim Lesen
und in Mathe nicht mal mehr das Mindestniveau – jeder
Dritte! Das muss man sich mal vorstellen.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Wo kommen die
her, die Kinder, eigentlich?)
Und PISA zeigt noch etwas: In Deutschland hängen die
Bildungschancen von Kindern immer noch zu stark vom
Elternhaus ab. Das ist fatal, und das ist kein Naturgesetz.
Während andere Länder es schaffen, die Ungleichheiten
zu verringern, nehmen sie bei uns zu. So kann das doch
nicht bleiben.
Dabei ist ziemlich klar, wo wir ansetzen müssen,
nämlich genau da, wo die Herausforderungen wirklich am
größten sind. Genau das macht übrigens das
Startchancen-Programm, das wir gemeinsam als Ampel auf den
Weg gebracht haben. Das ist wirklich eine super Sache.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
– Da dürft ihr klatschen; ihr wart dabei. – Diese Logik
brauchen wir natürlich auch für Kitas. Das unterstützen
wir auf jeden Fall.
Außerdem brauchen wir eine bessere Nutzung von
Bildungsdaten. Denn Bildungspolitik darf einfach nicht
länger im Blindflug stattfinden. Wir müssen doch genau
wissen, wo Unterstützung nötig ist und ob das, was wir
tun, auch wirklich bei den Kindern und Jugendlichen
ankommt. Darum haben wir heute einen Antrag zu einer
besseren datengestützten Bildungsentwicklung
eingebracht. Und ja, wir haben Ihnen da wirklich die Arbeit
abgenommen. Sie können da gerne einfach zustimmen.
Der Antrag ist super.
Aber noch mal zum SCQEG: Verbindliche
Sprachtests, Entwicklungsstandserhebungen, individuelle
Förderung und zusätzliche Unterstützung für Kitas in
herausfordernden Lagen, all das unterstützen wir ausdrücklich.
Das könnte also ein richtig gutes Gesetz werden. Aber all
das droht zu verpuffen, weil die Finanzierung hinten und
vorne nicht stimmt. Sie wollen bundesweite Standards,
aber weniger bezahlen. Denn Sie planen, die
Bundesmittel perspektivisch zu halbieren. Und ab 2035 soll sich der
Bund aus der Finanzierung ganz rausschleichen. Sie
wollen also mehr haben und weniger bezahlen. Wo gibt es
denn so was? Dabei sollte klar sein: Wer bestellt, bezahlt.
Und natürlich gilt das auch für bundesweite
Bildungsstandards.
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
Bundeskanzler Merz hat genau an dieser Stelle in der Generaldebatte
eine „große Kraftanstrengung“ für bessere Bildung
angekündigt. Jetzt liegt der erste Gesetzentwurf für Bildung
auf dem Tisch. Und ich frage mich ernsthaft: Ist das Ihre
Antwort auf PISA? Ist das Ihre Antwort auf die
Bildungskrise? Ist es Ihre Vorstellung von einer großen
Kraftanstrengung, die Mittel für die frühkindliche Bildung zu
halbieren? Dann haben wir wirklich sehr unterschiedliche
Vorstellungen von einer großen Kraftanstrengung.
Am Ende ist es eine Frage von politischen Prioritäten.
Sie sind nicht bereit, Steuerlücken zu schließen – das
haben wir gestern gesehen –, und für einen verpuffenden
Tankrabatt verzichten Sie auf 2,5 Milliarden Euro; aber
bei den Kleinsten, da sparen Sie. Finden Sie das gerecht?
Sie wissen sicher: Früh in Bildung zu investieren, ist
die beste Investition in die Zukunft. Das hat uns schon
Nobelpreisträger Heckman vorgerechnet: Ein Dollar, der
in die frühkindliche Bildung oder in Kinder, die
benachteiligt sind, investiert wird, zahlt sich für die Gesellschaft
bis zu siebenfach aus. Aus eins wird sieben. Was ist das
für eine Rendite? Und ausgerechnet hier wollen Sie
sparen? Das ist nicht klug.
Frau Ministerin, nach allem, was wir hören, sind auch
die Länder von Ihren Finanzierungsplänen nicht
begeistert. Deshalb sind wir ziemlich sicher: So wie dieses
Gesetz heute zur Beratung in die Ausschüsse geht, wird
es wahrscheinlich nicht wieder rauskommen. Wir freuen
uns auf die Beratungen.
Vielen Dank.
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Maßnahmen für eine wirkliche Migrationswende
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