Fossile Profite finanziell heranziehen - Weltklimakonferenz als Unabhängigkeitsmotor nutzen
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Fossile Profite finanziell heranziehen - Weltklimakonferenz als Unabhängigkeitsmotor nutzen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8580
21. Wahlperiode 16.10.2026
Antrag
der Abgeordneten Lisa Badum, Dr. Jan-Niclas Gesenhues, Dr. Alaa Alhamwi,
Karl Bär, Deborah Düring, Harald Ebner, Schahina Gambir, Julian Joswig,
Kirsten Kappert-Gonther, Michael Kellner, Swantje Henrike Michaelsen, Dr.
Ophelia Nick, Dr. Konstantin von Notz, Marlene Schönberger, Claudia Roth,
Johannes Wagner, Tina Winklmann und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN
Fossile Profite finanziell heranziehen – Weltklimakonferenz als
Unabhängigkeitsmotor nutzen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die 31. Weltklimakonferenz (COP31) im November 2026 im türkischen Antalya
findet unter nie dagewesenen Vorzeichen statt: Weltweit haben die Blockaden der
Straßen von Hormus und Bab al-Mandab die Preise für Öl, Gas und
Mineraldünger – und wegen ihrer oligopolistischen Marktstruktur auch die Profite der
Ölkonzerne1 – in die Höhe getrieben und eine neue fossile Energiekrise ausgelöst. In
Deutschland und Europa hat der verheerende Hitzesommer zudem die physischen
Grenzen unserer Infrastruktur sowie die drastischen gesundheitlichen Folgen der
Klimakrise schonungslos offengelegt und das erhoffte Wirtschaftswachstum
vernichtet. Zehntausende Hitzetote, katastrophale Waldbrände, ausgetrocknete
Flüsse, existenzgefährdende Ernteeinbußen, abgeschaltete Atomkraftwerke,
lange Unterbrechungen in der industriellen Produktion und im internationalen
Warenverkehr – wir sind in der Realität der Erderhitzung angekommen.
Die Klimakrise verschärft Ungleichheiten, Gewaltkonflikte, humanitäre Krisen,
Ernährungsunsicherheit2, psychische Belastungen und Vertreibung, was nicht nur
in Kontexten fragiler Staatlichkeit brandgefährlich ist; so stuft der
Bundesnachrichtendienst die Klimakrise als eine der größten Bedrohungen für Deutschlands
Innere Sicherheit ein.3 All diese Brandherde zeigen: Fossile Brennstoffe sind nicht
nur die Hauptursache der Erderhitzung, sondern auch ein unberechenbares
Sicherheitsrisiko, ein Inflationstreiber und ein Instrument wirtschaftlicher und
politischer Erpressung. Doch anstatt aus unserer fatalen Abhängigkeit von Kohle, Öl
und Gas auszubrechen, setzt die schwarz-rote Bundesregierung unter Friedrich
Merz und Lars Klingbeil auf den weiteren Ausbau fossiler Strukturen – von Lie-
1 https://taz.de/Profite-verdoppelt/!6199682/
2 https://www.fao.org/agrifood-economics/publications/detail/en/c/1740904/
3 https://metis.unibw.de/de/nike/
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orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
ferverträgen über Infrastruktur bis hin zu Subventionen. Diese
rückwärtsgewandte Politik zementiert den Status Quo, verbrennt Milliarden an
Haushaltsmitteln und verspielt Deutschlands Rolle als grüne Technologieführerin.
Die COP31 bietet die Chance, das Ruder herumzureißen und das fossile Zeitalter
endgültig hinter uns zu lassen. Erneuerbare Energien wie Wind und Solar müssen
in Antalya als das anerkannt werden, was sie sind: ein Garant für Freiheit und
Unabhängigkeit, ein multilaterales Friedensprojekt und der effektivste Schutz vor
explodierenden Energiekosten für Industrie, Landwirtschaft, Handwerk und
Haushalte. Dem Vorschlag Spaniens4 folgend können wir fossile Profite EU-weit
mit einer gerechten Abgabe belegen und gemeinsam mit unseren internationalen
Partnern ein global vernetztes, grünes Energiesystem schaffen, von dem wir alle
profitieren. Die Zeit ist reif.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. den spanischen Vorschlag für eine neue, europäische Klimaresilienz-
Abgabe auf Profite von Öl- und Gaskonzernen auf EU-Ebene proaktiv zu
unterstützen, um damit die steigenden Kosten der Erderhitzung und
Klimaanpassung nach dem Verursacherprinzip sozial gerecht zu
finanzieren;
2. den neuen deutschen Fahrplan zum Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas bis
2045 („TAFF-Roadmap“) zügig umzusetzen, keine weiteren
Langfristverträge für zusätzliches Fracking-Gas zuzulassen und die Genehmigung
neuer fossiler Infrastruktur in Deutschland mit sofortiger Wirkung zu
stoppen;
3. Technologie-Entschlossenheit zu beweisen, indem sie den massiven
Ausbau erneuerbarer Energien, des Stromnetzes und von Flexibilitäten
priorisiert, um unsere Versorgungssicherheit und politische
Unabhängigkeit nachhaltig zu gewährleisten, die Stabilität Europas und die nationale
Sicherheit Deutschlands zu schützen und die deutsche und europäische
Wirtschaft durch Investitionen in heimische Zukunftstechnologien
wieder anzukurbeln;
4. alle Rückschritte und Verwässerungen der nationalen und europäischen
Klimapolitik sofort zu beenden und das Klimaschutzprogramm 2026
gemäß den Empfehlungen des Expertenrats für Klimafragen neu
aufzusetzen;
5. sich für ein europäisches Elektrifizierungsziel von mindestens 60 Prozent
bis 2040 einzusetzen, um fossile Importe um zwei Drittel zu reduzieren
und damit jährlich Milliarden Euro an Importkosten für Öl und Gas zu
sparen und unsere Wettbewerbsfähigkeit, industrielle Transformation
und Energieunabhängigkeit deutlich zu stärken;
6. im Sinne einer „Klima-Notbremse“ die weltweite Reduktion besonders
klimaschädlicher Methan-Emissionen voranzutreiben, insbesondere
durch eine zügige nationale Umsetzung der EU-Methan-Verordnung
sowie wirksamer Sofortmaßnahmen in der Abfall- und Landwirtschaft;
7. keine neuen klima- oder umweltschädlichen Subventionen einzuführen,
der von den Niederlanden und den Marshall Islands angeführten
„Coalition on Phasing Out Fossil Fuel Incentives Including Subsidies“
beizutreten und umgehend einen Plan für die schrittweise und sozial gerechte
4 https://www.miteco.gob.es/content/dam/miteco/es/prensa/Spain_Non-paper_Climate_Resilience_Frame-
work.pdf
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ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Abschaffung bestehender klima- und umweltschädlicher Subventionen
aufzustellen, um unseren internationalen Zusagen gerecht zu werden;
8. die deutschen Verpflichtungen zur internationalen Klima- und
Biodiversitätsfinanzierung nach den massiven Kürzungen von 20255 wieder
einzuhalten und auszuweiten, indem sie:
a. die im Bundeshaushaltsentwurf vorgesehenen Kürzungen
zurücknimmt und die Zusage von mindestens 6 Milliarden Euro
aus Haushaltsmitteln für die internationale Klimafinanzierung
und 1,5 Milliarden Euro für die internationale
Biodiversitätsfinanzierung für 2026 und 2027 vollständig erfüllt,
b. eine jahresscharfe Roadmap zur schrittweisen Verdreifachung
der internationalen Klimafinanzierung bis 2035 gemäß COP29-
Beschluss6 und IGH-Rechtsgutachten zum Klimaschutz7 vorlegt
und
c. diese Mittel zusätzlich zur Entwicklungsfinanzierung
bereitstellt;
9. innovative Finanzierungsquellen für den globalen Klimaschutz nach dem
Verursacherprinzip zu erschließen, etwa durch eine progressive
Ergänzung der Luftverkehrsteuer spezifisch auf Privatjetflüge und Premium-
Flugtickets und eine emissionsbasierte internationale Schifffahrtsabgabe
für die Klimatransformation des Schiffsverkehrs im Rahmen der
Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO);
10. den Fonds für Verluste und Schäden („Fund for Responding to Loss and
Damage“) handlungsfähig zu machen, indem sie dem Fonds weitere
signifikante Haushaltsmittel zur Verfügung stellt und sich für eine schnelle
erste Auszahlung sowie vereinfachten Zugang einsetzt, die auch
klimabedingte Ernteausfälle abdeckt und besonders betroffene kleinbäuerliche
Betriebe erreicht;
11. Klimaklauseln in allen internationalen Finanzierungsinstrumenten zu
standardisieren, damit bei klimabedingten Extremwetterereignissen
Zins- und Tilgungszahlungen ausgesetzt und Kreditlaufzeiten gestreckt
werden können, und sich gegenüber hochverschuldeten Ländern des
Globalen Südens für Schuldenumwandlungen zugunsten von
Klimafinanzierung (sogenannte „Debt-to-Climate-Swaps“) einzusetzen, und dabei
Mitteln für Ernährungssicherheit und klimaresiliente Landwirtschaft
Vorrang vor Schuldendienst einzuräumen;
12. Ernährungssicherheit und die Transformation des Agrar- und
Ernährungssystems hin zu Klimaresilienz und Souveränität bei allen COP-
Entscheidungen und als Teil der Action Agenda zentral mitzudenken und zu
adressieren, hierbei insbesondere die Abhängigkeit von Landwirtinnen
und Landwirten von fossilen Inputs wie Düngemitteln, Treibstoffen,
Pestiziden, aber auch Saatgut-Patenten zu verringern, und sich dafür
einzusetzen, das Sharm El-Sheikh Joint Work (SJWA)-Arbeitsprogramm,
dessen Mandat bei der COP31 endet, durch ein stark mandatiertes Folgepro-
5 https://www.bundesumweltministerium.de/pressemitteilung/internationale-klimafinanzierung-2025-
starke-mobilisierung-oeffentlicher-und-privater-mittel-fuer-den-globalen-sueden
6 https://unfccc.int/news/cop29-un-climate-conference-agrees-to-triple-finance-to-developing-countrie
sprotecting-lives-and
7 https://www.icj-cij.org/sites/default/files/case-related/187/187-20250723-adv-01-00-en.pdf
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gramm fortzuführen oder die Stärkung klimaresilienter
agrarökologischer Ernährungssysteme an anderer Stelle prominent in der COP-
Architektur zu verankern;
13. den Schutz und die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme
konsequent zu fördern, wobei Investitionen in natürlichen Klimaschutz
zusätzlich zu und nicht anstelle von Emissionsreduktionen erfolgen müssen,
und bei Projekten unter Artikel 6 des Pariser Abkommens sowie der
Nutzung von Negativemissionstechnologien strenge Standards für
Menschenrechte, Dauerhaftigkeit, Additionalität und ökologische Integrität
einzuhalten;
14. sich unmissverständlich hinter den neuen Regenwaldfonds „Tropical
Forest Forever Facility“ (TFFF) zu stellen, bei dessen weiterer
Ausgestaltung eine Führungsrolle einzunehmen, den deutschen TFFF-Beitrag
zusätzlich zur bestehenden Klimafinanzierung zu verdoppeln, hohe
ökologische und menschenrechtliche Schutzstandards im Fonds-Design zu
verankern sowie weitere Geber zu Einzahlungen zu bewegen;
15. die engere Verzahnung der Biodiversitäts-, Desertifikations- und Klima-
Rahmenkonventionen voranzutreiben und dazu in der Rio Synergies
Group for Action8 mitzuwirken, naturbasierte Lösungen in
Klimaanpassungs- und Landnutzungsprogramme zu integrieren sowie das in
Beschluss CBD/COP/DEC/16/22 angedachte gemeinsame
Arbeitsprogramm der Rio-Konventionen und gemeinsame Berichts- und
Implementierungsmodelle anzukurbeln;
16. Klima-, Biodiversitäts- und Energiepartnerschaften auszubauen,
besonders mit Ländern des Globalen Südens, und dabei die Wahrung der
Menschenrechte, die Förderung lokaler Wertschöpfung und die Beteiligung
indigener und lokaler Gemeinschaften gemäß des sogenannten „Free
prior and informed consent“-Prinzips sicherzustellen;
17. die zunehmende klimabedingte Vertreibung als zentrale
Herausforderung anzuerkennen, Betroffene besser zu schützen, ihnen sichere und
selbstbestimmte Perspektiven zu eröffnen und internationale
Klimafinanzierung so auszurichten, dass sie gezielt auch Geflüchteten,
Binnenvertriebenen und Aufnahmegemeinschaften zugutekommt, und dabei
Frühwarnsysteme, Resilienzförderung und Anpassungsmaßnahmen in
besonders gefährdeten Regionen gezielt zu fördern;
18. die Gesundheitsagenda der COP31-Präsidentschaft („Dynamic and
Resilient Health Systems“) aktiv zu unterstützen, sich dafür einzusetzen, dass
Gesundheit über die Gesundheitsversorgung hinaus und in Verbindung
mit den weiteren Themen der Aktionsagenda mitgedacht wird und
klimaresiliente und klimaneutrale Gesundheitssysteme – insbesondere
Hitzeaktionspläne, Frühwarnsysteme und die Resilienz kritischer
Gesundheitsinfrastruktur – fester Bestandteil von Anpassungsplanung und
internationaler Klimafinanzierung werden, einschließlich des Schutzes der
psychischen Gesundheit, sowie Fortschritte bei den Belém-
Anpassungsindikatoren, einschließlich der Gesundheitsindikatoren, zu unterstützen;
19. sich weltweit für den Schutz von indigenen Menschenrechts-, Umwelt-
und Klimaverteidiger*innen sowie zivilgesellschaftlichen Akteur*innen
8 https://g20land.org/high-level-dialogue-proposes-a-rio-synergies-action-group-to-advance-rio-conven-
tion-synergies/
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orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
einzusetzen, die Lebensräume lokaler und indigener Bevölkerung zu
sichern und ihr Wissen, Kulturgüter, Praktiken und Sprachen in
internationalen Klimaschutzprogrammen gezielt zu fördern;
20. die Rechte der Zivilgesellschaft und vulnerabler Gruppen zu stärken,
indem sie sich gegenüber dem UNFCCC-Sekretariat sowie der türkischen
Regierung für eine priorisierte Visavergabe für strukturell benachteiligte
Gruppen, für eine freie und sichere Teilnahme der Zivilgesellschaft
angesichts der angespannten Menschenrechtslage in der Türkei sowie die
verbindliche Beteiligung von Frauen, indigenen Gemeinschaften,
Kindern und Jugendlichen an den Klimaverhandlungen einsetzt, um
menschenrechtsbasierte und geschlechtergerechte Perspektiven zu stärken;
21. sich auf UNFCCC-Ebene für eine Reform des Einstimmigkeitsprinzips
einzusetzen und bei anhaltenden Blockaden Mehrheitsentscheidungen zu
ermöglichen, damit einzelne Staaten den dringend notwendigen globalen
Fortschritt beim Klimaschutz nicht durch fossile Vetos einseitig
blockieren können;
22. Wirtschaftsvertreter*innen mit fossilen Profitinteressen und
Unternehmen ohne glaubhaften Transformationsplan für das Klimaneutralitätsziel
vom Deutschen Pavillon auf der COP31 auszuschließen, sich dafür
einzusetzen, Öl- und Gaskonzerne dauerhaft von den UN-
Klimaverhandlungen und aus dem Weltklimarat IPCC zu verbannen und den „Integrity
Pledge“ von Transparency International9 zu unterstützen;
23. die Rolle des Sports für Klimaschutz und -anpassung deutlich zu stärken,
sich im Rahmen der Klimarahmenkonvention UNFCCC für eine
ambitionierte Weiterentwicklung und stärkere Verankerung der Initiative
„Sports for Climate Action“ einzusetzen und darauf hinzuwirken, dass
Sportorganisationen, Verbände und Veranstalter weltweit verbindliche
Transformationspfade zur deutlichen Senkung ihrer
Treibhausgasemissionen entwickeln, Sportstätten, den Sportbetrieb und insbesondere
Sportgroßveranstaltungen klimaresilient ausrichten und die besondere
gesellschaftliche Reichweite des Sports zur Mobilisierung nutzen.
Berlin, den 13. Oktober 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
9 https://www.transparency.org/en/press/cop30-talks-at-risk-transparency-international-calls-for-glob
alpledge-to-block-fossil-fuel-influence
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