Klimapolitik an den Belastungsgrenzen unseres Planeten ausrichten
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Klimapolitik an den Belastungsgrenzen unseres Planeten ausrichten
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5891
21. Wahlperiode 11.05.2026
Antrag
der Abgeordneten Dr. Fabian Fahl, Luigi Pantisano, Marcel Bauer, Lorenz
Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit Bosch, Katalin Gennburg, Mareike
Hermeier, Ina Latendorf, Caren Lay, Sahra Mirow, David Schliesing, Sascha
Wagner und der Fraktion Die Linke
Klimapolitik an den Belastungsgrenzen unseres Planeten ausrichten
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Umwelt hat biophysikalische Grenzen. Funktionierende Ökosysteme sind
Voraussetzung für menschliches Leben, die Nutzung von Boden und Wasser ist ebenfalls nur
begrenzt möglich. Die Wissenschaft spricht von planetaren Grenzen und hat dafür
neun Kontrollvariablen als Grenzwerte eingeführt, um die Widerstandsfähigkeit
messbar zu machen. Außerhalb dieser Grenzen kann der Erhalt für den Menschen
lebenswichtiger Funktionen nicht garantiert werden. Die bekannteste Grenze ist der CO2-
Gehalt in der Atmosphäre als Indikator des menschengemachten Klimawandels
(Rockström et al. 2009; Richardson, K. et al. 2023).12 Wir verlassen den Bereich der
CO2-Konzentration, der menschliches Leben und Landwirtschaft ermöglicht hat. Die
aktuelle Politik führt mindestens zu einer Erderwärmung von knapp unter 3 °C (IPCC
2023).3 Zwischen völkerrechtlich verbindlichen Zielen und deren Umsetzung klafft
eine Lücke (UNEP 2025),4 auch in Deutschland (Expertenrat für Klima 2025, UBA
2025).5, 6 Das Klimaschutzgesetz der Ampelkoalition wurde als teils
verfassungswidrig eingestuft (Bundesverfassungsgericht 2021).7
Es ist rasches Handeln geboten, um selbstverstärkende Rückkopplungen im Erdsystem
zu verhindern.8
Etwa 3 °C globale Erwärmung würde die Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaft
überfordern (Deutsche Meteorologische Gesellschaft und Deutsche Physikalische
1 Röckstrom, J. et al. 2009. Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity.
Ecology and Society 14(2):3.
2 Richardson, K. et al. 2023. Earth beyond six of nine planetary boundaries, Environmental Studies 9 (37).
3 IPCC 2023. Climate Change 2023. Synthesis Report.
4 UNEP 2025. Off target. Continued collective inaction puts global temperature goal at risk. Emissions Gap
Report.
5 Expertenrat für Klimafragen 2025. Prüfbericht zur Berechnung der deutschen Treibhausgasemissionen für
das Jahr 2024 und zu den Projektionsdaten 2025.
6 UBA 2023. Projektionsbericht 2023 für Deutschland.
7 Bundesverfassungsgericht 2021. Verfassungsbeschwerden gegen das Klimaschutzgesetz teilweise
erfolgreich, Pressemitteilung Nr. 31/2021 (29.4.2021).
8 Steffen, W. et al. 2018. Trajectories of the Earth System in the Anthropocene. PNAS 115(33): 8252–8259.
Gesellschaft 2021; Weigandt et al. 2024).9, 10 In Deutschland bisher noch nie gesehene
Hitzeextreme mit entsprechend steigender Zahl an Toten (Wang et al. 2024),11
extremer Regen, Ernteausfälle, zusammenbrechende Lieferketten und
Ernährungsunsicherheit mit einer zunehmend unmöglich werdenden Landwirtschaft wären die Folge und
bedeuten weltweit nicht nur zunehmende Konflikte um Ressourcen, sondern auch eine
Milliarde Menschen auf der Flucht (Kemp et al. 2021; Tchonkouang, Onyeaka, and
Nkoutchou 2024; Deutscher Bundestag 2019).12, 13, 14 Hinzu kommen
Gesundheitsgefahren und sich ausbreitende Krankheiten (IPCC 2022)15 sowie ein Rückgang des BIP
in Größenordnungen weit jenseits bisheriger Wirtschaftskrisen (UNEP 2025).16 Vor
diesem Hintergrund ist auch die Schwächung staatlicher Handlungsfähigkeit und eine
Zunahme autoritärer Tendenzen zu erwarten.
Die Entwicklungen der Klimakrise überholen jedes Szenario, auch, da den aktuellen
Analysen des Weltklimarats (IPCC) mindestens teilweise die Berücksichtigung von
Wechselwirkungen zwischen Kipppunkten sowie Unsicherheiten bei
Wolkenfeedbacks (Beeinflussung der Strahlungsbilanz) fehlt. Außerdem führen dynamische
Prozesse in der oberen Ozeanschichtung, das Phänomen La Niña/El Niño und der Grad
der Luftverschmutzung dazu, dass die aktuelle Erwärmung schneller erfolgt als viele
Modellprojektionen das erwarten. Nicht zuletzt wird von der Verfügbarkeit
bestimmter zweifelhafter Technologien wie Carbon Capture and Storage (CCS) ausgegangen.
Vor diesem Hintergrund muss festgestellt werden: Jeder Euro, der heute in
Klimaschutz investiert wird, vermeidet künftig ein Vielfaches an Kosten für Klimaschäden,
Anpassungsmaßnahmen und den Verlust wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit (DIW
2025).17 Präventiver Klimaschutz ist damit nicht nur ökologisch, sondern auch
ökonomisch notwendig. Klimaschutz reduziert Risiken, schafft Planungssicherheit und
sichert langfristig Wohlstand.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. weitere Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen und, soweit notwendig,
Gesetzentwürfe vorzulegen, um die Klimaziele auch nach 2030 zu erreichen und Akzeptanz
für Klimaschutz sicherzustellen, darunter
a) im Bereich Mobilität: das 9-Euro-Ticket und die Mobilitätsgarantie
einzuführen und ein allgemeines Tempolimit mit einer Höchstgeschwindigkeit
von 120 km/h auf deutschen Autobahnen einzuführen;
b) bei der Energieversorgung: erneuerbare Energien konsequent auszubauen
und Übertragungsnetze (Strom) in öffentliches Eigentum zu überführen; den
weiteren Ausbau von LNG-Infrastruktur unverzüglich zu beenden und keine
öffentlichen Mittel mehr für LNG-Infrastrukturprojekte bereitzustellen;
9 Deutsche Meteorologische Gesellschaft und Deutsche Physikalische Gesellschaft 2021: Globale
Erwärmung beschleunigt sich. Ein Aufruf zu entschlossenem Handeln.
10 Wiegandt, K. (ed.). 2024. 3 Degrees More: The Impending Hot Season and how Nature Can Help Us
Prevent it. Springer Nature.
11 Wang, J. et al. 2024. "High-resolution modeling and projection of heat-related mortality in Germany under
climate change." Communications Medicine 4.1: 206.
12 Kemp, L. et al. 2021. Climate Endgame: Exploring catastrophic climate change scenarios, PNAS 119(34).
13 Tchonkouang, R. D., Onyeaka, H., and Nkoutchou, H. 2024. Assessing the vulnerability of food supply
chains to climate change-induced disruptions. Science of the Total Environment 920: 171047.
14 Deutscher Bundestag 2019. Wechselwirkungen von Klima, Ressourcen und Konflikten.
15 IPCC 2022. Climate Change 2022. Impacts, Adaption and Vulnerability.
16 UNEP 2025. Global Environment Outlook 7: A future we choose – Why investing in Earth now can lead to
a trillion-dollar benefit for all.
17 DIW 2025. Zwei Jahrzehnte Klimakostenforschung: Präventiver Klimaschutz als volkswirtschaftlicher
Vorteil.
c) im Politikfeld Wohnen und Bauen: den Rahmen für eine soziale kommunale
Wärmewende als Teil der Daseinsvorsorge zu setzen; eine Förderkulisse für
die klimagerechte Sanierung von Gebäuden zu schaffen, planerische
Instrumente so anzupassen, dass sie die Sanierung vor Abriss und Neubau fördern;
sowie klimaschädliches Bauen, das nicht der sozialen und ökologischen
Transformation dient, zu reduzieren, statt durch den „Bauturbo“ sogar noch
zu fördern;
d) für die Industrie: ein Sofortprogramm für die Transformation der
Automobil- und Stahlindustrie aufzulegen; natürlichen Klimaschutz statt technischer
Scheinlösungen wie CCS zu fördern;
e) im Bereich Soziales: ein Klimageld an alle Bürgerinnen und Bürger
auszuzahlen; kostenfreies, klimafreundliches und gesundes Mittagessen in
Schulen und Kitas bereitzustellen und die Empfehlungen des Bürgerrats
„Ernährung im Wandel“ umzusetzen;
f) als Maßnahmen der Anpassung an den Klimawandel: Katastrophenschutz
und Waldbrandbekämpfung auszubauen; eine Elementarschaden-
Pflichtversicherung einzuführen; privates Feuerwerk einzuschränken; und Kommunen
finanziell in die Lage zu versetzen, lokale Anpassungsmaßnahmen
implementieren zu können;
2. künftige Gesetze auf die Vereinbarkeit mit den planetaren Grenzen hin zu prüfen;
3. die Einführung des Ökozids, also der Zerstörung von Ökosystemen, als
Straftatbestand in das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofes zu
unterstützen und darauf hinzuwirken, dass Klimaveränderung als Asylgrund in der
Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt wird;
4. dafür zu sorgen, dass – um globale Ziele zu erreichen – Deutschland weiterhin
Verantwortung für die Internationale Klimafinanzierung übernimmt und
wirtschaftlich weniger entwickelte Staaten in ihren Bemühungen unterstützt, indem
a) ein gerechter Anteil („fair share“) zur Internationalen Klimafinanzierung
geleistet wird;
b) der Zugang zu klimarelevanten Schlüsseltechnologien durch nicht-
exklusive, transparente und erschwingliche Lizenzmodelle erleichtert wird;
c) weiterer Wissenstransfer durch Kooperationen in Wirtschaft und
Wissenschaft ermöglicht wird;
d) das Lieferkettengesetz gestärkt wird;
5. einen Gesetzentwurf vorzulegen, um zur (anteiligen) Finanzierung von
Klimaschutz eine Finanztransaktions- und eine Digitalsteuer für Digitalkonzerne ab
250 Mio. Euro Umsatz in Höhe von mindestens 10 Prozent zu erheben.
Berlin, den 5. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Begründung
Politik muss sich konsequent an den planetaren Grenzen und sozialen Mindeststandards ausrichten. Sieben der
neun planetaren Grenzen sind derzeit überschritten (Klimawandel, Biodiversität, Landnutzung,
Süßwasserkreislauf, Biogeochemische Kreisläufe, Neuartige Substanzen und Ozeanversauerung). Die Bundesregierung und der
Bundestag befinden sich mit ihrer gegenwärtigen Politik und deren Umsetzung weiter außerhalb der planetaren
Grenzen und haben damit den sicheren Handlungsspielraum verlassen. Durch das Überschreiten dieser Grenzen
sind irreversible Schäden am Erdsystem wahrscheinlich, die abrupt und kaskadenartig zu immensen
Umweltveränderungen führen können. Politik muss sich deshalb konsequent der Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele
widmen und zur Rückkehr in sichere Handlungsspielräume innerhalb der planetaren Grenzen führen. Hierzu
wurden dem Bundestag seit Beginn der 21. Legislaturperiode zahlreiche Anträge vorgelegt, deren Umsetzung
sowohl zu sozialer Gerechtigkeit als auch zur Rückkehr in sichere ökologische Fahrwasser beitragen. Siehe
ausführlicher hierzu die Anträge „Mit dem Neun-Euro-Ticket private Haushalte entlasten“ (Bundestagsdrucksache
21/3658) (1a), „Klimageld – Sofort und sozial gerecht“ (Bundestagsdrucksache 21/789) (1b), „Bezahlbar und
erneuerbar – Übertragungsnetze in öffentlicher Hand“ (Bundestagsdrucksache 21/3911) (1c), „Bezahlbar und
erneuerbar – Übertragungsnetze in öffentlicher Hand“ (Bundestagsdrucksache 21/3911) (1c), „Für das Recht auf
Heizen – Bezahlbar und erneuerbar“ (Bundestagsdrucksache 21/3910) (1e, 1g), „Jetzt handeln – Die Zukunft der
Automobilindustrie sozial und ökologisch gestalten“ (Bundestagsdrucksache 21/3715) (1f), „Bauwende jetzt –
Stadtumbau sozial, demokratisch und nachhaltig planen und gestalten“ (Bundestagsdrucksache 21/1753) (1h),
„Kostenfreies, gesundes und leckeres Mittagessen in allen Schulen und Kitas“ (Bundestagsdrucksache 21/3660)
(1i), „Lokale Regeln für privates Feuerwerk“ (Bundestagsdrucksache 21/2909); „Zukunft sichern, Klima
schützen – Naturverträgliche Lösungen vor Verfahren zur CO2-Abscheidung und -Speicherung“
(Bundestagsdrucksache 21/1546) (1k, 5), „Sofortige Entlastung der Bevölkerung wegen des Anstiegs der Energiepreise“
(Bundestagsdrucksache 21/4748) (1l), „Globale Solidarität von Berlin bis Belém – Für das Menschenrecht auf
Klimaschutz – Greenwashing bei der UN-Klimakonferenz verhindern“ (Bundestagsdrucksache 21/2535) (3), „Gutes
Leben für alle – Handlungsfähigkeit der Kommunen wiederherstellen“ (Bundestagsdrucksache 21/4471) (4a),
„Unterstützung des Bundes im Rahmen der Waldbrand- und Vegetationsbrandbekämpfung“
(Bundestagsdrucksache 21/352) (4b), „Finanzielle Belastungen durch Starkregen und Überflutungen gemeinsam tragen –
Bezahlbare und solidarische Versicherungspflicht gegen Elementarschäden jetzt einführen“ (Bundestagsdrucksache
21/5030) (4c), „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz erhalten und verbessern – Umweltstandards,
Menschenrechte und globale Solidarität stärken“ (Bundestagsdrucksache 21/2574) (5d), „Steuergerechtigkeit im digitalen
Zeitalter – Digitalsteuer einführen“ (Bundestagsdrucksache 21/2536) (6). Derartige sozial-ökologische Ansätze
sind geeignet, sowohl effektiv Klimaschutz als auch die Akzeptanz hierfür zu schaffen, um zukünftige Krisen
und Katastrophenereignisse auf ein Minimum zu beschränken.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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