Rede von Detlef Parr (FDP) – Plenarprotokoll 16/166
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Detlef Parr (FDP) – Plenarprotokoll 16/166
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Herr
Minister, herzlichen Dank für Ihr leidenschaftliches
Plädoyer für die Freiheit und die Schönheit des Sports.
Damit sprechen Sie uns Liberalen aus dem Herzen. Hier
haben wir viele Gemeinsamkeiten.
Der Auslöser für die heutige Grundsatzdebatte war
allerdings ein anderer. Monatelang bestimmten
Schlagzeilen über Medikamentenmissbrauch, Gewalt und
Rassismus, Betrug, Leistungsmanipulationen,
Verdächtigungen, Boykottdrohungen und Maulkörbe für Athleten das
öffentliche Bild des Sports, zum Teil sogar aus diesem
Hohen Hause befördert. Durch diese Dominanz der
Katastrophenmeldungen entstand der Eindruck, der Sport
bewege sich am Abgrund, ein Zerrbild, das aber ein
Gutes hat: Wir denken über die gesellschaftliche
Bedeutung des Sports neu nach und stellen seine Strukturen
auf den Prüfstand. Wir erkennen, dass der Sport Teil
eines gesamtgesellschaftlichen Netzes, gleichsam ein
Spiegel des Zustands unserer Gesellschaft ist.
Missstände sind vor dem Hintergrund von 27
Millionen Menschen in 90 000 Vereinen plus unzähliger nicht
organisierter Sporttreibender nicht die Regel, wie
manche Berichterstattung glauben machen will. Sie sind
vielmehr das unbeabsichtigte Ergebnis des
Zusammenwirkens unterschiedlicher Interessen aus
Leistungssport, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Massenmedien
und Publikum. Daraus ergibt sich folgende, etwas
plakativ dargestellte Handlungskette: Das Publikum will
Rekorde, Spannung, Unterhaltung, Brot und Spiele. Die
Medien greifen dieses Bedürfnis auf und berichten
vorzugsweise über die Erfolgreichen. Diese wecken das
Interesse der Wirtschaft, die über Sponsoring den Sport als
attraktives Werbemedium unterstützt. Die Wissenschaft
entwickelt – teilweise am Rande des Erlaubten –
innovative Methoden, um die Athleten zu Höchstleistungen zu
animieren. Die Politik subventioniert den Spitzensport
– wenn wir ehrlich sind – auch, um
Begleitaufmerksamkeit herzustellen und Profil zu gewinnen. Wir müssen
zugeben: All diese Akteure – auch wir – haben ihren
Anteil an der Entstehung der Probleme, an denen ein Teil
des Sports heute leidet. Deshalb müssen wir den Sport
neu denken, müssen wir auch Verantwortung neu und
anders einfordern und uns von den strukturellen
Zwängen so weit wie möglich lösen. Wir dürfen nicht bei
jedem Kritikpunkt gleich „Skandal“ rufen. Ein bisschen
mehr Gelassenheit und Sachlichkeit tun auch dem Sport
gut.
(Beifall bei der FDP)Willi Weyer, der unvergessene Präsident des
ehemaligen Deutschen Sportbundes, hat vor vielen Jahren in
seiner burschikosen Art gesagt: „Sport ohne Leistung ist
Kappes!“ Recht hat er. Aber darf Leistung angesichts der
Entwicklung der Ergebnisse etwa in der Leichtathletik
oder beim Schwimmen immer nur absolut gesehen
werden, mit dem manischen Blick auf die Anzeigentafel und
der Gier nach neuen, absoluten Höchstleistungen? So
können und dürfen wir nicht länger das olympische
Motto „schneller, höher, stärker“ auslegen. Wir
müssen vielmehr Zuschauern, Medien, der Wirtschaft, der
Wissenschaft und auch uns selbst als verantwortlichen
Sportpolitikern klarmachen: Die wachsende Nachfrage
nach immer hochkarätigeren Leistungen hat in vielen
Disziplinen längst ihre Grenzen an den körperlichen und
psychischen Möglichkeiten des Einzelnen erreicht. Wir
alle dürfen keine Beiträge mehr leisten, die dazu führen,
dass Körper und Psyche unserer Athletinnen und
Athleten überfordert werden und zu hohe Erwartungen
entstehen. Die Bedeutung des Wettkampfes muss über dem
Rekordgedanken stehen. Anreize wie Rekordprämien
oder der Einsatz von sogenannten Hasen als
Tempomacher müssen der Vergangenheit angehören. Das gilt
auch für die Einblendungen von Rekordzeiten im
Fernsehen oder ihrer Veröffentlichung in Programmheften.
Wir müssen einen neuen Anfang wagen. Wir müssen uns
auf Werte des Sports zurückbesinnen, die verschüttet
wurden.
Nun zur Sportförderung. Wir als Bundestag sind der
größte Geldgeber des Spitzensports. Im engen
Schulterschluss mit dem DOSB und den Fachverbänden werden
die Mittel leistungsorientiert eingesetzt. Bundeswehr,
Bundespolizei und Zoll geben unseren
Hochleistungssportlern den erforderlichen Rückhalt. Darüber dürfen
wir aber die zweite wesentliche Säule nicht vergessen,
die Herr Minister Schäuble auch angesprochen hat,
nämlich die Sponsoren aus der Wirtschaft. Die
herausragende Bedeutung der Stiftung Deutsche Sporthilfe ist
uns erneut am vergangenen Wochenende bei der
Verleihung der Goldenen Sportpyramide vor Augen geführt
worden. Das Sponsoring muss weiter wachsen. Nicht
nur für den Spitzensport, sondern auch für die kleinen
Vereine ist in Zeiten knapper Kassen die Beteiligung der
privaten Wirtschaft unabdingbar geworden. Die FDP
beobachtet allerdings mit Sorge, dass die Bundesregierung
mit ihrem fatalen Hang zum Aufbau einer
Verbotsrepublik
(Dagmar Freitag [SPD]: Ach du lieber Gott!
Das hat aber lange gedauert!)
Deutschland die Rahmenbedingungen für eine gute
Sportförderung durch die Wirtschaft deutlich
verschlechtern will. Staatliche Überreglementierung, neue
Werbeverbote in den Medien oder im Internet,
Verkaufsverbote und Konsumverbote prägen die aktuelle
Situation, zum Beispiel die Diskussion über Tabak- und
Alkoholprävention oder Ernährungsfragen. Bei allem
Verständnis für einen fürsorgenden Staat: Er darf die
Menschen in ihrem privaten Bereich nicht übermäßig
bevormunden. Aufklärung und Information im Zusam-
Detlef Parrmenwirken mit der Industrie, auch
Selbstverpflichtungen im Bereich des Kinder- und Jugendschutzes führen
zu besseren Ergebnissen und sichern zugleich die
Möglichkeiten des Sponsorings auch als soziale Leistung.
Auch darauf hat der Sportminister hingewiesen.
An die Substanz der Sportförderung geht der neue
Glücksspielstaatsvertrag. Viele Millionen Euro aus
den Erlösen flossen bisher über die Länder in die Vereine
und Verbände. Die Antworten auf erste Anfragen meiner
Landtagskollegen nach Inkrafttreten des Vertrages sind
alarmierend. In Schleswig-Holstein gingen die
Einnahmen aus der Oddset-Sportwette in den ersten vier
Monaten bei der Kombiwette um 40 Prozent und bei der
Topwette um 50 Prozent zurück, in Sachsen um 52 Prozent.
Zusammengerechnet sind das 4,5 Millionen Euro. Im
Lottobereich verzeichnen wir in beiden Ländern
insgesamt 12,5 Millionen Euro Mindereinnahmen, unter
anderem wegen der Restriktionen für gewerbliche
Spielvermittler. Das geschieht in einem Glücksspielbereich,
in dem das Suchtverhalten am unproblematischsten ist,
wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung gestern
noch im Gesundheitsausschuss bestätigt hat.
Wir sind auf dem falschen Weg. Bereits im Februar
2006 hatte eine Kommission „Sportwetten der
Bundesländer“ erstaunliche Erkenntnisse, die die FDP in zwei
Anträgen hier in das Haus eingebracht hat. Sie weist bei
einer möglichen Neuordnung des Rechts der
Sportwetten auf die Erschließung von bislang dem Sport nicht
zugänglicher Wertschöpfung hin. Sie zieht eine
Konzessionierung gewerblicher Anbieter in Erwägung und fordert
– ich zitiere – „bei der Zulassung gleiche Bedingungen
für alle Bewerber, auch für die bisherigen staatlichen
Sportwettanbieter, die sich gegebenenfalls
zusammenschließen könnten, um ein konkurrenzfähiges Angebot
abgeben zu können.“ Ich fordere die Regierungen in
Bund und Ländern auf: Schluss mit dieser Vogel-Strauß-
Politik! Nehmen Sie die Realitäten wahr! Ordnen Sie
europarechtskonform die Sportwetten neu, wie es
Großbritannien, Österreich und Spanien vorgemacht haben
und Frankreich es künftig tun wird.
Dann könnten wir auch anderen wichtigen Bereichen des
Sports, die bisher eher stiefmütterlich behandelt wurden,
wie dem Deutschen Behindertensportverband oder
Special Olympics, der Vereinigung, die für die geistig
Behinderten und ihre Sportmöglichkeiten eintritt, neue
Quellen eröffnen und für eine gesichertere Zukunft
sorgen.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören.
(Beifall bei der FDP sowie des Abg. Manfred
Grund [CDU/CSU])