Rede von Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) – Plenarprotokoll 16/73
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Liebe Kolleginnen
und Kollegen! Ich denke, wenn jemand keine
Zwischenfrage zulässt, dann muss er es sich zumindest gefallen
lassen, dass man in Form einer Kurzintervention
inhaltlich zu dem Stellung nimmt, was hier gesagt wurde. Herr
Kollege Brauksiepe, ich will das zu zwei Punkten tun.
Erstens. Sie sollten sich das, was Herr Minister
Müntefering gesagt hat, wirklich noch einmal vor Augen
führen: Gute Politik fängt damit an, dass man den
Menschen sagt, was ist.
Sie haben wieder nur die Hälfte der Wahrheit gesagt. Die
Hälfte der Wahrheit ist: Die Arbeitslosenzahl in unserem
Land ist im letzten Jahr im Jahresvergleich um
500 000 zurückgegangen. Die andere Hälfte der
Wahrheit ist: Im gleichen Zeitraum sind nur etwa
250 000 neue sozialversicherungspflichtige Stellen
geschaffen worden.
(Klaus Brandner [SPD]: Was ist das für eine
Milchmädchenrechnung! Wir freuen uns über
Selbstständigkeit und Existenzgründungen!
Die Erwerbstätigkeit steigt, Herr Kolb!)
– Ja, Herr Kollege Brandner, das ist ein ganz
entscheidender Punkt, weil die Finanzierungskrise in allen
Bereichen der sozialen Sicherung damit zusammenhängt, dass
wir in den letzten vier Jahren 1,4 Millionen
sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren haben. Ich
freue mich, dass wir jetzt wieder 250 000 Stellen gut
gemacht und etwas Boden gewonnen haben.
(Wolfgang Grotthaus [SPD]: Ihre Freude kommt in
Ihrem Beitrag nicht zum Ausdruck!)
Zur Wahrheit gehört aber, den Menschen auch zu sagen,
dass es keinen Grund zur Entwarnung gibt und dass die
Lage der sozialen Sicherungssysteme weiterhin
angespannt bleibt, wenn wir diese Trendumkehr nicht
wirklich dauerhaft erreichen und verstetigen.
(Beifall bei der FDP – Klaus Brandner [SPD]:
Die Lage der FDP ist ernst, aber noch nicht
hoffnungslos!)
Herr Brauksiepe, Sie hätten auch sagen sollen, dass
sich die Differenz dadurch begründet, dass demografisch
bedingt viel mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt
austreten, als neue hinzukommen. Manche Menschen
verabschieden sich gänzlich aus dem Arbeitsmarkt und
manche gehen einer geförderten selbstständigen
Tätigkeit – Ich-AG – nach. Für uns ist wichtig, dass die
Anzahl der sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigungsverhältnisse relativ gesehen stagniert. Wenn man sich
den Vierjahresvergleich anschaut, dann erkennt man,
dass wir weiterhin deutlich im negativen Trend liegen.
Das Zweite, auf das ich eingehen möchte, sind Ihre
Aussagen zur Position der FDP in Rostock.(Klaus Brandner [SPD]: Sie hatten doch schon
elf Minuten Redezeit!)
In Rostock lag ein Antrag mit dem Titel „Rentenpolitik
fair und generationengerecht gestalten“ vor, der sieben
Punkte enthielt. Davon haben wir sechs beschlossen.
(Dr. Ralf Brauksiepe [CDU/CSU]: Zum
Beispiel?)
– Darauf komme ich noch zurück. – Teilweise waren das
sehr unpopuläre Dinge, nämlich etwa die Abschaffung
des Lebensalters als Kriterium im
Kündigungsschutzgesetz und die sofortige Beendigung von
Frühverrentungsmöglichkeiten. Man muss hier klipp und klar sagen: Das
alles trauen Sie sich ja nicht, obwohl dies wesentliche
Teile der Lösung des Problems sind.
Einen Punkt haben wir offen gelassen, aber nicht
deshalb, weil wir uns dem verweigern wollen, sondern weil
wir mit etwas mehr Zeit nach einer besseren Lösung
suchen wollten. Wenn Sie mir zugehört hätten, dann
wüssten Sie, dass ich gesagt habe, dass die FDP in wenigen
Wochen im Deutschen Bundestag ein Eckpunktepapier
einbringen wird, in dem sehr klar beschrieben ist, wie
man die Erwartungen der Menschen bezüglich des
Übergangs vom Erwerbsleben in den Ruhestand besser
erfüllen kann. Wir kneifen hier nicht, sondern wir werden
Farbe bekennen.
Ich sage Ihnen voraus: Sie werden sich mit dem
Vorschlag, den wir Ihnen präsentieren werden, schwer tun.
Ich freue mich schon heute auf diese Situation.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Relationen
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