Rede von Dr. Andreas Schockenhoff (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/88
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Andreas Schockenhoff (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/88
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Kolleginnen und
Kollegen! Der Rückblick auf 50 Jahre Römische
Verträge macht Mut für den Blick nach vorn. 50 Jahre
Europäische Union stellen eine Erfolgsgeschichte dar. Die
Motive der Gründungsväter waren die Sicherung von
Frieden und Sicherheit, von wirtschaftlichem
Wohlstand, das Wahrnehmen globaler Verantwortung und
nicht zuletzt die Schaffung einer gemeinsamen Identität.
Es war die Bedrohung durch die Sowjetunion mit
ihrer expansionistischen Ideologie, gegen die jeder
einzelne Staat in Europa zu schwach und zu klein erschien.
Daher war die Bildung einer Gemeinschaft in
Westeuropa in Verbindung mit der Garantie durch die USA
im Rahmen der NATO die existenzielle Grundlage für
unsere Sicherheit.
Eng verbunden mit dem Sicherheitsinteresse war von
Anfang an die Friedens- und Freiheitsvision. Heute,
50 Jahre später, ist mit der Aufnahme von zwölf mittel-,
ost- und südosteuropäischen Staaten die widernatürliche
Teilung Europas endgültig überwunden. Das ist der
größte Erfolg der Europäischen Union.
In wenigen Wochen des Herbstes 1989 führten die
Demonstranten in Budapest, Ostberlin, Leipzig und Prag
der EG vor Augen, dass sie für Millionen von Menschen
ein Ideal darstellt. Sie war nicht nur ein Raum des
wirtschaftlichen Wohlstandes, sondern ein politisches
Gebilde, dessen Werte sie teilen wollten und zu dessen
Kultur sie sich zugehörig fühlten. Das haben hier bei uns
seinerzeit nicht alle erkannt. Dass es der damalige
deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl erkannt hat, ist seine
historische Leistung und war ein Glücksfall für Europa.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Europa erlangte seine Einheit deshalb wieder, weil es
von Anfang an auf Freiheit und Demokratie setzte. Aus
der Wirtschaftsgemeinschaft wurde eine
Sicherheitsunion mit dem Schengensystem, einer Gemeinsamen
Außen- und Sicherheitspolitik und einer gemeinsamen
Verteidigung, deren sichtbarster Ausdruck die Battle-
Groups als Vorläufer einer europäischen Armee sind.
Natürlich brauchen wir – da teile ich Ihre Auffassung
völlig, Herr Westerwelle – in der europäischen Außen-
und Sicherheitspolitik mehr gemeinsamen Willen für
entschiedenes gemeinsames Handeln. Natürlich muss
Europa seine militärischen Fähigkeiten weiter verbes-
Dr. Andreas Schockenhoffsern. Aber schon heute nimmt die Europäische Union
nicht nur als eine globale Wirtschaftsmacht, sondern
auch als ein wichtiger sicherheitspolitischer Akteur ihre
Interessen international erfolgreich wahr. Auch das ist
Teil der europäischen Erfolgsgeschichte.
Dazu gehört auch der Euro. Bis zu seiner Einführung
wurden durch Spekulationen und
Währungsschwankungen Finanz- und Wirtschaftskrisen ausgelöst, gingen
Arbeitsplätze verloren, musste die Bundesbank nicht selten
massiv intervenieren, entstanden erhebliche
volkswirtschaftliche Verluste. Das alles ist heute nicht mehr der
Fall. Deswegen war es richtig, die Stabilitätskriterien
einzuführen, und deswegen ist es richtig und notwendig,
dass wir alles tun, sie wieder dauerhaft einzuhalten.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD – Beifall bei der FDP)
Meine Damen und Herren, Europa voranbringen zu
wollen, bedeutet besondere Verpflichtungen für
Deutschland; denn wir sind der größte Staat in der Europäischen
Union. Deutsche Europapolitik war immer dann
erfolgreich, wenn sie auf einer engen und partnerschaftlichen
Zusammenarbeit mit den EU-Staaten und auf einer
vertrauensvollen Partnerschaft zwischen Europäern und
Amerikanern aufbauen konnte. Beides war immer die
Maxime deutscher Außenpolitik.
Deutschland und Frankreich waren der Motor des
Einigungsprozesses, und sie müssen und werden es auch
weiterhin sein. Wann immer Deutschland und
Frankreich sich nicht einig waren, lief nichts in der EU; wenn
sie sich einig waren, kam Europa voran.
Das jüngste Beispiel, Frau Bundeskanzlerin, war der
letzte EU-Gipfel. Er wurde in dem Moment zum Erfolg
für den globalen Umweltschutz, als es Ihnen gelungen
ist, Frankreich für die Klimaschutzziele zu gewinnen.
Dann lenkten auch andere EU-Partner ein. Das war gut
für Europa und gut für den Klimaschutz.
Außerdem ist es für eine erfolgreiche Europapolitik
wichtig, die mittleren und kleinen Staaten rechtzeitig zu
konsultieren und einzubinden. Das ist bei 26
Partnerstaaten mühsam und schwierig. Aber es ist, wie es diese
Bundesregierung beweist, möglich. Nichts ist
kontraproduktiver für die EU – auch diese Erfahrung haben wir
leider schon gemacht –, als wenn die Großen eine Politik
über die Köpfe der mittleren und kleinen Staaten hinweg
betreiben.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, um den Weg zum
Zusammenwachsen unseres Kontinents zu ebnen, muss
Europa vor allem eine Antwort auf die Frage nach seiner
eigenen Identität geben. Je größer und
unüberschaubarer die EU wird, desto mehr fragen die Menschen: Was
macht die Europäische Union aus? Wozu brauchen wir
sie? Worin bleibt die Europäische Union im
permanenten Wandel sich selbst gleich und von anderen
unterscheidbar? Es ist die Frage von uns Europäern nach uns
selbst. Die europäische Identität ist das Ergebnis einesJahrhunderte währenden Kulturprozesses der
Differenzierung wie der Vereinheitlichung, bestimmt von der
ausgeprägten Vielfalt der Nationen auf engem Raum, der
Kreativität ihrer Kulturen und dem Zusammentreffen
einer Vielzahl historischer, geografischer und kultureller
Besonderheiten: jüdisch-christliche Prägung, Pluralität
und Koexistenz der Konfessionen, griechische
Philosophie, römisches Recht, Humanismus, Reformation und
Aufklärung, Wissenschaft und Technik,
Gemeinsamkeiten in Architektur, Musik, Literatur, gemeinsame
Geschichte einschließlich der vielen Kriege, die
neuzeitlichen Freiheitsbewegungen und die Grundüberzeugung
einer sozialen Verantwortung mit dem Aufbau des
Sozialstaates in einer sozialen Marktwirtschaft.
Aus dieser Vielfalt ergeben sich Spannungen.
Dennoch wollen wir den mit der Globalisierung
einhergehenden politischen und kulturellen Wandel erfolgreich
gestalten. Dafür sehe ich sechs Aufgaben.
Erstens. Wir müssen wieder deutlicher ins
Bewusstsein der Bürger bringen, dass das Handeln der EU nicht
nur im Innern, sondern gerade nach außen auf unseren
Werten beruht. Unser Eintreten für Frieden, Freiheit,
Solidarität und Gerechtigkeit ist für die Ärmsten der
Armen, für die bedrohten Völker und Menschen
entscheidend. Es ist aber auch für die Wahrung unserer
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen
in der künftigen weltpolitischen Ordnung von zentraler
Bedeutung. Deshalb müssen wir unseren Bürgern
deutlich machen, dass unsere EU-Entwicklungshilfe, unsere
finanzielle Hilfe für die Palästinenser, unser Einsatz in
Afrika oder unser Einsatz in Afghanistan
werteorientiertes Handeln ist.
Zweitens. Die EU muss erfolgreich sein. Die Bürger
müssen noch mehr als bisher die Erfahrung machen,
dass die EU als Ganzes besser als ihre einzelnen
Mitgliedstaaten in der Lage ist, länderübergreifende und
globale Herausforderungen zu bewältigen. Der Erfolg
für den Klimaschutz auf dem letzten EU-Gipfel – ich
habe es bereits erwähnt – ist eine solche Erfahrung. Es
geht darum, auch im Zeitalter der Globalisierung das
Ordnungsprinzip der sozialen Marktwirtschaft zu
wahren. Es geht darum, Terrorismus und internationale
Kriminalität erfolgreich zu bekämpfen oder mit einer
europäischen Energiepolitik, die jetzt beschlossen wurde, im
weltweiten Wettbewerb eine bezahlbare
Energieversorgung zu sichern.
Drittens. Je größer die Europäische Union wird, desto
mehr muss sie sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren.
Sie ist nicht zuständig für Fragen, die auf der nationalen
oder regionalen Ebene bürgernäher geregelt werden
können. Wenn sich dies für den Bürger in der täglichen
Praxis widerspiegelt, führt dies auch zur Stärkung der
europäischen Identität.
Viertens. Die Verbesserung der
Entscheidungsfähigkeit und eine stärkere Differenzierung der EU werden,
so paradox dies auf den ersten Blick erscheinen mag,
identitätsstiftend wirken. Nur wenn die EU zügig
entscheiden und handeln kann, wird sie im globalen
Wettbewerb Erfolg haben. Was bewirkt mehr Identität als der
gemeinsame Erfolg?
Dr. Andreas SchockenhoffFünftens. Zur Identität gehört auch eine Klärung der
Frage, wo die Grenzen der Europäischen Union liegen.
Die im Verfassungsvertrag formulierte Perspektive „Die
Union steht allen europäischen Staaten offen, die ihre
Werte achten und sich verpflichten, sie gemeinsam zu
fördern“ ist eine Antwort. Sie gilt grundsätzlich für alle
europäischen Staaten. Es wird aber in jedem Einzelfall
im Zusammenhang mit der vollständigen Erfüllung der
Beitrittskriterien zu bewerten sein, ob und wieweit die
EU aufgrund ihrer inneren Entwicklung die Aufnahme
weiterer europäischer Staaten verkraften kann. Nur so
werden wir auf die Sorge der Bürger vor
Unüberschaubarkeit und Grenzenlosigkeit der Europäischen Union
eine überzeugende Antwort geben.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Sechstens. Zur Identität der Europäischen Union
gehört nicht zuletzt auch eine emotionale Bindewirkung.
Die Öffnung der Grenzen hatte das bewirkt. Die
Europaflagge und der Euro leisten einen Beitrag dazu. Ich
will dies ausdrücklich erwähnen: Auch
Hochtechnologieprojekte bewirken eine emotionale Bindewirkung,
wie dies etwa bei der Ariane und trotz aller
Diskussionen, die wir zurzeit führen, auch beim Airbus der Fall
war. Umso mehr muss es uns darum gehen, dass dies
auch bei anderen Projekten gelingt. Ich nenne
beispielsweise das Galileo-Projekt, ein Projekt, das uns nicht nur
aus technologischen, sondern auch aus politischen
Gründen wichtig sein muss und das im Sinne der
Selbstbehauptung Europas gegenüber den Vereinigten Staaten
von Amerika durchaus identitätsstiftend sein kann.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Zeitalter der
Globalisierung ist Europa die Bedingung für unseren
Erfolg. Ich habe es eingangs gesagt – die Frau Kollegin
Schwall-Düren und der Herr Kollege Westerwelle haben
es ebenfalls gesagt –: 50 Jahre Europäische Union sind
Grund genug, stolz zu sein, sind Grund genug, nach
vorne zu schauen und sich anzustrengen, aber auch Mut
zu haben, die vor uns liegenden Aufgaben gemeinsam
anzugehen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten der FDP)