Protokoll der 1064. Sitzung des Bundesrates
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Protokoll der 1064. Sitzung des Bundesrates
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Plenarprotokoll 1064
BUNDESRAT
Stenografischer Bericht
1064. Sitzung
Berlin, Freitag, den 24. April 2026
I n h a l t :
Zur Tagesordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
E i n z i g e r P u n k t d e r T a g e s o r d n u n g :
Zweites Gesetz zur Änderung des Energiesteuergesetzes zur
temporären Absenkung der Energiesteuer für Kraftstoffe (2.
Energiesteuersenkungsgesetz) (Drucksache 215/26) . . . . . . . . . . . . 191
Dr. Dietmar Woidke (Brandenburg) . . . . . . . . . . . 191
Mario Voigt (Thüringen) . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) . . . 193
Sven Schulze (Sachsen-Anhalt) . . . . . . . . . . . . . 194
Franziska Giffey (Berlin) . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
Michael Schrodi, Parl. Staatssekretär beim
Bundesminister der Finanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
Beschluss: Kein Antrag gemäß Artikel 77 Absatz 2 GG . . . . 197
Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
Feststellung gemäß § 34 GO BR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
Verzeichnis der Anwesenden
V o r s i t z :
Vizepräsident H e n d r i k W ü s t ,
Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen
S c h r i f t f ü h r e r i n :
Nancy Böhning (Bremen)
B a d e n - W ü r t t e m b e r g :
Rudolf Hoogvliet, Staatssekretär für Medienpolitik
und Bevollmächtigter des Landes Baden-
Württemberg beim Bund
B a y e r n :
Dr. Florian Herrmann, Leiter der Staatskanzlei und
Staatsminister für Bundesangelegenheiten und
Medien
B e r l i n :
Franziska Giffey, Bürgermeisterin und Senatorin für
Wirtschaft, Energie und Betriebe
B r a n d e n b u r g :
Dr. Dietmar Woidke, Ministerpräsident
Martina Klement, Ministerin für Wirtschaft, Energie,
Klimaschutz und Europa
B r e m e n :
Nancy Böhning, Staatsrätin, Bevollmächtigte der
Freien Hansestadt Bremen beim Bund und für
Europa
H a m b u r g :
Dr. Andreas Dressel, Senator, Präses der Behörde für
Finanzen und Bezirke
H e s s e n :
Boris Rhein, Ministerpräsident
Manfred Pentz, Minister für Bundes- und
Europaangelegenheiten, Internationales und
Entbürokratisierung und Bevollmächtigter des Landes Hessen
beim Bund
M e c k l e n b u r g - V o r p o m m e r n :
Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin
N i e d e r s a c h s e n :
Dr. Andreas Philippi, Minister für Soziales, Arbeit,
Gesundheit und Gleichstellung
N o r d r h e i n - W e s t f a l e n :
Hendrik Wüst, Ministerpräsident
R h e i n l a n d - P f a l z :
Dörte Schall, Ministerin für Arbeit, Soziales,
Transformation und Digitalisierung
S a a r l a n d :
Thorsten Bischoff, Staatssekretär und
Bevollmächtigter des Saarlandes beim Bund
S a c h s e n :
Petra Köpping, Staatsministerin für Soziales,
Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
S a c h s e n - A n h a l t :
Sven Schulze, Ministerpräsident
S c h l e s w i g - H o l s t e i n :
Dr. Silke Schneider, Finanzministerin
T h ü r i n g e n :
Mario Voigt, Ministerpräsident
Katja Wolf, Finanzministerin
Stefan Gruhner, Minister für Bundes- und
Europaangelegenheiten, Sport, Ehrenamt und Chef der
Thüringer Staatskanzlei
V o n d e r B u n d e s r e g i e r u n g :
Dr. Michael Meister, Staatsminister beim
Bundeskanzler
Michael Schrodi, Parl. Staatssekretär beim
Bundesminister der Finanzen
1064. Sitzung
Berlin, den 24. April 2026
Beginn: 12.03 Uhr
Vizepräsident Hendrik Wüst: Meine sehr
verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich eröffne die 1064. Sitzung des Bundesrats.
Verehrte Damen und Herren, wir sind heute zu einer
Sondersitzung zusammengekommen, um das Zweite
Energiesteuersenkungsgesetz zu beraten. Angesichts
stark gestiegener Kraftstoffpreise soll die Energiesteuer
auf Diesel und Benzin für zwei Monate gesenkt werden –
so sieht es das Gesetz vor. Die Bundesregierung hat um
Einberufung einer Sitzung gebeten, da die Entlastungen
bereits ab dem 1. Mai ihre Wirkung entfalten sollen. Über
das Zweite Energiesteuersenkungsgesetz hat der
Deutsche Bundestag soeben entschieden. Es wurde
umgedruckt und hier im Saal verteilt.
Die Tagesordnung liegt Ihnen in vorläufiger Form
mit diesem einzigen Tagesordnungspunkt vor.
Gibt es Wortmeldungen zur Tagesordnung? – Das ist
nicht der Fall.
Dann ist sie so festgestellt.
Wir kommen zu Tagesordnungspunkt 1:
TOP 1
Zweites Gesetz zur Änderung des
Energiesteuergesetzes zur temporären Absenkung der Energiesteuer
für Kraftstoffe (2. Energiesteuersenkungsgesetz)
(Drucksache 215/26)
Es gibt Wortmeldungen. Als Erstes erteile ich das
Wort Herrn Ministerpräsidenten Dr. Woidke,
Brandenburg.
Dr. Dietmar Woidke (Brandenburg): Sehr geehrter
Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!
Benzin und Diesel sind kein Luxus. Benzin und Diesel
lassen die Räder in Deutschland rollen – und das nicht
nur im übertragenen Sinne. Sie sind also absolute
Grundausstattung. Ohne Benzin und Diesel läuft nichts: nicht
die Wirtschaft, nicht das Handwerk, nicht der Alltag.
Immer mehr Haushalte, immer mehr Unternehmen und
immer mehr Kommunen in unserem Land stehen bei den
aktuellen Benzin- und Dieselpreisen allerdings vor der
Frage, wie viel von ihrem Alltag sie sich noch leisten
können und welcher Teil davon vielleicht schon Luxus ist
und zukünftig wegfallen muss.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, das ist eine
durchaus gravierende Situation – eine Situation, die
unsere Wirtschaft bedroht, eine Situation, die unseren
Wohlstand bedroht, und eine Situation, die auch den
gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land bedroht. Für
manche mögen die Preiserhöhungen an den Tankstellen
Beträge sein, über die sie sich ärgern, die sie am Ende
aber wegstecken können. Doch was macht der
Baubetrieb, dessen Maschinen allesamt mit Diesel laufen und
die er nicht stillstehen lassen kann, weil die Aufträge
abgearbeitet werden müssen? Was macht die Angestellte,
die jeden Tag 50 oder 60 Kilometer mit dem Auto zur
Arbeit pendelt, weil in ihrer Region kein ÖPNV
durchgehend fährt, auf den sie mal eben schnell umsteigen
könnte? Was macht der Pflegedienst, der seine Patientinnen
und Patienten rund um die Uhr zuverlässig zu Hause
betreut und rund um die Uhr im Einsatz sein muss?
Gerade in einem ländlich geprägten Flächenland wie
Brandenburg kommen so schnell immense Strecken und damit
auch immense zusätzliche Ausgaben zusammen. Was
macht der Spediteur, der durch Zigtausende Euro
Mehrausgaben um die Existenz seines Unternehmens fürchten
muss?
Nach den zahlreichen Krisen der letzten Jahre haben
sehr viele Menschen, sehr viele Unternehmen, aber auch
sehr viele Kommunen kaum noch Mittel und Rücklagen,
um die zusätzlichen Ausgaben, die jetzt auf sie
zugekommen sind, zu stemmen, zumal die hohen Benzin- und
Dieselpreise absehbar auch überall sonst ankommen
werden. Sie werden auch im Supermarkt ankommen, sie
werden im Handwerk ankommen, und sie werden bei den
Dienstleistungen ankommen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
gegenzusteuern, ist nicht einfach. Es ist vollkommen klar, dass
ein Staat nicht jede Härte abfedern und nicht alle gegen
jedes Risiko absichern kann. Trotzdem braucht es aber
gerade jetzt einen handlungsfähigen Staat. Es muss mehr
passieren, kurzfristig bei den Gegenmaßnahmen gegen
diese Krise und langfristig bei unserer
Energieversorgung. Die Senkung der Energiesteuersätze auf Diesel und
Benzin ist ein erster Schritt. Als zeitlich befristete
Maßnahme halte ich sie für sinnvoll, allerdings nur dann,
wenn auch sichergestellt wird, dass die Kostensenkung
die Verbraucherinnen und Verbraucher und damit auch
die Unternehmerinnen und Unternehmer in unserem
Land auch tatsächlich erreicht. Deshalb sage ich es hier
noch einmal: Wir müssen die Verantwortlichen, wir
müssen die Mineralölkonzerne stärker in die Pflicht nehmen.
Denn die krisengenerierten Extraprofite der
Mineralölkonzerne sind eben kein unternehmerischer Erfolg. Sie
sind Abzocke auf dem Rücken der Verbraucher. Die
Entlastung per Steuersenkung ist richtig, sie geht aber nur
auf Kosten der Staatskasse. Deshalb muss die Rechnung
auch an die Mineralölkonzerne, die den Krieg im Iran für
eigene Profite nutzen, gehen. Hier braucht es endlich eine
Abschöpfung dieser Gewinne.
In der Energiekrise 2022 hat es die Europäische Union
bereits vorgemacht und eine solche Übergewinnsteuer
auf den Weg gebracht. Sie ist nicht neu, und sie ist auch
nicht rechtlich unmöglich, wie es in den letzten Tagen
und Wochen immer wieder behauptet worden ist. Genau
eine solche Übergewinnsteuer brauchen wir in der
heutigen Situation wieder. Der Bund muss sich dafür bei der
EU starkmachen. Wir brauchen eine sinnvolle
Kombination der uns zur Verfügung stehenden Instrumente. Das
ist der Schlüssel, um die aktuelle Krise kurzfristig in den
Griff zu bekommen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, dabei betone
ich das Wort „kurzfristig“. Damit wir nicht wieder und
wieder in solche Krisen geraten, müssen wir die
Energieversorgung in unserem Land grundlegend reformieren.
Wir müssen zu einem System kommen, das sich
hauptsächlich aus Erneuerbaren speist und dabei zuverlässiger,
effizienter und allem voran unabhängiger ist als unser
jetziges System – unabhängiger von Autokraten und der
allgemeinen Weltlage. Das fängt damit an, dass wir mehr
Speicherlösungen brauchen und ein leistungsfähigeres
Netz, um die Erneuerbaren besser zu integrieren. Es geht
damit weiter, dass erneuerbare Energie dort, wo sie
erzeugt wird, günstig an die Verbraucherinnen und
Verbraucher weitergegeben werden muss. Nur das schafft
Akzeptanz und nachhaltige Entlastung. Brandenburg ist
dabei, wie andere Länder in Nord- und Ostdeutschland,
stets vorangegangen. Wir zeigen, dass moderne und
nachhaltige Lösungen auch Erfolg bringen können. Das
geht aber nur, wenn wir den Wandel endlich
flächendeckend und ambitioniert vorantreiben. – Ich danke Ihnen
herzlich für die Aufmerksamkeit.
Vizepräsident Hendrik Wüst: Vielen herzlichen
Dank, Herr Kollege Woidke! – Ich erteile das Wort dem
Ministerpräsidenten von Thüringen, Herrn Kollegen
Voigt.
Mario Voigt (Thüringen): Sehr geehrter Herr
Präsident! Werte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen
und Herren! Wir kommen heute in einer
außergewöhnlichen Lage zusammen – in einer Lage, in der sich
entscheidet, ob der Staat handlungsfähig, schnell und
entschlossen ist oder ob er diskutiert. Ein militärischer
Konflikt im Nahen Osten, blockierte Handelswege, steigende
Energiepreise, all das sind längst keine abstrakten
Entwicklungen mehr. Sie wirken direkt im Alltag der
Menschen. Die Krise ist global, aber die Auswirkungen
spüren wir jeden Tag vor Ort.
Thüringen hat als Pendlerland die höchste
Pendlerquote in Deutschland. Gerade in einem Flächenland bedeutet
das: Für viele Menschen ist das Auto kein Luxus,
sondern Voraussetzung für Alltag, für Arbeit, für persönliche
Freiheit. Hohe Energiepreise sind deshalb keine
Randnotiz, sondern sie treffen die Mitte unserer Gesellschaft:
Familien, Pendler, Handwerk, Logistik, mobile
Pflegedienste, die Menschen, die unser Land am Laufen halten.
In einer solchen Situation zählt vor allem eines:
Handlungsfähigkeit. Und ich will ausdrücklich sagen: Die
Bundesregierung hat schnell reagiert. Sie hat gehandelt,
wo Handeln notwendig ist. Dieses Gesetz ist ein klares
Zeichen dafür, dass der Staat in der Krise nicht zögert,
sondern Verantwortung übernimmt. Und genau das ist es,
was die Menschen von uns allen erwarten, im Bundestag
wie im Bundesrat. Nicht ewige Debatten, sondern
konkrete, klare Entscheidungen.
Die temporäre Absenkung der Energiesteuer ist kein
Allheilmittel, aber sie ist ein wichtiger Schritt. 17 Cent
Entlastung pro Liter sind für viele Menschen spürbar.
Und sie zeigen: Politik kann konkret helfen. Thüringen
wird dieses Gesetz deshalb unterstützen und passieren
lassen – nicht aus formaler Pflicht, sondern aus
politischer Überzeugung. Die Menschen brauchen jetzt
Unterstützung und Entlastung, nicht irgendwann.
Gleichzeitig gehört zur Ehrlichkeit dazu: Diese
Maßnahme allein wird nicht reichen. Was wir heute
beschließen, ist schnelle Hilfe in einer akuten Lage. Was wir
darüber hinaus brauchen, ist eine verlässliche
Perspektive. Kurzfristige Entlastung schafft Luft, aber langfristige
Politik schafft Vertrauen. Deshalb richten wir auch
Erwartungen an den Bund im Sinne gemeinsamer
Verantwortung:
Erstens muss die angekündigte Stärkung des
Kartellrechts schnell wirken und auch konsequent umgesetzt
werden. Denn entscheidend ist, dass diese Entlastung
auch bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommt. Jeder
Cent, um den der Staat entlastet, muss bei den Menschen
wirken, nicht in den Bilanzen der Konzerne. Es muss
oberste Aufgabe sein, das konkret nachzuhalten.
Zweitens brauchen wir eine Weiterentwicklung der
energiepolitischen Instrumente. Dazu gehören Fragen der
CO2-Bepreisung genauso wie strukturelle Entlastungen,
etwa für Pendler, für Spediteure, für mobile
Pflegedienste. Der von Mecklenburg-Vorpommern zurückgezogene
Antrag weist dahin gehend viele wichtige Punkte aus, die
es weiter zu diskutieren gilt. Wir dürfen auf diese Krise
nicht nur reagieren, wir müssen aus ihr lernen; der
Kollege Woidke hat das deutlich gemacht.
Und drittens sollten wir die kommenden Wochen
nutzen, um über den Juni hinauszudenken. Zwei Monate
Entlastung sind wichtig. Aber Stabilität entsteht durch
Verlässlichkeit. Diese Diskussion sollten wir hier im
Hohen Haus mit all der nötigen Konsequenz gemeinsam
führen.
Die Bundesregierung hat mit diesem Gesetz einen
ersten wichtigen Schritt gemacht. Jetzt geht es darum,
diesen Weg konsequent weiterzugehen. Thüringen steht
bereit, diesen Weg zu unterstützen. Denn am Ende geht
es um mehr als um Energiepreise. Es geht um die Frage
des Vertrauens in die Handlungsfähigkeit des Staates und
darum, ob die Freiheit der Menschen in unserem Land
mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen und die
Wettbewerbs- und Arbeitsfähigkeit unserer Bürgerinnen
und Bürger, der Handwerker und Unternehmen
gewährleistet sind. Vertrauen entsteht dann, wenn Menschen
spüren: Politik sieht ihre Sorgen, und sie handelt
konsequent. Und das machen wir heute. – Herzlichen Dank!
Vizepräsident Hendrik Wüst: Vielen herzlichen
Dank, Herr Ministerpräsident Voigt! – Ich erteile das
Wort Frau Ministerpräsidentin Schwesig, Mecklenburg-
Vorpommern.
Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern):
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Es ist sehr wichtig, dass wir heute ein klares
Signal an die Wirtschaft und die Bevölkerung senden:
Die Spritpreise werden sinken. Die Entlastung um
17 Cent pro Liter durch die Absenkung der Energiesteuer
ist längst überfällig. Denn meine Kollegen haben es
schon berichtet: Viele Menschen in der Wirtschaft, aber
auch in anderen Bereichen brechen unter diesen
Spritpreisen zusammen. Das Tanken des Autos, des Lasters ist
keine Frage von Luxus oder von Spaß, sondern eine
Notwendigkeit. Viele Menschen pendeln zur nächsten
Produktionsstätte, gerade in unseren Flächenländern, wo
sie über die Dörfer fahren. Die Spediteure versorgen
unsere Orte, versorgen die Bevölkerung mit
Lebensmitteln und müssen auftanken. Die Pflegekraft fährt von
Dorf zu Dorf und pflegt Menschen, die oft allein und
einsam sind und logischerweise Pflegebedarf haben. All
diese Bereiche verkraften die enormen Spritpreise nicht
mehr.
Genauso habe ich schon am 27. März in der letzten
Bundesratssitzung argumentiert, als wir hier einen Antrag
zur Verhinderung ungebremster Preissteigerungen an den
Zapfsäulen eingebracht haben. Es hat aus meiner Sicht
viel zu lange gedauert, bis die Bundesregierung gehandelt
hat. Die Senkung erfolgt jetzt – aber sie erfolgt erst zum
1. Mai. Es sind Wochen vergangen. Und die Kosten
haben sich aufgetürmt: bei den Spediteuren, in der Pflege
und bei den Pendlerinnen und Pendlern, vor allem mit
kleinen und mittleren Einkommen. Deshalb ist meine
herzliche Bitte, dass wir uns, wenn aus den Ländern das
Signal „Wir sehen Handlungsbedarf“ kommt, in Zukunft
nicht mehr so lang Zeit lassen. Wir müssen vor der Welle
sein. Wir müssen vor den Problemen sein und dürfen
diesen Problemen nicht hinterherrennen. Vor diesem
Hintergrund will ich auch in aller Deutlichkeit sagen: Die
heutige Entscheidung, sowohl im Bundestag als auch im
Bundesrat, durch die Senkung der Energiesteuer die
Menschen zu entlasten, ist ein wichtiges Signal, dass
etwas passiert – aber es wird nicht reichen.
Der erste Schritt muss sein, dass die Bundesregierung
dafür sorgt, dass diese 17 Cent wirklich durchgereicht
werden. Viele Länder – unter anderen auch
Mecklenburg-Vorpommern – haben deshalb einen Preisdeckel
vorgeschlagen, so wie ihn andere Staaten bereits haben.
Dieser Preisdeckel wird bisher abgelehnt. Dazu will ich
ganz deutlich sagen: Wenn der Bundeskanzler und die
Bundesenergieministerin diesen Preisdeckel ablehnen,
dann müssen wir das respektieren, dann haben sie aber
auch die Verantwortung, ein anderes Instrument zu
finden, das garantiert, dass diese 17 Cent weitergegeben
werden.
Zweiter Punkt. Es ist völlig klar, dass, wenn die Krise
weiter andauert und die Preise weiter hoch bleiben, eine
Absenkung für zwei Monate nicht ausreicht, sondern
fortgeführt werden muss.
Dritter Punkt. Es ist auch völlig klar, dass die
wirtschaftlichen Folgen des Irankrieges und des Konfliktes
im Nahen Osten viel weitreichender sind und nicht nur
die Spritfrage betreffen. Die Frage der Energiesicherheit,
die Frage der Energieversorgung, die Frage von
funktionierenden Lieferketten stellt sich auch in anderen
Bereichen. Deshalb ist es wichtig, dass der Bundeskanzler
gemeinsam mit den Ministerpräsidenten berät und uns
deutlich schildert, wie die Energieversorgung in den
nächsten Wochen und Monaten garantiert werden soll.
Wir hören in den Medien, wie über Kerosinmangel und
die Ölversorgung der PCK Schwedt diskutiert wird, und
wir sehen, dass LNG auf einmal wieder ein Thema ist.
Vor diesem Hintergrund ist es wichtig – und das fordere
ich hier ein –, Klarheit zu bekommen.
Der nächste Punkt ist, dass wir jetzt gezielt Zweigen
helfen müssen, für die eine Senkung um 17 Cent
überhaupt nicht ausreicht. Darunter fallen aus meiner Sicht
die Spediteure. Die Spediteure sind in den letzten Jahren
durch Entscheidungen von uns allen massiv belastet
worden, zum Beispiel durch die Einführung der Maut.
Die Maut wurde in diesem Jahr sogar noch erhöht. Eine
Erhöhung der Spritpreise und eine Erhöhung der Maut
treffen vor allem die Speditionen doppelt. Die
Speditionen gewährleisten für uns Versorgungssicherheit, fahren
Lebensmittel. Insofern ist es erforderlich, dass wir
bestimmte Bereiche gezielt unterstützen.
All diese Vorschläge haben wir in unseren
Entschließungsantrag aufgenommen. Wir halten an diesem Antrag
politisch fest. Wir haben ihn heute hier nicht zur
Abstimmung gestellt. Wir können ihn leider heute auch
nicht überweisen. Das geht verfahrenstechnisch nicht.
Aber ich habe die herzliche Bitte – und ich weiß es aus
Gesprächen mit einigen Ministerpräsidenten –, dass Sie
sich diese Punkte gezielt anschauen, damit es uns gelingt,
spätestens in der Bundesratssitzung am 8. Mai zu
weiteren Beschlüssen zu kommen. Neben der pauschalen
Absenkung des Spritpreises ist es wichtig, an einzelnen
Stellen zu punktuellen Verbesserungen zu kommen. Wir
haben vor allem die Spediteure im Blick.
All die genannten Krisen zeigen uns: Wir sind
abhängig von fossiler Energie. Es gibt immer wieder Konflikte
und Krisen, egal in welchen Bereichen, und es gibt
immer wieder Probleme mit der Energiesicherheit und den
Energiepreisen. Der einzige Weg, um von
Energieimporten unabhängig zu werden und die Preisgestaltung selbst
beeinflussen zu können, sind die erneuerbaren Energien.
Die haben wir längst: Wir haben Wind, wir haben Sonne,
wir haben Erdwärme, und wir haben Biomasse. Aber der
entscheidende Punkt ist: Die Bundesregierung muss dafür
Sorge tragen, dass wir die erneuerbare Energie, die wir
längst produzieren, auch tatsächlich komplett nutzen. Es
muss Schluss damit sein, dass wir Windparks abstellen,
dieses Abstellen auch noch bezahlen und den grünen
Strom nicht einmal vor Ort nutzen dürfen. Und es muss
ermöglicht werden, dass die grüne Energie, die überall in
Deutschland produziert wird, direkt vor Ort genutzt
werden kann. Grüne Energie, egal aus welchem Bereich,
muss komplett von jeglichen Steuern und Belastungen
befreit werden. Wir produzieren längst grüne Energie
sehr viel preiswerter, als sie an Wirtschaft und Kunden
weitergegeben wird. Wenn wir wirklich unabhängig
werden und die Preise im Griff haben wollen, dann
müssen wir auf erneuerbare Energie setzen, sie aber auch so
preiswert weitergeben, wie sie es längst ist, und dürfen
sie nicht mehr abstellen.
Parallel dazu werden wir in einer Übergangszeit weiter
auf fossile Energie angewiesen sein. Deshalb ist es
wichtig – und das unterstütze ich –, dass wir darauf schauen,
welchen Einfluss wir auf die Preisgestaltung in diesem
Bereich haben, insbesondere beim Thema Steuern.
Insofern unterstützen wir, unterstützt MV das Gesetz heute
natürlich. Wir sind froh, dass sich nach vielen Wochen
endlich etwas bewegt hat, was wir seit Langem fordern.
Aber wir sagen auch klar: Das reicht nicht.
Ich habe die Bitte an alle Länderkollegen: Schauen Sie
sich unsere Vorschläge an! Uns geht es nicht darum, alles
durchzubekommen. Uns geht es darum, dass wir an
bestimmten Punkten weiterkommen und spätestens am
8. Mai hier zusammen Entscheidungen treffen können.
Lieber Herr Meister, wir Länder haben in allen Krisen
Verantwortung bewiesen: Wir haben das bewiesen mit
Frau Merkel in der Coronakrise, wir haben das bewiesen
mit Herrn Scholz in der Energiekrise 2022, wir haben das
bewiesen, als wir die neue Regierung bei ihrer Bildung
und bei der Grundgesetzänderung für Investitionen
unterstützt haben. Diese wäre ohne uns nicht gekommen.
Deshalb habe ich die herzliche Bitte, dass wir weiterhin in
diesem Rahmen und auf dieser Augenhöhe sprechen,
auch über die jetzige Krise. Niemand darf sich
vormachen, dass wir allein mit diesen 17 Cent durchkommen.
Wir werden noch viele Folgen dieser wirtschaftlichen
Krise stemmen müssen, und das geht aus meiner Sicht
nur gemeinsam. – Vielen Dank!
Vizepräsident Hendrik Wüst: Vielen Dank, Frau
Kollegin Schwesig! – Ich erteile das Wort Herrn
Ministerpräsident Schulze aus Sachsen-Anhalt.
Sven Schulze (Sachsen-Anhalt): Sehr geehrter Herr
Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dass wir in
Deutschland das Auto brauchen, habe ich gerade wieder
leidvoll erfahren. Ich habe mir heute einmal erlaubt, mit
der Bahn zum Bundesrat anzureisen, und wäre fast zu
spät gekommen.
Ich will vorweg – erstens – der Bundesregierung
danken. Ich gehörte zu denjenigen Ministerpräsidenten in
Deutschland, die ganz klar einen Rabatt direkt an den
Zapfsäulen eingefordert haben, etwas, das jeder direkt
spürt. – Herr Meister, das haben Sie umgesetzt, das hat
die Bundesregierung umgesetzt. Deshalb gilt Ihnen mein
Dank. Wir sind ja heute bei den 17 Cent und noch nicht
bei den 1000 Euro – dazu werde ich sicherlich andere
Worte wählen.
Zum Zweiten. Mich ärgert es, das sage ich hier ganz
offen und ehrlich, mit welcher Arroganz man in
Deutschland manchmal den Menschen im ländlichen Raum
entgegentritt. Ich vertrete ein Bundesland, meine Heimat
Sachsen-Anhalt, wo Tausende und Abertausende
Menschen jeden Tag zur Arbeit fahren, wo das Mediangehalt
3 400 Euro beträgt – das sind etwas mehr als 2 000 Euro
netto –, wo viele Menschen jeden Tag 50 Kilometer zur
Arbeit fahren. Im Übrigen in ganz vielen Berufen, in
denen sie kein Homeoffice machen können, weil sie in
der Landwirtschaft arbeiten, im Metallbau, in Berufen, in
denen es nicht so einfach möglich ist, den Chef zu fragen
und zu sagen: „Ich bleibe mal ein oder zwei Tage zu
Hause“, wo man einfach auf das Auto angewiesen ist.
Wenn man dann hört, man solle doch darüber
diskutieren, die Bahntickets günstiger zu machen, dann sage ich:
Ja, Entschuldigung! Es gibt bei uns eben nicht in jedem
Dorf einen Bahnhof. – Wenn man dann hört, man müsse
doch langsamer fahren, sage ich Ihnen: Die Pendlerinnen
und Pendler in Sachsen-Anhalt fahren nicht mit 200 km/h
über die Autobahn, um zur Arbeit zu kommen, sondern
sie fahren über die Landstraßen, über die Kreisstraßen.
Sie fahren also schon langsam, und sie wissen, wie sie
Sprit sparen können. Und wenn man dann hört: „Na ja,
am Ende ist das ja wieder mit der Gießkanne!“, dann
frage ich mich: Wie soll man es denn anders machen?
Es trifft auch nicht nur die Pendlerinnen und Pendler.
Die Kollegin hat es schon gesagt: Es trifft die
Speditionen. Wissen Sie, was es bedeutet, wenn mir die
Spediteure aus meinem Land sagen: „Der Kollege aus Polen
kommt mit 1 500 Litern Diesel. Der fährt die ganze
Woche durch Sachsen-Anhalt, fährt dann wieder zurück und
tankt in Polen auf. Wir haben keine Chance im
Wettbewerb, wenn das so weitergeht“? Das ist das, was die
Menschen ärgert. In meinem Heimatland Sachsen-
Anhalt – Durchschnittsalter 48 Jahre – werden viele
Menschen zum Glück zu Hause gepflegt. Wir könnten uns das
als Staat auch gar nicht anders leisten. Wenn dann aber
der ambulante Krankenpflegedienst sagt: „Ich kann das
auf Dauer nicht mehr gewährleisten, weil ich jeden Tag
mehrere Hundert Kilometer fahren muss und es am Ende
zu teuer wird. Es funktioniert nicht“, und wenn der
Landwirt fragt: „Wie soll es hier weitergehen? Danke für
die Agrardieselrückvergütung, aber das wurde doch
schon längst wieder aufgefressen durch das, was wir im
Moment bezahlen müssen“, dann ärgert es mich, wenn
ich hier in Berlin bin und von Einzelnen gefragt werde:
„Ist das richtig mit der Gießkanne? Das ist doch der
falsche Weg!“ – Nein, das ist an dieser Stelle genau der
richtige Weg. Es war nötig, und es ist nötig.
Man hat das Kartellamt jetzt mit anderen Instrumenten
ausgestattet. Ich bitte darum, dass man diese auch richtig
nutzt. Es nützt uns nichts, wenn auch nur ein Teil der
17 Cent bei den Mineralölkonzernen landet. Diese
Konzerne haben auch eine Verantwortung. Sie wollen bei
erneuerbaren Energien und an anderer Stelle unsere
Unterstützung als Staat haben. Hier haben sie die verdammte
Verantwortung, das an die Menschen weiterzugeben.
Wenn ich über Ostern unterwegs bin, wenn kein Lkw auf
der Autobahn ist, wenn die Bürger größtenteils zu Hause
sind, und dann wieder die Preise steigen, ist klar: Das ist
ein Mitnahmeeffekt, der nicht akzeptabel ist. Das geht
zulasten unserer Bevölkerung in Deutschland. Deswegen
ist ein klares Eingreifen der Bundesregierung notwendig.
Und wenn das Kartellamt das nicht kann, dann muss man
andere Wege finden. Ich erwarte hier Ergebnisse.
Das wird in den nächsten Monaten eine spannende
Zeit, wenn wir einmal darüber diskutieren, wo dieser
Preis denn eigentlich herkommt. Wir erleben Donald
Trumps Handeln im Nahen Osten – ohne
Ausstiegsszenario. Ich bin der Bundesregierung sehr dankbar für
einzelne klare Worte, die dazu gefallen sind. Ich sage Ihnen
aber auch: Gerade angesichts dessen, dass es – gerade in
Ostdeutschland – eine Partei gibt, die diesem Präsidenten
im Moment hinterherläuft und sagt: „So müssten wir es
machen!“, muss man auch mal die Frage stellen: Ist das
wirklich der richtige Weg? Ich sage auch – und da hat der
Bundeskanzler vollkommen recht und meine volle
Unterstützung –: Wir werden nicht jede Krise auf der Welt in
Deutschland mit Geld lösen können. Das wird es nicht
geben. – Aber hier war es richtig.
Das ist ein gutes und wichtiges Signal an die
Menschen, an die Unternehmen, an Deutschland. Wir haben
hier die richtigen Entscheidungen getroffen. Deswegen
ist es heute ein guter Tag, in Berlin zu sein und hier mit
zu entscheiden. – Vielen Dank!
Vizepräsident Hendrik Wüst: Vielen Dank, Herr
Kollege Schulze! – Ich erteile das Wort Frau
Bürgermeisterin Giffey, Berlin.
Franziska Giffey (Berlin): Sehr geehrter Herr
Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Gäste! Ich
kann mich den Vorreden nur anschließen, denn es ist
ganz klar: Auch Berlin unterstützt dieses Gesetz. Wir
begrüßen es, dass nach den Wochen der Diskussion ein
Schritt gegangen wird, um jetzt tatsächlich an den
Zapfsäulen vor Ort, in den Portemonnaies der Menschen eine
Verbesserung zu erreichen. Aber auch ich möchte noch
mal betonen: Das kann nur ein erster Schritt sein. Denn
es ist völlig klar: Wir stehen bei der Reduzierung der
Energiesteuer vor der Herausforderung, dass wir nicht
wissen, wie das wirklich ankommt.
Sie sind ja auch alle mit dem Handy unterwegs. Ich
will einmal sagen, was auf meinem gerade aufploppte:
„Rekord zur Mittagszeit“! Eine Woche vor Start des
Steuerrabatts sind erhebliche Preissteigerungen
angekündigt und schon sichtbar, zufälligerweise in Höhe von
14 Cent. Das ist ja genau der
Energiesteuersatzsenkungsbetrag für Diesel und Benzin sowie Äquivalente, der hier
angesetzt ist. Die Reduzierung der Umsatzsteuer
mitgerechnet sind es dann 17 Cent brutto pro Liter. Das ist ein
guter, wichtiger Schritt. Aber wenn ich jetzt höre, dass
die Mineralölkonzerne eine Woche, bevor das in Kraft
tritt, und während wir hier diskutieren und uns
vorbereiten, sich auch schon wieder vorbereiten, dann sage ich:
Das ist ein Unding. Wir müssen die Forderung erheben
an alle, die regulativ agieren können, an die
Bundesregierung: Das Kartellrecht muss geschärft werden. Diese
Forderung haben wir auch formuliert, als wir uns vor
Ostern mit den Energieministerinnen und
Energieministern der Länder getroffen haben. Es muss dafür gesorgt
werden, dass die Kartellbehörde die rechtlichen
Möglichkeiten hat, dort zu intervenieren.
Es ist so einfach gesagt: „Wir entlasten, und wir
senken“, aber wenn das, was hier beschlossen wird, nicht
ankommt, dann ist das fatal für den Glauben an die
Handlungsfähigkeit des Staates, für die Frage von
Politikverdrossenheit und den Glauben an unsere Demokratie.
Denn genau darum geht es. Wer gewinnt durch diese
Krise? Wer profitiert davon? Einige wenige, und die
zulasten aller. Die Verlierer sind schon genannt worden:
Es sind die Pflegedienste, die Speditionen, die
Transporteure. Unser ganzer Einzelhandel ist betroffen. Es ist die
Gastronomie. Es ist die Wirtschaft, die gerade ein
bisschen vorangekommen ist, die versucht, sich in einer
schwierigen geopolitischen Lage zu behaupten, die aber
dadurch in all ihren Teilen betroffen ist, mit all den
Nachwirkungen auf Bürgerinnen und Bürger, auf unsere
Unternehmen und auch auf unsere Landesunternehmen,
die natürlich auch betroffen sind. Selbst von Polizei und
Feuerwehr hören wir das in all unseren Ländern, denn sie
müssen auch tanken. Und das belastet unsere
Landeshaushalte. Wenn wir hier gegensteuern, das aber dann
dadurch aufgefressen wird, dass andere sagen: „Ist ja
wunderbar, da treffen wir gleich ganz andere
Vorbereitungen“, dann sage ich: Das geht so nicht! Deswegen
muss den offensichtlichen Preisabsprachen der
Mineralölkonzerne kartellrechtlich und preispolitisch etwas
entgegengesetzt werden, damit das, was wir heute
beschließen, auch wirklich Wirksamkeit erzielen kann.
Wir haben gemeinsam mit den Energieministerinnen
und Energieministern bei unserem Treffen auch über
weitere Maßnahmen gesprochen. Wir haben an die
Bundesregierung die Forderung erhoben, sich die Fragen
anzuschauen: Wie schaffen wir es, dass die Beweislast
umgekehrt wird, dass nicht schon bei der ersten
Informationsabfrage, die die Kartellbehörde an einen Konzern
richtet, gleich mit Klageverfahren entgegengewirkt wird
und sich wochen- und monatelang das Verfahren
verschiebt? Wie schaffen wir es, dass die Mineralölkonzerne
nachweisen müssen, dass sie sich nicht abgesprochen
haben? Wie schaffen wir es jenseits von
kartellrechtlichen Fragen, dass die Frage der Stromsteuer noch mal
angegangen wird sowie Maßnahmen, die tatsächlich dazu
führen, dass es eine Deckelung gibt, die wirklich greift
und absichert, dass das, was wir politisch wollen und
versprechen, Wirkung zeigt? Nur wenn das gelingt,
werden wir glaubwürdig sein. Nur dann wird es einen
Vertrauensrückgewinn in die Politik geben. Das bedeutet,
dass wir unsere Wirtschaft nicht weiter belasten dürfen,
sondern entlasten müssen, und dass wir uns klar dazu
bekennen.
Es ist heute schon mehrfach gesagt worden: Auch wir
hier im Bundesrat werden die geopolitische Lage nicht
komplett verändern können. Wir wissen, dass wir
abhängig sind von Entwicklungen, die wir aus deutscher Sicht
nur begrenzt beeinflussen können, schon gar nicht aus
den Kommunen vor Ort und schon gar nicht aus den
Ländern. Aber wir wissen eines: Die große Abhängigkeit
von fossilen Energien, die wir bis heute haben, wird uns
nicht helfen. Insofern ist jede Debatte, die einen Rollback
zurück zu fossilen Stoffen und ein Wiederinfragestellen
der Energiewende beinhaltet, schädlich. Es braucht ein
klares Bekenntnis dazu, dass wir unsere Resilienz, unsere
Souveränität dadurch stärken wollen, dass wir selbst den
Strom und die Energie erzeugen, die wir brauchen, und
dass wir unsere erneuerbaren Energien voranbringen, wo
wir es nur können.
In Berlin haben wir nicht so viele Möglichkeiten,
Windräder zu errichten. Aber ich kann Ihnen sagen: Wir
arbeiten super mit Brandenburg zusammen. Danke an die
Metropolregion, an unsere Partner in Brandenburg! Wir
nutzen aber auch das, was wir hier in der Großstadt
haben, nämlich zwei Dinge: Dächer und Abwasserkanäle.
Wir nutzen die Abwasserwärme, wir nutzen die
Geothermie. Wir nutzen Solarenergie und bauen sie
konsequent aus. Das bedeutet aber auch, dass wir für diese
Themen Rückenwind von der Bundesregierung brauchen,
weil wir es sonst nicht schaffen werden. Das braucht ein
klares Bekenntnis, ein Nichtinfragestellen. Wir brauchen
eine stärkere Unabhängigkeit von fossilen
Energieträgern. Nur dann wird es gehen.
Wir müssen klarmachen: Nicht jede geopolitische
Entwicklung in der Welt werden wir abfangen können.
Nicht alles wird staatlich abgefedert werden können.
Aber es ist klar, dass wir alles tun müssen, um die
Länder, die Kommunen, die Menschen vor Ort, unsere
Unternehmen zu entlasten und dafür zu sorgen, dass
Souveränität, Resilienz und Unabhängigkeit unsere Leitlinien
sind. – Vielen herzlichen Dank!
Vizepräsident Hendrik Wüst: Vielen Dank, Frau
Bürgermeisterin Giffey! – Ich erteile das Wort Herrn
Parlamentarischem Staatssekretär Schrodi aus dem
Bundesministerium der Finanzen.
Michael Schrodi, Parl. Staatssekretär beim
Bundesminister der Finanzen: Sehr geehrter Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir schließen heute ein
Gesetzgebungsverfahren ab – im Bundestag heute
Morgen, jetzt hier im Bundesrat –, das unter erheblichem
Zeitdruck und in einer wirklich außergewöhnlichen Lage
zustande gekommen ist. Der Krieg im Iran hat die
internationalen Energiemärkte erschüttert, Lieferketten
belastet und zu massiven Preissteigerungen, insbesondere bei
Benzin und Diesel, geführt. Tanken ist deutlich teurer
geworden, und das belastet viele Menschen, Haushalte
und Unternehmen massiv.
Die stark gestiegenen Kraftstoffpreise treffen viele
Bürgerinnen und Bürger unmittelbar. Für Pendlerinnen
und Pendler, für Menschen im ländlichen Raum, für
Beschäftige mit langen Arbeitswegen und für zahlreiche
kleine und mittlere Unternehmen sind Mobilität und
bezahlbare Energie keine abstrakten Größen, sondern
eine tägliche Voraussetzung. Das ist heute schon ein
paarmal angesprochen worden, aber ich betone es noch
mal im Namen der Bundesregierung. Weil dem so ist,
haben wir als Bundesregierung deutlich gemacht: In einer
solchen Situation muss der Staat handeln, schnell,
zielgerichtet und mit einem klaren Blick auf soziale
Gerechtigkeit.
Vor einigen Tagen hat Finanzminister Lars Klingbeil
bei einer Tagung deutlich gemacht, dass den
Auswirkungen des Krieges mit zielgerichteten und kurzfristig
wirksamen Maßnahmen begegnet werden muss. Die
Regierungskoalition hatte sich dazu vor zwölf Tagen auf ein
Energie-Sofortprogramm geeinigt. Eine der wesentlichen
Maßnahmen dieses Sofortprogramms setzen wir nunmehr
in einem schnellen Tempo um, an dem Sie
dankenswerterweise beteiligt sind und das Sie mit dieser Sondersitzung
des Bundesrates möglich machen.
Wir senken die Energiesteuer auf Diesel und Benzin.
Für Diesel wird die Steuer so weit gesenkt, wie es nach
Europarecht erlaubt ist. Einschließlich des darauf
entfallenden Anteils an der Umsatzsteuer ergibt sich für Diesel
und Benzin jeweils eine Entlastung von bis zu 17 Cent.
Insgesamt reden wir über ein Volumen von 1,6
Milliarden Euro Entlastung für die Bürgerinnen und Bürger
sowie die Unternehmen. Das ist eine spürbare
Unterstützung, die unmittelbar im Alltag ankommt.
Diese Maßnahme ist aus Sicht der Bundesregierung
aus mehreren Gründen richtig. Erstens, weil sie eben
unmittelbar wirkt. Sie hilft genau jetzt in der Phase
besonders hoher Preise und verschafft vielen Menschen
ganz konkret Luft.
Zweitens wirkt sie über den Energiesektor hinaus.
Hohe Kraftstoffpreise treiben Kosten in vielen Bereichen –
das ist vorhin bereits benannt worden –, im Transport, in
der Logistik. Wenn wir hier gegensteuern, dämpfen wir
auch den allgemeinen Preisdruck, zum Beispiel auf
Lebensmittel. Das ist mit Blick auf drohende
Inflationseffekte ein wichtiger Beitrag, mit dem wir die negativen
wirtschaftlichen Entwicklungen des Irankrieges
zumindest teilweise kompensieren.
Drittens. Diese Maßnahme ist sozial gerecht.
Besonders betroffen sind doch diejenigen, die auf das Auto
angewiesen sind und gleichzeitig nur begrenzte
finanzielle Spielräume haben. Ihnen verschafft diese Entlastung
ganz konkret Erleichterung.
Meine Damen und Herren, dieses Gesetz steht – das
haben schon meine Vorrednerinnen und Vorredner
erwähnt – nicht für sich allein. Es ist Teil eines
Maßnahmenpakets der Bundesregierung zur Entlastung von
Bürgerinnen und Bürgern sowie der Wirtschaft. Dazu
gehören auch wichtige ordnungspolitische Schritte. Die
Befugnisse des Bundeskartellamts wurden erweitert und
sollen sicherstellen, dass Marktverzerrungen besser
erkannt und adressiert werden können. Darauf werden wir
genau achten. Auch durch die steuer- und abgabenfreie
Entlastungsprämie, die die Arbeitgeber ihren
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gewähren können, schaffen
wir eine zusätzliche direkte Entlastung.
Zur politischen Ehrlichkeit gehört aber auch, zu sagen:
Diese Steuersenkung ist eine temporäre Maßnahme. Sie
kann die strukturellen Ursachen der Energiekrise nicht
beseitigen. Aber sie soll helfen, die unmittelbaren Folgen
befristet abzumildern. Und genau das ist jetzt notwendig.
Gleichzeitig müssen wir – und ich bin dankbar, dass das
angesprochen wurde – den Blick nach vorn richten.
Bewusster und sparsamer Umgang mit Energie dort, wo es
möglich ist, bleibt wichtig, auch um möglichen
Engpässen vorzubeugen. Wir müssen unsere Energieversorgung
langfristig von fossilen Brennstoffen und Importen
unabhängiger machen. Und schließlich – das gehört auch zur
Wahrheit – hängt vieles von der weiteren Entwicklung
der internationalen Lage ab. Darauf müssen wir
vorbereitet bleiben und weiterhin flexibel reagieren.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, dieses Gesetz zeigt,
dass der Staat in schwierigen Zeiten handlungsfähig ist.
Es zeigt, dass wir die Sorgen der Menschen ernst nehmen
und konkrete Antworten geben. Wichtig ist insofern
auch, dass die Steuersenkung bereits zum 1. Mai in Kraft
tritt. Ich bitte Sie daher heute um Ihre Unterstützung.
Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass diese
Maßnahme schnell wirksam wird und den Menschen in
unserem Land zugutekommt! – Herzlichen Dank für Ihre
Aufmerksamkeit!
Vizepräsident Hendrik Wüst: Herzlichen Dank,
Herr Schrodi!
Weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor.
Der Deutsche Bundestag hat das Gesetz heute
verabschiedet.
Ausschussberatungen hier im Bundesrat haben nicht
stattgefunden. Wir sind übereingekommen, heute in der
Sache zu entscheiden.
Anträge auf Einberufung des Vermittlungsausschusses
liegen nicht vor. Ich stelle daher fest, dass der Bundesrat
zu dem Gesetz den Vermittlungsausschuss nicht
anruft.
Des Weiteren stelle ich fest: Mecklenburg-
Vorpommern hat seinen Entschließungsantrag in der
Drucksache 215/1 zurückgezogen.
Damit endet dieser Tagesordnungspunkt und zugleich
auch die ganze Tagesordnung.
Die nächste Sitzung des Bundesrates berufe ich ein
auf Freitag, den 8. Mai 2026, 9.30 Uhr.
Guten Heimweg, schönes Wochenende!
Die Sitzung ist geschlossen.
(Schluss: 12.43 Uhr)
Feststellung gemäß § 34 GO BR
Einspruch gegen den Bericht über die 1063. Sitzung
ist nicht eingelegt worden. Damit gilt der Bericht
gemäß § 34 GO BR als genehmigt.
Relationen
- part_of_vorgang → Zweites Gesetz zur Änderung des Energiesteuergesetzes zur temporären Absenkung der Energiesteuer für Kraftstoffe (2. Energiesteuersenkungsge (Durchgang)
- spoke_in ← Dietmar Woidke (Rede)
- spoke_in ← Franziska Giffey (Rede)
- spoke_in ← Manuela Schwesig (Rede)
- spoke_in ← Mario Voigt (Rede)
- spoke_in ← Michael Schrodi (Rede)
- spoke_in ← Sven Schulze (Rede)