Empfehlungen für gesundes Essen - Mehr Information und Transparenz
Text
Empfehlungen für gesundes Essen - Mehr Information und Transparenz
Antrag
der Abgeordneten Peter Felser, Stephan Protschka, Bernd Schattner, Julian
Schmidt, Danny Meiners, Bernd Schuhmann, Christian Reck, Stefan
Schröder, Lars Schieske, Enrico Komning, Steffen Janich, Dario Seifert,
Dr. Michael Blos, Olaf Hilmer, Alexander Arpaschi, Joachim Bloch, René
Bochmann, Thomas Dietz, Boris Gamanov, Dr. Ingo Hahn, Udo Theodor
Hemmelgarn, Nicole Hess, Nicole Höchst, Dr. Michael Kaufmann, Rocco
Kever, Achim Köhler, Reinhard Mixl, Iris Nieland, Tobias Matthias Peterka,
Dr. Rainer Rothfuß, Manfred Schiller, Dr. Paul Schmidt, Georg Schroeter,
Martina Uhr, Sven Wendorf, Wolfgang Wiehle, Dr. Daniel Zerbin, Jörg Zirwes,
Ulrich von Zons und der Fraktion der AfD
Empfehlungen für gesundes Essen – Mehr Information und Transparenz
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Ernährungswissenschaftliche Studien und deren Endpunkte sind wichtig, um
ernährungsbezogene Erkenntnisse zu gewinnen und neue ernährungswissenschaftliche
Fragestellungen abzuleiten. Dem gegenüber sind sie auch teilweise kritischen
Betrachtungsweisen ausgesetzt, da sie häufig keine direkte Kausalität, also Ursache-
Wirkungs-Beziehung, sondern lediglich Korrelationen, also Zusammenhänge, zeigen.
Dies liegt an der Schwierigkeit, hochwertige randomisiert-kontrollierte Studien im
Ernährungsbereich durchzuführen. Die meisten Erkenntnisse stammen aus
epidemiologischen Studien wie Kohorten-Studien, die zeigen, dass eine bestimmte
Ernährungsweise mit einer Krankheit assoziiert ist, aber nicht zwingend die Ursache dafür sein
muss.
Ernährungsstudien sind wie eingangs erwähnt absolut notwendig, um Risikofaktoren
für Krankheiten zu identifizieren, aber die daraus abgeleiteten Empfehlungen sollten
nicht als absolute, begründende Beweise missverstanden werden. Besonders dann
nicht, wenn diese überwiegend auf beobachtenden epidemiologischen Studiendesigns
basieren. Sie liefern vielmehr Hinweise auf Wahrscheinlichkeit, jedoch keinen
endgültigen wissenschaftlichen Beweis (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27711975/).
II. Der Deutsche Bundestag begrüßt das Leitbild des mündigen Verbrauchers, der
eigenverantwortlich entscheidet und dabei Zugang zu verständlichen,
vollständigen und überprüfbaren Informationen erhält; eine evidenzbasierte
Verbraucherinformation, die zwischen Beobachtungsbefunden (Assoziationen),
Mechanismen biologischer Plausibilität und Ergebnissen aus Interventionsstudien
nachvollziehbar unterscheidet; eine staatliche Kommunikation, die keine überzogenen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6031
21. Wahlperiode 20.05.2026
Kausalbehauptungen aus methodisch schwacher oder widersprüchlicher
Datenlage ableitet.
III. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. verbindliche Transparenz- und Evidenzstandards für staatliche
Ernährungskommunikation einzuführen und sicherzustellen, dass Veröffentlichungen des
Bundeszentrums für Ernährung (BZfE), die Ernährungsempfehlungen oder
gesundheitsbezogene Aussagen für die Allgemeinbevölkerung enthalten, verbindlich
und gut sichtbar mindestens ausweisen:
a) die Art der Evidenzgrundlage (z. B. randomisierte Interventionsstudien,
prospektive Kohortenstudien, Fall-Kontroll-Studien, systematische
Übersichten/Metaanalysen),
b) den Evidenzgrad und die Vertrauenswürdigkeit der Aussage nach einem
standardisierten, transparenten Bewertungsverfahren (z. B. GRADE oder
ein gleichwertiges Schema),
c) die Stärke der Aussage (z. B. „Hinweis auf Assoziation“/„wahrscheinlicher
kausaler Zusammenhang“),
d) zentrale Limitationen und Unsicherheiten (insbesondere Confounding,
Messunsicherheit, Heterogenität der Ergebnisse) in einer kurzen,
verständlichen Zusammenfassung,
e) soweit möglich Effektstärke und Unsicherheitsbereich (z. B.
Konfidenzintervalle) in verständlicher Form sowie festzulegen, dass Empfehlungen, die
überwiegend auf Beobachtungsdaten beruhen, nicht als gesicherte Ursache-
Wirkungs-Beziehungen dargestellt werden dürfen, sondern als
evidenzgraduierte Orientierung, bei der Unsicherheiten und Alternativerklärungen klar
benannt werden; bei wesentlichen Ernährungsempfehlungen des BZfE
jeweils eine kurze öffentliche Evidenzsynopse vorzusehen, die
nachvollziehbar darlegt, welche Studien und Bewertungen der Empfehlung zugrunde
liegen;
2. methodisch hochwertige prospektive Interventionsforschung im
Ernährungsbereich gezielt zu stärken und Richtlinien und Förderprioritäten für das zuständige
Bundesministerium zu erarbeiten, die die Konzeption, Durchführung und
Evaluation methodisch hochwertiger prospektiver Interventionsstudien fördern,
insbesondere durch:
a) Förderung pragmatischer randomisierter Studien in alltagsnahen Settings
(z. B. Schulen, Betriebe, kommunale Einrichtungen),
b) Förderung von Studien mit klinisch relevanten Endpunkten oder validierten
Surrogatendpunkten,
c) verbindliche Vorregistrierung von Studienprotokollen und Analyseplänen,
d) Vorgaben zur Qualitätssicherung (Bias Minimierung, Adhärenzkonzepte,
unabhängige Auswertung, nachvollziehbare Berichterstattung); eine
Förderlinie zu schaffen oder auszubauen, die Replikationsstudien sowie
Forschungsvorhaben unterstützt, die Evidenz aus unterschiedlichen
methodischen Ansätzen (z. B. Interventionsstudien, Kohorten,
Mechanismenforschung, natürliche Experimente) systematisch triangulieren, um robuste
Aussagen zu ermöglichen;
3. Förderung von Beobachtungs- und Fall-Kontroll-Studien an strenge
Qualitätskriterien zu binden und neue Förderentscheidungen im
ernährungswissenschaftlichen Bereich an methodische Mindeststandards zu knüpfen, insbesondere:
a) Vorregistrierung der Fragestellung und des Analyseplans,
b) nachvollziehbare Confounder-Strategie inklusive Sensitivitätsanalysen,
c) validierte Messinstrumente bzw. begleitende Validierungsstudien,
d) Plan zur Replikation in unabhängigen Datensätzen/Kohorten (soweit
realistisch),
e) größtmögliche Datentransparenz und Nachvollziehbarkeit (z. B.
Datenzugangskonzepte, Veröffentlichung von Auswertungscode), unter Beachtung
datenschutzrechtlicher Vorgaben; sicherzustellen, dass aus einzelnen
Beobachtungsstudien ohne hinreichende Gesamtevidenz keine weitreichenden,
definitiv formulierten Kausalempfehlungen für die Allgemeinbevölkerung
abgeleitet werden;
4. Unabhängigkeit und Qualitätssicherung zu stärken und Verfahren zur
Qualitätssicherung staatlicher Empfehlungen so auszugestalten, dass
a) Interessenkonflikte bei Erstellung und Bewertung transparent offengelegt
und angemessen berücksichtigt werden,
b) eine methodische externe Begutachtung (Peer Review) für zentrale
Empfehlungen vorgesehen wird,
c) Empfehlungen nach einem festen Aktualisierungszyklus überprüft und bei
neuer Evidenz angepasst werden.
Berlin, den 19. Mai 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Begründung
Ernährungskommunikation staatlicher Stellen beeinflusst alltägliche Gesundheitsentscheidungen, wie Einkauf,
Verzehr oder Vorsorge in der Breite der Bevölkerung. Gerade weil diese Kommunikation als amtlich
wahrgenommen wird, muss sie verständlich, überprüfbar, methodisch sauber eingeordnet und in ihren Unsicherheiten
transparent sein, um Vertrauen zu sichern und Fehlsteuerungen zu vermeiden. Eigenverantwortliche
Entscheidungen setzen voraus, dass Informationen nicht irreführend und verständlich bereitgestellt werden.
In der Gesundheits- und Leitlinienmethodik ist international anerkannt, dass Aussagen zur Wirksamkeit bzw.
Kausalität nach Evidenzart und Vertrauenswürdigkeit zu unterscheiden sind. Der GRADE- (Grading of
Recommendations Assessment, Development and Evaluation-)Ansatz liefert hierfür ein etabliertes, transparentes
Verfahren zur Bewertung der Sicherheit und Verlässlichkeit der Evidenz und zur Ableitung der Stärke von
Empfehlungen (www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1865921709001585). Eine solche Trennung ist besonders
wichtig, weil Beobachtungsstudien typischerweise nur Zusammenhänge zeigen (Assoziationen), während
belastbarere Kausalaussagen regelmäßig Interventions- bzw. randomisierte Evidenz oder zumindest triangulierte
Gesamtevidenz erfordern. Das System GRADE lässt sich auch in der Ernährungsforschung zur Bewertung der
Vertrauenswürdigkeit von Evidenz aus Beobachtungsstudien anwenden (www.cochrane.de/news/f%C3%BCr-
fortgeschrittene-grade-der-ern%C3%A4hrungsforschung).
Gerade in der Ernährungsforschung ist gut beschrieben, dass aus Beobachtungsdaten häufig scheinbar
signifikante Zusammenhänge entstehen können, die wesentlich durch sogenanntes Residual Confounding
(Reststörgröße), Messfehler und selektive Berichterstattung geprägt sind (https://shohrehdavoodi.com/wp-content/uplo-
ads/2020/07/Challenges-of-Nutritional-Epidemiological-Research.pdf). Daraus abgeleitete kausale
Formulierungen sind wissenschaftlich riskant. Methodische Leitprinzipien wie Core-GRADE betonen entsprechend, dass
starke Empfehlungen bei niedriger Evidenzsicherheit grundsätzlich zu vermeiden sind (www.bmj.com/
content/389/bmj-2024-083867). Zusätzlich gilt für staatliche Risikokommunikation als bewährte Verfahrensweise,
den Bewertungsprozess transparent darzustellen und Unsicherheiten nicht zu verschleiern (www.bfr.bund.de/
risikokommunikation/).
Die Forderung nach sichtbarer Evidenzkennzeichnung, wie Evidenzart, Evidenzgrad, Aussagekraft, Limitationen
und Effektstärken/Unsicherheitsbereiche, ist sachgerecht, weil sie die zentrale Voraussetzung schafft, dass
Bürger eine Aussage einordnen und überprüfen können, statt sie als „amtliche Gewissheit“ misszuverstehen. Der
GRADE-Ansatz ist hierfür ein international breit genutzter Standard zur transparenten Bewertung der
Evidenzsicherheit (ebd. www.sciencedirect.com).
Auch für laienverständliche Gesundheitsinformation existieren methodische Vorgaben, Effekte in absolute
Zahlen zu übersetzen, Unsicherheiten zu benennen und Darstellungen so zu wählen, dass sie nicht irreführen, wie
z. B. keine rein relativen Risikoreduktionen ohne Kontext. Das ist in Deutschland u. a. im Methodenpapier des
IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) ausdrücklich verankert
(www.iqwig.de/methoden/allgemeine-methoden_version-5-0.pdf). Eine kurze öffentliche Evidenzsynopse pro
wesentlicher Empfehlung stärkt darüber hinaus die Nachvollziehbarkeit, weil sie offenlegt, welche Studien
herangezogen wurden und wie die Gesamtevidenz bewertet wurde. Für systematische Übersichten existiert mit
PRISMA 2020 ein internationaler Berichtsstandard, der Transparenz und Vollständigkeit der Darstellung
verbessert (www.bmj.com/content/372/bmj.n71). Die Stärkung hochwertiger Interventionsforschung ist
folgerichtig, weil viele ernährungsbezogene Politik- und Lebensstilbotschaften derzeit zwangsläufig auf
Beobachtungsdaten beruhen, die kausal häufig unsicher sind. Die Notwendigkeit methodischer Reformen und robusterer
Designs in der Ernährungsepidemiologie ist prominent beschrieben (www.sciencedirect.com/science/
article/pii/S1865921709001585). Die geforderte Vorregistrierung von Studienprotokollen und Analyseplänen
adressiert zudem selektive Berichterstattung und erhöht die Überprüfbarkeit. Für klinische Studien ist
prospektive Registrierung seit Jahren als Standard in der wissenschaftlichen Publikationspraxis verankert
(www.icmje.org/recommendations/browse/publishing-and-editorial-issues/clinical-trial-registration.html). Die
explizite Förderung von Replikation und Triangulation ist wissenschaftlich begründet, weil Robustheit der
Ergebnisse steigt, wenn unterschiedliche methodische Ansätze mit jeweils verschiedenen Bias-Quellen zu
konsistenten Schlüssen führen (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28108528/).
Beobachtungsforschung bleibt im Ernährungsbereich wichtig, ist aber besonders anfällig für Verzerrung
(Confounding), Messfehler und heterogene Ergebnisse. Entsprechend sollte staatliche Förderung an Mindeststandards
geknüpft sein. Dazu gehören, transparente Confounder-Strategien, Sensitivitätsanalysen, Validierung der
Messinstrumente und klare Dokumentation. Dass Messfehler in der Ernährungserhebung die Ableitung belastbarer
„Diet–Health“-Beziehungen beeinträchtigen können, wird in der Fachliteratur ausdrücklich thematisiert. Neuere
Übersichten kritisieren u. a. unzureichende Validierung von Verzehrhäufigkeitsfragebogen (FFQ)-basierten
Variablen in Teilen der Ernährungsepidemiologie (www.nature.com/articles/s41430-026-01712-7). Die Forderung
nach Präregistrierung, Datenzugangskonzepten und Veröffentlichung von Auswertungscodes stützt sich zudem
auf moderne Open-Science-Standards. Für Beobachtungsstudien, die kausale Effekte schätzen (Target-Trial-
Emulation), empfiehlt der aktuelle TARGET-Reportingstandard explizit auch Studienregistrierung sowie das
Teilen von Daten und Codes als Transparenzanforderung (https://jamanetwork.com/journals/jama/fullar-
ticle/2837724). Ergänzend liefern die FAIR-Prinzipien einen international etablierten Rahmen, um Daten (und
damit Nachvollziehbarkeit/Reuse) systematisch zu verbessern – kompatibel auch mit datenschutzkonformen
Zugangslösungen (www.nature.com/articles/sdata201618). Vor diesem Hintergrund ist es folgerichtig festzulegen,
dass aus Einzel-Beobachtungsstudien ohne hinreichende Gesamtevidenz keine weitreichenden, definitiv
formulierten Kausalempfehlungen für die Allgemeinbevölkerung abgeleitet werden sollen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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