Weiterbildung stärken - Beschäftigungsfähigkeit sichern und Qualifizierung im Strukturwandel erleichtern
Text
Weiterbildung stärken - Beschäftigungsfähigkeit sichern und Qualifizierung im Strukturwandel erleichtern
Antrag
der Abgeordneten Dr. Anja Reinalter, Misbah Khan, Denise Loop, Ulle
Schauws, Nyke Slawik, Ayse Asar, Dr. Armin Grau, Michael Kellner, Ricarda
Lang, Dr. Andrea Lübcke, Lisa Paus, Sylvia Rietenberg, Jamila Schäfer,
Sandra Stein und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Weiterbildung stärken – Beschäftigungsfähigkeit sichern und Qualifizierung
im Strukturwandel erleichtern
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Digitalisierung,
technologische Innovationen und der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz
verändern Arbeitsprozesse, Geschäftsmodelle und Qualifikationsanforderungen in vielen
Branchen. Gleichzeitig führen demografische Veränderungen dazu, dass qualifizierte
Fachkräfte in vielen Bereichen knapp werden. Viele Tätigkeiten verändern sich, neue
Berufe entstehen, während andere an Bedeutung verlieren. Berufliche Weiterbildung
ist deshalb ein zentraler Schlüssel für eine erfolgreiche sozial-ökologische
Transformation. Sie sichert Beschäftigungsfähigkeit, stärkt die Innovationsfähigkeit der
Unternehmen und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe.
Die veränderte wirtschaftliche Situation, der anhaltende Strukturwandel und die
schwächelnde Konjunktur haben den Arbeitsmarkt in eine paradoxe Lage gebracht: In
immer mehr Branchen werden Arbeitsplätze abgebaut. Dies betrifft laut ifo-
Beschäftigungsbarometer Deutschland Januar 2026 insbesondere Industrie und Handel, aber
auch große Traditionsunternehmen wie Bosch, Thyssen‑Krupp oder Continental.
Gleichzeitig berichten viele, darunter auch kleine und mittlere Unternehmen sowie
Handwerksbetriebe, von erheblichen Schwierigkeiten, qualifizierte Fachkräfte zu
gewinnen. Bereits heute verursachen unbesetzte Stellen jährliche Kosten von knapp 50
Milliarden Euro für Unternehmen in Deutschland (www.iwkoeln.de/presse/
pressemitteilungen/alexander-burstedde-galina-kolev-schaefer-wirtschaft-verliert-49-milliar-
den-euro.html?utm_source=chatgpt.com).
Vor diesem Hintergrund gewinnt Weiterbildung zunehmend an Bedeutung. Sie
ermöglicht es Beschäftigten, ihre Kompetenzen an neue Anforderungen anzupassen und
eröffnet Unternehmen die Möglichkeit, vorhandene Fachkräfte weiterzuqualifizieren
und langfristig zu binden. Weiterbildung trägt damit sowohl zur individuellen
Beschäftigungsfähigkeit als auch zur wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit bei
(www.oecd.org/en/publications/trends-in-adult-learning_ec0624a6-en.html#
executive-summary). Lebensbegleitendes Lernen und kontinuierliche Qualifizierung sind
unerlässlich, um die sozial-ökologische Transformation aktiv mitzugestalten. In einer
sich wandelnden Arbeitswelt müssen Menschen die Möglichkeit haben, ihre
Fähigkeiten über das gesamte Erwerbsleben hinweg weiterzuentwickeln. Weiterbildung ist da-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5518
21. Wahlperiode 21.04.2026
her nicht nur eine Frage einzelner Bildungsphasen, sondern Bestandteil einer
durchgehenden Bildungs‑ und Erwerbsbiografie.
Weiterbildung richtet sich dabei an Beschäftigte unterschiedlicher
Qualifikationsstufen – von Grundqualifizierung und beruflicher Nachqualifizierung über
berufsbegleitende Weiterbildung bis zur Weiterentwicklung hochqualifizierter Fachkräfte. In einer
innovationsorientierten Wirtschaft ist kontinuierliche Kompetenzentwicklung auf
allen Qualifikationsniveaus notwendig, um Beschäftigungsfähigkeit zu sichern und
technologische Transformation erfolgreich zu gestalten.
Deutschland hat sich im Rahmen der EU-Strategie 2030 das Ziel gesetzt, die
Weiterbildungsbeteiligung auf 65 Prozent zu erhöhen. Derzeit stagniert sie jedoch und liegt
unter dem EU-Durchschnitt (www.ifo.de/pressemitteilung/2026-02-09/interesse-
weiterbildung-deutschland-unter-eu-durchschnitt). Laut einer Bertelsmann-Studie plant
nur etwa die Hälfte der Beschäftigten zwischen 25 und 64 Jahren in den kommenden
zwölf Monaten eine Weiterbildung (www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/
aktuelle-meldungen/2025/weiterbildung-nur-die-haelfte-der-beschaeftigten-in-
deutschland-stellt-sich-dem-wandel-in-der-wirtschaft).
Der Nationale Bildungsbericht 2024 beschreibt die strukturellen Herausforderungen
im deutschen Weiterbildungssystem: Mit rund 60.000 staatlichen und privaten
Weiterbildungsanbietern sowie einer Vielzahl unterschiedlicher Förderinstrumente auf
Bundes‑ und Landesebene ist der Weiterbildungsmarkt vielfältig, für viele
Beschäftigte und Unternehmen jedoch schwer überschaubar. Zahlreiche Weiterbildungsträger
haben Schwierigkeiten, ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen und sind
durch die anhaltenden Rechtsunsicherheiten bezüglich der Selbständigkeit von
Honorarkräften sowie der Umsatzsteuerbefreiung von Bildungsangeboten verunsichert.
Rund drei Viertel der beruflichen Weiterbildungen finden im betrieblichen Kontext
statt. Doch insbesondere kleine und mittlere Unternehmen stehen vor praktischen
Herausforderungen bei der Organisation von Weiterbildung. Für viele Betriebe ist es
schwierig, Beschäftigte für längere Qualifizierungsmaßnahmen freizustellen oder
geeignete Angebote zu finden, die sich mit den betrieblichen Abläufen vereinbaren
lassen.
Die Weiterbildungsbeteiligung hängt stark vom Bildungsniveau ab: Hochqualifizierte
nehmen deutlich häufiger an Weiterbildung teil als geringqualifizierte Beschäftigte.
Diese ungleiche Verteilung von Weiterbildungschancen wird häufig als
„Matthäus‑Prinzip“ beschrieben (www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-
meldungen/2025/weiterbildung-nur-die-haelfte-der-beschaeftigten-in-deutschland-
stelltsich-dem-wandel-in-der-wirtschaft). Zu den häufigsten Gründen für eine
Nichtteilnahme zählen Zeitmangel, familiäre Verpflichtungen, betriebliche Hürden, zu hohe
Kosten sowie fehlende Unterstützungsleistungen. Darüber hinaus stellen unflexible
Kursformate, hohe Zugangsvoraussetzungen, fehlende Beratung sowie eine geringe
Passung der Angebote weitere institutionelle Barrieren dar (vgl. Hans-Böckler-
Stiftung 2026: Einstellungen zum Lebenslangen Lernen in der Bevölkerung Sichtweisen
auf Weiterbildung, Teilnahme an Weiterbildung). Besonders für Mütter, Väter,
Alleinerziehende, andere Personen mit Care-Verpflichtungen und Teilzeitbeschäftigte ist es
schwierig, geeignete Weiterbildungsangebote zu finden.
Unabhängig davon, ob Menschen in urbanen Zentren oder im ländlichen Raum leben,
ist ein wohnortnahes und gut erreichbares Weiterbildungsangebot von großer
Bedeutung. Gute Weiterbildungsmöglichkeiten vor Ort tragen dazu bei, Fachkräfte in den
Regionen zu halten, berufliche Perspektiven zu sichern und wirtschaftliche
Entwicklung nachhaltig zu stärken. Davon profitieren insbesondere kleine und mittlere
Unternehmen sowie das Handwerk, die in besonderem Maße auf qualifizierte Fachkräfte in
ihrer Region angewiesen sind.
Im Sinne einer inklusiven Gesellschaft ist es außerdem wichtig, dass Weiterbildung
möglichst barrierefrei zugänglich ist und Menschen mit Behinderungen
gleichberechtigte Teilhabe an Qualifizierungsangeboten erhalten.
Ein wichtiger Baustein für ein modernes Weiterbildungssystem ist die Durchlässigkeit
zwischen beruflicher und akademischer Bildung. Der Deutsche Qualifikationsrahmen
(DQR) trägt dazu bei, Qualifikationen transparenter zu machen und unterschiedliche
Bildungsabschlüsse vergleichbar einzuordnen.
Weiterbildung gelingt nur im Zusammenspiel verschiedener Akteure und ist eine
gemeinsame Aufgabe von Beschäftigten, Unternehmen, Sozialpartnern und Staat. Ziel
muss es sein, bestehende Strukturen besser zu verzahnen, Informationen transparenter
zu machen und bürokratische Hürden abzubauen. Weiterbildung muss stärker als
integraler Bestandteil lebenslangen Lernens verstanden werden und für Beschäftigte,
Unternehmen und Weiterbildungseinrichtungen gleichermaßen zugänglich gemacht
werden.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
gemeinsam mit Ländern, Sozialpartnern, Wirtschaft und
Weiterbildungseinrichtungen,
1. bestehende Instrumente der Weiterbildungsförderung besser nutzbar zu machen:
a) das Qualifizierungsgeld sowie die Förderung von Weiterbildung nach § 82
SGB III weiterzuentwickeln und ihre Nutzung zu erleichtern, insbesondere
für kleine und mittlere Unternehmen sollen Unterstützungsstrukturen
ausgebaut werden;
b) das Aufstiegs-BAföG (AFBG) so weiterzuentwickeln, dass auch
Umschulungen auf gleicher DQR-Stufe förderberechtigt und Meisterfortbildungen
kostenfrei werden;
c) Antragsverfahren für Weiterbildungsförderung, insbesondere beim AFBG
und der betrieblichen Weiterbildungsförderung zu vereinfachen und stärker
zu digitalisieren und die Weiterbildungsförderung insgesamt übersichtlicher
zu bündeln und transparenter zu gestalten;
d) zu prüfen, wie die Förderung von Kleinstqualifikationen (Micro-
Credentials) und Zertifikatskursen an Hochschulen in bestehende Förderlogiken
integriert werden kann, um auch kürzere wissenschaftliche
Qualifikationsphasen zu unterstützen;
2. die Weiterbildungsbeteiligung von Beschäftigten zu erhöhen und Maßnahmen zu
entwickeln, um insbesondere folgende Gruppen stärker für Weiterbildung zu
gewinnen:
a) geringqualifizierte Beschäftigte,
b) ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer,
c) Beschäftigte in kleinen und mittleren Unternehmen,
d) Beschäftigte mit Care‑Verantwortung sowie Teilzeitbeschäftigte,
e) Menschen mit Behinderungen,
f) Menschen mit Migrationshintergrund;
3. Rahmenbedingungen zu schaffen,
a) um Weiterbildung zu flexibilisieren, stärker berufsbegleitend und modular
zu gestalten sowie um mehr Module zur Sprachförderung auszubauen, um
sie mehr Personengruppen zugänglich zu machen;
b) um Weiterbildung zu digitalisieren und die Qualität und den
Verbraucherschutz digitaler Angebote sicherzustellen;
c) für eine stärkere Ausrichtung von Weiterbildungsangeboten auf Future
Skills und Kompetenzen für die ökologische Transformation, Digitalisierung
und KI;
d) Anreizstrukturen für Hochschulen zu schaffen, um wissenschaftliche
Weiterbildung und flexible Studienformate (wie berufsbegleitende
Studiengänge und Zertifikatskurse) als Kernaufgabe neben der grundständigen
Lehre, Forschung und Transfer zu verankern;
4. die Weiterbildungsberatung bedarfsgerecht auszubauen und
a) die regionale Zusammenarbeit von Arbeitsagenturen, Kammern,
Weiterbildungsträgern und regionalen Netzwerken zu intensivieren und neue
Synergien zu schaffen;
b) den Einsatz von KI in der Weiterbildungsberatung zu stärken;
c) den Ausbau von Weiterbildungsagenturen und Weiterbildungsverbünden in
Deutschland als zentrales Element der Nationalen Weiterbildungsstrategie
(NWS) zügig voranzutreiben;
5. die Anerkennung beruflicher Kompetenzen zu erleichtern und bestehende
Validierungsverfahren bekannter zu machen und die Entwicklung von
Teilqualifikationen zu fördern und die Qualität von Teilqualifizierungen sicherzustellen;
6. durch eine Weiterentwicklung der Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung
Arbeitsförderung (AZAV) bürokratische Hürden für Weiterbildungsträger zu
reduzieren, Doppelprüfungen zu vermeiden und gleichzeitig verbindliche
Qualitätsstandards für geförderte Weiterbildungsmaßnahmen zu stärken;
7. die Volkshochschulen und andere Bildungsinstitutionen in öffentlicher
Trägerschaft als Orte lebenslangen Lernens zu stärken und auskömmlich zu finanzieren;
8. die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung zu erhöhen
und
a) Weiterbildungsangebote von Hochschulen stärker für berufstätige Lernende
zu öffnen und den Zugang für beruflich Qualifizierte ohne schulische
Hochschulzugangsberechtigung zu vereinfachen („Offene Hochschule“),
b) modulare Weiterbildungsangebote sowie Micro‑Credentials
weiterzuentwickeln sowie transparente und pauschale Anrechnungsverfahren für
außerhalb der Hochschule erworbene Kompetenzen auf Studiengänge zu stärken,
c) den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) rechtlich zu verankern;
9. die Wirkung der Weiterbildungsförderung regelmäßig zu evaluieren, um die
Wirksamkeit der Weiterbildungsförderung besser bewerten und die Qualität der
Angebote weiterentwickeln zu können.
Berlin, den 21. April 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- authored ← Andrea Lübcke (Antrag)
- authored ← Anja Reinalter (Antrag)
- authored ← Armin Grau (Antrag)
- authored ← Ayse Asar (Antrag)
- authored ← Denise Loop (Antrag)
- authored ← Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
- authored ← Jamila Schäfer (Antrag)
- authored ← Lisa Paus (Antrag)
- authored ← Michael Kellner (Antrag)
- authored ← Misbah Khan (Antrag)
- authored ← Nyke Slawik (Antrag)
- authored ← Ricarda Lang (Antrag)
- authored ← Sandra Stein (Antrag)
- authored ← Sylvia Rietenberg (Antrag)
- authored ← Ulle Schauws (Antrag)
- part_of_vorgang → Weiterbildung stärken - Beschäftigungsfähigkeit sichern und Qualifizierung im Strukturwandel erleichtern (Antrag)