Die transatlantischen Beziehungen neu denken
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Die transatlantischen Beziehungen neu denken
[Antrag
der Abgeordneten Deborah Düring, Agnieszka Brugger, Sara Nanni,
Dr. Konstantin von Notz, Andreas Audretsch, Omid Nouripour, Luise
Amtsberg, Ayse Asar, Lisa Badum, Dr. Sandra Detzer, Jeanne Dillschneider,
Schahina Gambir, Dr. Lena Gumnior, Julian Joswig, Lamya Kaddor,
Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Michael Kellner, Chantal Kopf, Rebecca
Lenhard, Max Lucks, Dr. Anna Lührmann, Boris Mijatović, Claudia Müller,
Dr. Ophelia Nick, Claudia Roth, Corinna Rüffer, Jamila Schäfer, Dr. Sebastian
Schäfer, Ulle Schauws, Nyke Slawik, Dr. Till Steffen, Awet Tesfaiesus, Robin
Wagener, Tina Winklmann und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Die transatlantischen Beziehungen neu denken
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die transatlantischen Beziehungen bilden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das
tragende Fundament der deutschen und europäischen Sicherheitsarchitektur. Nach
dem Sieg über den Nationalsozialismus, reichten die USA der jungen Bundesrepublik
Deutschland die Hand; es entwickelte sich eine Partnerschaft, die auf gemeinsamen
Werten von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie beruht. Über viele
Jahrzehnte sind enge Verbindungen zwischen Regierungen, Parlamenten, Städten und
Zivilgesellschaften gewachsen, die bis heute von großer Bedeutung sind. Beide Seiten
haben von der Zusammenarbeit profitiert, aber gerade für Europa und Deutschland
waren die USA über viele Jahrzehnte Garant von Sicherheit und Frieden. Gleichzeitig
stand das transatlantische Verhältnis immer wieder vor unterschiedlichen
Herausforderungen, von den Diskussionen um die Offsetabkommen und dem Erdgas-Röhren-
Deal, über den Krieg im Irak, der berechtigten Kritik an der alten deutschen
Russlandpolitik und den „pivot to asia“ bis zur Abkehr von internationalen Verträgen und
Institutionen unter der ersten Regierung von Präsident Trump.
Insbesondere seit Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps im Januar 2025
untergräbt die US-Administration jedoch das internationale Vertrauen in die USA als
verlässlicher Partner in atemberaubendem Tempo. Mit großer Sorge beobachten wir das
fortschreitende Aushöhlen demokratischer Institutionen und Rechtsstaatlichkeit in den
USA sowie außenpolitische Drohgebärden und die Abkehr von der regelbasierten
internationalen Ordnung zugunsten einer transaktionalen Außen-, Wirtschafts- und
Handelspolitik. Sichtbar wurde dieser Kurs schon von Beginn an u. a. in der Zollpolitik
Trumps. Anstatt Zölle zur Stabilisierung eines offenen Welthandelssystems zu nutzen,
werden sie als politisches Druckinstrument eingesetzt, welches jederzeit eskaliert und
gezielt gegen Partner gerichtet werden kann. Spätestens seit den Überfällen auf Schiffe
im karibischen Meer seit September 2025 und dem Militärschlag gegen Venezuela mit
Deutscher Bundestag Drucksache 21/3618
21. Wahlperiode 13.01.2026
der Verhaftung des autokratischen De-facto-Präsidenten Nicolás Maduro Anfang
Januar dieses Jahres wird eindeutig das Völkerrecht gebrochen. Die US-Regierung lässt
keinen Zweifel daran, dass der Anspruch einer US-Vorherrschaft in der gesamten
westlichen Hemisphäre, wie in der Nationalen Sicherheitsstrategie des Weißen Hauses
formuliert ist, sehr wörtlich zu nehmen ist. Die Strategie stellt klar, dass die neue
Außenpolitik allein auf „America First“ ausgerichtet ist. Dies zeigt sich auch in der
Offenheit, mit der Donald Trump und diverse Kabinettsmitglieder die Drohungen gegen
andere Länder der Region und die unverhohlen geäußerten Besitzansprüche über
Grönland mit eigenen Wirtschafts- und Machtinteressen begründen.
Laut Nationaler Sicherheitsstrategie sieht die US-Regierung in Europas liberalen
Werten den Untergang der „zivilisatorischen Errungenschaften“ und preist rechtsextreme
„patriotische“ Parteien als Hoffnungsträger, die es zu unterstützen gelte und zeigt
damit, dass sich der Blick auf Europa und auch die Ukraine als wichtige Partner sehr
gewandelt hat. Es wird verschriftlicht, was bereits im Handeln dieser US-
Administration seit einem Jahr sichtbar ist. Gerade weil wir uns transatlantischen Werten und so
vielen Partnern über den Atlantik hinweg verbunden fühlen, darf sich die
Bundesregierung auch nicht weiter klein machen und angesichts von
Einschüchterungsversuchen des US-Präsidenten und seiner Administration zurückschrecken, sondern muss
selbstbewusst unsere Interessen und Werte formulieren und vertreten. Es sind zugleich
nicht wir, die das Fundament unserer langen Beziehungen und Geschichte in Frage
stellen. Wo angesichts der großen außenpolitischen Herausforderungen und
Veränderungen Kooperation möglich und sinnvoll ist, wollen und werden wir sie auf einer
fairen Basis und einem nüchternen Blick weiter fortsetzen.
Die Bundesregierung darf diese Entwicklungen nicht länger ignorieren, sondern muss
ihre Politik anpassen. Sie muss angesichts der neuen geopolitischen
Herausforderungen entschlossener handeln, um dafür zu sorgen, dass Deutschland und Europa
gegenüber den USA strategisch unabhängiger werden – bei zugleich fortbestehender, aber
zunehmend unsicherer transatlantischer Partnerschaft.
Bereits in seiner ersten Amtszeit hat Donald Trump im Zusammenspiel mit Wladimir
Putin im Bereich der Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle vorerst schwer zu
reparierende Schäden angerichtet, ob bei der US-Aufkündigung oder der russischen
Verletzung des INF-Vertrages oder beim Ausstieg der USA bei Open Skies. Damit wurde
fast die letzten Regelwerke zerstört, deren Ziel es war, gegenseitig die Gefahren zu
begrenzen. Anders als im Kalten Krieg fehlen so Vereinbarungen, die in einer
unsicheren Welt dazu beitragen, dass Eskalation eingehegt werden kann, im
konventionellen wie im nuklearen Bereich, insbesondere wenn der „New Start“ endgültig ausläuft
und die Donald Trump seine Drohung wahr macht, wieder Atomwaffentest
durchführen zu wollen.
Die Aushöhlung der internationalen regelbasierten Ordnung wird seit dem ersten Tag
der zweiten Präsidentschaft Trumps systematisch betrieben: multilaterale Institutionen
wie die Vereinten Nationen, die Weltgesundheitsorganisation, die
Welthandelsorganisation oder der Internationalen Strafgerichtshof werden delegitimiert und geschwächt,
internationale Abkommen aufgekündigt und wirtschaftlicher sowie
sicherheitspolitischer Druck auf andere Länder ausgeübt bis hin zu militärischer Gewalt. Dies zerstört
das Vertrauen in die USA und schafft ein geopolitisches Vakuum, das zunehmend von
Autokratien wie China oder Russland gefüllt und zu ihren Gunsten genutzt wird. Die
Antwort auch der deutschen Bundesregierung, bestand bislang aus Zurückhaltung und
„strategischem“ Anbiedern an den US-Präsidenten. Diese Taktik mag zwar in
Anbetracht der vielfältigen sicherheitspolitischen und ökonomischen Abhängigkeiten von
den USA und des erratischen Handelns des Präsidenten kurzfristig als pragmatischer
Umgang erscheinen – eine langfristige Strategie ist es jedoch nicht – im Gegenteil:
diese Haltung verstärkt die Abhängigkeiten und macht erpressbar. Sie sendet die
gefährliche Botschaft, dass solche Druckmittel unter Partnern letztlich erfolgreich sind
und führt somit zu einer Rutschbahn, die am Ende Europas Interessen und Werte noch
mehr gefährdet und die Konflikte verschärfen wird. Besonders inakzeptabel ist es,
wenn NATO-Partner wie Dänemark mit Grönland oder Kanada offen bedroht werden
wie derzeit geschieht. Hier müssen alle anderen NATO-Mitglieder geschlossen
unmissverständlich klarmachen, dass sie eine solche Verletzung der wichtigsten
Grundsätze der NATO unter keinen Umständen akzeptieren. Nichts ist so wichtig in diesen
unsicheren Zeiten wie ein loyaler Partner für verbündete Staaten zu sein, die bedroht
werden. Denn nur wer so handelt, kann sich auch morgen selbst darauf verlassen, nicht
allein dazustehen, wenn man einer Gefahr ausgesetzt ist oder erpresst wird.
Auch in der internationalen Klima- und Entwicklungspolitik hinterlässt der Rückzug
der USA aus multilateralen Verpflichtungen und die drastische Kürzung humanitärer
und entwicklungspolitischer Mittel schwere Lücken, deren verheerende Folgen bereits
global sichtbar sind. Gerade angesichts des Rücktritts der USA aus dem Pariser
Klimaabkommens und der WHO und aktuell aus 66 weiteren internationalen
Organisationen müssen Deutschland und die EU ihrer Verantwortung in der Welt gerecht
werden und ihr internationales Engagement ausbauen. Ein geeintes Europa ist
Grundlage für starke globale Partnerschaften. Vor dem Hintergrund zunehmender globaler
Krisen, Konflikte und Fragilität sind diese der beste Schutz. Die aktuelle
Bundesregierung und auch die EU zeigen jedoch wenig Ambitionen, die eigenen Errungenschaften
selbstbewusst zu verteidigen. Der European Green Deal, die Waldschutzverordnung
und das Lieferkettengesetz der EU werden verwässert, die deutsche Klimapolitik
heruntergeschraubt und anstatt die Finanzierungslücke der USA bei der humanitären
Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Klimafinanzierung zumindest etwas zu
füllen, kürzt auch die Bundesregierung in diesen Bereichen stark. Damit wächst das
Risiko, dass zentrale multilaterale Schutz- und Unterstützungsstrukturen weiter
erodieren. Das führt dazu, dass Krisen und Konflikte sich verschärfen und nicht nur das Leid
in den betroffenen Weltregionen größer wird, sondern die Folgen erreichen auch den
Alltag unserer Bürger*innen. Deutschland muss seine Rolle in den UN-
Reformprozessen sowie die Kandidatur für den UN-Sicherheitsrat aktiv wahrnehmen, um
multilaterale Institutionen, ihre Mitarbeitenden und deren Fähigkeit zur Krisenprävention,
Friedenssicherung und humanitären Hilfe zu stärken. Das ist auch in unserem eigenen
Interesse.
Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika selbst lässt sich seit dem erneuten
Amtsantritt Donald Trumps eine weitreichende Infragestellung und ein Abbau
demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen beobachten. Gewaltenteilung, Rechtsstaat,
Medienfreiheit und zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume werden systematisch
eingeschränkt, Minderheiten- und Bürgerrechte gezielt geschwächt. Zugleich geraten
auch unabhängige zivilgesellschaftliche Organisationen, Kulturträger, Universitäten,
Forschungseinrichtungen und Stiftungen zunehmend unter politischen Druck. Die
Rechte von Frauen, LGBTIQ-Personen, Migrant*innen und Minderheiten werden
eingeschränkt. Gleichzeitig wird der Sicherheitsapparat politisiert und ausgeweitet, was
grundlegende Freiheits- und Bürgerrechte gefährdet. Politisch motivierte Eingriffe in
kulturelle Einrichtungen, Forschungsinstitutionen sowie Bildungseinrichtungen
gefährden zentrale Grundlagen demokratischer Diskurse und auch die transatlantische
Kultur- und Wissenschaftskooperation. Neben aller Notwendigkeit, die europäische
Unabhängigkeit und eigene Handlungsfähigkeit zu stärken, bleibt es unerlässlich, die
Beziehungen zu demokratischen Akteuren in den USA – in Politik, Zivilgesellschaft,
Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft – zu pflegen und Austausch- und
Kooperationsformate auszubauen. Zusammenarbeit auf subnationaler Ebene, in Bildung, Forschung
und Demokratieprojekten ist ein zentraler Pfeiler der transatlantischen Beziehungen.
Jahrzehntelang gewachsenen Städtepartnerschaften spielen dabei eine tragende Rolle.
Auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Bundesstaaten muss gestärkt und
ausgebaut werden.
Deutschland und die EU müssen die veränderten Rahmenbedingungen anerkennen,
die eigene politische, wirtschaftliche, technologische und sicherheitspolitische
Handlungsfähigkeit stärken, internationale Institutionen und das Völkerrecht aktiv
verteidigen und gleichzeitig die Beziehungen zu demokratischen Kräften in den USA stärken.
Dafür braucht es eine neue, realistische und langfristige Strategie im Umgang mit den
USA.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. eine umfassende, europäisch abgestimmte Transatlantikstrategie vorzulegen,
welche die veränderte politische Lage in den USA berücksichtigt und
Maßnahmen definiert, die die europäische Resilienz und Unabhängigkeit stärken;
2. den Versuchen des US-Präsidenten, die Vereinten Nationen sowie die
internationale Ordnung zu schwächen und die universellen Menschenrechte zu
delegitimieren, gemeinsam mit unseren EU-Partnern entschieden entgegenzutreten;
3. klar für die Einhaltung des Völkerrechts und Achtung staatlicher Souveränität,
insbesondere durch die strikte Wahrung internationaler Normen, die
Nichteinmischung in innere Angelegenheiten und die Unterstützung multilateraler
Konfliktlösungsmechanismen gegenüber den USA einzutreten;
4. gegenüber der US-Regierung
a. sich weiterhin mit Nachdruck dafür einzusetzen, dass es keine
Verhandlungen über die Zukunft der Ukraine ohne die Ukraine und keine Verhandlungen
über die Zukunft Europas ohne Europa geben kann;
b. zu verdeutlichen, dass angesichts des zunehmend aggressiven Agierens
Chinas die Wahrung der regelbasierten internationalen Ordnung im Indo-Pazifik
ein gemeinsames Anliegen ist;
c. die Gespräche zu Rüstungskontrolle mit den USA unter Berücksichtigung
der sicherheitspolitischen Anliegen Europas zu intensivieren;
d. den Militärschlag in Venezuela und die Festnahme des De-facto-Präsidenten
Nicolás Maduro durch die US-Regierung klar als Völkerrechtsbruch zu
verurteilen und gemeinsam mit den europäischen Partnern angemessene
Konsequenzen auszuarbeiten, insbesondere auch im Hinblick auf die
Interventionsdrohungen der Trump-Administration gegenüber anderen Ländern der
westlichen Hemisphäre und dem NATO-Partner Dänemark mit Grönland;
e. auf die Einhaltung der Grund- und Menschenrechte besonders im Umgang
mit u. a. Frauen, LSBTIQ-Personen, Migrant*innen und Minderheiten in den
USA hinzuwirken;
f. sich aktiv für unabhängigen Journalismus sowie Pressefreiheit einzusetzen;
5. sich auf europäischer Ebene dafür einzusetzen, multilaterale Partnerschaften
gezielt auszubauen,
a. indem bestehende Partnerschaften intensiviert und partnerschaftliche
Kooperationen mit Staaten des Globalen Südens, mit regionalen Bündnissen und in
multilateralen Organisationen weiter ausgebaut werden;
b. indem sie selbst als verlässlicher Partner agiert, insbesondere nicht mehr mit
deutschen Enthaltungen infolge interner Regierungsuneinigkeiten wichtige
europäische Entscheidungen blockiert;
c. und ihre eigenen Beiträge zu Entwicklungszusammenarbeit, humanitärer
Hilfe, globaler Gesundheit, internationalem Klima- und Biodiversitätsschutz
im eigenen sowie im kommenden EU-Haushalt und der mittelfristigen
Finanzplanung substanziell erhöht;
d. indem sie sich für eine gezielte Diversifizierung der europäischen
Handelsbeziehungen einsetzt und dabei Grund- und Menschenrechte sowie Arbeits-,
Sozial- und Umweltstandards konsequent wahrt und diese Standards als
prägendes Merkmal europäischer Außenwirtschaftspolitik stärkt;
e. indem sie eine neue Allianz für fairen Handel und gemeinsamen Klimaschutz
gründet und in der EU für plurilaterale Handelsabkommen wirbt und neue
Formen der Wirtschaftskooperation strategisch ausbaut, welche faire
Handelsbeziehungen mit hohen Standards zum gegenseitigen Vorteil
ermöglichen;
f. indem sie die transatlantische Partnerschaft mit Kanada intensiviert sowie die
Zusammenarbeit mit lateinamerikanischen Ländern stärkt;
6. global Verantwortung zu übernehmen, indem sie
a. die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe, globale
Gesundheit, internationalen Klima- und Biodiversitätsschutz sowie Programme
zur Stärkung von Grund- und Menschenrechten im kommenden
Bundeshaushalt und der mittelfristigen Finanzplanung substanziell erhöht und auf EU-
Ebene auf entsprechend umfassenden und auf die Prioritäten der EU und aller
Partnerländer ausgerichteten Mehrjährigen Finanzrahmen 2028–2034 sowie
auf ein entsprechend konkret ausgestaltetes Global-Europe-Instrument
hinwirkt;
b. zentrale UN-Organisationen verlässlich finanziert und eine aktiv gestaltende
Rolle bei Reformprozessen sowie dem Schutz von UN-Organisationen und
ihren Mitarbeitenden einnimmt;
c. sich auf allen Ebenen klar zu internationalen Normen und dem Völkerrecht
bekennt und die Arbeitsfähigkeit von internationalen Institutionen, wie dem
Internationalen Strafgerichtshof sicherstellt, sowie deren Mitarbeiter*innen
vor Diffamierung, Sanktionierung, Bedrohungen und
Desinformationskampagnen durch staatliche und nichtstaatliche Akteure schützt;
d. sich bei internationalen Finanzinstitutionen und Entwicklungsbanken dafür
einsetzt, dass mit öffentlichen Mitteln dieser Institutionen keine fossilen und
nuklearen Energieprojekte finanziert werden;
7. gemeinsam mit den europäischen Partnern den gezielten Aufbau europäischer
Resilienz gegenüber geoökonomischem Druck voranzubringen, indem
strategische Abhängigkeiten – etwa bei kritischen Rohstoffen, digitalen
Schlüsseltechnologien, Finanzinfrastrukturen und Handelsrouten – systematisch reduziert und
europäische Alternativen, sowie international neue Partnerschaften gestärkt
werden, indem sie neuralgische Punkte und kritische Abhängigkeiten der US-
amerikanischen Wirtschaft von europäischer Wertschöpfung kartiert und im Sinne
einer offensiven Wirtschaftssicherheitsstrategie in die transatlantische Beziehung
einfließen lässt;
8. die europäische Verteidigungs- und Sicherheitsarchitektur weiterzuentwickeln,
den europäischen Pfeiler der NATO zu stärken und die europäische
verteidigungs- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit auszubauen, u. a. durch die
Konsolidierung der europäischen Verteidigungsindustrie, gemeinsame
Beschaffungen unter Zurückstellung nationaler Egoismen sowie Investitionen in
Strategic Enabler, bei denen wir maßgeblich von den USA abhängig sind, wie zum
Beispiel Luftbetankung, Satellitenkommunikation und Aufklärung;
9. die Zusammenarbeit der europäischen Nachrichtendienste zu intensivieren, etwa
durch die Errichtung einer Europäischen Nachrichtendienstagentur und einen
Zusammenschluss befreundeter Dienste („Euro Eyes“) nach dem Vorbild der sog.
„Five Eyes“.
10. im nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen sowie auf der Grundlage der Draghi-
und Letta-Berichte die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft des
Binnenmarktes zu stärken, gezielt in strategische Forschung und Entwicklung inklusive
Zukunftstechnologien zu investieren und verbindliche Vorgaben für die
Entwicklung und den Einsatz europäischer Technologien in öffentlichen Verwaltungen
und Unternehmen zu schaffen, um die europäische Handlungsfähigkeit und
digitale Souveränität zu stärken – insbesondere in den Bereichen künstliche
Intelligenz, Halbleiter, Cloud-Infrastruktur, Quantencomputing, IT-Sicherheit und
Satellitentechnologien sowie den im Net Zero Industry Act definierten
Technologien:
a. indem sie die Produktion dieser Technologien entlang der gesamten
Wertschöpfungsketten stärkt, hierbei auch und vor allem staatliche
Eigenentwicklungen und Open-Source-Technologien stärkt und hierfür bessere
Bedingungen für Skalierung und Kommerzialisierung sicherstellt, etwa durch
harmonisierte Regeln und europäische Finanzierungsmöglichkeiten, Reallabore
und verlässliche Abnahmeinstrumente;
b. durch den Aufbau von europäischen Forschungsclustern analog der
deutschen Exzellenzcluster zur Weiterentwicklung der Forschung in kritischen,
von US-Abhängigkeiten betroffenen Bereichen sowie die Weiterentwicklung
der Global Minds Initiative und damit auch die Attraktivität des europäischen
Standortes für Wissenschaftler*innen aus diesen Forschungsfeldern zu
erhöhen;
11. die digitale Souveränität Deutschlands und Europas zu stärken, indem eine
souveräne, offene und interoperable Cloud- und Dateninfrastruktur in Europa
ausgebaut wird, Eigenentwicklungen auf FOSS-Basis ausgebaut sowie dezentrale,
soziale Netzwerke gefördert werden; Daten von und über EU-Bürgerinnen
und -Bürger nur auf Grundlage der im europäischen und deutschen Recht dafür
vorgesehenen Datenübermittlungsvorschriften an US-Unternehmen und US-
Behörden fließen und Produkte nicht vertrauenswürdiger Hersteller wie Palantir
konsequent ausgeschlossen werden;
12. eine konsequente nationale und EU-weite Anwendung der EU-Digitalgesetze
(Digital Services Act, Digital Markets Act) zu unterstützen und sich Forderungen
zur Abschwächung dieser Gesetze entschlossen entgegenzustellen;
13. die Monopolstellung von US-Unternehmen im Online-Werbemarkt, durch eine
faire Besteuerung (Digitalabgabe) sowie die Prüfung kartellrechtlicher
Maßnahmen zu adressieren;
14. im Sinne eines vielschichtigen transatlantischen Verhältnisses die
wirtschaftlichen Beziehungen zu US-Bundesstaaten auszubauen, besonders mit Fokus auf
Zukunftstechnologien, Cleantech und Klimaschutz-Partnerschaften nach dem
Vorbild Baden-Württembergs und Kaliforniens;
15. Energieunabhängigkeit und Klimaschutz als strategische Priorität auszubauen,
indem sie
a. die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten – insbesondere auch
Flüssiggas aus den USA – abbaut, die im Rahmen des Zoll-Deals geplanten
Ausgaben von bis zu 750 Milliarden Euro für Flüssiggas aus den USA ablehnt und
stattdessen den Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt und
Investitionen in saubere Technologien priorisiert;
b. grüne Leitmärkte stärkt, insbesondere durch nachhaltig ausgerichtete
öffentliche Beschaffung mit verbindlichen Kriterien für klimafreundliche und
ressourcenschonende Produkte;
c. kritische Energieinfrastruktur unverhandelbar in europäischer Hand belässt,
mögliche Verkäufe wie Tanquid und den Erwerb von Raffinerieanteilen
ausschließt;
16. sich für eine Überwindung der Einstimmigkeit im Rat der EU in allen
Politikfeldern, insbesondere der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik einzusetzen,
sowie wo nötig mit einer Koalition der Willigen voranzugehen;
17. Kooperation mit demokratischen Kräften in den USA zu vertiefen indem sie:
a. das Amt des Transatlantikkoordinators der Bundesregierung noch stärker auf
die Kooperation mit und Unterstützung von demokratischen
zivilgesellschaftlichen Gruppen fokussiert;
b. bestehende Austausch- und Kooperationsformate unter Berücksichtigung der
veränderten Rahmenbedingungen evaluiert, die Programmkomponenten und
Betreuungsangebote anpasst und neue Austausch- und
Kooperationsprogramme mit demokratischen Akteuren unter Bereitstellung entsprechender
Haushaltsmittel auf- oder ausbaut;
c. die Förderung im Bereich der transatlantischen Zusammenarbeit erhöht;
d. Städtepartnerschaften als wichtige Träger des demokratischen und
kulturellen Austauschs stärkt und ihre Resilienz über geeignete Förder- und
Kooperationsinstrumente ausbaut;
e. über die deutsche Botschaft in Washington D. C. den direkten Austausch mit
demokratischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Journalistinnen
und Journalisten intensiviert sowie Menschenrechts- und
Demokratieprojekte in den USA noch stärker fördert;
f. einen transatlantischen Förder- und Schutzfonds einrichtet, der bedrohte
Forschungs-, Kultur- und Wissenschaftsprojekte sowie deren Akteur*innen
unterstützt, deren Arbeit in den USA aufgrund politischer Einflussnahme
eingeschränkt oder beendet wurde, und die Fortführung dieser Arbeiten in
Deutschland oder der EU ermöglicht;
18. im Dialog mit den Austragungsstädten, internationalen Sportverbänden und der
Zivilgesellschaft darauf hinzuwirken, dass internationale Sportereignisse, wie die
Fußballweltmeisterschaft der Männer 2026 sowie die Olympischen und
Paralympischen Spiele 2028 im Einklang mit den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und
Menschenrechte ausgerichtet werden;
19. die Haushaltsmittel im Bereich Demokratieförderung substanziell zu erhöhen und
demokratische Akteure in Deutschland stärker gegen Diffamierung und
Bedrohung zu schützen und gezielt in die Aufklärung über und Resilienz gegen
Desinformation zu investieren.
Berlin, den 13. Januar 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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