Landwirtschaft und Ernährung zukunftsfähig gestalten
Text
Landwirtschaft und Ernährung zukunftsfähig gestalten
[Antrag
der Abgeordneten Dr. Ophelia Nick, Dr. Zoe Mayer, Niklas Wagener, Karl Bär,
Andreas Audretsch, Harald Ebner, Schahina Gambir, Claudia Roth, Julia
Schneider, Dr. Julia Verlinden, Johannes Wagner und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Landwirtschaft und Ernährung zukunftsfähig gestalten
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Wir entscheiden heute, ob wir in Zukunft eine krisenfeste und nachhaltige Land- und
Lebensmittelwirtschaft haben werden, die uns in der Stadt und auf dem Land
zuverlässig und gesund ernährt. Es geht dabei um gute Lebensmittel für alle, sauberes
Trinkwasser, überlebenswichtige Artenvielfalt, gesunde Böden, intakte Wälder, mehr
Tierschutz, gesunde Ernährung sowie um gute Arbeit, faire Einkommen für Landwirtinnen
und Landwirte und starke Lebensmittelhandwerksbetriebe – in Deutschland, in Europa
und weltweit. Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch. Doch die Bundesregierung
setzt sich mit ihrer rückwärtsgewandten Politik von vorgestern über die bereits
gefundenen gesellschaftlichen Kompromisse und wissenschaftlichen Fakten hinweg und
verspielt damit unsere Zukunft.
Die Bundesregierung demontiert rücksichtslos Tierschutz-, Arbeits- und
Umweltstandards und setzt auf Scheinentlastungen. Sie predigt Verlässlichkeit und streicht im
gleichen Atemzug Förderungen für eine bessere Tierhaltung, auf die sich
Landwirtinnen und Landwirte eingestellt haben. Sie beschwört Innovationen und schmeißt in
Form von Steuergeschenken gleichzeitig Milliarden Euro für veraltete fossile
Technologien aus dem Fenster. Sie pocht auf mündige Verbraucherinnen und Verbraucher,
aber verweigert ihnen Transparenz beim Einkauf, indem sie wichtige
Kennzeichnungen bei Lebensmitteln blockiert. Sie betont, wie wichtig Prävention für die Gesundheit
der Bevölkerung ist, sorgt aber nicht dafür, dass gesunde Ernährung für alle überall
einfach verfügbar ist. Sie bewirbt die Förderung von Junglandwirtinnen und
Junglandwirten und benachteiligt Existenzgründende, Quereinsteigerinnen und -einsteiger und
innovative Betriebsmodelle. Sie inszeniert sich als Stimme des Waldes und kritisiert
alles, was wirklich den Wald schützen würde. Sie begünstigt mit ihrer Klientelpolitik
einige wenige und gefährdet dabei langfristig die Ernährungssouveränität von uns
allen. Mit dieser Politik verspielt die Bundesregierung das Vertrauen in unsere
Demokratie.
Eine Agrarpolitik, die sich an fossilen, exportorientierten Strukturen und den
Interessen großer Agrar- und Lebensmittelkonzernen orientiert, tritt die
Ernährungssouveränität kommender Generationen bei uns und in Ländern des Globalen Südens mit
Füßen. Um unsere Ernährung von morgen langfristig zu sichern, müssen wir unsere
natürlichen Lebensgrundlagen schützen, Tiere besser halten, einen gerechten Zugang zu
Deutscher Bundestag Drucksache 21/3602
21. Wahlperiode 13.01.2026
Land schaffen, faire, regionale und krisenfeste Lebensmittelmärkte und das
Lebensmittelhandwerk stärken sowie für eine gesunde Gemeinschaftsverpflegung sorgen.
Eine Politik für ländliche Räume, die sich auf dem Status quo ausruht, gefährdet
unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Damit auch in ländlichen Regionen der Weg
zum Arzt, Schwimmbad oder Jugendclub nicht zu lang bzw. für Jung und Alt wieder
machbar wird, muss die Bundesregierung ressortübergreifend zusammenarbeiten.
Menschen vor Ort wissen am besten, was sie in ihrer Region brauchen, um für sich
und ihre Familien in ländlichen Räumen eine Perspektive zu schaffen. Sie brauchen
vor Ort die Mittel und Möglichkeiten ihre Region zu gestalten.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. bei den Verhandlungen zum europäischen Haushalt 2028–2034 dafür zu sorgen,
a) dass EU-weit einheitliche Umweltmindeststandards gelten und lebendige
ländliche Räume ausreichend gefördert werden inklusive eines für LEADER
sichergestellten Mindestbudgets;
b) dass das Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ konsequent
umgesetzt wird. Dafür sollen die bisherigen pauschalen Flächenprämien in
der Gemeinsamen Agrarpolitik auslaufen und durch die Honorierung von
Umwelt-, Klima- und Tierschutzleistungen ersetzt werden;
2. transparente, faire Lebensmittelpreise zu fördern und dazu
a) die Marktmacht durch monopolartige Strukturen bei Handel,
Lebensmittelunternehmen, Schlachthöfen oder Mühlen einzudämmen und die
systemrelevante Versorgungsinfrastruktur auf regionaler Ebene zu stärken;
b) eine Preistransparenzststelle und eine FairFood-App einzurichten;
c) unfaire Handelspraktiken wie Einkauf unter Produktionskosten,
nachträgliche Milchpreisfestsetzungen oder den Einkauf ohne verbindliche Verträge
zu stoppen;
d) die weisungsfreie, unabhängige Ombudsstelle unverzüglich einzusetzen;
3. eine bessere Ernährungsumgebung zu schaffen und mündige Verbraucherinnen
und Verbraucher zu unterstützen und dazu
a) die Empfehlungen des Bürgerrats „Ernährung im Wandel“ umzusetzen und
dabei insbesondere:
aa) ein kostenfreies Mittagessen für alle Kinder zu unterstützen;
bb) eine gesunde, ausgewogene und angepasste Gemeinschaftsverpflegung
in Krankenhäusern, Reha-, Senioren- und sonstigen
Pflegeeinrichtungen zu fördern;
b) eine verbindliche Reduktionsstrategie für Zucker, Salz und Fett vorzulegen;
c) Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt, die sich
an Kinder richtet, einzuschränken;
d) eine gerechtere Besteuerung von pflanzlichen Lebensmitteln einzuführen
und eine zukunftsfähige Proteinstrategie vorzulegen;
e) die verpflichtende Kennzeichnung für gentechnisch veränderte Lebensmittel
zu erhalten;
f) die Tierhaltungskennzeichnung auf alle Tierarten und Vermarktungswege
auszuweiten;
4. Tiere wirklich zu schützen und dafür
a) Mindesthaltungsvorgaben für sämtliche landwirtschaftlich genutzte Tier-
und Nutzungsarten in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung zu
ergänzen;
b) den tiergerechten Umbau von Ställen und laufende Mehrkosten verlässlich
und verursachergerecht zu finanzieren;
c) ein nationales Verbot von Tiertransporten in Drittstaaten durch Austausch
mit der EU-Kommission voranzutreiben und
d) Qualzucht(merkmale) gesetzlich zu konkretisieren und bereits verbotene
Qualzuchten von Tieren endgültig zu beenden;
5. den Klimaschutz in der Landwirtschaft voranzutreiben und die Pariser Klimaziele
einzuhalten und dazu unter anderem
a) 50.000 ha Moorflächen pro Jahr wiederzuvernässen und die
Antragsverfahren zu beschleunigen und zu vereinfachen;
b) Agroforstsysteme gesetzlich unter das Landwirtschaftsprivileg zu stellen;
c) ein zukunftsfähiges Waldgesetz zu beschließen und den Waldumbau –
speziell labile Monokulturen – in artenreichere, naturnähere Wälder, die
widerstandsfähiger gegenüber Extremwetterereignissen und Waldbränden sind,
zu fördern;
6. in regionale Wertschöpfungsketten zu investieren und dabei
a) neue Produkte aus Paludikulturen, Agroforstsystemen und
Waldgartensystemen oder pflanzlichen Eiweiße für die menschliche Ernährung besonders
zu fördern;
b) das regionale Lebensmittelhandwerk als systemrelevant anzuerkennen und
die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass kleine und mittlere Betriebe
faire Marktchancen haben;
7. unser Grundwasser und die Artenvielfalt wirksam zu schützen und dazu
a) ein neues Düngegesetz vorzulegen, das durch wirksame Maßnahmen das
Grundwasser wirklich sauber hält, die Belastungen durch Gülle und
Kunstdünger reduziert und die Betriebe entlastet, die das Grundwasser schützen;
b) Pestizide vom Markt zu nehmen, die zu der fruchtbarkeitsschädigenden und
extrem langlebigen Chemikalie – Trifluoressigsäure (TFA) – zerfallen;
c) den Einsatz und die Risiken von Pestiziden bis 2030 zu halbieren;
d) agrarökologische Methoden durch marktwirtschaftliche Lösungen wie eine
Pestizidabgabe zu fördern und
e) den Export von in der EU verbotenen Pestiziden zu verbieten;
8. das Ziel, bis zum Jahr 2030 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in
Deutschland, ökologisch zu bewirtschaften, zu erreichen und dabei in staatlichen
Einrichtungen durch ein großes Angebot von regionalen Bio-Lebensmitteln
anzubieten;
9. gemeinsam mit den Ländern eine Gemeinschaftsaufgabe „Ländliche Räume“
einzurichten und das Regionalbudget auszubauen;
10. der Patentierung von Pflanzen und Tieren sowie deren Eigenschaften einen
Riegel vorzuschieben und insbesondere auf allen Ebenen dafür zu sorgen, dass in der
Natur vorkommenden genetischen Eigenschaften – selbst wenn sie durch neue
Gentechnikverfahren technisch erzeugt wurden – nicht patentierbar sind;
11. eine Agrar- und Ernährungspolitik zu verfolgen, die ihrer globalen
Verantwortung gerecht wird und sich auf europäischer und globaler Ebene für faire
Handelsregeln und eine bäuerliche Landwirtschaft einzusetzen, die globale
Ernährungssouveränität fördert und nicht zu Menschenrechtsverletzungen oder zur
Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen im Globalen Süden beiträgt.
Berlin, den 13. Januar 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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