Der Abwanderung von in Deutschland ausgebildeten Wissenschaftlern entgegenwirken - Abgewanderte Wissenschaftler zurückgewinnen
Text
Der Abwanderung von in Deutschland ausgebildeten Wissenschaftlern entgegenwirken - Abgewanderte Wissenschaftler zurückgewinnen
Antrag
der Abgeordneten Dr. Ingo Hahn, Nicole Höchst, Dr. Michael Kaufmann, Adam
Balten, Dr. Christoph Birghan, Andreas Mayer, Stefan Schröder, Sergej
Minich, Robin Jünger, Martin Reichardt, Dr. Paul Schmidt, René Bochmann,
Sven Wendorf, Maximilian Kneller, Alexander Arpaschi, Dr. Christina Baum,
Carsten Becker, Joachim Bloch, Dr. Michael Blos, Marcus Bühl, Boris
Gamanov, Alexis L. Giersch, Udo Theodor Hemmelgarn, Stefan Henze, Nicole
Hess, Steffen Janich, Kurt Kleinschmidt, Jörn König, Denis Pauli, Arne Raue,
Dr. Rainer Rothfuß, Manfred Schiller, Georg Schroeter, Martina Uhr, Wolfgang
Wiehle, Jörg Zirwes, Ulrich von Zons und der Fraktion der AfD
Der Abwanderung von in Deutschland ausgebildeten Wissenschaftlern
entgegenwirken – Abgewanderte Wissenschaftler zurückgewinnen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Deutschland ist als Wissenschafts-, Innovations- und Industriestandort in besonderer
Weise darauf angewiesen, dass hochqualifizierte Wissenschaftler im Inland
ausgebildet werden und ihre wissenschaftliche Tätigkeit auch in Deutschland fortsetzen
können. Leistungsfähige Forschung und Entwicklung sind eine wesentliche
Voraussetzung für Wohlstand, technologische Leistungsfähigkeit und die internationale
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft.1
Die Qualifizierung von Wissenschaftlern in Deutschland erfolgt regelmäßig über viele
Jahre hinweg unter Einsatz erheblicher öffentlicher Mittel, beginnend im Schulwesen
und fortgeführt an Hochschulen sowie in öffentlich finanzierten wissenschaftlichen
Qualifikationsphasen.2 Allein die öffentlichen Bildungsausgaben beliefen sich im Jahr
2024 auf rund 198 Mrd. Euro; die öffentlichen Ausgaben für Hochschulen lagen im
Jahr 2024 bei 38,3 Mrd. Euro. Zugleich steht Deutschland in einem verschärften
Wettbewerb um wissenschaftliches Personal, in dem attraktive und planbare
Karrierebedingungen an Bedeutung gewinnen.3 Wenn in Deutschland ausgebildete Wissenschaftler
nach Abschluss wesentlicher Qualifikationsphasen dauerhaft ins Ausland abwandern,
verliert Deutschland nicht nur Humankapital und Innovationskraft, sondern büßt auch
an Nutzen der zuvor eingesetzten öffentlichen Bildungs- und Qualifizierungsmittel
ein.
1 Vgl. Wissenschaftsrat, Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040, Köln 2026, S. 72 f.;
Wissenschaftsrat, Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem, Köln 2025, S. 8, 11.
2 Vgl. Statistisches Bundesamt, Bildungsfinanzbericht 2025, Wiesbaden 2025, S. 51, 64 f.
3 Vgl. Wissenschaftsrat, Personalstrukturen im deutschen Wissenschaftssystem, Köln 2025, S. 6 f.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7991
21. Wahlperiode 11.09.2026
Obwohl in der öffentlichen Debatte wiederholt auf erhebliche
Abwanderungstendenzen hingewiesen wird,4 fehlt bislang eine vollständige, bundeseinheitliche und amtlich
belastbare statistische Erfassung, die Umfang, Struktur und Dynamik der
Abwanderung in Deutschland ausgebildeter Wissenschaftler ins Ausland systematisch abbildet.5
Es ist insbesondere unklar, in welchen Fachrichtungen, Karrierestufen und Zeiträumen
in Deutschland ausgebildete Wissenschaftler in relevantem Umfang an das Ausland
verloren gehen. Eine valide Datengrundlage wird dabei unterstützen, langfristig eine
zielgenauere Ausgestaltung von Förderinstrumenten, Prioritätensetzung nach
Fachrichtungen und Karrierestufen sowie belastbare Wirksamkeitskontrolle zu
ermöglichen.
Eine evidenzbasierte Politik zur Stärkung des Wissenschaftsstandortes Deutschland
erfordert daher sowohl eine umfassende statistische Erfassung einschließlich
Rückkehrquoten und Verweildauern als auch die umgehende Einführung geeigneter
Förderprogramme und Initiativen, um der bereits stattfindenden Abwanderung
entgegenzuwirken und Rückkehr zu erleichtern.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. umgehend geeignete Förderprogramme und Initiativen zur Verhinderung der
Abwanderung sowie zur Rückgewinnung abgewanderter in Deutschland
ausgebildeter Wissenschaftler aufzulegen bzw. zu verstärken, beispielsweise durch eine
bundesweit angelegte Förderinitiative für Nachwuchs- und
Spitzenwissenschaftler (z. B. wettbewerbliche Förderlinien mit Forschungsstartmitteln) sowie ein
bundesweites Rückkehrprogramm (z. B. Rückkehrstipendien bzw. Start- und
Anschubförderungen für Rückkehrer);
2. parallel dazu eine bundesweite und fortlaufende statistische Erfassung der
Abwanderung in Deutschland ausgebildeter Wissenschaftler ins Ausland
einschließlich Rückkehrbewegungen und der Gründe hierfür einzurichten und die
Ergebnisse regelmäßig zu veröffentlichen;
3. dem Deutschen Bundestag erstmals bis zum 30. Juni 2027 und danach jährlich
einen Bericht vorzulegen, der sowohl die Ergebnisse der statistischen Erfassung
als auch den Stand, Umfang und die Wirksamkeit der Förderprogramme und
Initiativen darstellt.
Berlin, den 10. September 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
4 Vgl. Zhao, Xinyi/Aref, Samin/Zagheni, Emilio/Stecklov, Guy: Mapping academic migration of German-
affiliated researchers across countries using 8 million Scopus publications from 1996 to 2020, in: Abstracts of
the International Cartographic Association, Bd. 3 (2021), Art. 327, S. 1–2, DOI: 10.5194/ica-abs-3-327-2021.
5 Vgl. Deutscher Akademischer Austauschdienst e. V. (DAAD)/Deutsches Zentrum für Hochschul- und
Wissenschaftsforschung GmbH (DZHW) (Hrsg.), Wissenschaft weltoffen 2024. Daten und Fakten zur
Internationalität von Studium und Forschung in Deutschland und weltweit, Bielefeld 2024, S. 12, 100, 114.
Begründung
Förderprogramme und Initiativen zur Bindung von Wissenschaftlern in Deutschland können dazu beitragen, die
Attraktivität des Wissenschaftsstandortes Deutschland kurzfristig zu erhöhen, frühzeitig Anreize für den Verbleib
im Inland zu setzen und bereits bestehende Abwanderungstendenzen abzumildern. Zugleich können
Rückkehrprogramme dazu beitragen, im Ausland tätige in Deutschland ausgebildete Wissenschaftler wieder für den
Forschungsstandort Deutschland zu gewinnen und so bereits eingetretene Verluste an wissenschaftlicher
Leistungsfähigkeit zu begrenzen.
Die parallele Einführung einer bundeseinheitlichen und fortlaufenden statistischen Erfassung ist erforderlich, um
das tatsächliche Ausmaß der Abwanderung in Deutschland ausgebildeter Wissenschaftler verlässlich zu
bestimmen und die Entwicklung über einen längeren Zeitraum nachvollziehbar abzubilden. Erst eine belastbare
Datengrundlage ermöglicht es, Schwerpunkte zu erkennen, betroffene Fachrichtungen und Karrierestufen genauer
einzuordnen sowie staatliche Maßnahmen künftig zielgerichtet weiterzuentwickeln. Die statistische Erfassung dient
damit nicht dem Selbstzweck, sondern der sachgerechten Steuerung und Nachschärfung der eingeleiteten
Gegenmaßnahmen.
Die vorgesehene regelmäßige Berichterstattung gegenüber dem Deutschen Bundestag schafft darüber hinaus
Transparenz über Umfang, Entwicklung und Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen. Sie ermöglicht die
parlamentarische Kontrolle, macht Handlungsdefizite sichtbar und schafft die Grundlage dafür, Förderprogramme
und Initiativen bei Bedarf anzupassen, zu erweitern oder neu auszurichten. Auf diese Weise greifen die
Forderungen des Antrags ineinander: Sofortmaßnahmen wirken einer weiteren Abwanderung unmittelbar entgegen,
die statistische Erfassung liefert die Grundlage für ihre fortlaufende Bewertung und die Berichtspflicht sichert
die politische Nachsteuerung.
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ISSN 0722-8333
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