35 Jahre Deutsche Einheit - Gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost wie West jetzt umsetzen
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35 Jahre Deutsche Einheit - Gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost wie West jetzt umsetzen
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2031
21. Wahlperiode 07.10.2025
Antrag
der Abgeordneten Mandy Eißing, Zada Salihović, Ina Latendorf, Clara Bünger,
Doris Achelwilm, Dr. Michael Arndt, Anne-Mieke Bremer, Agnes Conrad, Mirze
Edis, Katrin Fey, Kathrin Gebel, Katalin Gennburg, Christian Görke, Ates
Gürpinar, Nicole Gohlke, Dr. Gregor Gysi, Mareike Hermeier, Luke Hoß, Cem
Ince, Maren Kaminski, Ferat Koçak, Jan Köstering, Sonja Lemke, Sören
Pellmann, Bodo Ramelow, David Schliesing, Evelyn Schötz, Lisa Schubert,
Julia-Christina Stange, Aaron Valent, Isabelle Vandre, Donata Vogtschmidt,
Sarah Vollath, Christin Willnat, Janine Wissler und der Fraktion Die Linke
35 Jahre Deutsche Einheit – Gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost wie
West jetzt umsetzen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Auch 35 Jahre nach der Deutschen Einheit ist die Bundesrepublik Deutschland weit
entfernt von gleichwertigen Lebensverhältnissen (vgl. www.stern.de/politik/
deutschland/35-jahre-wiedervereinigung--der-nachbau-west-ist-gescheitert-36016010.html),
wie sie in Art. 72 Abs. 2 GG verfassungsrechtlich verankert sind und zu denen sich
auch die schwarz-rote Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag als
„verfassungsrechtlichem Auftrag“ (Verantwortung für Deutschland. Koalitionsvertrag zwischen
CDU, CSU und SPD, 21. Legislaturperiode, S. 115) bekannt und entsprechend
verpflichtet hat. Parallel sind eine generelle Unzufriedenheit, die Zunahme des Gefühls
von Vernachlässigung und des Abgehängt-Seins zu beobachten (vgl.
Demokratievertrauen in Krisenzeiten: Wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik,
Institutionen und Gesellschaft?, 2023). Eine aktuelle Studie erkennt dabei deutliche
Zusammenhänge zwischen der tatsächlichen und wahrgenommenen Qualität der örtlichen
Daseinsvorsorge bzw. der Lebensverhältnisse und der Demokratie(un)zufriedenheit
(vgl. Antidemokratische Wahlerfolge im ungleichen Deutschland –
Demokratiestützende Aspekte der Daseinsvorsorge, 2025). Zwar deutet der langfristige Trend darauf
hin, dass die Lohnlücke zwischen Ost und West zurück geht (vgl. www.iwh-
halle.de/presse/pressemitteilungen/detail/lohnluecke-zwischen-ost-und-
westdeutschland-langfristiger-trend-geht-eindeutig-in-richtung-angleichung?utm_source=
substack&utm_medium=email). Doch ist 35 Jahre nach der Wiedervereinigung gleicher
Lohn für gleiche Arbeit immer noch keine Realität. Gleichzeitig sind etwa die
Stromkosten in vielen Teilen Ostdeutschlands teurer als in West- und Süddeutschland (vgl.
www.lvz.de/mitteldeutschland/trotz-der-entlastung-durch-die-
bundesregierungstrom-bleibt-teuer-im-osten-6W2VCZZZCRAUFMBC7WDPQ6QSME.html).
Niedrigere Löhne gleichen sich demnach nicht durch ein allgemein niedrigeres Preisniveau
aus. Auch die Industrie fordert eine verlässlichere Energiepolitik und für die
Transformation niedrigere Energiepreise (vgl. www.l-iz.de/wirtschaft/
metropolregion/2025/09/ostdeutsches-energieforum-in-leipzig-unternehmerverbande-
positionspapier-energiewende-634222). Gerade für die durch kleine und mittelständische
Betriebe geprägte Unternehmens- und Wirtschaftsstruktur in Ostdeutschland ist eine
verlässliche und planbare Energiepolitik essenziell. Generell sind weiterhin strukturelle
Standortnachteile und entsprechend eine weniger leistungsstarke Wirtschaft in
Ostdeutschland zu beobachten (vgl. www.ifo.de/DocDL/ifoDD_24-01_03-09_Rag-
nitz.pdf). Zu den historisch begründeten Standortnachteilen Ostdeutschlands kommen
die Folgen jahrzehntelanger neoliberaler Sparpolitik, deren negative Spätfolgen auch
in westdeutschen Regionen spürbar sind. Gleichzeitig gibt es ostdeutsche
Erfolgsgeschichten. Um die Nachteile abzubauen und die Erfolgsgeschichten zu stärken, ist eine
umfassende strategische Industrie- und Standortpolitik erforderlich. Um der
gesamtdeutschen Industrie- und Strukturpolitik auch hinsichtlich der
Unternehmensansiedlung neue Impulse zu geben, wird der Bundestag seiner politischen Steuerungsaufgabe
hinsichtlich strukturpolitischer Maßnahmen gerecht und fordert die Bundesregierung
auf, in diesem Bereich mittel- und langfristig mit struktur- und industriepolitischen
Grundsatzentscheidungen tätig zu werden. Insbesondere die Verbindung von
Infrastruktur und Industriepolitik soll stärker als bisher in den Blick genommen werden, um
die Standortnachteile betroffener Regionen standortgerecht aufzuheben. Zwar ähneln
sich viele ostdeutsche Regionen und altindustrielle Zentren in Westdeutschland, etwa
dem Ruhrgebiet, hinsichtlich der Folgen von Deindustrialisierung, nichtsdestotrotz
sind unterschiedliche Herangehensweisen zur Lösung der unterschiedlichen
Strukturprobleme angezeigt. Ein an vielen Orten im Land auftretendes Problem sind die
kommunalen Altschulden, welche den Städten und Gemeinden vielfach nicht nur die
politische Gestaltungsmacht abschneiden, sondern sie schlicht und ergreifend
handlungsunfähig machen. Angesichts eines Verschuldungsstandes von über 170,5 Milliarden
Euro aller Gemeinden und Gemeindeverbände (vgl. www.destatis.de/DE/Presse/
Pressemitteilungen/2025/07/PD25_275_713.html#:~:text=Die%20Verschuldung%20der-
%20Gemeinden%20und,005%20Euro)%20an%20kommunalen%20Schulden.) und
einem um 15,9 % gestiegenen Investitionsrückstands der Kommunen von 216
Milliarden Euro (vgl. KfW-Kommunalpanel), sind die im Koalitionsvertrag angekündigten
400 Millionen Euro nicht einmal der berüchtigte Tropfen auf den heißen Stein (vgl.
Verantwortung für Deutschland. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 21.
Legislaturperiode, S. 55).
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. Maßnahmen zu ergreifen, die für höhere Löhne, insbesondere in dem in
Ostdeutschland besonders ausgeprägten Niedriglohnsektor, sorgen, und dazu
beitragen, die weiter vorhandene Lohnkluft zwischen Ost und West zu überwinden.
Dazu ist der gesetzliche Mindestlohn mindestens auf 60 Prozent des
Bruttomedianlohns von Vollzeitbeschäftigten anzuheben (was ab 2026 einem Mindestlohn
von mindestens 15 Euro entspricht). Weiterhin sind mit einem umfassenden
Aktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung der Schutz von Tarifverträgen auch in
Ostdeutschland deutlich auszuweiten sowie die Gewerkschaften – unter
Beachtung der Tarifautonomie – dabei zu unterstützen, auch bei den wenigen
verbliebenen Tarifverträgen, in denen noch immer eine pauschale Differenzierung nach
Ost und West vorgenommen wird, diese Schlechterstellung ostdeutscher
Beschäftigter zu beenden;
2. einen Gesetzentwurf vorzulegen, um die Strompreise spürbar auch für
Endverbraucherinnen und Endverbraucher zu senken. Etwa durch die Einführung von
unterschiedlichen Strompreiszonen oder die ebenfalls im Koalitionsvertrag
angekündigte Senkung der Stromsteuer für alle;
3. eine energiepolitische Wende einzuleiten, die langfristige Investitionssicherheit
vermittelt und insbesondere kleine und mittelständige Betriebe miteinbezieht;
4. ein Programm aufzulegen, das die Einrichtung und den Erhalt sozialer Zentren in
Klein- und Mittelstädten fördert, um dadurch die soziale Infrastruktur in der
Fläche zu sichern;
5. die Verteilung von Bundesförderungen und -zuschüssen nicht mehr vorrangig
nach dem Königsteiner Schlüssel zu organisieren, sondern tatsächlich
strukturschwache Regionen überproportional zu unterstützen. Damit werden langfristig
immer noch bestehende Ungleichheiten nicht weiter verfestigt, sondern es wird
tatsächlich eine Angleichung der Regionen erreichbar. Dazu muss auch die
finanzielle Ausstattung des Gesamtdeutschen Fördersystems für strukturschwache
Regionen (GFS) entsprechend erhöht werden;
6. den Ausbau der Förderung von Kooperationen zwischen Bundesunternehmen,
regionalen Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Ostdeutschland, bspw.
WIR!, RUBIN und INVENT, um bestehende Stärken auszubauen und
weiterzuentwickeln;
7. gemeinwohlorientierte Förderprogramme zur Standortentwicklung und -
sicherung gezielt zu entwickeln. Entsprechend der herausgehobenen Bedeutung der
Automobilindustrie in Ostdeutschland sollte dabei ein Schwerpunkt auf der
Batteriefertigung, der Materialentwicklung und der Produktion von
automobilrelevanten photonischen Systemen speziell in Ostdeutschland liegen;
8. dafür Sorge zu tragen, dass im mitteldeutschen Chemiedreieck nach 1990 nicht
erneut eine Deindustrialisierung stattfindet. Dafür muss eine Industriepolitik
umgesetzt werden, die Förderungen nach gemeinwohlorientierten Bedingungen
vergibt;
9. einen Gesetzentwurf vorzulegen, um öffentliche Unternehmen deutlich zu
stärken, damit diese die Produktion von noch nicht marktreifen, aber dem
Gemeinwohl dienenden Produkten übernehmen können;
10. einen Gesetzentwurf vorzulegen, der die öffentliche Hand als Nachfrageinstanz
stärkt, um dadurch die Etablierung neuer und nachhaltiger Produkte am Markt zu
fördern;
11. einen Gesetzentwurf vorzulegen, der dafür Sorge trägt, dass von der Schließung
bedrohte Produktionsstandorte für die Produktion notwendiger
Transformationsgüter vergesellschaftet werden, statt von der Rüstungsindustrie zur Produktion
von Kriegsgerät genutzt zu werden;
12. die vorhandenen infrastrukturellen Voraussetzungen Ostdeutschlands als
Wasserstoff-Energieregion zu beachten und Ostdeutschland entsprechend in der
Wasserstoffstrategie prioritär als Ansiedlungsgebiet der Wasserstoffindustrie
auszuweisen;
13. sich bei den kommenden Verhandlungen für den Mehrjährigen Finanzrahmen der
EU (MFR) für die gezielte Standortförderung in strukturschwachen Räumen
verstärkt einzusetzen;
14. einen Gesetzentwurf vorzulegen, der von Altschulden betroffene Kommunen
tatsächlich und vollumfänglich entschuldet und ihnen damit wieder die Möglichkeit
gibt, politisch zu gestalten und ihren Aufgaben in der Daseinsvorsorge
nachzukommen;
15. den Ausbau von Opferberatungsstellen für Opfer rechter Gewalt und mobile
Beratungsstellen allerorten zu fördern, dauerhaft zu finanzieren und institutionell
abzusichern;
16. die Anerkennung ostdeutscher Lebensleistungen speziell in den ostdeutschen
Regionen durch Kulturförder- und Bildungsprogramme zu stärken, um die eigenen
Erfahrungswerte für die Förderung der Demokratie nutzbar zu machen.
Berlin, den 7. Oktober 2025
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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