Ein Jahr nach dem gescheiterten UN-Plastikabkommen - Bundesregierung muss wieder Vorreiter werden
Text
Ein Jahr nach dem gescheiterten UN-Plastikabkommen - Bundesregierung muss wieder Vorreiter werden
Antrag
der Abgeordneten Steffi Lemke, Dr. Jan-Niclas Gesenhues, Lisa Badum, Harald
Ebner, Julia Schneider, Linda Heitmann, Claudia Müller, Johannes Wagner,
Michael Kellner, Dr. Armin Grau und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ein Jahr nach dem gescheiterten UN-Plastikabkommen – Bundesregierung
muss wieder Vorreiter werden
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Am 15. August 2025 sind die Verhandlungen für ein globales Plastikabkommen in
Genf ergebnislos zu Ende gegangen, nachdem auch ein zweiter, bereits stark
abgeschwächter Entwurf des Vorsitzes am Widerstand der ölproduzierenden Staaten
scheiterte. Nach dem Scheitern betonte Jochen Flasbarth, Staatssekretär im
Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN), man
werde weiterhin alles dafür tun, damit ein Abschluss des Abkommens erreicht werde
(www.bundesumweltministerium.de/meldung/verhandlungen-um-ein-globales-
plastikabkommen-enttaeuschen).
Deutschland hat bei der internationalen Bekämpfung der Plastikverschmutzung früh
Verantwortung übernommen und maßgeblich dazu beigetragen, dass auf der
Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA) im Jahr 2022 ein ambitioniertes
Verhandlungsmandat für ein rechtsverbindliches globales Plastikabkommen beschlossen
wurde. Das Zustandekommen dieses Mandats war angesichts erheblicher Widerstände
– insbesondere seitens ölproduzierender Staaten – ein bedeutender diplomatischer
Erfolg. Es unterstreicht, dass entschlossenes politisches und diplomatisches Engagement
auch unter schwierigen Rahmenbedingungen internationale Fortschritte ermöglichen
kann.
Deutschland war im August 2022 auch Gründungsmitglied der „High Ambition
Coalition (HAC) to End Plastic Pollution“ (https://hactoendplasticpollution.org/#), einer
Allianz aus mittlerweile über 76 Mitgliedern – 75 Staaten sowie die Europäische
Union. Die HAC setzt sich für ein rechtlich verbindliches globales Plastikabkommen
ein, das den gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen umfasst und die
Plastikverschmutzung beendet. Sie läuft mittlerweile Gefahr, selbst gespalten zu werden und die
Bedarfe der meist betroffenen Staaten, was Maßnahmen und Finanzierung angeht, aus
dem Blick zu verlieren.
Umso problematischer ist es, dass der derzeitige Verhandlungsstand inzwischen
deutlich hinter den Zielen und der Ambition des UNEA-Mandats zurückbleibt und damit
den gemeinsam mit internationalen Partnern erzielten Erfolg zu gefährden droht. Ein
reiner Abschluss der Verhandlungen um jeden Preis reicht nicht aus, von der
anfänglichen Ambition Deutschlands ist nur noch wenig zu erkennen. Konkrete Schritte
blieben aus und es ist seit einem Jahr insgesamt zu wenig passiert: Die einzige Folgesit-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7902
21. Wahlperiode 08.09.2026
zung im Februar 2026 in Genf beschränkte sich auf die Wahl eines neuen
Vorsitzenden; inhaltlich ging es keinen Schritt voran. Da die nächste entscheidende
Verhandlungsrunde Anfang 2027 stattfinden wird, braucht es jetzt sichtbare politische Führung
ambitionierter Staaten, damit ein Abkommen gelingen kann, das echte Wirkung
entfaltet.
Denn die Plastikflut ist ungebremst: Schätzungen zufolge landen weltweit jährlich
zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikabfall in den Ozeanen (www.meere-
online.de/themen/verschmutzung/fokus-plastik-eintragswege-verbreitung). Weltweit
werden inzwischen rund 430 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr produziert, nur etwa
9 Prozent davon werden tatsächlich recycelt. Ohne Abkommen droht bis 2060 eine
Verdreifachung der Produktion (www.unep.org/beatpollution/beat-plastic-
pollution/gameplan-it-is-time-to-beat-plastic-pollution).
Hinzu kommen immer mehr Studien, die Mikro- und Nanoplastik sowie damit
verbundene Chemikalien mit hormonellen Störungen, bestimmten Krebsarten sowie
Fruchtbarkeits-, Atemwegs- und Gefäßerkrankungen in Verbindung bringen (www.birmin-
gham.ac.uk/news/2025/global-plastic-pollution-treaty-essential-to-tackle-
growinghealth-risks-to-all-life-on-earth und www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS-
0140-6736(25)01447-3/fulltext).
Plastikmüll schadet Meerestieren und Ökosystemen, da Tiere sich darin verfangen
oder ihn fressen und weil Plastik zu Mikroplastik zerfällt, welches sich in der
Nahrungskette und im menschlichen Organismus anreichert. Zudem entstehen
volkswirtschaftlich hohe Kosten für die Beseitigung von Müll an Stränden und in Gewässern
sowie für Fischerei, Schifffahrt und Tourismus. Insgesamt gefährdet Plastikmüll die
Umwelt, die Artenvielfalt und verursacht erhebliche wirtschaftliche Schäden.
Nahezu jedes Stück herkömmlichen Plastiks besteht überwiegend aus fossilen
Rohstoffen, insbesondere Erdöl. Damit hat die deutliche Reduktion und Substitution der
primären Plastikproduktion aus diesen Ausgangsstoffen auch eine wichtige Rolle für
die Resilienz der deutschen Volkswirtschaft und für den Klimaschutz. Der Iran-Krieg
zeigt schmerzhaft, wie verwundbar wir durch fossile Abhängigkeiten sind. Die
Bundesregierung wird sich in den kommenden Monaten weiter mit den ölproduzierenden
Staaten auseinandersetzen müssen. Sie muss maßgeblich und mit Nachdruck zu
Verhandlungen für einen Neustart eines wirksamen globalen Plastikabkommens
beitragen, und auch bei der irischen EU-Ratspräsidentschaft und der EU-Kommission dafür
werben.
Eine klare Mehrheit von über 100 Staaten sowie Teile der Wirtschaft selbst – etwa die
„Business Coalition for a Global Plastics Treaty“ (www.businessforplasticstre-
aty.org/), der auch sehr große deutsche Unternehmen wie Beiersdorf, die Schwarz
Gruppe, Henkel oder Aldi Süd angehören – stehen für ein wirksames, verbindliches
Abkommen bereit und fordern weltweitweit vergleichbare Standards und eine
gemeinsame Ausgangsbasis. Ein ambitioniertes globales Plastikabkommen wird auch von der
Bevölkerung getragen: Nach einer repräsentativen Ipsos-Umfrage befürworten 86
Prozent der Menschen in Deutschland ein rechtsverbindliches internationales Abkommen
gegen Plastikverschmutzung (www.n-tv.de/ticker/90-Prozent-der-Menschen-in-
Deutschland-befuerworten-globales-Abkommen-gegen-Plastikverschmutzung-ar-
ticle23146053.html?). Es braucht jetzt sichtbaren und wirkungsvollen Einsatz der
Bundesregierung, sonst drohen weitere verlorene Jahre.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. ihre internationale Vorreiterrolle und ihr Engagement für ein ambitioniertes und
rechtlich verbindliches globales Plastikabkommen durch verstärkte
diplomatische Initiativen zurückzuerlangen und gemeinsam mit gleichgesinnten Staaten
bestehende Allianzen zu erhalten und neue zu bilden, die den Verhandlungen
erneuerten politischen Impuls verleihen. Die bisherigen Ansätze reichen dafür nicht
aus;
2. gemeinsam mit einer regional ausgewogenen Gruppe ambitionierter Staaten eine
gemeinsame politische Position sowie verbindliche Mindestanforderungen und
rote Linien für die weiteren Verhandlungen zu entwickeln und diese auf
hochrangiger politischer Ebene geschlossen zu vertreten; dazu gehören Maßnahmen, die
die Menge des Plastikabfalls vermindern genauso wie solche, die eine
Behandlungsinfrastruktur aufbauen;
3. darauf hinzuwirken, dass die Verhandlungen über ein rechtsverbindliches
globales Plastikabkommen zügig zum Abschluss gebracht werden und dabei das
Ambitionsniveau des UNEA-Mandats gewahrt wird;
4. sicherzustellen, dass der Bundesumweltminister Schneider bei den kommenden
Verhandlungsrunden persönlich vor Ort mitverhandelt;
5. sich dabei insbesondere für eine Verlängerung der Nutzung von
Plastikprodukten, globale Verbote und Phase-outs besonders schädlicher Plastikprodukte und
Chemikalien, verbindliche Produktdesign-Vorgaben, eine hochwertige stoffliche
Nutzung von Plastikabfällen und damit auch einer Reduktion der
Primärproduktion von Plastik, vor allem aus fossilen Quellen, stark zu machen;
6. sich aktiv für Finanzierungs- und Entscheidungsmechanismen einzusetzen, die
einen Mehrheitsbeschluss auch dann ermöglichen, wenn einzelne
Produzentenstaaten die spätere Ausgestaltung eines wirksames Abkommens weiter
blockieren, statt sich vorschnell einem Konsensprinzip unterzuordnen und dadurch de
facto ein Vetorecht für die am wenigsten ambitionierten Staaten zu akzeptieren;
7. im Falle eines Scheiterns der UN-Verhandlungen gemeinsam mit einer Koalition
williger Staaten, die bereits jetzt zu wirksamen ersten Umsetzungsschritten bereit
sind, konkrete alternative Schritte für ein ambitioniertes internationales
Abkommen mit entsprechendem Geltungsbereich einzuleiten;
8. verbindliche und verlässliche Finanzierungszusagen für Maßnahmen zur
Bekämpfung der Plastikverschmutzung in struktur- und einkommensschwachen
Ländern zu treffen sowie Maßnahmen und Konzepte zur Plastikreduktion im
Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit zu stärken, um die Glaubwürdigkeit
Deutschlands als Partner des Globalen Südens zu erhalten;
9. die Forderung von relevanten Teilen der deutschen Wirtschaft nach gemeinsamen
globalen Herangehensweisen zur Stärkung der etablierten nationalen und
europäischen Umwelt- und Produktstandards zur Harmonisierung des Weltmarkts und
Sicherung der eigenen Marktposition umzusetzen und damit den Schutz von
Umwelt und Gesundheit weltweit anzuheben, um resultierende Schadenskosten für
uns und unseren natürlichen Lebensgrundlagen zu verringern.
Berlin, den 7. September 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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