Strategien und Instrumente des Auswärtigen Amts zur Identifikation und Bekämpfung von Desinformationen (Nachfrage zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 20/14469)
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Strategien und Instrumente des Auswärtigen Amts zur Identifikation und Bekämpfung von Desinformationen (Nachfrage zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 20/14469)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/419
21. Wahlperiode 06.06.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Markus Frohnmaier, Udo Theodor Hemmelgarn, Jan
Wenzel Schmidt, Nicole Höchst, Gerold Otten, Diana Zimmer, Uwe Schulz
und der Fraktion der AfD
Strategien und Instrumente des Auswärtigen Amts zur Identifikation und
Bekämpfung von Desinformationen
(Nachfrage zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf
Bundestagsdrucksache 20/14469)
Im Rahmen der Bekämpfung von Desinformationen hat das Auswärtige Amt
(AA) die Wahlen im Ausland beobachtet und untersucht. Eine vom
Auswärtigen Amt geförderte Analyse des Beratungsnetzwerks polisphere zur
Desinformation bei den US-Präsidentschaftswahlen wird vom AA geheim gehalten,
weil eine Veröffentlichung „die US-Regierung als unangemessen“ empfinden
dürfte, zudem würde eine Veröffentlichung die „Beziehungen zu Dritten
Staaten“ belasten (vgl. Bundestagsdrucksache 20/14469 sowie www.polisphere.eu/
de/team/#ps-kurzbio, www.progressives-zentrum.org/).
Der Geschäftsführer von polisphere verweist in seiner Stellungnahme zu den
Analyseergebnissen der US-Präsidentschaftswahlen auf die Verbreitung
zahlreicher Desinformationen durch Anhänger der „Make America Great Again“-
Bewegung (MAGA), insbesondere unter Verweis auf deren Verbindungen zu
radikalisierten Gruppierungen. Zudem hebt er hervor, dass Russland als
besonders aktiver Akteur („Protagonist“) in die Wahlprozesse involviert gewesen sei
(vgl. www.youtube.com/watch?v=YiMBxwVOCCA, Min. 8:50 bis 11:00).
Angesichts der bislang nicht veröffentlichten Analyseergebnisse sowie der
mangelnden Transparenz hinsichtlich der verwendeten Methodik stellt sich den
Fragestellern die Frage, inwieweit das Auswärtige Amt seine
Beobachtungstätigkeit im Ausland auf einer klar definierten und öffentlich nachvollziehbaren
Zielsetzung gründet. Kritisch zu hinterfragen ist in den Augen der Fragesteller
dabei, ob diese Maßnahmen primär der legitimen Bekämpfung von
Desinformation dienen oder ob vielmehr die Gefahr besteht, dass sie als politische
Manipulationsstrategie zur Durchsetzung spezifischer geopolitischer Interessen
interpretiert werden könnten.
Laut Prof. Dr. Andreas Jungherr, Professor für Politikwissenschaft mit
Schwerpunkt Digitale Transformation an der Universität Bamberg, ist der Begriff
„Desinformation“ wissenschaftlich umstritten. Die Warnung vor
Desinformationen als große Gefahr für die Demokratie sei übertrieben (vgl. www.pw-porta
l.de/repraesentation-und-parlamentarismus/ueberblick/politikwissenschaftler-ju
ngherr-warnungen-vor-desinformation-als-grosse-gefahr-fuer-die-demokratie-si
nd-uebertrieben#_ftn15).
Trotz wissenschaftlicher Kontroversen über den Einfluss von Desinformation
auf die Öffentlichkeit fördert die Bundesregierung zahlreiche Projekte zur
Stärkung der Resilienz gegen Desinformation, insbesondere in geopolitisch
sensiblen Regionen. Beispiele hierfür sind die Resilienzinitiative in den baltischen
Ländern mit jährlich 1 Mio. Euro (vgl. Bundestagsdrucksache 20/14469) sowie
3 Mio. Euro als Fördermittel im Zeitraum von 2023 bis 2025 für die Republik
Moldau. Weitere Projekte gibt es in Nordmazedonien, im Westlichen Balkan
und im Kosovo (vgl. Bundestagsdrucksache 20/14981, S. 36 f.). Bei einer
derart selektiven Beobachtung und Förderung besteht nach Auffassung der
Fragesteller das Risiko, dass die Bundesregierung bei der Bekämpfung von
Desinformationen in Drittstaaten Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nimmt.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Hat das Auswärtige Amt mit der damaligen US-Regierung die
Zustimmung zur Untersuchung von Desinformationen und
Informationsmanipulationen im Kontext der Präsidentschaftswahlen in den USA durch das
Beratungsnetzwerk polisphere gefunden, wenn ja, in welcher Form, und
durch welche Behörde wurde die Zustimmung erteilt, und wenn nein, aus
welchem Grund?
2. Hat das Auswärtige Amt im Rahmen seiner Aktivitäten gegen
ausländische Informationsmanipulation in den vergangenen Jahren Wahlen im
Ausland beobachtet, analysiert oder bewertet, beispielsweise in Kosovo,
Rumänien oder Polen, und wenn ja,
a) welche Länder waren betroffen,
b) mit welchen Partnerinstitutionen (Forschungseinrichtungen,
Nichtregierungsorganisationen [NGOs], lokale Behörden) wurde dabei
kooperiert,
c) liegen hierzu Analyseberichte oder eine ähnliche Form vor, und sind
diese ggf. öffentlich einsehbar?
3. Wenn Frage 2 bejaht wurde, inwieweit erfolgten diese Beobachtungen in
Übereinstimmung mit den betroffenen Staaten, und wurden bei allen
Untersuchungen bzw. Beobachtungen formale Zustimmungen eingeholt?
4. Liegen der Bundesregierung hinsichtlich der Ursachen, Akteure und
Verbreitungsmechanismen von Desinformation im Kontext des Konflikts
zwischen Indien und Pakistan vor, und wenn ja, welche Erkenntnisse
(www.tagesschau.de/ausland/asien/informationskrieg-indien-pakistan-10
0.html)?
5. Hat sich die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Pressefreiheit
gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes (GG) und der diplomatischen Pflicht zur
Nichteinmischung gemäß Artikel 41 des Wiener Übereinkommens über
diplomatische Beziehungen (WÜD) zu der öffentlichen Äußerung des
ukrainischen Botschafters Oleksii Makeiev eine eigene Auffassung
gebildet, nach der er die Unabhängigkeit der deutschen Medien wie
beispielsweise der „Berliner Zeitung“ von russischem Einfluss bezweifelte, und
wenn ja, welche ist dies (vgl. x.com/Makeiev/status/177512802458269
3283)?
6. Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind derzeit im Referat 607
„Strategische Kommunikation“ des Auswärtigen Amts tätig, sind
strukturelle Veränderungen im Personalbestand, etwa durch eine Aufstockung
oder Reduktion von Stellen, vorgesehen, und wenn ja, welche politischen,
strategischen oder administrativen Gründe liegen diesen Planungen
zugrunde?
7. Welche spezifischen Kampagnen, Analysen oder Forschungsprojekte zur
strategischen Kommunikation (z. B. rumoursaboutgermany.info) wurden
vom Auswärtige Amt konzipiert, betreut oder finanziert (bitte eine
chronologische Übersicht mit Projektbezeichnungen, dem Zeitraum der
Durchführung und den beteiligten Akteuren zusammenstellen)?
8. Plant das Auswärtige Amt derzeit neue Maßnahmen im Bereich der
strategischen Kommunikation, insbesondere im Hinblick auf die Konzeption,
Förderung oder Durchführung von Kampagnen, auf Analysen oder
Forschungsprojekte, wenn ja, welche konkreten Vorhaben befinden sich in
Planung, und in welchem thematischen und zeitlichen Rahmen sollen
diese umgesetzt werden?
9. Welche Drittstaaten oder internationalen Akteure stehen im Fokus der
trilateralen Zusammenarbeit zwischen den Außenministerien Deutschlands,
Frankreichs und Polens zum Umgang mit ausländischer
Informationsmanipulation (sog. Weimar alert and response system), und welche
geografischen Regionen (z. B. Osteuropa, Westbalkan, Afrika) werden prioritär
betrachtet (vgl. Bundestagsdrucksache 20/14469, S. 5)?
10. Mit welchen Nichtregierungsorganisationen haben sich die
Europastaatsminister Deutschlands und Frankreichs im Rahmen einer gemeinsamen
Sitzung zur Bekämpfung von Desinformation getroffen, und welche
Themen und Fragestellungen wurden bei diesem Austausch konkret diskutiert
(vgl. Bundestagsdrucksache 20/14469, S. 5)?
11. Welche zivilgesellschaftlichen oder medialen Akteure, einschließlich
Nichtregierungsorganisationen, Journalisten und Social-Media-Influencer,
werden im Rahmen des Weimar alert and response system durch das
Auswärtige Amt finanziell oder operativ gefördert bzw. in ihrer Tätigkeit
unterstützt (vgl. Frage 10)?
12. War die Bekämpfung ausländischer Desinformation und
Informationsmanipulation im Kontext der Bundestagswahl 2025 ein Thema des
Auswärtigen Amts, und wenn ja,
a) mit welchen Forschungsinstituten, Recherchenetzwerken oder
vergleichbaren Institutionen hat das Auswärtige Amt
zusammengearbeitet, um entsprechende Desinformationskampagnen zu identifizieren,
zu analysieren und zu bewerten,
b) liegt hierzu ein Analysebericht oder eine vergleichbare Auswertung
vor, und wenn ja, ist dieser oder diese öffentlich zugänglich,
c) wurde ein entsprechendes Analyseergebnis an Drittstaaten oder
internationale Partner übermittelt, und wenn ja, an welche Staaten oder
Organisationen?
13. Kam der im Rahmen des Weimarer Dreiecks etablierte
Kommunikationskanal zwischen den Außenministerien Deutschlands, Frankreichs und
Polens bei der Identifizierung oder Bewertung möglicher ausländischer
Desinformation im Zusammenhang mit der Bundestagswahl 2025 zum
Einsatz, wenn ja, inwiefern, und welche konkreten Ergebnisse oder
Erkenntnisse liegen dazu vor?
Berlin, den 4. Juni 2025
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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