Kosten und Tragweite von Härtungsmaßnahmen zur Militarisierung des zivilen Gesundheitswesens (Antwort zu Drs. 21/6612)
Text
Kosten und Tragweite von Härtungsmaßnahmen zur Militarisierung des zivilen Gesundheitswesens (Antwort zu Drs. 21/6612)
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6959
21. Wahlperiode 07.07.2026
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Julia-Christina Stange, Zada Salihović,
Nicole Gohlke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke
– Drucksache 21/6612 –
Kosten und Tragweite von Härtungsmaßnahmen zur Militarisierung des zivilen
Gesundheitswesens
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Das Grünbuch „Zivil-Militärische Zusammenarbeit 4.0 im militärischen
Krisenfall“ (ZMZ 4.0) skizziert für das Jahr 2029 einen massiven
Truppenaufmarsch russischer Streitkräfte in Kaliningrad und Belarus, an der Grenze zu
den baltischen Staaten, die der Nordatlantikvertrags-Organisation (North
Atlantic Treaty Organization – NATO) zugehören. Im Folgejahr könnte sich
dieses Szenario vermeintlich zuspitzen, wodurch Deutschland zur Drehscheibe
eines Krieges zwischen der NATO und Russland werden könnte. Laut dem
Grünbuch hätte dies zur Folge, dass unter den Soldatinnen und Soldaten allein
ca. 1 000 Verletzte pro Tag anfallen könnten, wovon mehr als 30 Prozent
intensivpflichtig wären – binnen 48 Stunden würden so die gesamten Betten der
Militärkrankenhäuser belegt sein (zoes-bund.de/wp-content/uploads/2025/03/
250306_Gruenbuch_ZMZ_digital.pdf).
Um kriegstüchtig zu werden, sollen öffentliche, freigemeinnützige und private
Krankenhäuser ihre sogenannte Resilienz stärken und diverse
Härtungsmaßnahmen planen, um die zu erwartende Versorgung von NATO-Truppen
übernehmen zu können. Ein konkretes Beispiel für solche Härtungsmaßnahmen
bietet der vom Land Nordrhein-Westfalen geförderte Neubau des
Gesundheitscampus Merheim der Kliniken der Stadt Köln: Nach israelischem Vorbild
ist dort eine 40 Mio. Euro teure Tiefgarage geplant, die sich im Ernstfall in ein
voll funktionsfähiges unterirdisches Krankenhaus transformieren lässt (www.k
sta.de/koeln/koeln-krisenzentrum-in-neuer-tiefgarage-kostet-40-millionen-eur
o-1005010).
Im Endbericht ‚,Investitionsbedarfe zur Herstellung der Resilienz deutscher
Krankenhäuser“ des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) und der Institute
for Health Care Business GmbH (hcb; www.dki.de/fileadmin//user_upload/20
25-11-07_DKG_Resilienz_final_formatiert.pdf) legen die Autorinnen und
Autoren dar, dass Krankenhäuser als kritische Infrastruktur besser gegen
äußere Gefahren geschützt werden müssen. Der Fokus liegt dabei auf der
Verteidigungsfähigkeit des Gesundheitssystems im Falle von Sabotage,
Cyberangriffen oder dem Bündnis- sowie Verteidigungsfall, wofür erhebliche
Investitionen in die bauliche und technische Sicherheit sowie in die Notfallvorsorge
gefordert werden.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums der Verteidigung
vom 7. Juli 2026 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Parallel zum zivil-militärischen Austausch im Krankenhaussektor
vereinbarten die Bundeswehr (BW) und die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF)
ein Abkommen über gemeinsame Weiterbildungen sowie eine für Herbst 2026
geplante Großübung (www.juedische-allgemeine.de/israel/bundeswehr-und-id
f-wollen-enger-zusammenarbeiten/).Vor dem Hintergrund der derzeit vor dem
Internationalen Gerichtshof (IGH) verhandelten Völkermord-Klage Südafrikas
gegen Israel bezüglich dessen Krieges in Gaza ergeben sich zudem Fragen zu
dieser deutsch-israelischen Zusammenarbeit (www.tagesspiegel.de/politik/kei
n-beistand-fur-israel-beim-genozid-vorwurf-merz-und-wadephul-riskieren-deu
tschlands-glaubwurdigkeit-15381418.html).
Mit der vorliegenden Kleinen Anfrage wollen sich die Fragestellerinnen und
Fragesteller ein Bild machen über das Ausmaß der sogenannten
Härtungsmaßnahmen im Bereich des Gesundheitswesens sowie über die in diesem
Zusammenhang für Herbst 2026 projektierte Großübung der Bundeswehr mit den
Kräften der IDF.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Bundesregierung nimmt die Vorbemerkung der Fragesteller zur Kenntnis.
Sie stimmt weder den darin enthaltenen Wertungen zu noch bestätigt sie die
darin enthaltenen Feststellungen oder dargestellten Sachverhalte.
1. Welche Arten Härtungsmaßnahmen für zivile Krankenhäuser sieht die
Bundesregierung als notwendig an, um adäquat auf einen Bündnis- oder
Verteidigungsfall vorbereitet zu sein (bitte nach baulich, technisch,
personell ausweisen)?
a) Wie viele Krankenhäuser in Deutschland benötigen, nach Kenntnis
der Bundesregierung, Härtungsmaßnahmen, um adäquat auf einen
Bündnis- oder Verteidigungsfall vorbereitet zu sein (bitte nach
Sektoren differenzieren und Standorte der beteiligten
Gesundheitseinrichtungen nach Bundesland sortiert ausweisen)?
b) Welche Krankenhäuser sollten bei diesen Härtungsmaßnahmen
priorisiert werden (bitte Grund für die Priorisierung benennen)?
2. Wie hoch schätzt die Bundesregierung die Kosten für
Härtungsmaßnahmen für zivile Krankenhäuser ein, um adäquat auf den Bündnis- oder
Verteidigungsfall vorbereitet zu sein, und plant die Bundesregierung
Härtungsmaßnahmen, wie die Errichtung einer Tiefgarage in Merheim,
mitzufinanzieren?
Die Fragen 1 bis 2 werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung prüft im Rahmen des Entwurfs eines
Gesundheitssicherstellungsgesetzes (GeSiG), Anforderungen an Gesundheitseinrichtungen für die
Vorbereitung auf verteidigungsbezogene Krisenlagen zu stellen. Die
notwendigen Parameter für die spätere Abschätzung des Finanzierungsbedarfs werden
dabei mitberücksichtigt.
3. Aus welchen Finanzmitteln sollen die Kosten für die
Härtungsmaßnahmen für zivile Krankenhäuser finanziert werden (bitte die Finanzmittel
aufschlüsseln)?
Die Finanzierung von Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz des
Gesundheitswesens ist Gegenstand laufender Prüfungen der Bundesregierung.
4. Wie bewertet die Bundesregierung die Tatsache, dass bewaffnetes
Personal in Krankenhäusern diese zu einem legitimen militärischen
Angriffsziel machen könnte?
Die Bewaffnung von Personal in Krankenhäusern ist nicht vorgesehen.
5. Bestehen, nach Kenntnis der Bundesregierung, analog zur SARS-
CoV‑2‑Pandemie, Konkretisierungen zu einer Aufteilung der deutschen
Krankenhauslandschaft in ein Kleeblattsystem, um adäquat auf den
Bündnis- oder Verteidigungsfall vorbereitet zu sein, wenn ja
a) in welche Kleeblätter wird die deutsche Krankenhauslandschaft
unterteilt (bitte nach Bundesländern aufschlüsseln),
b) welche Krankenhäuser könnten als ,,Single Point of Contact“ (SPoC)
dienen (bitte nach Bundesland aufschlüsseln), und
c) anhand welcher Faktoren wird entschieden, welche Krankenhäuser
sich als SPoC eignen?
Die Bundesregierung beabsichtigt, im Entwurf für ein GeSiG einen bindenden
Mechanismus zur Verlegung von Patientinnen und Patienten in einer
verteidigungsbezogenen Krisenlage zu regeln.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 2 verwiesen.
6. Welche Erkenntnisse aus dem Umgang mit Intensivlagen, wie
beispielsweise der SARS-CoV‑2‑Pandemie, Umweltkatastrophen wie der
Überflutung im Ahrtal 2021 oder diversen Massenanfällen von Verletzten
(MANV), plant die Bundesregierung, bei der Umsetzung von
Härtungsmaßnahmen und bzw. oder der Erhöhung der Resilienz von zivilen
Gesundheitseinrichtungen einzubeziehen?
Die Resilienzmaßnahmen von Gesundheitseinrichtungen setzen die Länder um.
7. Erfolgen, nach Kenntnis der Bundesregierung, Pläne zu einer
Priorisierung der Behandlung von Patientinnen und Patienten im Spannungs-,
Bündnis- oder Verteidigungsfall?
a) Anhand welcher Kriterien erfolgt die Priorisierung?
b) Welche Behandlungsabläufe werden in zivilen Krankenhäusern
zuerst aufgrund einer Priorisierung nicht mehr sichergestellt werden
können?
Die Fragen 7 bis 7b werden gemeinsam beantwortet.
Die Behandlung von Patientinnen und Patienten im Spannungs-, Bündnis- oder
Verteidigungsfall soll insbesondere nach dem jeweiligen medizinischen Bedarf
erfolgen. Eine generelle Priorisierung von Patientengruppen ist nicht
vorgesehen. Bei der Erarbeitung des GeSiG wird geprüft, ob und gegebenenfalls
nach welchen Kriterien Behandlungen in spezifischen Überlastungssituationen
angepasst werden können.
8. Haben die Planungen der für Herbst 2026 projektierten Großübung der
Bundeswehr mit der IDF schon begonnen, welche Akteure sind daran
beteiligt, wie viele Treffen auf welcher Ebene haben bereits hierzu
stattgefunden, und wie viele sollen noch stattfinden (bitte die Anzahl der
Treffen und die beteiligten Interessengruppen, Bundesministerien, Verbände
und Bundesländer einzeln ausweisen)?
9. Welche Inhalte und Schwerpunkte sind nach jetzigem Stand für die
Übung zwischen BW und IDF geplant?
10. Wird diese Großübung, nach Kenntnis der Bundesregierung, zivile
Gesundheitseinrichtung aus Deutschland bzw. ziviles Personal aus
Deutschland einbeziehen (wie viele, und welche; bitte nach Sektoren
differenzieren, und Standorte der beteiligten Gesundheitseinrichtungen ausweisen)?
a) Nach welchen Gesichtspunkten werden die beteiligten
Gesundheitseinrichtungen ausgewählt?
b) Besteht hier im Vorfeld ein offener Bewerbungsprozess oder werden
die Einrichtungen zentral ausgewählt?
11. Werden die zivilen Partner im Gesundheitswesen im Vorfeld in die
Großübung eingebunden, und wenn ja, wie?
a) Welche Anforderungen an die Leistungserbringung der zivilen
Partner sind seitens des Übungsdesigns formuliert, und mit welchen
Kontingenten an Personal und Material sind die zivilen
Gesundheitseinrichtungen beteiligt?
b) Mit welchen personellen Ressourcen in den teilnehmenden
Gesundheitseinrichtungen vor Ort wird geplant (bitte für jeden beteiligten
Standort einzeln ausweisen)?
12. Werden die Beschäftigten in den betroffenen Einrichtungen vorab über
die Teilnahme informiert, werden betriebliche
Interessenvertretungsorgane der Beschäftigten hierzu informiert oder angehört, ist die Teilnahme
an dieser Großübung für Beschäftigte auf freiwilliger Basis vorgesehen,
und besteht die Möglichkeit der Teilnahmeverweigerung für die
betroffenen Personen (wie genau ist das betreffende Vorgehen hierzu geregelt)?
13. Wird die öffentliche Hand für diese Großübung Finanzmittel
bereitstellen, wenn ja, in welcher konkreten Höhe, und stammen diese Mittel aus
dem Sondervermögen für Infrastruktur oder aus der Bereichsausnahme
von der Schuldenbremse für Verteidigungs- und sicherheitspolitische
Ausgaben?
14. Mit welchen Einschränkungen für die Zivilbevölkerung ist während
dieser Großübung in Deutschland zu rechnen (bitte nach Standorten
differenzieren), und wie stellt die Bundesregierung sicher, dass die Übung in
zivilen Gesundheitseinrichtungen nicht zu einer Gefährdung der
Zivilbevölkerung führt?
15. Sollen auch zivile Akteurinnen und Akteure aus Israel oder aus anderen
Staaten an dieser Großübung teilnehmen (wenn ja, welches Land, und
welche Einrichtungen mit welchen personellen, technischen und
materiellen Kapazitäten)?
16. Inwieweit sieht die Bundesregierung ein Problem rechtlicher, ethischer,
diplomatischer und bzw. oder kommunikativer Natur darin, dass
militärische und zivil-militärische Erfahrungen der IDF auf Einsätzen basieren
könnten, die Gegenstand des IGH-Verfahrens wegen eines möglichen
Verstoßes gegen das „Übereinkommen über die Verhütung und
Bestrafung des Völkermordes“ sind („Anwendung der Konvention über die
Verhütung und Bestrafung des Völkermordes im Gazastreifen (Südafrika
gegen Israel)“)?
17. Inwieweit sieht die Bundesregierung eine kritische Dimension darin,
dass militärische und zivil-militärische Erfahrungen der IDF auf
Einsätzen basieren, die möglicherweise auf Kriegsverbrechen gemäß
Völkerstrafgesetzbuch beruhen könnten?
Die Fragen 8 bis 17 werden gemeinsam beantwortet.
Die für Herbst 2026 geplante Großübung der Bundeswehr mit der IDF wurde
im März 2026 formal abgesagt.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- answered_by → Bundesministerium der Verteidigung
- authored ← Bundesregierung
- part_of_vorgang → Kosten und Tragweite von Härtungsmaßnahmen zur Militarisierung des zivilen Gesundheitswesens (Antwort)